Frau Fritscher-Ravens, über kaum eine andere Erkrankung wird derzeit so oft geredet wie über das Reizdarm-Syndrom.

O, da muss ich schon richtigstellen. Das Reizdarm-Syndrom ist keine alleinstehende Erkrankung, sondern lediglich ein Komplex an Beschwerden. Deswegen auch der Begriff „Syndrom“. Da können auch tatsächlich Krebs oder schwere entzündliche Darmerkrankungen dahinterstecken. Doch das kommt eher selten vor.

Das Problem ist vielmehr, dass die konventionelle Medizin für den Symptomkomplex – Blähungen, Bauchschmerzen sowie Veränderungen der Stuhlgewohnheiten wie Verstopfung oder Durchfall – oft keine nachweisbare Erklärung findet und ihn daher gerne als funktionell einstuft. Viele Betroffene haben am Ende eine regelrechte Ärzteodyssee hinter sich, und sie werden dabei nicht selten zum Fall für die Psychosomatik oder sogar für die Psychiatrie erklärt.

Annette Fritscher-Ravens, 68, studierte zunächst Anglistik und Geographie, und dann Medizin am Universitätsklinikum in Aachen. Sie spezialisierte sich auf Gastroenterologie und ließ sich zur interventionellen (eingreifenden) Endoskopikerin ausbilden. Ab 2009 leitete die Professorin die Interdisziplinäre Endoskopie am Universitäts-Klinikum Schleswig-Holstein in Kiel, seit ihrer Emeritierung arbeitet sie als gastroenterologische Fachärztin in London.
Annette Fritscher-Ravens, 68, studierte zunächst Anglistik und Geographie, und dann Medizin am Universitätsklinikum in Aachen. Sie spezialisierte sich auf Gastroenterologie und ließ sich zur interventionellen (eingreifenden) Endoskopikerin ausbilden. Ab 2009 leitete die Professorin die Interdisziplinäre Endoskopie am Universitäts-Klinikum Schleswig-Holstein in Kiel, seit ihrer Emeritierung arbeitet sie als gastroenterologische Fachärztin in London. | Bild: Fritscher-Ravens

Aber Sie würden schon bestätigen, dass dieses Syndrom sehr häufig vorkommt?

Ja, ohne Zweifel. Und die Häufigkeit der Diagnose nimmt zu.

Jetzt haben sie schon angedeutet, dass nur selten solche Erkrankungen wie etwa Darmkrebs dahinterstecken. Sie selbst haben in Studien als Ursache bestimmte Nahrungsmittelallergien ins Spiel gebracht.

Ausgangspunkt für diese Studien waren nicht zuletzt Beobachtungen aus dem klinischen Alltag. Ich hatte mal eine 17-jährige Patientin mit riesigem Blähbauch, als wenn sie schwanger gewesen wäre. War sie aber nicht. Und an psychische Faktoren wollte ich da auch nicht glauben.

Wie viele andere Patienten in der gastroenterologischen Ambulanz berichtete sie aber davon, dass ihre Beschwerden nach dem Essen schlimmer würden. Also gingen wir daran, diese Patientengruppe näher zu untersuchen, und zwar im Hinblick auf die Reaktion auf Nahrungsmittel.

Sie verwendeten dazu erstmalig die konfokale Laser-Endoskopie. Was wird dabei gemacht?

Der Patient bekommt zunächst intravenös einen fluoreszierenden Farbstoff, danach wird über die Speiseröhre ein mit Laser versehenes spezielles Endoskop in den Dünndarm vorgeschoben. Trifft dann der Laserstrahl auf den Farbstoff, gibt uns das die Möglichkeit, die Oberfläche des Darms bis auf das 1000-fache zu vergrößern und mikroskopisch kleine Veränderungen zu sehen.

Und warum ausgerechnet der Dünndarm?

Weil dort das darmassoziierte Immunsystem sitzt. Und weil wir Immunreaktionen im Verdauungssystem beobachten wollten, erschien es uns als sinnvoll, dort nachzuschauen.

Und deswegen haben Sie dort auch noch eine Art „Prick-Test“ gemacht?

Naja, nicht gerade einen Prick-Test. Aber wir haben über den Arbeitskanal des Endoskops die häufigsten unverträglichen Nahrungsmitteln – wie etwa Milch, Soja, Hefe und Weizen – aufgebracht und anschließend die Darmschleimhaut beobachtet.

Welches Ergebnis konnten sie dabei erzielen?

Rund 70 Prozent der Probanden reagierten auf eines der zugeführten Lebensmittel. Unter dem Mikroskop sah man, dass die Verbindungen zwischen den Oberflächenzellen der Darmschleimhaut – quasi die Halteschrauben für wichtige Funktionen – regelrecht aufgesprengt wurden. Die betreffenden Nahrungsmittel hatten diese Reaktion bewirkt. Wobei wir nur diese Subgruppe der Reizdarmpatienten getestet haben, die meist schon eine Verbindung der Symptome mit der Nahrungsaufnahme vermuten ließen. Der Anteil in dieser Gruppe könnte auch höher als 70 Prozent sein, denn wir haben nur die bekanntesten, großen Allergene ausgetestet.

