Auf dem Mond ist viel Platz. Aber der Autoverkehr dort ist überschaubar. US-Astronauten kurvten Anfang der 70er-Jahre mit ihren Rovern durch den Staub, die Russen setzten zwei Wagen ab, und vor fünf Jahren brachten die Chinesen ihren "Yutu". Hinter allen Missionen standen Staatsbehörden mit massig Geld im Rücken und tausenden von Mitarbeitern.

Es geht auch anders: klein, ohne Vater Staat, aber mit kreativen Köpfen und viel Pioniergeist. Davon spricht Torsten Kriening, Ingenieur der Berliner Start-up-Firma PTscientists vor kleinem Publikum. Das sitzt auf Einladung des Regio Netzwerks BodenseeAIRea im Terminal des Flughafens von Friedrichshafen.

Auch in Deutschland kann man jetzt private Raumfahrt

Staunen, als Kriening ein leichtes Alu-Geländerad durch die Reihen gehen lässt, das man an einem Kinderwagen festschrauben könnte. "Ist in 3D-Technik gedruckt", erklärt der Ingenieur und nennt den Hersteller: Die Audi AG in Ingolstadt. Dort wird man einen Mond-Rover bauen – ein Meter lang und einen halben Meter hoch, mit Kamera-Augen, Solar-Paneelen auf dem breiten Rücken. Eine Techno-Schildkröte für den Mondstaub.

Aber der Ingenieur stürmt voran, seine Botschaft muss raus: "Wir starten im Dezember 2019 mit dem Rover zum Mond!" Die Zuhörer haben kaum Zeit, diesen sportlichen Zeitplan zu verdauen, da kommt der Redner vor seiner Powerpoint-Leinwand mit dem nächsten Hammer rüber. "Die Rakete haben wir schon gekauft." Der Händler: SpaceX, die Raketenfabrik des US-Milliardärs und Raumfahrt-Visionärs Elon Musk. Ein höherer zweistelliger Millionenbetrag wurde in die "Falcon 9" investiert.

Auch in Deutschland kann man also jetzt private Raumfahrt. Acht Jahre lang hat das Team von PTscientists daran geschraubt. Der Informatiker und Start-up-Gründer Robert Böhme (32) hatte zunächst wirklich nur eingie "Part Time Scientists" – "Teilzeitwissenschaftler" – um sich versammelt. Aus Teilzeit ist längst Vollzeit geworden. Für 52 kluge Köpfe. "Und täglich werden es mehr", sagt Torsten Kriening und verweist auf weitere offene Stellen: Elektroniker und Software-Spezialisten sollen an der deutschen "Mission to Moon" – der Mondmission – mitwirken.

Namhafte Partner sind mit an Bord

Berliner Plattenbauwüste, Märkische Allee 82A-84A: Hier soll Deutschlands erstes privates Mission Control Center entstehen, quasi das deutsche Houston/Texas, von wo aus die Apollo-Mondflüge geleitet wurden. "Marzahner Hinterhofatmosphäre, nicht schön", sagt Ingenieur Kriening. Aber innovativ – und gut vernetzt: Denn die einstige Teilzeit-Crew hat namhafte Partner an Bord geholt. Neben dem Autobauer Audi ist das der Telekommunikationsriese Vodafone, der für die Mission die Daten-Autobahn Mond-Erde betreibt, und Wissenszentren wie die Uni Würzburg oder das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) in Köln.

Die Marketing-Strategie liegt in den Händen des österreichischen Sportbrause-Riesen Red Bull, der seit dem Stratosphären-Sprung von Felix Baumgartner 2012 auch ins Weltall schaut. Nur dass "Mission to Moon" nach oben will. Und das von Florida aus. "Wir starten vom Kennedy Space Center in Cape Canaveral", sagt Torsten Kriening. "Vom Startplatz 39." Eine legendäre Adresse. Hier war für alle Apollo-Astronauten der große Lift off.

Auch für Apollo 17 im Dezember 1972. Ziel: Das Taurus-Littrow-Tal auf dem Mond. "Da wollen wir mit unserem Rovern landen", erklärt Kriening. "Mal schauen, wie der Rover, den die Männer von Apollo 17 dort zurückgelassen haben, 47 Jahre danach aussieht." Das werden nicht nur einer sondern zwei "Audi-Lunar-Quattro"-Rover übernehmen. Vorteil: Einer kann den anderen dabei filmen.

