Ketone sind seit dem Erfolg des Jumbo-Visma-Teams bei der Tour de France in aller Munde. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Wundermittel, das offensichtlich die Leistung im Ausdauersport erhöht und die Profisportler des Teams an die Spitze der Tour katapultierte? Wir haben mit einem Ernährungswissenschaftler gesprochen, der sich mit dem eigentlich körpereigenen Stoff auskennt.

Herr Gorgos, was sind Ketone eigentlich genau?

Ketone sind Abbauprodukte des Fettstoffwechsels. Jeder Mensch produziert Ketone, bei Diabetikern beziehungsweise oder bei Diäten steigt der Spiegel an, um den Körper mit genügend Energie zu versorgen. Dann können die Ketone beispielsweise das Gehirn, ähnlich wie Glukose, mit Energie versorgen.

Robert Gorgos ist Diplomernährungswissenschaftler und berät Profisportler bei der Ernährung.
Robert Gorgos ist Diplomernährungswissenschaftler und berät Profisportler bei der Ernährung. | Bild: Ministry of Nutrition

Was unterscheidet künstliche Ketone von den körpereigenen?

Im Prinzip sind eingenommene Ketone ähnlich der im Körper produzierten und können auch als solche im Körper funktionieren.

Wir setzen Ketone zusätzliche Energie frei?

Ketone haben knapp doppelt so viel Energie wie Glukose (7 versus 4,1 Kilokalorien pro Gramm) und können vom Gehirn verstoffwechselt werden. Normalerweise nutzt das Gehirn ausschließlich Glukose und keine Fettsäuren, Ketone sind hier eine Art Notlösung des Körpers.

Und wie funktioniert die genau?

Chemisch betrachtet passiert folgendes: Ketone können zu Acetyl-Coenzym A (eine chemische Verbindung, die sehr energiereich ist, A.d.R.) umgebaut und in den Citrat-Zyklus (ein Prozess im Stoffwechsel, der Energie bereitstellt und sowohl beim Abbau von Kohlenhydraten als auch von Fetten und Proteinen eine Rolle spielt, A.d.R.) geschleust werden. Die Energie kann dann vom Gehirn und der Muskulatur genutzt werden.

Sind Ketone Doping im Sinne von künstlicher Leistungssteigerung?

Meiner Meinung nach ist der Einsatz von Ketonen kein Problem und mit Sicherheit auch nicht als Doping zu verstehen. Ketone sind frei auf dem Sportnahrungsmarkt erhältlich und laut Weltradsportverband nicht verboten, sie stehen nicht auf der Dopingliste. Ob ein leistungsfördernde Effekt zu erwarten ist, ist allerdings auch fraglich.

Bei Jumbo scheint es aber Wunder gewirkt zu haben. Würden Sie das Mittel ihren Sportlern empfehlen?

In unserem Radteam bieten wir die Ketone nicht bewusst an, wenn ein Fahrer sie nutzen möchte, empfehlen wir Produkte, die getestet und nicht verunreinigt sind.

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Würden Sie Amateursportlern raten, das Mittel einzunehmen?

Amateursportlern würde ich die Einnahme nicht empfehlen, da ein Nutzen umstritten ist und im Amateurradsport keine Situationen eintreten, bei denen Ketone einen potenziellen leistungssteigernden Effekt haben könnten.

Warum nicht?

Weil da erst alle anderen Bereiche, also das Training selbst, die Erholungszeit und die Ernährung, optimiert werden sollten. Hinzu kommt, dass die Belastungen von Amateursportlern, auch im Training, ohnehin nicht hoch genug sind, um einen möglichen Nutzen zu haben.

Was spricht für Ketone, was dagegen?

Es gibt Untersuchungen, dass bei extremem Belastungen, wie beispielsweise einer Grand Tour, der Einsatz von Ketonen in der Regenerationsphase einen möglichen Effekt haben kann, um beispielsweise den Anstieg von Stresshormonen in der Nachbelastungsphase zu reduzieren.

Das dürfte aber auch individuell unterschiedlich sein. Demzufolge ist der Einsatz eher umstritten. Falsch angewendet können sie sogar die Leistungsfähigkeit reduzieren.

Gesamtsieger Jonas Vingegaard hat Ketone genutzt. Hat ihm der eigentlich körpereigene Stoff zum Sieg verholfen?
Gesamtsieger Jonas Vingegaard hat Ketone genutzt. Hat ihm der eigentlich körpereigene Stoff zum Sieg verholfen? | Bild: StephaneMantey

In welchen Sportarten ist es überhaupt sinnvoll, das Mittel einzusetzen?

In allen Ein-Tages-Wettkämpfen ist es nicht sinnvoll. Ketone sind primär für die Regeneration bei Etappenrennen interessant, aber sicher kein Wundermittel.

Kann man sich durch die Einnahme von Ketonen tatsächlich in seiner Leistung verbessern?

In der Regenerationsphase bei Mehrtagesrennen ist ein möglicher Effekt in der etwas geringeren Ausschüttung von Stresshormonen denkbar, das zeigen zumindest die belgischen Studien aus Leuven.

Was weiß man über die Langzeitfolgen der Einnahme?

Langzeitfolgen der Einnahme sind noch nicht bekannt, dürften aber meiner Einschätzung nach kein Problem darstellen.

Sind Ketone als Mittel gegen unerwünschtes Körperfett geeignet?

Eher nicht. Durch eine ketogene Ernährung versprechen sich viele Abnehmwillige ein reduziertes Hungergefühl, das ist aber nur ein möglicher Effekt neben vielen möglichen negativen Nebeneffekten. Allein durch die Einnahme von Ketonen wird das nicht erreicht.

Um abzunehmen, geht es immer um eine negative Energiebilanz, ob mit oder ohne Ketone. Eine Erhöhung der Nährtstoffdichte (bessere Qualität) bei Reduktion der Energiedichte (mehr Nahrungsvolumen) ist meiner Meinung nach das probateste Mittel.