Frau Kalbheim, wer ist dieser innere Schweinehund eigentlich?

Wir habe ihn alle in uns! Er ist ein Persönlichkeitsanteil jedes Menschen. Wenn wir uns vor einer unliebsamen Aufgabe drücken, etwas vor uns herschieben, steckt wahrscheinlich der Schweinehund dahinter. Er mag es gerne trocken und gemütlich, liebt Sicherheit und prompte Bedürfnisbefriedigung und steht unseren Zielen und To-Do-Listen deshalb oft im Weg. Sein oberstes Ziel: Genuss!

Eva Kalbheim.
Eva Kalbheim. | Bild: Eva Kalbheim

Genuss ist ja eigentlich etwas Gutes. Wann wird der innere Schweinehund gefährlich?

Sobald wir die negativen Folgen der Aufschieberitis in unserem Leben spüren, etwa an schlechten Noten, versäumten Deadlines oder Krankheit durch Übergewicht, Sportmangel oder Fehlernährung. Ebenso quälend kann ein schlechtes Gewissen sein, weil wir unsere selbst auferlegten Ziele nicht erreicht haben.

Für Ihr aktuelles Buch haben Sie unzählige Forschungsergebnisse und Statistiken gewälzt. Was waren die überraschendsten Erkenntnisse?

Erstaunlich war für mich, dass ständiges Aufschieben richtig krank machen kann! Dieses krankhafte Aufschieben nennt man Prokrastination. Dadurch, dass auferlegte Ziele ständig scheitern, sinkt unser Selbstwertgefühl, gleichzeitig steigt der Druck von außen und der, den wir uns selbst machen. Betroffene landen in einer Hilflosigkeitsspirale, die in Depression enden kann. Deshalb bieten zum Beispiel auch immer mehr Hochschulen Prokrastinations-Beratung für Studenten mit Prüfungsangst an.

Aber nicht jeder der gerne Dinge aufschiebt, wird krank?

Genau. Die Forschung zeigt tatsächlich auch, dass jeder den inneren Schweinehund in sich trägt – auch Spitzensportler und Business-Überflieger! Ich finde: das macht Mut! Niemand ist perfekt!

In welchen Situationen haben Menschen am häufigsten mit ihrem Schweinehund zu kämpfen?

Vor allem bei den klassischen Lifestyle-Vorsätzen wie Abnehmen, mehr Sport treiben, weniger Fleisch essen, mehr für die Umwelt tun. Das sind alles Dinge, die ganz nett wären aber eben nicht sein müssen, deshalb priorisieren wir sie oft nicht hoch genug. Die schlechten Angewohnheiten bleiben.

Warum ist es so schwierig, schlechte Angewohnheiten über Bord zu werfen?

Schuld sind oft Glaubenssätze, die tief in uns stecken. Sprichwörter wie „Der Schweinehund ist einfach stärker“ oder „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ prägen nicht nur unseren Sprachgebrauch, sondern auch unsere Einstellung – oft seit frühester Kindheit. Wir glauben daran, das blockiert uns und dient uns zugleich als bequeme Ausrede. Wichtig ist, dass wir uns diese Glaubenssätze bewusst machen und sie dann hinterfragen und angehen.

Ist der Schweinehund denn trotzdem à la „Sitz, platz und ab ins Körbchen„ zu bändigen?

Ja! Schicken Sie Ihren inneren Schweinehund ins Körbchen und zeigen Sie ihm, wer das Sagen hat. Ehrgeiz, Selbstdisziplin und viel Arbeit gehören dazu, um eingespielte Routinen aufzubrechen. Das passiert nicht von Heute auf Morgen, wir müssen gewünschte Verhaltensweisen immer wiederholen, damit sie irgendwann zur neuen Routine werden und schlechte Angewohnheiten verdrängen.

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Worauf kommt es also an, damit wir Ziele, Träume, Deadlines schaffen?

Formulieren Sie Ihre Ziele so konkret wie möglich, am besten messbar und mit festem, realistischem Termin. Auch schriftlich festzuhalten, was Sie tun, denken und aktiv verändern können, hilft auf dem Weg zum Ziel! Mutmach-Sprüche oder Ziel-Bilder, die sie jeden Tag sehen, können außerdem beflügeln! Und: Erledigen Sie überschaubare Aufgaben sofort.

Im Englischen gibt es das Sprichwort „Eat the frog first“ (deutsch: Essen Sie den Frosch zuerst), was soviel heißt wie: Beginnen Sie jeden Tag mit der schrecklichsten Aufgabe. Ist das sinnvoll?

Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Manchen hilft ein angenehmes Ritual, wie etwa vor jeder kleinen Herausforderung noch in Ruhe eine Tasse Lieblingstee zu trinken. Andere motiviert es, den Frosch zuerst zu essen: Geschafftes, Erreichtes, Erzieltes kann auf jeden Fall motivieren und stärkt unser Selbstwertgefühl!

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Geschafftes macht aber auch Lust auf eine Belohnung, oder wäre das wieder der innere Schweinehund, der in uns jault?

Belohnungen sind das A und O! Zu strenge Verbote erzeugen nur Druck, nehmen uns die Freude und lähmen uns. Wir sollten den inneren Schweinehund nicht bekriegen, sondern akzeptieren, dass er Teil von uns ist. Wer regelmäßig Genuss und Auszeiten einplant, befriedigt sein Bedürfnis nach Bequemlichkeit und Erholung und bricht weniger schnell ein, wenn es anstrengend wird. Im Idealfall erreichen wir Balance zwischen Zielstrebigkeit und Nachgiebigkeit, Selbstdisziplin und Erholung!

Klingt nach einer ganz schönen Herausforderung!

Verlockungen und Hindernisse gehören dazu. Wichtig ist, dass wir uns dessen von Anfang an bewusst sind. Überlegen Sie schon bei der konkreten Zielformulierung, welche Hindernisse Ihnen begegnen könnten und welche schlechten Angewohnheiten sie durchbrechen wollen – wer die Gefahren kennt, kann schneller einen Plan B entwickeln und gibt nicht so schnell auf, das erhöht unsere Frustrationstoleranz!

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