So kommen die Rover auf den Mond

Nur bis auf 80 Meter dürfen die Audi-Rover – von der Marzahner Platte aus gelenkt – an das US-Vehicle ran, mehr lässt die Nasa nicht zu. Aber die Auflösung ihrer Kamera-Augen ist groß genug, um alle Details auszuspionieren. Daneben gibt es am Bord Platz für Module mit wissenschaftlichen Experimenten. Diese Zuladung kann bei PTscientists eingekauft werden.

Die Lebensdauer der Rover ist noch offen. Sie fahren zwei Wochen, solange die Sonne die Batterien auflädt. Wenn es im Schatten der Erde dunkel und mit 180 Grad minus saukalt wird, wird ein Neustart heikel. "Spätere Rover-Modelle wollen wir sicher durch die Zwangspause bringen", sagt Kriening.

Vor der Foto-Tour zum US-Mondkulturdenkmal müssen die Rover erst auf dem Mond ankommen. Nach dem Start wird im Erdorbit das Raumschiff und Landemodul "Alina" (Autonomes Land- und Navigationsmodul) von der "Falcon" entkoppelt.

Das Raumschiff "Alina" in der Ladebucht der Falcon-Rakete.
Das Raumschiff "Alina" in der Ladebucht der Falcon-Rakete. | Bild: Aufi AG

Es fliegt in zwei Tagen zum Mond, geht dort in eine Umlaufbahn und bereitet die Landung im Taurus-Littrow-Tal vor.

In der Mondumlaufbahn koppelt sich die Landeeinheit ab, setzt mit ihren vier Stelzen auf dem Mond auf und entlässt zwei "Audi-Lunar-Quattro"-Rover (vorn ein Exemplar).
In der Mondumlaufbahn koppelt sich die Landeeinheit ab, setzt mit ihren vier Stelzen auf dem Mond auf und entlässt zwei "Audi-Lunar-Quattro"-Rover (vorn ein Exemplar). | Bild: Aufi AG

Ist die Landung geglückt, kann Vodafone die neueste LTE-Technologie installieren. Die ist dann immer noch verfügbar, wenn – wie geplant – 2021 und 2023 die zweite und dritte Rover-Mission folgen. Die mobilen Mondautos sind die Pioniere für die Umsetzung viel größerer Pläne, die Torsten Kriening so umreißt: "Das Konzept Moon Village – das Monddorf für dauerhafte Präsenz des Menschen auf dem Mond."

Start-up Gründer Böhme und sein Mond-Rover im Video: 

Rückkehr zu einem alten Bekannten

  • Vereinsamt: Im Grund ist seit 46 Jahren auf dem Mond nichts mehr passiert. Damals, im Dezember 1972, waren letztmals zwei Menschen mit der US-Mission Apollo 17 für drei Tage auf dem Mond. Astronaut Eugene Cernan, der im Januar 2017 im Alter von 82 Jahren starb, verließ bisher als letzter Mensch die Mondoberfläche. Vor ihm bestieg Astronaut Harrison "Jack" Schmitt die Lande-Einheit "Challenger", die in der Mondumlaufbahn ans Mutterschiff "America" (mit Astronaut Ron Evans) andockte, um zur Erde zurückzufliegen. Die Mission dauerte 8 Tage.
  • US-Mondauto: Ein Lunar Roving Vehicle (LRV) war bei Apollo 15, 16 und 17 an Bord. Vorteil: Die Astronauten konnten auf dem Mond viel größere Strecken zurücklegen und mehr Gestein einsammeln. Die Rover-Technik war nach heutigen Maßstäben steinzeitlich. So waren die Sitze eigentlich Campingstühle. Auch Leder wurde verbaut. Cernan und Schmitt fuhren mit ihrem LRV fast 36 Kilometer per Batterie, den Kotflügel mussten sie mit Klebeband reparieren. 2011 schoss eine US-Sonde die letzten Bilder vom LRV, der immer noch an der alten Stelle steht. Der "Audi-Lunar-Quattro"-Rover soll ihn besuchen.