Die Erde sieht aus wie Waldboden, riecht wie Waldboden und ist auch nichts anderes als Humus. Nur besteht dieser statt aus den Überresten von toten Bäumen oder Laub aus dem, was übrig bleibt, wenn man einen verstorbenen Menschen kompostiert. Mit dieser so genannten „Reerdigung“, plant das Team von „Meine Erde“ nicht weniger, als das Bestattungswesen in Deutschland zu revolutionieren.

„Etwas Neues und Nützliches“

„Seit mehr als 150 Jahren werden die Menschen in Deutschland entweder im Sarg beerdigt oder verbrannt. Ich denke, es ist an der Zeit, für etwas Neues und Natürliches“, sagt Pablo Metz, der zusammen mit Max Hüsch in Berlin die „Reerdigung“ ins Leben gerufen und die Technologie entwickelt hat.

Firmengründer Max Hüsch (links) und Pablo Metz sind zuversichtlich hinsichtlich der Reerdigung.
Firmengründer Max Hüsch (links) und Pablo Metz sind zuversichtlich hinsichtlich der Reerdigung. | Bild: MEINE ERDE

Dabei gehen sie so vor: Nach dem Tod wird die Leiche auf ein Bett aus Blumen, Grünschnitt und Stroh in einen so genannten Kokon gebettet, der optisch an einen römischen Marmor-Sarkophag erinnert.

So könnte es bei einer Trauerfeier aussehen. Der Behälter mit dem Leichnam in einer Kapelle.
So könnte es bei einer Trauerfeier aussehen. Der Behälter mit dem Leichnam in einer Kapelle. | Bild: MEINE ERDE

Ähnlich wie wenn ein Baum oder ein Tier im Wald stirbt, machen nun Mikroorganismen in der warmen, feuchten Umgebung ihren Job und verwandeln die Leiche in Humus. Nach nur 40 Tagen bleiben nur etwa 15 Prozent der Knochen zurück.

Was von einem Menschen übrig bei einer „Reerdigung“ übrig bleibt: Keine Asche wie beim Verbrennen, sondern kompostierte Erde.
Was von einem Menschen übrig bei einer „Reerdigung“ übrig bleibt: Keine Asche wie beim Verbrennen, sondern kompostierte Erde. | Bild: MEINE ERDE

Bei der klassischen Erdbestattung dagegen dauert das im Durchschnitt 20 Jahre. Sofern die Verwesung funktioniert. Denn viele Friedhöfe in Deutschland kämpfen seit Jahren mit einem so genannten Wachsleichenproblem. „Wenn die Gräber nach 30 Jahren wiederbelegt werden sollen, findet man manchmal noch komplett erhaltene Körper mit Gesichtszügen“, sagt Michael Albrecht.

Knochen halten sich sehr lange

Der Bodenkundler hat sich auf das Tabuthema auf vielen Friedhöfen spezialisiert und schätzt, dass mindestens 20 Prozent der Erdbestattungen nicht wie vorgesehen verwesen und zur Wachsleichen-Problematik führen. Einzelne Knochenfunde seien nach Ablauf der Ruhezeit ohnehin die Regel, so Uwe Brinkmann, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Friedhofsverwalter

Die Gründe sind vielfältig: Häufig wurden Friedhöfe am falschen Standort angelegt. Der Boden ist zu feucht. Hinzu kommen Leichen, die in Kunstfaserbekleidung und Särgen beigesetzt werden, die mit Folie und Kissenmaterial aus Polyester ausgekleidet sind. „Dieses Material kann nicht verwesen und hält die Feuchtigkeit im Sarg“, sagt Michael Albrecht, Vereidigter Sachverständiger Friedhofsbodenkunde.

Kein hoher Gasverbrauch mehr

Kein Wunder also, dass sich inzwischen rund 80 Prozent der Deutschen dafür entscheiden, sich nach ihrem Tod verbrennen zu lassen. Zumal das nur etwa halb so viel kostet wie eine klassische Erdbestattung. Pablo Metz stört daran, dass die Feuerbestattung eine wahre CO2-Schleuder ist.

