Frau de Liz, wie erleben Sie die Mädchen, die zu Ihnen kommen: Aufgeklärt, voller Fragen oder verunsichert?

Es gibt viele, die relativ gut aufgeklärt sind. Fragen haben dennoch fast alle. Mädchen aus anderen Kulturkreisen oder sehr traditionellen Familien sind oft sehr verunsichert: Was ist das weiße Zeug in der Unterhose? Heißt es, ich bin schmutzig?

Wenn ich das höre, blutet mir das Herz. Das macht mich traurig, wenn Mädchen zu Hause solche Dinge nicht besprechen können, obwohl sie aus einer Großfamilie kommen. Es ist eine Herausforderung für diese jungen Frauen, später Selbstbewusstsein und eine positive Einstellung zur eigenen Sexualität zu entwickeln.

Wenn Sie an die Pubertät Ihrer Tochter denken, gibt es da etwas, das Sie heute anders machen würden?

Ja – und das rate ich allen – die Gefühlsausbrüche und die Dinge, die die Teenies uns entgegenschleudern, nicht persönlich zu nehmen. Also eine große Menge Gelassenheit und Toleranz würde ich mir selber raten. Ich würde Eltern auch empfehlen, dass sie schon vor der Pubertät den Umgang ihrer Kinder mit dem Smartphone mehr einschränken. Meine Tochter sagt, dass die Körperbilder, die Teenies plagen, von Social Media kommen.

Bei ihr sind alle Fragen erlaubt: Frauenärztin Sheila de Liz.
Bei ihr sind alle Fragen erlaubt: Frauenärztin Sheila de Liz. | Bild: Gaby Gerster

Bei manchen Mädchen zeigt sich schon mit acht, neun Jahren ein Brustansatz. Wann beginnt die Pubertät?

Im Schnitt beginnt die Pubertät mit elf Jahren. Manche sind früher dran – das sind häufig Mädchen mit südländischen Wurzeln. Bei anderen tut sich bis 13, 14 Jahre noch nichts.

Wie verändert sich der Körper in der Pubertät, bevor die Periode einsetzt?

Am Anfang steht meistens die Brustentwicklung. Manchmal wachsen die Schamhaare schon vorher, aber meist setzt deren Wachstum erst etwas später ein. Mit etwas Zeitverzögerung beginnt dann die Periode. Vaginaler Ausfluss in der Unterhose zeigt sich ungefähr ein Jahr, bevor die Periode einsetzt.

Die Periode ist dann plötzlich da, meist, wenn die Mädchen gar nicht damit rechnen. Binden sind einfach zu benutzen, mit Tampons und Menstruationstassen tun sich viele anfangs schwer. Welchen Tipp haben Sie?

Zuerst ist es wichtig sich klarzumachen, wie die Vagina verläuft. Sie ist kein Schlauch, der einfach kerzengerade wie ein Aufzug nach oben geht, sondern schräg nach hinten – wie eine Rutsche auf dem Spielplatz. In diese Richtung muss man den Tampon einschieben. Ich empfehle für den Anfang, die kleinste Größe zu verwenden. Wenn man sehr ängstlich ist, kann man anfangs auch etwas Vaseline auf den Tampon geben. Ansonsten – ganz viel Zeit lassen. Es braucht ein bisschen Übung.

Ist die erste Regel auch ein Grund, das erste Mal zur Frauenärztin zu gehen?

Nein, auf keinen Fall. Die Periode ist kein Grund, das Mädchen zum Frauenarzt zu schleppen. Das ist Quatsch. Wenn ein Mädchen in diesem Alter blutet, ist alles in Ordnung. Im Gegenteil: Ich halte einen Frauenarzt-Besuch in diesem Fall sogar für schädlich. So vermittelt man Mädchen, dass der weibliche Zyklus und alles, was dazu gehört, etwas Unberechenbares ist, was es unbedingt zu überwachen und zu kontrollieren gilt.

Manche junge Frauen haben starke Regelschmerzen. Sie schreiben, dass die Pille in manchen Fällen helfen kann. Wann raten Sie dazu?

Wenn alles andere ausgeschöpft ist. Je jünger die Mädels sind, desto vorsichtiger bin ich. Wenn ein Mädchen deshalb zwei bis drei Tage pro Monat nicht aus dem Bett kommt und die Schule versäumt, dann kann die Pille helfen.

Viele Eltern haben jedoch große Vorbehalte gegen Schmerzmittel bei ihren Kindern. Diese Angst möchte ich ihnen nehmen – man kann ruhig Substanzen wie Ibuprofen versuchen. Und ich rate, nicht zu lange damit zu warten. Denn je früher man das Schmerzmittel gibt, desto besser hilft es. Wenn das alles nichts bringt, dann rate ich zur Pille. Sie kann sehr gut gegen Regelschmerzen helfen. Doch sie kann potentielle Nebenwirkungen haben, deshalb muss man die Entscheidung gut abwägen.

Über Selbstbefriedigung sprechen Frauen und Mädchen öffentlich nur wenig. Sie nennen die Klitoris die Hauptzentrale der Lust, eine DJane am Mischpult, von der alle guten sexuellen Gefühle kommen. Was raten Sie Mädchen, um ihre Klitoris kennenzulernen?

