Herr Deininger, Sie schreiben, der Thermomix war quasi der Anfang, jetzt sei das Rennen um die Vorherrschaft des führenden digitalen Betriebssystems für die Küche der Zukunft eröffnet. Wohin führt das?

Wie wir mit den Themen Kochen und Ernährung umgehen, verändert sich gerade sehr stark. Wir lassen uns immer mehr digital inspirieren, schlagen Grundrezepte schnell in einer App statt im Kochbuch nach oder schauen auf YouTube Tutorials an. Es gibt bereits Apps, die mir sagen, was ich aus den Zutaten kochen könnte, die bei mir auf dem Tisch liegen. Dafür nutzen wir immer mehr unsere Smartphones, die ja schon regelrecht an uns festgewachsen sind.

Aber auch immer mehr Küchengeräte verarbeiten digitale Daten, geben Daten ab und sind mit anderen Küchengeräten vernetzt. Der Thermomix bietet Rezepte. Er zeigt aber auch, wie andere Thermomix-Nutzer diese Rezepte variiert haben oder welche Gerichte gerade sehr häufig mit ihm zubereitet werden. Und das alles in Echtzeit. Solche Geräte wissen dann auch, was ich in der letzten Woche gegessen habe und wie häufig beispielsweise Fleisch dabei war.

Olaf Deininger, geboren 1963, ist Wirtschaftsjournalist, Digitalexperte und schreibt für führende Tageszeitungen, Wirtschaftsmagazine sowie Fachmedien über Food, Medien, neue Technologien und Künstliche Intelligenz. Er lebt mit seiner Frau in Friedrichshafen. Ihre drei Kinder sind erwachsen und leben in Berlin und Göttingen.
Olaf Deininger, geboren 1963, ist Wirtschaftsjournalist, Digitalexperte und schreibt für führende Tageszeitungen, Wirtschaftsmagazine sowie Fachmedien über Food, Medien, neue Technologien und Künstliche Intelligenz. Er lebt mit seiner Frau in Friedrichshafen. Ihre drei Kinder sind erwachsen und leben in Berlin und Göttingen. | Bild: privat

Wie geht das weiter?

Es wird nicht mehr lange dauern, bis die ersten Supermärkte und Händler auf diesen Geräten präsent sein werden. Der Thermomix ist nicht nur ein Küchengerät, sondern auch eine digitale Plattform. Die Hersteller werden versuchen, daraus digitale Öko-Systeme zu machen, die den Kunden möglichst umfassend versorgen. Das kennen wir bereits von der Firma Apple, die mit ihren Produkten und Dienstleistungen ein digitales Öko-System bietet, bei dem sich alle Teile gegenseitig ergänzen.

Lassen wir künftig für uns kochen?

Hängt davon ab, wie man das definiert. Nicht erst seit der Pandemie sehen wir, dass Essen im Vorbeigehen immer populärer wird und dass geliefertes Essen boomt. Und nicht nur das: Bislang zusammengehörende Funktionsbereiche trennen sich – etwa der Gastraum und die Küche in der Gastronomie.

In Indien gibt es bereits über Millionen so genannter „Geister-Küchen“, die für unterschiedliche Restaurants kochen oder für verschiedene Lieferdienste. Gesteuert wird die Abwicklung von der Bestellung bis zur Lieferlogistik über Online-Plattformen, Apps und Online-Tools. Kochen wird damit zur Dienstleistung, die digital dazu gebucht werden kann. Das Restaurant löst sich sozusagen digital auf.

Vegane Burger sind nichts Neues. Sie schreiben vom Steak aus dem 3-D-Drucker. Was kommt da noch?

Technisch ist das schnell erklärt: Man kann tierische Zellen in Nährlösung züchten, so dass Muskelfleisch dabei entsteht – oder was in diese Richtung geht. Das wird in Reaktoren hergestellt und kann man über 3D-Drucker ausbringen. Das könnte ein Produkt für Menschen sein, die möglichst billig viel „Fleisch“ essen wollen.

Am anderen Ende der Skala sind dann die Verbraucher, die sich einmal in der Woche ein teures Stück Bio-Fleisch leisten, das dann aber vom Tier stammen muss, das bestens gehalten wurde. Da darf das Kotelett sogar 25 Euro kosten. Und zwischen diesen beiden Polen gibt es ganz viele Abstufungen bis hin zum vegetarischen Burger aus Pilzen oder Leguminosen wie Erbsen. Fakt ist, dass der Ressourcenverbrauch bei der Tierhaltung kaum noch darstellbar ist.

