Herr Krausse, was macht die Heuneburg bei Herbertingen so besonders?

Da kommen zwei Dinge zusammen. Einerseits hatte die Heuneburg historisch eine herausragende Bedeutung als Handels- und Machtzentrum von größeren keltischen Stammesverbänden. Man spricht nicht umsonst von einem Fürstensitz. Das ging schon in Richtung einer frühen Form von Königtum, mit einer organisierten Gesellschaft und teils städtischen Bewohnern. Andererseits kommt eine große archäologische Bedeutung hinzu, da hier schon seit 70 Jahren geforscht wird und sie gut erhalten ist. In dieser Kombination ist das einmalig.

Wie ist ihre historische Bedeutung zur Zeit der Kelten einzuschätzen?

Die Heuneburg war wahrscheinlich der Hauptort und das Machtzentrum eines großen keltischen Stammesverbunds, vielleicht sogar einer Art frühem Königtum, im Bereich der oberen Donau im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. Hier verkehrten Händler und Handwerker aus Italien und Griechenland, was den Stellenwert der Stadt unterstreicht. Allein die Ausdehnung, die eine drei Hektar große Kernburg, eine Vorburg und eine etwa 100 Hektar große Außensiedlung mit mehreren tausend Einwohnern umfasst, macht sie sehr bedeutend und in der damaligen Zeit zur größten Stadt nördlich der Alpen. Bemerkenswert ist auch, dass sie zu den frühesten großen Siedlungen der Kelten zählt.

Bild: Marion Friemelt

Handelt es sich bei der Heuneburg wirklich um die sagenhafte Stadt Pyrene?

Beweise gibt es dafür natürlich nicht. Aber viele Indizien sprechen dafür, dass es sich um die von Herodot erwähnte Stadt handelt. Er schrieb im fünften Jahrhundert, dass die Donau aus dem Land der Kelten komme und bei der Polis, also dem Stadtstaat, Pyrene entspringe. Da es im Gebiet der oberen Donau nur die Heuneburg als entsprechend große und bedeutende Siedlung in dieser Zeit gab, war sie wahrscheinlich gemeint. Neuere Grabungen und Entdeckungen in den letzten Jahrzehnten stützen diese Sicht, da sie die wahre Bedeutung der Heuneburg als große Siedlung mit Heiligtümern erst offen legten. Da Polis zudem auf griechisch Stadtstaat heißt, macht das die Gegenthese, Herodot habe eigentlich die Pyrenäen als Ursprungsort gemeint, eher unwahrscheinlich.

Gab es vergleichbare keltische Zentren?

Ja, es gab noch eine große Siedlung in Burgund am Oberlauf der Seine, die ähnlich bedeutend war. Aber auch in Baden-Württemberg gab es weitere vergleichbare Siedlungen, beispielsweise sogenannte Fürstensitze auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg oder auf dem Breisacher Münsterberg. Durch den späteren Burgenbau im Mittelalter sind beide aber nicht mehr so gut erhalten, weswegen man über deren tatsächliche Bedeutung nur mutmaßen kann. Allerdings wurden im Umfeld Gräber wie zum Beispiel das berühmte Fürstengrab von Hochdorf bei Eberdingen entdeckt, die darauf hindeuten, dass dort Siedlungen waren, die zeitweise vielleicht ähnlich bedeutend war.

Warum wurde die Stadt verlassen?

Die genauen Gründe sind unklar. Ich gehe davon aus, dass es zu einer nord-östlichen Verschiebung der Handelswege kam, weswegen die Heuneburg als Handelszentrum abgelöst wurde. Durch ihre besondere Lage sehr weit oben am Flusslauf, war sie sozusagen der westlichste für Schiffe befahrbare Punkt der Donau. Außerdem konnte man von dort relativ schnell nach Süden über die Alpen oder nach Norden über die Alb zum Neckar und damit ins Flusssystem des Rheins gelangen. Die Heuneburg war also lange eine Art Verkehrsknotenpunkt zwischen Nord-Süd und der Ost-West Verbindungen.

Was genau passierte dann?

Vieles deutet darauf hin, dass ab dem 5. Jh. v. Chr. Handelswaren entlang der Donau nicht mehr hoch bis zur Heuneburg gelangten, sondern ihren Weg nach Norden schon ab Donauwörth antraten. Von dort führte eine Verbindung zum frühkeltischen Fürstensitz Ipf bei Bopfingen und weiter Richtung Remstal zum Hohenasperg bei Ludwigsburg. Dadurch wurde die Heuneburg als Handelsplatz umgangen und daher verlassen. Die Verbindung Rhein-Donau verlagerte sich immer weiter nach Nordosten. Deshalb bildeten sich neue Machtzentren der Kelten weiter nördlich und östlich heraus und die Heuneburg erlangte nie mehr ihre Bedeutung zurück– auch nicht im Mittelalter.

Wie sehen aktuellen Forschungen um die Heuneburg herum aus?

Wir haben die Grabungen in den letzten Jahre vor allem auf das Umfeld der Burg ausgedehnt, wodurch uns die wahre Größe und Bedeutung der Siedlung erst so richtig bewusst wurde. In Sichtweite der Heuneburg befinden sich weitere vielversprechende Anlagen der Kelten. Zum Beispiel wurde durch Grabungen an der Alten Burg bei Langenenslingen Indizien dafür entdeckt, dass es sich um eine zur Heuneburg gehörende Anlage für Sport oder Kulthandlungen gehandelt haben könnte. Momentan führen wir Grabungen auf dem in Sichtweite zur Heuneburg liegenden Bussen durch, wo sich vermutlich eine Vorgängeranlage der Heuneburg befand.

