In den Nuller Jahren war es unter Jugendlichen Mode, sich zu LAN-Partys zu verabreden. Man verschaltete seine Rechner und zockte in schummrigen Buden bis in die Morgenstunden: Counterstrike, Battlefield, Fifa, solche Sachen. Schnell wurde das lokale Netzwerk zu klein, und man traf sich mit anderen Gamern im World Wide Web. Im Zeitalter von Social Media spielt man aber nicht mehr allein, sondern vor Publikum.

Auf der Streaming-Plattform Twitch kann man Nutzern beim Gamen zusehen: Auf Live-Kanälen kommentieren User, wie sie in „Minecraft“ ihr Sommerhaus zimmern oder in „Grand Theft Auto V“ mit einem Partybus durch die Stadt düsen. Man kann sich Twitch wie ein Kaleidoskop eines TV-Netzwerks vorstellen: Es gibt drei Millionen Kanäle und 15 Millionen aktive Nutzer. Von solchen Quoten können manche Radio- und TV-Sender nur träumen.

„Youtube der Videospiele“

Spiele, Musik, E-Sport – die Bandbreite ist riesig. Während der Streamer in einem kleinen Fenster am Bildrand auftauchen, können User das Spielgeschehen in einem Chatfenster kommentieren. Twitch gilt als das „Youtube der Videospiele“. 2014 wurde die Plattform für knapp eine Milliarde Dollar vom Online-Riesen Amazon übernommen.

Wer sich etwas in der Geschichte des Internets auskennt, stellt fest, dass die Plattform verschiedene Elemente zusammenführt: Messaging, Gaming, Streaming, Social Networking. Das macht den Erfolg aus. Einige Streamer haben den Status von Popstars erreicht. Pokimane, Dr. Lupo, Disguised Toast – so heißen die Ikonen der Millennials. Wenn sie streamen, schalten hunderttausende Leute ein.

Durch Gaming zum Multimillionär geworden

Richard Blevins Kanal „Ninja“ folgten bis zu seinem Wechsel zur Konkurrenz von Microsofts Mixer über 16 Millionen Nutzer. Der 31-jährige Amerikaner, der in einem Vorort von Chicago aufwuchs und sich mit einem Job in einem Fast-Food-Restaurant über Wasser hielt, ist mit Gaming (vor allem mit „Fortnite“) zum Multimillionär aufgestiegen. Mal ehrlich: Welcher Jugendliche träumt nicht davon, in einer digitalen Arena vor ein paar Tausend Zuschauern zu zocken und damit reich zu werden?

Jens „Knossi“ Knossalla – hier bei der Verleihung des 24. Deutschen Comedypreises 2020 – ist der selbsternannte „König des Internets“, dessen Markenzeichen eine goldene Krone ist. Knossalla wurde auf Twitch zum Star.
Jens „Knossi“ Knossalla – hier bei der Verleihung des 24. Deutschen Comedypreises 2020 – ist der selbsternannte „König des Internets“, dessen Markenzeichen eine goldene Krone ist. Knossalla wurde auf Twitch zum Star. | Bild: dpa

Streamer können auf Twitch auf verschiedene Arten Geld verdienen. Eine Möglichkeit sind Sponsorenverträge, wie sie Blevins mit Samsung, Red Bull und Uber Eats abgeschlossen hat. Eine andere Möglichkeit, Inhalte zu monetarisieren, sind Abos, im Gamer-Jargon auch „Subs“ genannt. Es gibt drei Mitgliedstufen: 4,99 Euro, 9,99 Euro und 24,99 Euro pro Monat. Die eine Hälfte geht an die Streamer, die andere an die Plattform.

Viele neue Netzfreundschaften

Fabian P. (Name von der Redaktion geändert) ist ein Streamer. Der Student, der lieber anonym bleiben möchte, hat auf Twitch einen eigenen Channel aufgebaut – als Hobby, wie er sagt. Dort zockt er den Multiplayer-Ego-Shooter „Overwatch“, bei dem es darum geht, Objektpunkte des Gegners auf der Karte einzunehmen. „Meine höchste Zuschauerzahl war 40, im Schnitt sind es so um die 10 bis 20“, erzählt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Eine Art WhatsApp für die Gamer-Szene

Geld verdienen kann Fabian damit nicht, aber er hat durch das interaktive Gaming im Netz Bekanntschaften geschlossen: „Die meisten Leute, die im Chat aktiv sind, kenne ich seit Monaten“, erzählt er. Man habe kein persönliches Verhältnis wie im echten Leben, sondern eher eine „Internetfreundschaft“. Einige seiner Bekanntschaften hätten 150 bis 200 Zuschauer, was für das lukrative Partnerprogramm qualifiziert. Streamer mit durchschnittlich mehr als 500 Zuschauern können damit ihren Lebensunterhalt finanzieren, weiß Fabian.

Mix aus Lernhilfe und Entspannung

Bloß: Was macht den Reiz aus, anderen beim Gamen zuzuschauen? Für Fabian sind die Streams eine Mischung aus Lernhilfe und Entspannung. Er schaut sich bei Profis Strategien und Tricks ab, die er selbst anwenden kann. Oder er lässt sich berieseln. Computerspiele sind ja auch eine Form von Literatur, ein Plot, den man spielen, aber auch lesen oder schauen kann. In der Generation der Millennials hat Streaming längst das Fernsehen abgelöst. Was früher CNN war, ist heute Twitch.

Fester Termin im Wochenplan

Fabian sieht kaum noch fern: „Früher schaute man zur Prime Time Serien. Heute sagt man: Am Donnerstag um 18 Uhr kommt mein Lieblingsstreamer. Das ist dann im Wochenplan vorgemerkt.“ Man schaut nicht nur zu, sondern trifft auch die Leute, die man cool findet. Der Stream als Gemeinschaftserlebnis. Spiele sind sehr kommunikativ. Gerade in Zeiten einer Pandemie werden Streaming-Plattformen zu einem Treffpunkt.

Gamer-Communitys standen lange im Verruf, eine nerdige Männerveranstaltung zu sein – man denke an die Gamergate-Kontroverse, wo User Stimmung gegen Aktivistinnen und Spielentwicklerinnen machten, die den Sexismus in der Szene anprangerten. Wer jedoch meint, auf Twitch seien nur Männer unterwegs, liegt falsch: „Es gibt in fast jeder Gaming-Kategorie zahlreiche Frauen“, berichtet Fabian. „Ich würde behaupten, dass es fast die Hälfte ist.“ Als die demokratische US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez im vergangenen Oktober das populäre Game „Among Us“ spielte, schalteten sich über 400 000 Nutzer in den Stream ein. Sage da noch jemand, Gaming sei eine Männerdomäne!

Mit Bikini im Whirlpool

Gleichwohl bedienen manche Streamerinnen alte Rollenbilder. So sorgten jüngst die freizügigen „Hot Tub Streams“ für Aufsehen, in denen sich Frauen im Bikini in Whirlpools räkeln. Sex sells, gerade auch im Netz. Um nicht in der Schmuddelecke zu landen, will Twitch die Piep-Shows verbannen.

Mit ihrer Reichweite zieht die Streaming-Plattform auch Extremisten an. So sind in letzter Zeit immer häufiger rechtsextreme Influencer und Anhänger des Verschwörungskults QAnon auf Sendung. Das Problem: Die Verschwörungsgläubigen erhalten nicht nur eine Bühne, sondern verkaufen auch Fan-Artikel wie T-Shirts oder Hüte.