Landwirtschaft am Bodensee steht für regionale Lebensmittelproduktion. Was bringen Digitalisierung oder KI auf dem Acker oder im Stall?

Konventionelle Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, ist ein Auslaufmodell und hat kaum Zukunft. Wir stehen durch digitale Technik am Übergang von der Flächen- zur Einzelpflanzenbehandlung, vom Herden-Management zum Einzeltier-Management.

Ich kann eine kleine Sonde in den Ackerboden stecken und bekomme so Daten, die in digitalen Netzwerken schnell analysiert werden. Dann muss der Traktor nicht mehr mit dem Riesengebläse hinten dran sämtliche Bäume in der Plantage präventiv spritzen, damit sich keine Schädlinge vermehren.

Das ist die alte Welt. In der neuen liefern Firmen Satellitenbilder für jeden Ackerschlag und können analysieren, ob der Wachstumsverlauf in den letzten sechs Monaten über- oder unterdurchschnittlich war. Mit diesen Daten könnten wir Cluster bilden, Felder mit ähnlichen Bedingungen vergleichen, herausfinden, was die erfolgreichen Bauern anders machen und von diesen Bauern lernen.

Und im Stall?

Durch maschinelles Lernen ist man heute in der Lage, bei Kälbern zum Beispiel schon drei, vier Tage vorher zu erkennen, ob eine typische Krankheit ausbrechen wird. Es gibt digitale Lösungen in China, die analysieren anhand der Geräusche und Bewegungsprofile von Ferkeln, wie gesund jedes einzelne ist. Wenn eins krank werden könnte, behandle ich das eine Tier und verabreiche nicht einer ganzen Herde präventiv Antibiotika. KI und maschinelles Lernen ziehen unweigerlich in die Landwirtschaft ein.

Wie muss ich mir Einkaufen vorstellen, wenn der Supermarkt wie Netflix funktioniert?

Netflix hat bereits vor zehn Jahren angefangen, mit Hilfe von KI Empfehlungssysteme zu entwickeln. Der Streamingdienst hat erkannt, dass Kunden überdurchschnittlich häufig kündigen, wenn sie weniger als 15 Stunden Netflix im Monat schauen. Also wurden die Empfehlungen darauf optimiert. Auf den Einzelhandel übertragen bedeutet das: Ich gehe in den Supermarkt und mein Handy teilt mir mit, dass mein Lieblingsgetränk heute im Angebot ist.

Noch ein Schritt weiter: Ich fahre mit dem Auto an einem Laden vorbei und mein Handy sagt mir, ich soll reinschauen, weil es die Spezialität wieder gibt, die ich schon zwei Mal gekauft habe. Selbst wenn ich am Regal vorbei laufe, weiß das Gerät, dass ich zuletzt vor vier Wochen Nutella gekauft habe und fragt, ob ich vielleicht nachkaufen möchte, weil das leer sein könnte. Das ist Einkaufen wie bei Netflix.

Woher weiß das Handy das alles?

Ich lade die App vom Laden herunter, nutze das Handy zum Bezahlen. Das merkt sich außerdem meine Laufwege im Geschäft. So entsteht ein Profil, wie oft ich was und auf welche Weise kaufe. Es gibt bereits Systeme, die scannen die Waren im Einkaufskorb. Die Digitalisierung sorgt dafür, dass ich einzelne Module beim Einkaufen beliebig kombinierbar buchen kann: Was möchte ich gleich mitnehmen, was geliefert bekommen und was soll für mich gleich gekocht werden. Die chinesischen Hema-Supermärkte bieten das bereits.

Braucht die Welt dann bald keine Landwirte, Köche oder Verkäufer mehr, wenn digitale Prozesse und Roboter Lebensmittel produzieren, verteilen und verarbeiten?

Wir brauchen auch weiterhin Landwirte, Köche oder Verkäufer. Nur verändert sich deren Tätigkeitsfeld. Sie werden immer stärker diese neuen digitalen Systeme steuern, konfigurieren und managen. Viele Unternehmer werden sich stärker mit Fragen der richtigen Software- und Plattform-Auswahl beschäftigen müssen.

