Die Suche nach den Ahnen beginnt mit einem DNA-Test. In einer Box, groß wie eine Pralinenschachtel, befinden sich ein Plastikröhrchen, ein Probebeutel mit einem saugfähigen Vlies sowie ein vorfrankierter Minikarton. Ein seltsames Gefühl überkommt einen beim Anblick der medizinisch angehauchten Produkte, als sei man in einer Arztpraxis oder in einem Polizeirevier.

Ein Faltblatt erklärt weitere Schritte: Das Röhrchen bis zur schwarzen Linie mit Speichel füllen, Trichter abnehmen, Deckel drauf, Röhrchen schütteln, in den Probebeutel stecken und abschicken.

„DNA entschlüsselt Familiengeschichte“

Als Empfänger fungiert das Online-Ahnenforschungsportal Ancestry (deutsch: Abstammung). Und die Speichelprobe ist die Grundlage einer genetischen Herkunftsanalyse, die das Portal Kunden anbietet. „Deine DNA entschlüsselt deine Familiengeschichte“, wirbt das Unternehmen vollmundig auf seiner Webseite.

Bevor man die Speichelprobe abgibt, muss man online ein Konto aktivieren, wo man die eigene Familiengeschichte erforschen oder einen Stammbaum erstellen kann. 45 Euro kostet die Probemitgliedschaft samt DNA-Test. Nach Eingang der Probe dauert es sechs bis acht Wochen, bis die Testergebnisse online vorliegen. Man erfährt dann zum Beispiel, dass die eigenen Wurzeln zu 62 Prozent im „germanischen Europa“, zu 19 Prozent in Wales sowie zu 11 Prozent in Schweden liegen.

Die Analyse der Gensequenz kann Erkenntnisse über die Herkunft ferner Vorfahren liefern. Ob das aber wirklich einen Erkenntnisgewinn bringt?
Die Analyse der Gensequenz kann Erkenntnisse über die Herkunft ferner Vorfahren liefern. Ob das aber wirklich einen Erkenntnisgewinn bringt? | Bild: adimas – stock.adobe.com

Vater war ein US-Soldat

Auf der Webseite von Ancestry werden begeisterte Nutzer zitiert: „Als Kriegswaise wusste ich weder meinen Geburtsnamen, -ort oder -datum. Dank Ancestry-DNA habe ich eine Identität bekommen“, wird eine Frau aus Regensburg zitiert. In einem anderen Fall soll ein Mann aus Schleswig-Holstein mithilfe von Ancestry herausgefunden haben, dass sein leiblicher Vater der Sohn eines amerikanischen GI ist, der in Nürnberg stationiert war.

Weitergabe an Gewinnspielanbieter?

Die DNA-Genealogie ist ein Werkzeug, dunkle Familiengeheimnisse zu lüften. Doch die Stammbaumforschung ist nicht ohne Risiko: Die Nutzer geben mit ihrer Speichelprobe sensible genetische Informationen preis. Zwar betont Ancestry, dass die DNA-Tests sicher und vertraulich seien. Trotzdem findet sich in der Datenschutzerklärung des Portals der versteckte Hinweis, dass Daten an externe Dienstleister wie etwa Zahlungsabwickler oder Anbieter von Gewinnspielen und Werbeaktionen weitergegeben werden können.

Um welche Daten und welche Unternehmen es sich dabei handelt, wollte Ancestry auf Anfrage nicht mitteilen. Nur so viel: „Der Schutz der Daten unserer Kunden ist unsere oberste Priorität. Wir teilen keine DNA-Daten mit Versicherern, Arbeitgebern oder Drittparteien.“ Auch würden keine Daten mit Behörden geteilt – es sei denn, es liege ein Gerichtsbeschluss vor.

Hilfe für Mordermittler

Ahnenforschungsportale bergen einen kriminalistischen Datenschatz. So konnte der berüchtigte „Golden State Killer“, der zwischen 1976 and 1986 zwölf Menschen umbrachte und 45 Frauen in Kalifornien vergewaltigte, mithilfe einer Genealogie-Webseite aufgespürt werden. Zwar gelang es den Ermittlern, DNA-Spuren an den Tatorten zu identifizieren. Der Abgleich mit der Datenbank ergab jedoch keinen Treffer. Dann stießen die Ermittler auf eine weitere Quelle: Gedmatch.com, eine Webseite, wo über eine Million DNA-Profile gespeichert sind. Die DNA eines Verwandten führte zu dem Täter. Wer seine Speichelprobe abgibt, muss damit rechnen, dass er unfreiwillig einen kriminellen Verwandten ans Messer liefert.

Zugriff der Gerichte möglich

Zwar können Kunden bei Ancestry jederzeit die Löschung ihres Accounts, ihrer DNA-Daten sowie die Entsorgung der Speichelprobe beantragen. Die Daten würden aber „auf unbestimmte Zeit gespeichert“, weil der Kunde weiter Updates und Matches in seinem Account zur Verfügung gestellt bekomme. Das heißt, solange die genetischen Informationen in der Datenbank gespeichert sind, können Strafverfolgungsbehörden darauf zugreifen, wenn ein Gerichtbeschluss vorliegt.

Nicht nur Behörden, auch Firmen interessieren sich für die genetischen Daten – allen voran Pharmakonzerne und Versicherungen. So hat die kalifornische Firma 23andMe, die auch DNA-Tests anbietet, mit dem Pharmariesen GlaxoSmithKline einen 300 Millionen Dollar schweren Deal über den Austausch von Gendaten geschlossen. Zwar werden die Daten in anonymisierter Form übermittelt und Nutzer können das vorher ausschließen (Opting-Out).

Disposition für Hautkrebs?

Trotzdem gibt es Bedenken. Was wäre, wenn die DNA-Profile mit anderen Daten kombiniert werden? Könnte man dann Rückschlüsse auf Einzelne ziehen? Was wäre, wenn jemand nach Solarium googelt und eine genetische Disposition für Hautkrebs hat? Wenn eine Versicherung an diese Information gelangt? Wohl gemerkt: 23andMe wurde von der Ehefrau des Google-Mitgründers Sergey Brin gegründet und erhielt von dem Konzern Wagniskapital. Je mehr Dienste Konzerne auf ihre Plattform holen, desto größer ist die Gefahr, dass Daten ausgetauscht werden.

Daten von 92 Millionen Nutzern gehackt

An der Datensicherheit gibt es Zweifel. 2018 wurde bekannt, dass auf dem Ahnenforschungsportal MyHeritage Account-Informationen von 92 Millionen Nutzern gestohlen wurden, darunter E-Mail-Adressen und Passwörter. Zwar waren DNA- und Kreditkartendaten auf einem separaten Server gespeichert. Sicherheitsforscher sind dennoch alarmiert: Hacker könnten nicht nur Passwörter kopieren, sondern auch den genetischen Code eines Menschen. Und das hätte dramatische Konsequenzen. Ein Passwort kann man ändern. Die DNA aber nicht.

Der Autor schickte Ancestry übrigens keine Speichelprobe. Seine genetische Privatsphäre wichtiger als ein neues Puzzleteil in seinem Stammbaum.