Herr Prostmeier, was macht das Lukas-Evangelium – abgesehen von der Tatsache, dass nur dort die Geburt Jesu erzählt wird – für uns interessant?

Im Unterschied zur matthäischen Kindheitsgeschichte, die die Erfüllung der Verheißung der Geburt eines Sohnes konstatiert, erzählt Lukas die Umstände der Geburt. Wieder im Unterschied zum Matthäus-Evangelium handelt sich beim Lukas-Evangelium um den ersten Teil eines Doppelwerks, denn die Apostelgeschichte stammt wohl von demselben Autor. Es spricht einiges dafür, dass diese Anschlussgeschichte über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von Anfang an so konzipiert war. Denn bei Christi Himmelfahrt, wo das Lukas-Evangelium endet, setzt die Apostelgeschichte ein. Lukas kündigt in seinem Vorwort gegenüber dem Empfänger Theophilus an, dass er alles, was geschehen ist und dem er nachgegangen ist, in einer guten Ordnung darstellen will.

Gibt es inhaltliche Zusammenhänge?

Ja, durchaus. Jerusalem, die „zwölf Apostel“ und das Wirken des Geistes Gottes sind die drei Garanten und Orientierungsmarken für die Einheit, Stabilität und Kontinuität der Kirche. Ausgehend von dem Geistbesitz Jesu erscheint die Begnadung mit dem Geist Gottes als die grundlegende Qualifikation aller Zeugen in der Zeit nach der Himmelfahrt Jesu.

Warum soll Jesus in einem Stall bei Bethlehem geboren worden sein? Ferdinand R. Prostmeier, Theologe und Professor an der Universität ...
Warum soll Jesus in einem Stall bei Bethlehem geboren worden sein? Ferdinand R. Prostmeier, Theologe und Professor an der Universität Freiburg, weiß die Antwort. | Bild: Prostmeier

Der Geist Gottes, der in der Taufe vermittelt wird, führt Jesu Werk in der Kirche fort und schafft darin die Stetigkeit des Heilshandelns Gottes in der Zeit der Kirche. Kraft der Gegenwart des Gottesgeistes in der Kirche ist die Verkündigung des Reichs Gottes die entscheidende Aufgabe der Kirche. Die Apostelgeschichte ist eine Geschichte über die Anfänge dieser Aufgabe aus der Perspektive der lukanischen Gemeinde.

Wie können wir uns den historischen Lukas vorstellen? Einer Theorie nach war er ein Begleiter des Apostels Paulus …

Es gibt nur wenige Stellen im Neuen Testament, wo der Name Lukas vorkommt. So wird von Paulus in seinem zwischen 53 oder 55 in Ephesus geschriebenen Brief an Philemon, in dem es um den entlaufenen Sklaven Onesimus geht, ein gewisser Lukas erwähnt. Wir wissen aber nicht mehr, als dass es sich um einen griechischen Namen handelt. Näheres über die Person wissen wir nicht.

Bärtig sollte er sein: Darstellung des Evangelisten Lukas mit seinem Symbol, dem Ochsen, und einem Heiligenschein.
Bärtig sollte er sein: Darstellung des Evangelisten Lukas mit seinem Symbol, dem Ochsen, und einem Heiligenschein. | Bild: Meyers Konversations-Lexikon, Ausgabe von 1859

Gibt es einen Fingerzeig, in welchem Verhältnis Paulus zu diesem Lukas stand?

Wir wissen über die Beziehung zwischen den beiden nichts. Über Paulus‘ Verhältnis zu Onesimus wissen wir deutlich mehr. Paulus beschreibt ganz subtil die Beziehung zwischen Philemon, Onesimus und ihm selbst. Auf Lukas geht er aber gar nicht ein.

Es ist also nicht sicher, dass jener Lukas dem Paulus nahestand?

Genau. Denn der Text, den wir als Lukas-Evangelium in unserem Kanon haben, stammt von einem anonymen Verfasser. Die erstmalige Erwähnung des Namens Lukas in Verbindung mit dem uns als Lukas-Evangelium bekannten Text stammt vom Ende des zweiten Jahrhunderts (Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien III 1,1; 14,1). Die Namensangabe „Nach Lukas“ als Überschrift des Evangeliums findet sich erst in den großen griechischen Bibelhandschriften ab Mitte des vierten Jahrhunderts.

Warum wurde vor einen anonymen Text ein Verfasser gestellt?