Ein Beispiel: Wir haben bei den Recherchen einen Artikel aus der New York Times vom 18. Januar 1918 gefunden, der die Frage verhandelt hat, ob der Traktor nicht ein zu feines und hochwertiges Gerät gerät sei, das nicht in die groben Hände von Landwirten gehört. 100 Jahre später ist der Traktor das Symbol für Landwirtschaft. Das heißt, die Landwirte mussten früher Pferde einspannen können und dann lernen, wie man Trecker bedient. Genau das passiert heute wieder: Landwirte müssen sich etwa damit auseinandersetzen, welche Software-Lösung für ihren Betrieb passt.

Wird ein Verbraucher, der nicht bereit ist, seine Daten mit Essenslieferanten, Küchenmaschinen und Einkaufs-Apps zu teilen, künftig verhungern?

Datenschutz ist ein absolut wichtiger Faktor, wenn wir die Technologie so gestalten wollen, dass sie allen nützt. Bislang betrachten wir darunter aber nur private Daten, die in einem digitalen Profil hinterlegt sind. Viel wichtiger ist: Wie funktioniert der Algorithmus, der mein Verhalten beim Online- oder Offline-Einkaufen oder in den sozialen Medien beeinflusst? In diese Richtung müssen wir unseren Datenschutzbegriff ausweiten. Die digitale Welt ist immer integrierter, die Geräte digital zusammengewachsen zu einer Datensphäre, die uns ständig – ganz gleich wo wir sind – umgibt, und die ein neuer digitaler öffentlicher Raum darstellt. Wir müssen endlich beginnen zu überlegen, wie wir diesen neuen Raum gestalten und natürlich auch regulieren. Wie lange ich ein Wahlplakat aufhängen darf, ist haarklein geregelt. Im Vergleich dazu ist der neue digitale öffentliche Raum noch „Wilder Westen“.

Wo bleibt der Datenschutz angesichts der vielen „hungrigen“ Datensammler?

Das ist ein Thema, das auf uns zu kommt. Viele Anbieter stellen uns heute schon vor die Wahl: Entweder ich akzeptiere 800-seitige Geschäftsbedingungen oder ich kann das Gerät nicht nutzen. Auch hier werden wir überlegen müssen, was wir regulieren. Wer eine Plattform wie Apple beispielsweise nutzt, dem wird es schwer gemacht, sie wieder zu verlassen, weil alle meine Daten, Rezepte, Songs oder Bilder in der Cloud sonst verloren gehen. Ein virtuelles Produkt ist eben auch ein Produkt. Da gibt es für den Gesetzgeber großen Nachholbedarf, auf die Konsequenzen der Nutzung hinzuweisen. Und nicht nur versteckt in umfangreichen Geschäftsbedingungen.

Was bringt die Digitalisierung uns Verbrauchern, die Wert auf eine nachhaltige und umweltschonende Produktionskette vom Acker bis auf den Tisch legen?

Eine Chance besteht darin, dass wir mit einer digital integrierten Lieferkette und entsprechenden Vorhersage-Systemen eine Menge Ressourcen sparen können. Ein einfaches Beispiel: Wenn das Geschäft weiß, dass es Anfang nächster Woche nur eine bestimmte Menge Milch verkaufen wird, dann braucht man die Menge, die wahrscheinlich nicht verkauft wird, auch gar nicht erst produzieren, verarbeiten, verpacken, kühlen und ins Regal stellen. Ein weiterer Aspekt ist: Wir können durch digitale Kennzeichnung und Technologien wie Blockchain eine höhere Sicherheit herstellen, ob ein Lebensmittel genau dort und so produziert ist, wie es drauf steht. Das sichert eine viel höhere Transparenz und Verlässlichkeit als heute.

„Food Code“ von Olaf Deininger und Hendrik Haase, am 24. Januar 2021 erschienen im Kunstmann Verlag, ca. 350 Seiten, Verkaufspreis 25 Euro, ISBN: 978-3-95614-433-2
„Food Code“ von Olaf Deininger und Hendrik Haase, am 24. Januar 2021 erschienen im Kunstmann Verlag, ca. 350 Seiten, Verkaufspreis 25 Euro, ISBN: 978-3-95614-433-2 | Bild: Kunstmann Verlag

Buchtipp: Olaf Deininger, Hendrik Haase: Food Code. Wie wir in der digitalen Welt die Kontrolle über unser Essen behalten, Kunstmann Verlag, 350 Seiten, 25 Euro.