Das bieten die Bestatter als Alternativen

Denn ein Mensch brennt schlecht. Um dennoch Asche aus einer Leiche zu machen, muss der Sarg im Krematorium für 90 Minuten auf 1100 Grad erhitzt werden. Das verbraucht sehr viel Gas, das in der Energiekrise immer teurer geworden ist. Außerdem belastet das Verbrennen die Atmosphäre. Bei 800 000 Menschen, welche die Feuerbestattung in Deutschland pro Jahr wählen, kommen 800.000 Tonnen CO2 zusammen. Das ist etwa die Menge, die eine Stadt wie Koblenz mit 100.000 Einwohnern jährlich ausstößt.

Alvarien statt Krematorien

„Würden die Menschen sich künftig ausschließlich reerdigen lassen, könnte man das alles einsparen“, sagt Pablo Metz. Wenn es nach ihm ginge, würden die Krematorien in Deutschland von so genannten Alvarien abgelöst. Das sind die Gebäude, in denen die Kokons in den 40 Tagen ihrer Kompostierung aufbewahrt werden.

In dem Spezialbehälter verbinden sich Mikroben, Sauerstoff und Pflanzenmaterial, um menschliche Überreste innerhalb weniger Wochen in ...
In dem Spezialbehälter verbinden sich Mikroben, Sauerstoff und Pflanzenmaterial, um menschliche Überreste innerhalb weniger Wochen in Erde umzuwandeln. | Bild: MEINE ERDE

„Wie bei unserer ersten Reerdigung in Mölln in Schleswig-Holstein werden wir dafür immer Plätze auf Friedhöfen nutzen“, sagt Pablo Metz. Danach soll die Toten-Erde vom Bestatter ähnlich wie die Asche im Krematorium wieder abgeholt und auf jedem beliebigen Friedhof oder in einem Friedwald beigesetzt werden können. „In Mölln hat die Familie eine Rose in die Erde gepflanzt, damit die verstorbene Mutter in ihr wiederaufblühen kann“, sagt Pablo Metz.

Bodenkundler Michael Albrecht findet es gut, dass über das Thema Reerdigung auch die Probleme der bisherigen Bestattungsformen diskutiert werden. „Wenn man einen kontrollierteren Abbauprozess schafft, als bei der klassischen Erdbestattung, dann ist das grundsätzlich begrüßenswert“, so Albrecht. Ob das tatsächlich innerhalb von nur 40 Tagen möglich ist, daran hegt er Zweifel. „Das erscheint mir doch sehr ambitioniert.“

Schleswig-Holstein Vorreiter

Rechtlich wurde die Reerdigung bislang nur in Schleswig-Holstein zugelassen. Pablo Metz ist aber optimistisch, dass die anderen Bundesländern der Rechtsauffassung dort folgen werden. Demnach ist die Reerdigung mit dem Bestattungsgesetz konform – weil es sich auch um eine Erdbestattung handelt – in neuer Form.

Auch die beiden Kirchen in Deutschland haben Pablo Metz zufolge nichts gegen die neue Bestattungsform einzuwenden. Der Kreislaufgedanke, so die in Gutachten festgehaltene Meinung, passe gut zum christlichen Schöpfungsgedanken. „Derzeit liegen wir bei etwa 2100 Euro und sind damit so teuer wie eine durchschnittliche Feuerbestattung“, so Metz. Gut möglich, dass die Reerdigung bald nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch die Nase bei den Bestattungen vorn hat. Dann könnten Kompostierungen von Verstorbenen an der Tagesordnung sein.

Katrina Spade, Gründerin des Bestattungsunternehmens Recompose mit Kompostmaterial.
Katrina Spade, Gründerin des Bestattungsunternehmens Recompose mit Kompostmaterial. | Bild: dpa