Das Wernesgrüner Pils steht auf dem Küchenschrank, daneben ist der Tisch samt Tafelbutter in Originalpapier fürs Frühstück gedeckt. Es ist das Jahr 1983, wie der Kalender an der Schranktür verrät. Das breite Möbel steht in einer typischen DDR-Plattenbauwohnung jener Zeit.

Mit der neuen Ausstellung will das Stadtmuseum Auerbach im sächsischen Vogtland die Illusion einer Zeitreise in die DDR erschaffen. Dazu wurde eine Neubauwohnung originalgetreu nachgestaltet. Sie ist nun der der neue Besuchermagnet des Hauses.

DDR-Biere, Spirituosen und Gemüsekonserven sind in der Küche in Griffweite.
DDR-Biere, Spirituosen und Gemüsekonserven sind in der Küche in Griffweite. | Bild: Hendrik Schmidt

Nicht nur DDR-typische Möbel finden sich in den Zimmern. Die Schränke sind mit Geschirr gefüllt, Dekoration aus vergangener Zeit steht auf den Regalen, Spielzeug und die beliebten Plüschfiguren Pittiplatsch, Schnatterinchen und Moppi liegen im Kinderzimmer parat.

Ein Teil „deutsches Kulturgut“

Die Sammlung stammt von Roland Schmidt, dem ehemaligen Chef der Auerbacher Wohnungsbaugenossenschaft. „Die Sachen gehören zum deutschen Kulturgut. Jüngere Menschen sollen sehen, wie wir damals gelebt haben“, sagt der heutige Rentner. Seine Sammelleidenschaft hat vor mehr als 30 Jahren begonnen – in einer Zeit, in der viele die Alltagsgegenstände der DDR eher loswerden wollten.

Die Schränke, die Tapete, das Geschirr aus Keramik und Kunststoff – alles original Ost: So sieht die Küche in der nachgebauten ...
Die Schränke, die Tapete, das Geschirr aus Keramik und Kunststoff – alles original Ost: So sieht die Küche in der nachgebauten DDR-Wohnung aus. | Bild: Hendrik Schmidt

Schmidt bewahrte sie in einer leerstehenden Wohnung der Genossenschaft auf. „Viele Menschen haben mir Sachen geschenkt, einiges habe ich auch vom Trödelmarkt bekommen.“

Für die nachgebaute Neubauwohnung steht im Museum eine Fläche von mehr als 120 Quadratmetern zur Verfügung. „Selbst die Badzelle wurde wieder aufgebaut, mit originalen Lichtschaltern“, sagt Schmidt. All das ermögliche den Gästen eine Ost-Zeitreise in die 1980er Jahre. „Es ist die Zeit, in der ich damals als Mittzwanziger selbst gelebt habe.“

Der Farbgeschmack bei der Badeinrichtung hat sich seit den 1980er Jahren geändert. Viele sagen vermutlich: zum Glück.
Der Farbgeschmack bei der Badeinrichtung hat sich seit den 1980er Jahren geändert. Viele sagen vermutlich: zum Glück. | Bild: Hendrik Schmidt

Andere Museen mit DDR-Gegenständen hätten weniger Glück gehabt, sagt Conny Kaden als Leiter des DDR-Museums Pirna nahe Dresden – der größten Einrichtung dieser Art in Sachsen. Umfangreiche Sammlungen seien in den vergangenen Jahren aufgelöst worden. „Die Gründe sind vielfältig, oftmals scheitert es an geeigneten Räumen.“

Woran es meistens nicht mangele, sei das Besucherinteresse, sagt Kaden. „Die Menschen mögen es, sich an Details zu erinnern. Sie loben oft die Kleinigkeiten, die sie aus ihrem früheren Alltag kennen.“

Die Stationen eines Lebens in der DDR

Seit 2005 zeigt er in seinem Privatmuseum auf 2000 Quadratmetern DDR-Geschichte mit den wichtigsten Etappen des damaligen Lebens – mit einer Geburtenstation, einem Kindergarten und einer Schule bis hin zum Erwachsenenalltag mit einem Besuch im Konsum oder einem Campingausflug.

