Frau Diessner, haben Sie heute Morgen schon was für Ihre Gelenke getan?

(lacht) Ja, ich bin 20 Minuten zu Hause auf meinem Laufband gelaufen. Das mache ich, um morgens in die Gänge zu kommen.

Dass es in den Gelenken knackt, wenn man zum Beispiel in die Knie geht, kennt jeder. Ist das ein Vorbote der Arthrose?

Knacken ist nichts Ernstes. Das weist immer auf ein muskuläres Problem hin. Der Oberschenkelmuskel zieht im Beuge- und Streckvorgang die Kniescheibe nach oben und unten. Wenn er zu schwach ist, dann prallt die Kniescheibe gegen den Oberschenkelknochen. Dabei entstehen kleine Gasbläschen, die „knack“ machen. Viel gefährlicher sind die leisen Geräusche, wie Knirschen oder Reiben. Dann ist Arthrose im Anmarsch, eine mit der Zeit irrreversible degenerative Gelenkzerstörung.

Meike Diessner, 45, ist Fachärztin für Physikalische Therapie und Rehabilitation, Konservative Orthopädie und Ernährungs- und ...
Meike Diessner, 45, ist Fachärztin für Physikalische Therapie und Rehabilitation, Konservative Orthopädie und Ernährungs- und Sportmedizinerin. Die Autorin von „Natürlich schlank“ leitet die Praxis für Integrative Orthopädie Bochum bei den ATOS-Kliniken. | Bild: Sacha Höchstetter

Arthrose ist mit einem fortschreitenden Knorpelverlust verbunden, der im Krankheitsverlauf zunehmend Gelenkschmerzen verursacht und die Beweglichkeit beeinträchtigt. Gibt es frühe Anzeichen für Arthrose?

Ja und nein. Das ist sehr individuell. Manche Menschen merken gar nichts, und dann durch irgendeine Bagatelle, wie ein Umknick- oder Drehtrauma, ist es plötzlich da. Manche Patienten spüren ein Reiben hinter der Kniescheibe, das sich anfühlt wie Schmirgelpapier. Oder es entsteht beispielsweise nach einer Bergwanderung plötzlich eine Schwellung am Knie mit einer Überwärmung.

Was weiß man zu den Ursachen?

Die Arthrose ist multifaktoriell. Einerseits gibt es einen erblichen Faktor. Wenn die Eltern Arthrose haben, haben die Kinder in der Regel auch eine Veranlagung dazu. Es kommt aber auch auf die sportliche Aktivität an. Sowohl die hyperaktiven „Duracell-Häschen“ als auch die Couch-Potatoes haben durch ihre Zwangshaltung, Inaktivität, wie stundenlanges Sitzen am Schreibtisch oder auf dem Sofa, ein höheres Risiko, eine Arthrose zu entwickeln. Wer überflüssige Pfunde mit sich herumschleppt, setzt seine großen Beweger zusätzlich unter Druck.

Auch die Arthritis geht mit einem chronischen Entzündungsprozess einher. Wodurch unterscheidet sie sich von der Arthrose?

Eine Arthritis nimmt einen umgekehrten Verlauf. Bei ihr geht es mit einer fulminanten Aktivierung los: Eine Arthritis ist laut, sage ich immer. Sie kündigt sich mit einer starken Schwellung, Schmerzen, einer Überwärmung, teils auch mit einer Rötung des Gelenks an. Durch diese Entzündungsprozesse entstehen irgendwann Gelenkzerstörungen. Bei der Arthrose schleichen sich die Verschleißerscheinungen still heran: Irgendwann kippt dann die Situation durch eine sportliche Überbelastung oder eben eine kleinere Verletzung des Gelenkes. Dann entstehen Entzündungen aufgrund der Verschleißerkrankungen.

Kann sich aus einer Arthritis auch eine Arthrose entwickeln?

Ja. Je mehr Entzündungsschübe man bei einer Arthritis hat, desto mehr verschleißen durch die Entzündung auch die Gelenke. Dieser Gelenkverschleiß wird ja als Arthrose bezeichnet.