Auch heute noch sind  Originalfunden aus dem Grab einer Prinzessin erhalten. Darunter findet sich auch Goldschmuck. Bild: dpa
Auch heute noch sind Originalfunden aus dem Grab einer Prinzessin erhalten. Darunter findet sich auch Goldschmuck. Bild: dpa | Bild: Yvonne Mühleis

Welche weiteren Erkenntnisse konnten aus den Grabungen gewonnen werden?

Viele Dinge, die man um die Heuneburg herum gefunden hat, wie beispielsweise Wälle und Gräben, wurden lange für mittelalterlich gehalten. Eine neuere Erkenntnis ist, dass sie in Wahrheit von den Kelten stammen. Die Entdeckungen im Umland zeigen uns, dass die Heuneburg nur Teil einer viel größeren Struktur war, in dem sich das Siedlungszentrum immer wieder verlagerte, und dass wir erst am Anfang stehen mit unseren Ausgrabungen. Zudem lässt diese Größe von etwa 5000 Bewohnern auf ein entwickeltes Gemeinwesen und eine gute Organisation der Gesellschaft schließen. Man muss sie sich als eine Gesellschaft mit vielen spezialisierten Handwerkern und technischen Innovationen, wie der schnell rotierenden Töpferscheibe oder der ersten Hühnerhaltung nördlich der Alpen, vorstellen.

Lassen sich daraus Rückschlüsse auf das Leben der Kelten ziehen?

Ja. Die Funde zeigen, dass die Kultur, das Leben und die Gesellschaft der Kelten deutlich fortschrittlicher waren als oft angenommen – vor allem auf der Heuneburg, was für eine Art Stadt-Land-Gefälle spricht. Die Grabungen lassen auch darauf schließen, dass die Architektur sehr hoch entwickelt war. Auf der Heuneburg wurden Steine und luftgetrocknete Lehmziegel verwendet, was zu dieser Zeit sehr untypisch war für die Region nördlich der Alpen, da man dort zuvor nur mit Holz und Erde gebaut hat. Diese Technik beherrschten ansonsten nur die Phönizier und die Griechen. Zudem haben wir ein Frauengrab gefunden, das so genannte Fürstinnengrab vom Bettelbühl unterhalb der Heuneburg, dessen Schmuckbeigaben aus Gold und Bernstein künstlerisch sehr anspruchsvoll sind, was auf eine sehr gut entwickelte Schmiedekunst schließen lässt. Die Funde machen zusammen genommen deutlich, dass es eine weit entwickelte Gesellschaft mit guter Organisation und hohem kulturellem und zivilisatorischem Niveau gab. Das zeigt, dass das durch die römischen Schriftquellen geprägte negative Keltenbild sehr verzerrt und zumindest für die frühkeltische Zeit nicht zutreffend ist.

Bild: Dirk Krausse

Zur Person

Dirk Krausse ist promovierter und habilitierter deutscher Prähistoriker und Landesarchäologe Baden-Württembergs. Er studierte von 1983 bis 1993 Ur- und Frühgeschichte, Ethnologie, Volkskunde und Anthropologie in Göttingen und Kiel. Im Jahr 2003 wurde er Referatsleiter im Landesamt für Denkmalpflege und ist seit 2011 zusätzlich als Dozent an der Universität Tübingen.

Kettenmuseum und Herneburg starten nach Corona

Auch das Keltenmuseum und die Heuneburg mussten wegen Corona wochenlang schließen. Jetzt hat beides wieder geöffnet, vorerst aber noch ohne Führungen und Veranstaltungen. Das geplante Programm soll laut Michael Hörrmann, Geschäftsführer beim neuen Träger Staatliche Schlösser und Gärten, nach und nach wieder angeboten werden. „Geplant sind ein intensiverer Keltentag, neue Führungsangebote, die Reaktivierung des keltischen Gartens und Kindergrabungen“, so Hörmann.

Auch langfristig gibt es Ideen, das Gelände um die Heuneburg für neue Attraktionen zu nutzen. „Es sind weitere Gebäude für das Freilichtmuseum geplant. Wir haben den Auftrag, die Heuneburg zum Keltenerlebniszentrum zu entwickeln“, verrät der Geschäftsführer. Dafür sollen unter anderem ein großes Besucherzentrum, ein Museum mit Dauer- und Wechselausstellungen sowie Ausleihstationen für E-Bikes entstehen. Allerdings stehe das Ganze noch unter Finanzierungsvorbehalt.

„In diesem Zusammenhang werden auch 60 der 100 Hektar großen Fläche um die Heuneburg aus dem landwirtschaftlichen Betrieb herausgenommen und als naturnahe Erlebnislandschaft weiterentwickelt werden“, so Hörrmann weiter. Geplant seien keltische Bauernhöfe sowie Wander- und Radwege, um die gesamte keltische Landschaft, in die die Heuneburg eingebettet ist, erlebbar zu machen. „Wir wollen Natur- und Kulturtourismus enger zusammenbringen, da das eine große Entwicklungschance für die Region sein könnte“, plant er.

Durch die touristischen Attraktionen sollen die archäologischen Grabungen an der Keltenstadt aber nicht gestört werden. Im Gegenteil: Der neue Träger sieht durch eine enge Zusammenarbeit sogar Synergieeffekte. Die neuen Gebäude bieten dauerhafte Unterkünfte für Archäologen an. Im Gegenzug halten die besondere Vorträge über ihre aktuellen Ausgrabungen und stellen die Fundstücke im Museum aus.

Bis das Ganze Realität wird, ist aber noch Geduld gefordert. „Das Keltenerlebniszentrum wird erst in fünf oder sechs Jahren realisiert werden können. Bis dahin wollen wir aber auch das jetzige Angebot weiterentwickeln“, sagt Hörrmann.

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