Jörg Zittlau

Inzwischen ist es eine Binsenweisheit: Beim Sport verbrennen wir viele Kalorien. Doch er erhöht unseren Energieverbrauch auch in Ruhe, wenn wir im Auto oder vor dem Fernseher sitzen.

Interleukin 6, kurz IL-6, hat in der Medizin eher einen schlechten Ruf. Denn es spielt bei den Entzündungen von Rheuma, Diabetes und auch der akuten Corona-Infektion eine zentrale Rolle. „Doch in bestimmten Situationen erfüllt es auch andere Funktionen“, erklärt Eduardo Ropelle von der Hochschule für angewandte Wissenschaften im brasilianischen Limeira. „Beim und nach dem Sport etwa sorgt es für die Verbrennung von Muskelfett.“

Der Afterburn-Effekt

Der Molekularbiologe forscht zu den Ursachen und Therapien von Übergewicht. Er interessiert sich für den Afterburn-Effekt, womit die Eigenschaft des Körpers gemeint ist, nicht nur während des Sports, sondern auch danach verstärkt Kalorien zu verbrennen.

Als Erklärung für dieses Phänomen glauben Ropelle und sein Team, nun einen Schlüssel gefunden zu haben. Eben IL-6, das auch nach Sport verstärkt ausgeschüttet wird. Und das, wie Ropelle betont, „in Mengen, die – je nach Intensität der Belastung – auf das 100-fache der Ausschüttung in Ruhe ansteigen können“.

Eine Art nervöser Fernzündung

Anhand eines Mäuseexperiment zeigten die Forscher, dass Muskelfett über einer Nervenverbindung zwischen Hypothalamus und Muskel abgebaut wird. Dies würde auch erklären, warum der Afterburn-Effekt über mehrere Stunden andauern kann. Denn während IL-6 im Muskel schon bald nach dem Sport wieder zurückgeht und damit auch an Wirkung verliert, lässt es den Hypothalamus weiter Nervensignale zu den Muskeln abfeuern, so dort auch noch Stunden nach dem Sport vermehrt Fett verbrannt wird. Es geht ihm offenbar durch eine Art nervöser Fernzündung an den Kragen.

Die Forscher sprechen auch von einer „Irritation der Physiologie“. Denn jede sportliche Betätigung ist im Grunde, wie es Theo Stemper von der Universität Wuppertal erklärt, „eine Störung des Gleichgewichts, in dem sich unser Körper im Ruhezustand normalerweise befindet“. Das müsse ausgeglichen werden, wozu der Stoffwechsel hochgefahren wird – auch nach dem Sport.

„Nicht wie ein Automotor“

„Unser Körper funktioniert ja nicht wie ein Automotor, der in der Regel eine halbe Stunde nach seiner Aktivität wieder heruntergekühlt ist“, erklärt der Sportwissenschaftler. Natürlich gibt es nach einer leichten Wanderung keinen sonderlichen Nachbrenneffekt. Es müssen schon mehr als 60, besser sogar bis zu 90 Prozent der maximalen Leistungsfähigkeit abgerufen werden, und das für mindestens 30 Minuten. Dann kann das Nachbrennen 24 Stunden und länger dauern – mit beachtlichen Wirkungen auf den Kalorienverbrauch.

In einer Studie der Queens University im amerikanischen Charlotte ließ man zehn gesunde Männer am Fahrradergometer strampeln, für 45 Minuten, mit knapp 60 Prozent der Maximalleistung. Der dabei und danach erzielte Energieumsatz wurde gemessen und dann mit dem Kalorienverbrauch in Ruhe verglichen. Die Probanden verbrauchten auf dem Ergometer mehr als 500 zusätzliche Kilokalorien (kcal), und dann noch knapp 200 Kcal, die in den ersten 14 Stunden verbrannt wurden. Macht insgesamt 700 Kcal.

Wiederholung kompensiert einen ganzen Essenstag

Wenn man das jetzt dreimal pro Woche macht, kommt schon ein erkleckliches Sümmchen zusammen. Als tägliche Kalorienzufuhr werden für Männer zwischen 25 und 50 Jahren 2400 Kcal, und für Frauen gleichen Alters 1900 Kcal empfohlen. Mit dreimal Sport pro Woche könnte man also – inklusive Nachbrenneffekt – ungefähr die Energieaufnahme eines Essenstags kompensieren.

Noch größer wird der Nachbrenneffekt, wenn man die Intensität nach oben schraubt. US-Forscher ermittelten einen besonders hohen Nachbrenneffekt im Anschluss an ein High Intensity Intervall Training (HIIT), bei dem sich hochintensive 30-Sekunden-Belastungen (mindestens 85 Prozent der Maximalleistung) mit weniger intensiven 30 Sekunden abwechseln. Das kann man erreichen, indem man sich mal im Sprint und mal im gemächlichen Dauerlauftempo über die Joggingstrecke bewegt. Wer dreimal pro Woche nur 30 Minuten Zeit für Sport hat, sollte sie eher für ein hochintensives Intervalltraining als für einen Dauerlauf nutzen.

Verbrennung vor dem Fernseher

Den Nachbrenneffekt bemerkt man in den ersten Minuten daran, dass man tatsächlich erhitzt ist und dementsprechend schwitzt. „Später spürt man dagegen kaum noch etwas“, betont Stemper. Was konkret heißt: Man kann schon geduscht haben und zu Hause entspannt vor dem Fernseher sitzen – und verbrennt immer noch fleißig Kalorien.