Viele Mädchen fragen mich: Sehe ich normal unten aus, ist das alles okay? Eigentlich entdeckt man von alleine, dass die Klitoris gute Gefühle macht. Wenn die Mädels sagen, ich habe mich noch nie selbst befriedigt, dann ist es wichtig, sie zuerst zu beruhigen. Denn alles hat seine Zeit. Jeder entwickelt sich anders. Wenn jemand aber neugierig ist und gucken will, was da passiert, dann rate ich natürlich, sich selbst anzufassen und zu spüren, wie es ist. Oder auch mit dem Spiegel zu schauen, wie das eigene Geschlecht aussieht. Man kann auch mal einen Duschkopf dranhalten. Es kann nichts kaputt gehen. Ich sage immer, führe keine Alltagsgegenstände in deine Vagina, dann bleibt alles safe.

Das Buch: Sheila de Liz: „Girl on Fire“, Rowohlt Polaris, 288 Seiten, 16 Euro
Das Buch: Sheila de Liz: „Girl on Fire“, Rowohlt Polaris, 288 Seiten, 16 Euro | Bild: rowohlt

Nicht nur der Körper, auch die Launen ändern sich in der Pubertät. Viele Mädchen werden schnell aggressiv und wissen nicht, wohin mit ihrer Wut. Woher kommen diese Stimmungsschwankungen, und wie kommt man als Mädchen damit zurecht?

Das liegt daran, dass das Gehirn, wie alle anderen Organe, anfängt zu wachsen. Nur fängt eben dieser Teil an zu wachsen, der sehr alt ist und der für Reflexe und Emotionen zuständig ist. Er reagiert sehr empfindlich auf die Hormone. Wohingegen der andere Teil des Gehirns, der alles regelt und vernünftiger einteilen und verarbeiten kann, der schläft noch. Deswegen sind die Mädels diesen Auswirkungen der Hormone auf das Gehirn schonungslos ausgesetzt.

Die Ausbrüche können ganz schön heftig sein. Wie sollten Eltern reagieren?

Man sollte sein Kind, auch wenn es das nicht will, in den Arm nehmen und sagen: Du kannst da ein Stückweit gar nichts dafür, dass du dich aufführst wie eine Furie, wenn du Türen knallst oder dich selbst nicht mehr magst. Viele Mädchen merken auch, dass sie sich von ihren Eltern distanzieren wollen und verstehen das nicht, weil sie doch bisher wie beste Freunde waren.

Es kommen Gedanken, wie: Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich so mit meinen Eltern umgehe? Doch es gehört zum Wachstum dazu. Man wächst ja auch innerlich: Die Seele und die Wahrnehmung durchlaufen eine Art Metamorphose. Wenn man ihnen das erklärt, gibt man ihnen ein Stück Sicherheit.

Der erste Sex – gibt es den richtigen Zeitpunkt dafür?

Der richtige Zeitpunkt ist, wenn das Mädchen aus freien Stücken, alleine und selbstbewusst entscheidet: Jetzt möchte ich auch wissen, wie das ist. Und nicht, weil es denkt, ich muss das tun, weil es alle anderen tun. Oder, weil mein Partner es verlangt. Dieser Zeitpunkt kann mit 14 oder auch mit 20 Jahren sein. Das ist bei jedem anders.

Wie sollte das erste Mal ablaufen, und was darf dabei nicht passieren?

Was auf keinen Fall passieren darf, ist, dass man etwas tut, worauf man keine Lust hat, was einem Angst macht oder wo der innere Kompass „Nein“ sagt. Auch wehtun darf es nicht. Es muss verhütet werden. Und das Alter muss stimmen. Eine 13-Jährige darf nicht mit einem 21-Jährigen Sex haben. Alle sexuellen Handlungen an, vor und mit einem Kind unter 14 Jahren gelten als Missbrauch.

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Wie sollten die Mädchen verhüten?

Wenn es um das Thema zuverlässige Verhütung geht, rate ich zur Pille. Und natürlich zu Kondomen wegen Geschlechtskrankheiten. Nimmt man die Pille regelmäßig ein, ist sie das Sicherste, um eine Schwangerschaft zu vermeiden. Alles andere, wie Spirale oder Verhütungs-Apps, geht gar nicht. Das können Mädchen in diesem Alter noch nicht.

Mädchen sollten sich vor bestimmten Jungen hüten, den „Vollhonks“, wie Sie sie nennen. Was sind das für Typen?

In den 80er Jahren waren das solche Macho-Typen, die uns Mädchen eingeschüchtert haben. Dieser Typ Mann ist immer noch unterwegs, und davor will ich Mädchen schützen. „Es ist normal, wenn Sex wehtut“, „Wenn du bis 19 immer noch keinen Sex hattest, dann bist du aber prüde“: Das sind Sprüche, die sie verwenden.

Sie versuchen, das Selbstbewusstsein der Mädchen zu untergraben und bedrängen sie mit bösen Tricks, um zu bekommen, was sie wollen: „Nein, ich will kein Kondom verwenden, sonst kann ich dich nicht richtig spüren. Ich will dir ganz nah sein!“ Ein junger Mann, der es wert ist, hört auf, wenn er merkt, dass seine Freundin Schmerzen hat beim Sex. Der Vollhonk sagt: „Jetzt lass mich mal schnell zu Ende machen. Dann gehste zum Arzt, weil mit dir stimmt irgendwas nicht. Bei mir hat sich noch nie eine beschwert.“