Zunächst: Für die christliche Gemeinde, aus der dieser Text stammt, war es klar, wer ihn geschrieben hatte. Da war die Nennung eines Autors gar nicht erforderlich. Aber wenn der Text weiter verbreitet wird und in eine andere Stadt gelangt, wo bereits ein anderer Evangelien-Text oder die Sammlung der Sprüche Jesu kursiert, ist eine Unterscheidung wichtig. In dem Fall suchte man sich einen Namen, der möglichst weit in die Geschichte der Überlieferung zurückreicht. Dann stößt man auf Markus, Lukas, Matthäus und Johannes als Namen von Jüngern Jesu. Es ging darum, Texte voneinander unterscheidbar zu machen. Der Lukas genannte Verfasser schreibt ja im Vorwort von einer bereits existierenden Überlieferung anderer Autoren. Sinn dessen ist, der Gemeinde in Form einer guten Ordnung – wie er schreibt: „der Reihe nach“ – einen sicheren und authentischen Grund im Glauben zu vermitteln.

Da erscheint uns Lukas einerseits als Historiker, der sich an seine Quellen halten will, andererseits baut er die Geburtsgeschichte ein, die einer historischen Überprüfung kaum standhält …

Der Autor gibt sich zunächst als Historiker aus, aber eigentlich ist er Theologe. Er betreibt Theologie in der Form einer Erzählung im historischen Gewand. Der Zweck ist die Botschaft: Damit du, lieber Leser, weißt, worauf dein Glaube gründet. Daher werden Geschichten gezielt konstruiert und eingesetzt. Dazu gehört die Hirten-Erzählung und die Bethlehem-Erzählung.

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Wurde Jesus in Bethlehem geboren?

Das ist sehr unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist Nazaret, aber auch das ist nicht sicher. Denn der Ort Nazareth ist nach den Erkenntnissen der Archäologie erst im dritten Jahrhundert besiedelt worden. Früher datiert werden eine Art Lagerstätte und ein Brunnen, aber Siedlung kann man das nicht nennen. Es gab auch noch keinen Anschluss an das überregionale Wegenetz. Zur Geburt Jesu war dort also kein Ort, wie es der Bericht „aus Nazaret“ suggeriert.

Und Bethlehem?

Das ist eine theologische Deutung. Nach jüdischem Verständnis war Bethlehem die Stadt Davids, woher der Messias kommen musste. Diese Verbindung wird von Lukas gezielt eingesetzt, um allein schon durch diese Ortsangabe die theologische Bedeutung dieser Gestalt Jesus hervorzuheben. Auch Nazaret wird nur in den Evangelien genannt. Paulus, der die ältesten christlichen Schriften verfasst hat, schreibt weder von Bethlehem noch von Nazaret. Dass Jesus aus Galiläa stammt, steht aber außer Frage.

Was dachte sich der Autor beim Bild einer Geburt in einem Stall?

Das geht auf die Frage zurück, wie man sich damals – unabhängig von der Religion – eine messianische Rettergestalt erhofft hat. Das konnte vor dem Hintergrund der orientalischen Kultur nur die Geburt in einem Palast sein. Das passt zur Krippe überhaupt nicht und nicht zur Botschaft, dass diese mittellose Familie keine Herberge finden konnte. Das ist ein völliger Widerspruch zu dem Bild, das man von einem Messias hatte. Dahinter steckt die Botschaft: Mit hergebrachten und erwartbaren menschlichen Maßstäben lässt sich der Retter Jesus nicht einordnen. Die Botschaft ist, dass der Maßstab Gottes ein anderer ist als der, mit dem wir als Menschen umgehen. Das führt Lukas in den Gleichnissen und Beispielerzählungen weiter aus.

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Wie kommt der Autor auf die Hirten?

Hirten gehören in die Alltagswelt der Zeit damals. Auch für Lukas sind sie Sinnbild für Schutz und Fürsorge. Beides gilt von Anfang an von Jesus im Blick auf seine Herde, nämlich die menschliche Gemeinschaft. Die ganze Szenerie mit der Krippe und den Hirten widerspricht in ihrer schlichten Erhabenheit allen gängigen Vorstellungen über die unübertrefflich prachtvolle Herkunft des Retters für alle Menschen.

Die verwendeten Bilder müssen vom Publikum verstanden werden. An wen genau richtete sich der Lukas-Text?

Die ersten Adressaten waren hellenistisch geprägte Judenchristen. Die Gemeinde war also griechisch-sprachig und erkannte die Feinheiten, die Lukas in den Text einbaute. Andere Gemeindemitglieder werden aus dem Kreis der Gottesfürchtigen gekommen sein. Das waren fromme Griechen und Römer, die den Glauben der biblisch-jüdischen Tradition an den einen und einzigen Gott angenommen hatten, aber nicht in aller Form zum Judentum konvertiert waren. Gottesfürchtige haben es vermieden, Juden zu werden. Diesen war im römischen Reich nicht nur mancher Karriereweg verbaut, sondern man musste auch mit Diskriminierungen rechnen. Diese Leute standen vor der Frage: Wie kann ich das Heil erlangen, das Juden offensteht, ohne Jude zu werden? Für sie war die Jesusbotschaft vom Heil Gottes für alle Menschen eine Hoffnung, die auch im Alltag der Welt trägt.