Rund 50 000 Bundesbürger erkranken jährlich an Riech- und Schmeckstörungen, die ihnen den Spaß am Essen verhageln. Zu den potentiellen Auslösern zählt die Covid-19-Infektion. Doch der kulinarische Genuss leidet auch bei vielen anderen Krankheiten – und auch bei vielen Therapien der Medizin.

Egal, ob Zimtapfelkuchen, gebratener Speck oder Omas Schweinebraten: wenn wir nicht mehr richtig schmecken können, verliert nicht nur das Essen, sondern das Leben an Würze. Es ist eine Erfahrung, die man nicht machen will. Doch in Corona-Zeiten gehört sie aktuell für viele Menschen zum Alltag.

Riech-Einbußen bei Corona

„Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns sind nach bisherigen Erfahrungen die häufigsten neurologischen Symptome bei einer Covid-19-Infektion“, sagt Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Medizin-Professor. In einer europäischen Studie berichteten über 85 Prozent der Corona-Patienten von Beeinträchtigungen beim Riechen und Schmecken. Die Verluste betragen zum Teil 90 Prozent.

Oft zeigen sie sich vor oder sogar anstatt anderer Corona-Symptome wie Husten oder Fieber. „Sie sind ein sicherer Hinweis, dass das Nervensystem miteinbezogen ist“, so Berlit.

Angriff auch aufs Gehirn?

Der Essener Neurologe vermutet, dass Covid-19 über die Nasen- und Rachenschleimhäute direkt in die entsprechenden Zentren im Gehirn gelangt. Was keine guten Nachrichten sind. Denn während sich die Sinneszellen in Nase und Mund ständig erneuern, sind die Neuronen im Gehirn nachtragender.

Man kann daher keine sichere Prognose abgeben, ob der Covid-19-Patient jemals wieder richtig schmecken wird. Lange dauern dürften seine Probleme in jedem Falle. Denn schon Grippe-Patienten müssen mitunter zwölf Monate warten, bis sie wieder den vollen Spaß am Essen haben.

Auch Diabetes schadet Geschmack

Neben Heuschnupfen und Erkältungen, bei denen sich vorübergehend ein Schleimfilm über die Sinneszellen legt, auch Diabetes sowie Leber-, Nieren- und Schilddrüsenerkrankungen zu den potentiellen Geschmacksboykotteuren. Selbst Gehirnerschütterungen zählen dazu, insofern sie für Irritationen an den entsprechenden Wahrnehmungszentren im Gehirn sorgen können.

Wie der Mensch zu seinem Geschmacksempfinden kommt

Rund jeder zweite Parkinson-Patient klagt über Schmeck- und Riechstörungen, bei Alzheimer taugen sie sogar als Prognose-Instrument. Eine Forschergruppe der Mayo-Klinik im amerikanischen Rochester konfrontierte 1630 Senioren mit den Aromen von Lebensmitteln wie Zwiebeln, Banane und Zitrone, und dann sollten sie sagen, was sie gerade geschnuppert hatten.

In einer Nachuntersuchung dreieinhalb Jahre später zeigte sich: Wer in dem Test besonders schlecht abgeschnitten hatte, erkrankte später mit fünffach erhöhter Wahrscheinlichkeit an Alzheimer.

Geschmack und Alterung

Nichtsdestoweniger sollte man nicht gleich vorschnell auf Demenz schließen, wenn das Schmecken allmählich nachlässt: Denn das ist Teil des normalen Alterungsprozesses. Wobei allerdings, wie Ludger Klimek, Professor am Wiesbadener Zentrum für Rhinologie und Allergologie, betont, nicht alle Geschmackssinne in gleichem Maße betroffen sind.

„Schmeckschwellenveränderungen treten bei älteren Personen bei sauer und bitter in weitaus größerem Ausmaß auf als bei salzigen und süßen Stimuli“, so der HNO-Arzt. Gerade das Süße bliebe selbst in sehr hohem Alter noch präsent. Nicht umsonst kann man immer wieder beobachten, dass viele Hochbetagte den Spaß an Essiggurken und trockenen Weinen verlieren, um sich stattdessen dem Kuchen zuzuwenden.

Die Feinheiten bei Wein zu erschmecken wird im Alter immer schwieriger.
Die Feinheiten bei Wein zu erschmecken wird im Alter immer schwieriger. | Bild: Danny Gohlke/dpa

Selbst ein plötzlich nachlassender Geschmack muss bei Senioren nicht gleich eine beginnende Demenz bedeuten. Denn viele nehmen mehrere Medikamente ein, und damit ist man bei einem Faktor, der auch jüngeren Menschen den Spaß am Essen nehmen kann.

So hemmen Antidepressiva oft den Speichelfluss, so dass sich die geschmackstragenden Substanzen einer Speise nicht mehr lösen können. Die zur Blutdrucksenkung eingesetzten ACE-Hemmer schlagen bei knapp jedem zehnten Patienten direkt auf die Riech- und Geschmacksrezeptoren.

Empfindungen bei Krebs

Bei Chemo- und Strahlentherapien kommt es oft zu Schmeckstörungen, die laut Deutscher Krebsgesellschaft ein eigentümliches Muster annehmen können: „Bitteres schmeckt meist bitterer als es tatsächlich ist, Süßes weniger oder stärker süß. Gewohnte Gerichte erscheinen plötzlich zu salzig oder zu fad.“

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Was im Hinblick auf die ohnehin problematische Ernährungssituation der meisten Krebspatienten eine zusätzliche Belastung darstellt. Tröstlich: Nach Absetzen der Therapie kehrt das Schmecken in der Regel zurück.

Raucher spüren sogar schlechter

Dies gilt auch für Nikotin, das sich in einer Studie der Aristoteles Universität in Thessaloniki als Geschmackskiller gezeigt hat. Das griechische Forscherteam konnte auf Raucherzungen nur noch Relikte der ursprünglichen Rezeptorenlandschaft ausmachen. „Gerade die pilzförmigen Geschmacksknospen an der Spitze und am Rand der Zunge warten deutlich abgeflacht und schlechter durchblutet“, berichtet Studienleiter Pavlidis Pavlos.

Weil diese Rezeptoren die Speisen im Mund auch erfühlen, bedeutet das: Raucher schmecken nicht nur schlechter, ihnen entgeht auch, wie sich etwa ein cremiges Sahneeis über ihre Zunge verteilt. Allein das sollte zum Entzug motivieren.

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