Was war das häufigste Allergen?

Mit weitem Abstand der Weizen, auf den 60 Prozent der Probanden reagierten. Danach folgten Milch, Hefe und Soja. Und insbesondere bei den Patienten, die auf Hefe reagierten, haben wir eine größere Zahl an Symptomen gesehen, die auch außerhalb des Darmes lagen wie Nesselsucht und Dermatosen. Die besserten sich, sofern man die Substanz wegließ.

Normalerweise zeigen sich Lebensmittelallergien gerade mal bei zwei bis vier Prozent der Erwachsenen. Doch die von Ihnen genannten Zahlen lassen auf eine viel höhere Quote schließen.

Ja, aber wir haben unser Augenmerk nicht auf die IgE-vermittelten „Allergien“ gelegt, die man normalerweise bereits durch den von ihnen erwähnten „Skin-Prick“ oder auch durch Bluttests diagnostizieren kann. Sondern bewusst auf die Patienten, die so nicht diagnostiziert wurden, aber dennoch krank waren. Wir haben diese Reaktionen „atypische Allergien“ genannt. Ihre Symptome treten in längeren und ganz unterschiedlichen Zeitabläufen auf, die Nahrung muss ja erst durch den Magen. Daher kommen die Beschwerden mit unterschiedlichem Zeitverzug, so dass der Arzt keinen Zusammenhang mehr sehen kann. Wenn dann noch alle eingeleiteten Untersuchungen normale Ergebnisse bringen, wird da gerne der Reizdarm diagnostiziert.

Angenommen, jemand verspürt Reizdarmbeschwerden, nachdem er ein Weizenbrötchen gegessen hat. Kann er dann beim niedergelassenen Gastroenterologen ohne weiteres die Laser-Endoskopie bekommen, um den Verdacht auf eine atypische Lebensmittelallergie abzusichern?

Nein, dazu ist das Verfahren zu aufwändig und kompliziert, es dient vor allem Forschungszwecken. Aber Sie brauchen es auch nicht. So kann sich der Patient selbst drei bis vier Tage auf eine Kartoffel- oder Reisdiät setzen, ganz rigoros, nur mit zusätzlich Wasser oder Pfefferminztee. Wenn es dann besser wird, kommen die Beschwerden meist von irgendeinem Lebensmittel.

Könnten da nicht auch Unverträglichkeiten gegenüber Laktose oder Fruktose eine Rolle spielen?

Natürlich, auch das ist eine Möglichkeit. Die sollte man vorher ausschließen, bevor man an atypische Weizenallergien denkt. Das macht der Hausarzt aber meist schon routinemäßig; es ist ein einfacher Test. Außerdem möchte ich für die Darmspiegelung werben, mit der man viele andere Erkrankungen wie auch Krebs ausschließen kann.

Kommen wir wieder zum Weizen. Angenommen, er steht als Auslöser fest. Muss ich dann Weizenprodukte generell meiden, oder reicht es, wenn ich glutenfreies Brot nehme, bei dem das Klebereiweiß des Weizens eliminiert wurde?

Nein, Weizen und Gluten sind zwei unterschiedliche Dinge. Wenn Weizen die Ursache ist, muss man alle Lebensmittel meiden, in denen die Getreidesorte Weizen vorkommt. Oft ursächlich für die Reaktion sind hier andere Proteine, die ATI (Amylase-Trypsin-Inhibitoren), die nicht nur Bauchbeschwerden machen, sondern auch Entzündungen unterstützen. Gluten hingegen ist ein Protein, das sowohl im Weizen als auch in anderen Getreidesorten vorkommt.

Wenn man darauf reagiert, muss man alle Getreidesorten weglassen, die glutenhaltig sind, also neben Weizen auch Gerste und Roggen – und somit das meiste Brot und die meisten Kekse und Kuchen. Als „glutenfrei“ deklarierte Produkte hingegen helfen oft nicht weiter, weil ihnen oft etwas beigemischt ist, das dann wieder Beschwerden verursacht. Besser, man wählt Lebensmittel aus, die von Natur aus glutenfrei sind. Wie etwa das aus Mexiko bekannte Maisbrot. Oder „Teff“, eine tropische Hirseart. Damit unterstützen sie gleich noch die Bauern der dritten Welt.

Was ist von den vielen Medikamenten zu halten, die gegen Blähbauch und andere funktionelle Darmbeschwerden angeboten werden?

Die mögen manchmal eine kurzfristige Linderung bringen, mehr aber auch nicht. Im Darm haben wir nicht viele Therapiemöglichkeiten. Sie müssen dort die Ursache der Beschwerden finden – und gezielt ausschalten. Was in Bezug auf den Reizdarm bedeutet: Sie müssen Ihre Ernährung umstellen. Eine Pille hilft da nicht. Jedenfalls noch nicht. Da bedarf es weiterer Forschung.