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Hilft im akuten Zustand, eine Woche hoch dosiert das Schmerzmittel Ibuprofen einzunehmen?

Ja, das hilft in der Tat. Das Gefährliche ist ja auch, dass sich durch die Schmerzen ein Schongang, ein falsches Abrollen, einstellt. Deswegen empfehle ich schon, wenn starke oder lang andauernde Schmerzen da sind, lieber auch mal über vier bis fünf Tage oder eine Woche, je nach Intensität, Schmerzmittel einzunehmen. Sie wirken auch entzündungshemmend. Paracetamol oder Novalgin würde nichts nützen, weil sie nicht anti-entzündlich wirken.

Wenn man also eine Arthritis gut behandelt, entwickelt sich daraus nicht unbedingt eine Arthrose?

Genau. Wichtig ist es, sie früh zu erkennen und zu behandeln. Arthritis ist ein Sammelbegriff für viele entzündliche Gelenkerkrankungen. Neben dem klassischen Rheuma, können auch Magen-Darm-Erreger, Atemwegserreger eine solche Entzündung auslösen oder Borrelien nach einem Zeckenbiss.

Was kann man mit der Diagnose Arthrose tun, um ein Fortschreiten möglichst hinauszuzögern?

Bewegen, bewegen, bewegen und auf ein gelenkschonendes Training achten. Gelenke mögen keine Sportarten mit schnellen Richtungswechseln oder Stop-and-Go-Bewegungen, wie bei den Ballsportarten. Auch beim Joggen haben wir diese Stauchungsbelastung. Gut sind Radfahren, Kraulschwimmen, Aqua-Gymastik, Walken. Wichtig ist auch bei der Schreibtischarbeit, den Körper zwischendurch zu dehnen, aufzustehen und eine Runde zu drehen.

Hat jemand, der jeden Tag joggen geht, ein erhöhtes Risiko, eine Kniegelenksarthrose zu entwickeln?

Ja. Das Joggen auf Asphalt, aber auch langfristig auf Waldboden, prädisponiert dazu, dass irgendwann der Knorpel überbelastet ist. Durch die ständige Stauchungsbelastung werden immer wieder kleine Mikroflakes vom Knorpel abgestoßen. Irgendwann sind Knorpeldefekte und damit die Arthrose da. Eine bessere Alternative wäre das schnelle Gehen, das Walken oder Aqua-Jogging.

Das Buch: Dr. med. Meike Diessner: „Gelenke im Glück. So läuft es wie geschmiert“, Gräfe und Unzer, 240 Seiten, 24 Euro
Das Buch: Dr. med. Meike Diessner: „Gelenke im Glück. So läuft es wie geschmiert“, Gräfe und Unzer, 240 Seiten, 24 Euro | Bild: Gräfe und Unzer

Sie schreiben Stöckelschuhe seien Gift für die Gelenke. Warum?

Bei den Stöckelschuhen verteilt sich die Drucklast des Körpers auf eine relativ kleine Fläche. Gelenkschonender sind Schuhe, die unser Fußgewölbe unterstützen. Ich empfehle auch die sogenannten Barfußschuhe. Schuhe sollten gut sitzen, weder zu fest noch zu locker.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Eine große. Wenn ich nur Junk-Food oder viel Schweinefleisch esse, dann entstehen chronische Entzündungen in den Gelenken. Auch das ist ein Faktor, der Arthrose begünstigt. Man kann die Gelenke in einem gewissen Rahmen wieder fit füttern – über eine antientzündliche Ernährung mit Antioxidantien. Diese löschen chronische Entzündungen an den Gelenken: Zum Beispiel Gemüse und Obst mit dunkler Schale, wie Heidelbeeren, Brombeeren, Kirschen, Auberginen. Man braucht keine exotischen Superfoods, wie Acai- oder Gojibeere. Und Omega-3-Fettsäuren über fetten Seefisch, Lein- und Rapsöl.