Ihm habe es leidgetan, als Anfang der 1990er Jahre die großen Sperrmüllhaufen an den Straßen standen, mit den Gegenständen aus einer vergangenen Zeit. „Damals habe ich angefangen, zu sammeln.“

Über mangelndes Besucherinteresse kann auch das privat geführte DDR Museum im DomAquarée in Berlin-Mitte gegenüber dem Dom nicht klagen. Es behandelt in seiner Dauerausstellung das Leben und die Alltagskultur der DDR. 2015 gehörte es mit 584.000 Besuchern zu den meistbesuchten Museen und Gedenkstätten Berlins.

Ein Blick in die Lebenswelt der früheren DDR-Bürger kann auch deshalb aufschlussreich sein, weil viele dort gezeigte Möbel und Haushaltsgeräte fabrikneu den Weg in den Westen fanden. Die DDR brauchte vor allem in den 80er-Jahren Devisen, und dafür waren die Einnahmen aus dem Warenexport eine wichtige Quelle.

Das Versandhaus Quelle oder der Möbelhändler Ikea nutzten das Billiglohnland DDR als verlängerte Werkbank. 1985 kaufte allein Quelle nach Informationen des Mitteldeutschen Rundfunks in der DDR Produkte im Wert von mehr als 29 Millionen D-Mark.

„Queerbeet“, erinnert sich der damalige Quelle-Manager Willi Harrer, habe man in Ostdeutschland eingekauft. „Das ging von Haus- und Heimtextilien, über Kinderkonfektion, aber auch über Möbel, bis hin zu Elektronikgeräten.“ Wer im Westen Haushaltsgeräte der Marke „Privileg“ bestellte, wusste meist nicht, dass sie aus der DDR kamen.

Die Kombinate Robotron in Dresden, Rundfunk- und Fernmeldetechnik (RFT), Mikroelektronik Erfurt und Carl Zeiss Jena stellten seit 1964 Apparate und Geräte für „Privileg“ her. In der DDR wurden die Haartrockner, Staubsauger, Kühlschränke oder Näh- und Schreibmaschinen (“Erika“) unter einem anderen Markennamen verkauft.

„Hervorragende Qualität“

Ex-Manager Harrer lobt noch heute die „hervorragende handwerkliche Qualität“ der Produkte wie etwa die Spiegelreflexkameras der Marke „Praktica“ aus Dresden-Niedersedlitz, die bei Quelle unter dem Namen „RevueFlex“ verkauft wurden. Carl Zeiss Jena überzeugte im Westen mit dem Fernglas „Dekarem“, auch die Kaffeemühle von AKA-electric, der Plattenspieler RFT SP 3001 oder der Diabetrachter Pentacon DB 1 hatten im Westen sichere Kundschaft.

Bild 4: Eine Zeitreise in die Plattenbauwohnung: So wohnte man in der DDR
Bild: VEIT_SCHAGOW

Moderne Schrankwände schickte der VEB Deutsche Werkstätten Hellerau in den westdeutschen Handel. Dort fanden die funktionalen Nußbaumimitate guten Absatz. Die 1898 in Dresden-Hellerau gegründeten Deutschen Werkstätten hatten in den 1930er-Jahren den Gedanken entwickelt, den Kunden über einen langen Zeitraum hinweg Möbel der gleichen Serie anbieten zu können, damit man seine Ausstattung schrittweise ergänzen konnte. Dieses Prinzip wurde in der DDR beibehalten.

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Auf der Jagd nach Devisen nahmen die Planer in Ostberlin in Kauf, dass im eigenen Land Ladenregale leer blieben, weil die DDR-Ware in den Export ging. „Im Winter 82 gab es keinen Kaffee und keine Bettwäsche, weil die in den Westen gingen“, erinnert sich der Leipziger Buchautor und Historiker Henner Kotte im Gespräch mit dem SÜDKURIER.

Und dann konnte es vorkommen, dass im Geschenkpaket aus dem Westen neben der Nivea-Creme Esda Feinstrumpfhosen aus Oberlungwitz bei Zwickau in Sachsen lagen. Kotte dazu: „Das war schon schizophren.“