Herr Prof. Kreuter. Immer mehr Menschen erkranken an der Gürtelrose: Herpes Zoster. Ich habe auf der Homepage des Robert Koch Instituts gelesen, dass jedes Jahr 300.000 Menschen an Herpes Zoster erkranken. Eine Zahl, die auch Sie überrascht?

Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es mittlerweile noch mehr sind. Es kursieren auch Zahlen von mehr als 700.000 Betroffenen jährlich. Die Zahl der vollstationären Herpes-zoster-Patienten hat im Zeitraum von 2009 bis 2019 um 57 Prozent zugenommen.

Man geht davon aus, dass rund 30 Prozent aller Menschen in ihrem Leben eine Gürtelrose entwickeln. Es handelt sich ja dabei um die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus, und das ist der extrem ansteckende Erreger, der im Kindesalter zu Windpocken führt. Die haben wir – sofern wir nicht dagegen geimpft sind – fast alle durchgemacht, die Basis für die Gürtelrose ist also ausgesprochen breit angelegt.

Bild 1: Gürtelrose breitet sich aus und ist gefährlicher als man denkt: Arzt erklärt, was jetzt zu tun ist
Bild: Zittlau

Was führt denn dazu, dass die Viren wieder reaktiviert werden?

Eine Schwächung der T-Zellen-Immunität. Die T-Zellen leisten einen zentralen Beitrag in der Abwehr von viralen Infektionen, und wenn ihre Aktivität zurückgeht, können auch Herpes-Zoster-Viren reaktiviert werden.

Wodurch erhöht sich denn das Risiko für diese Schwächung?

Der wichtigste Risikofaktor ist das Alter. Vor allem ab 60 aufwärts. Wobei wir in letzter Zeit auch immer öfter jüngere Patienten im Alter von 20 bis 40 sehen.

Warum das?

Das liegt vermutlich an deren Freizeitverhalten, und zwar explizit daran, dass sie gerne Sonnenbäder nehmen. Das Problem daran: UV-Bestrahlung wirkt immunsuppressiv.

Die meisten von uns werden das schon mal am eigenen Körper erfahren haben: Man geht in die grelle Sonne, und bekommen dann Bläschen an den Lippen, weil die in unserem Körper persistierenden Herpes-Simplex-Viren aktiviert wurden. Das gilt auch für Herpes Zoster.

Welche weiteren Risikofaktoren gibt es?

Alles, was die T-Zellen-Immunität unterdrückt. Als Risikogruppe sind beispielsweise auch HIV-Patienten zu nennen; und alle, die ein immunsuppressives Medikament einnehmen, also beispielsweise Patienten mit Rheuma oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.

Wie ist es mit den Corona-Impfungen? Laut einer aktuellen Studie soll sich das Herpes-Zoster-Risiko dadurch fast verdoppeln?

Ja, auch in diesem Zusammenhang beobachten wir vermehrt Herpes-Zoster-Fälle. Sowohl nach der ersten, als auch nach der zweiten Covid-Impfung. Sie beanspruchen offenbar die Immunabwehr so stark, dass es zu einer Reaktivierung von Varizella Zoster kommt.

Man hört, dass Frauen öfter an Herpes Zoster erkranken als Männer.

Das können wir nicht bestätigen. Es kursieren zwar entsprechende Zahlen in der Literatur, doch bei uns in der Klinik sind die Zahlen bei Männern und Frauen relativ ausgeglichen.

Kommen wir zu den Symptomen.

Da muss man zwischen den Frühsymptomen, den so genannten Prodromi, und den späteren Symptomen der Post-Zoster-Neuralgie unterscheiden, wenn die Krankheit einen schweren Verlauf genommen hat. Zu den Frühsymptomen zählt das typische Gürtelrose-Ekzem auf der Haut. Das sind – meistens in Gruppen stehende – Bläschen entlang des Nervenstrangs, der von den Viren befallen ist.

Aber manchmal kommt es auch nicht zu dieser sichtbaren Hauterscheinungen, oder sie sind nicht ohne weiteres sichtbar, und der Patient klagt nur über Schmerzen. Menschen mit akutem, einseitigem Kopfschmerz sollten sich unbedingt bei einem Arzt vorstellen, damit man ihre Kopfhaut auf Hautbläschen untersucht.

Es kommt nicht selten vor, dass man bei einem Patienten wegen seines halbseitigen Kopfschmerzes eine Migräne vermutet, er aber tatsächlich einen Herpes Zoster im Trigeminus-Nerv hat. Und die beiden Krankheiten werden ja unterschiedlich behandelt.

Was können Sie zur Post-Zoster-Neuralgie sagen?

Das ist wirklich etwas ganz Schlimmes, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Der Patient bekommt dann heftigste Schmerzen entlang der Nervenstränge, und das mitunter für mehrere Monate oder Jahre.

Und hauptsächlich betroffen sind nicht etwa die Areale im Beckenbereich, wie es aufgrund des Begriffs „Gürtelrose“ gerne unterstellt wird. Sondern der Oberkörper, vor allem an den Flanken.

Und eben die Trigeminus-Nerven im Gesicht, was nicht nur zu extrem heftigen Schmerzen führen, sondern sich auch auf das Auge ausweiten kann. Manchmal kommt es sogar zu einer Lähmung der Gesichtsmuskeln.

Eine Lähmung?

Ja. Wir hatten in letzter Zeit auch öfter Herpes-zoster-Patienten, die ihren Arm nicht mehr heben konnten. Die Krankheit kann nicht nur die sensiblen, sondern auch die motorischen Nervenfasern treffen.

Gruselig. Was kann man therapeutisch gegen die Krankheit tun?

Man verabreicht das Virostatikum Aciclovir, und das möglichst früh, am besten in den ersten fünf Tagen nach Symptombeginn, um auf diese Weise vielleicht noch die Post-Zoster-Neuralgie zu verhindern. Wer eine Gesichtsneuralgie hat oder – aus welchen Gründen auch immer – immunsupprimiert ist, sollte das Mittel intravenös in der Klinik bekommen.

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Gibt es eine Impfung?

Für Kinder ab dem neunten Lebensmonat gibt es einen Lebendimpfstoff, der in der Regel zusammen mit den Vakzinen für Mumps, Masern und Röteln verabreicht wird. Für Erwachsene wurde auch ein Lebendimpfstoff entwickelt, doch die Stiko (Ständige Impfkommission) hat ihn aufgrund seiner eingeschränkten Wirksamkeit nie als Standardimpfung empfohlen.

Er ist außerdem nicht für Menschen mit Immunschwäche nicht zugelassen, und das sind gerade die, die wir eigentlich schützen wollen. Aber es gibt auch einen Totimpfstoff, der von der Stiko für all Menschen über 60 empfohlen wird.

Bei den Über-70-jährigen kann er in 90 bis 100 Prozent der Fälle verhindern, dass es zur Post-Zoster-Neuralgie kommt. Das Vakzin kommt aber leider hierzulande viel zu selten zum Einsatz.

Wie viele Dosen werden davon verabreicht?

Zwei, im Abstand von zwei bis sechs Monaten. Und die gesetzlichen Krankenassen bezahlen das. Ich kann nur dringend dazu raten. Denn Sie haben ja gesehen, dass die Gürtelrose wirklich einen viel schlimmeren Verlauf nehmen kann, als man es ihr vom Namen her zutraut.