Bislang kennen wir von Udo nur Fragmente. Doch die reichen aus, dass das hobbitgroße affenähnliche Wesen seit diesem Donnerstag, seit seiner ersten öffentlichen Vorstellung, weltweit für Aufsehen sorgt. Vom Scheitel bis zur Sohle maß Udo – dem die Wissenschaftler diesen Namen verpasst haben – etwa einen Meter und war 31 Kilo schwer. Er konnte lautstark brüllen und lebte vermutlich mit mehreren Partnerinnen zusammen. Nicht zu vergessen: Der Ur-Allgäuer aus Pforzen bei Kaufbeuren litt wohl regelmäßig unter Schmerzen, denn er hatte – das verraten seine Knochen – Arthrose und Osteoporose.

„Ein Fund von Weltrang“

Das allein würde heutzutage keinen Forscher vom Hocker hauen. Es ist ein anderes Detail, das den behaarten Bayern zur wissenschaftlichen Sensation macht: Menschenaffe Udo beherrschte den aufrechten Gang. Eine Fähigkeit, die Paläontologen bislang in der ältesten Ausprägung vor knapp sechs Millionen Jahren nachweisen konnten.

Udo dagegen ist fast doppelt so alt. Er lebte vor etwa 11,6 Millionen Jahren, lange bevor berühmte Vormenschen wie die 1974 in Äthiopien entdeckte Lucy unsere Erde bevölkerten. „Das macht ihn zum Fund von Weltrang“, sagt Udos Entdeckerin, Madelaine Böhme von der Universität Tübingen.

dpatopbilder – ACHTUNG: SPERRFRIST 6. NOVEMBER 19:00 UHR. ACHTUNG: DIESES FOTO DARF NICHT VOR DER SPERRFRIST – 06.11.2019, Baden-Württemberg, Tübingen: Madelaine Böhme, Professorin für Paläoklimatologie an der Universität Tübingen, steht neben Knochen der bisher unbekannten Primatenart Danuvius guggenmosi. Paläontologen haben in Süddeutschland Fossilien entdeckt, die ein neues Licht auf die Entwicklung des aufrechten Ganges werfen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Madelaine Böhme, Professorin für Paläoklimatologie an der Universität Tübingen, steht neben Knochen der bisher unbekannten Primatenart Danuvius guggenmosi. Paläontologen haben in Süddeutschland Fossilien entdeckt, die ein neues Licht auf die Entwicklung des aufrechten Ganges werfen. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Seit vielen Jahren spürt die Professorin für Paläoklimatologie den jahrmillionenalten Überresten von Mensch und Tier nach. In ihrem Arbeitszimmer stecken Hunderte Relikte, alle säuberlich katalogisiert und sorgsam in Kästen und kleinen Boxen verstaut. Besonders im Fokus dabei: die Hominiden, die Menschenartigen.

Aus dem scheinbaren Gewirr fossiler Fundstücke greift Böhme einen bräunlich-grauen Knochen heraus. Die 23 Zentimeter lange Versteinerung ist die Elle von Udo, gefunden in der Tongrube Hammerschmiede am Ortsrand der Gemeinde Pforzen. Ein Schatz für die Wissenschaft.

Denn gemeinsam mit Teilen von Ober- und Unterkiefer, Rumpfwirbeln, einem kompletten Schienbein und weiteren Skelettresten erlaubt der Unterarmknochen einen Blick auf den mutmaßlich letzten gemeinsamen Vorläufer von Mensch und heutigem Menschenaffen. Oder war Udo am Ende sogar der erste Frühmensch? „Wir wissen es nicht“, sagt Böhme. „Aber wir werden es herausfinden.“

ACHTUNG: SPERRFRIST 6. NOVEMBER 19:00 UHR. ACHTUNG: DIESES FOTO DARF NICHT VOR DER SPERRFRIST – 06.11.2019, Baden-Württemberg, Tübingen: Ein Mann fotografiert die Rekonstruktion des Schädels der bisher unbekannten Primatenart Danuvius guggenmosi. Der Schädel gehört zu einem Exemplar, das nach dem Musiker Udo Lindenberg benannt wurde. Paläontologen haben in Süddeutschland Fossilien entdeckt, die ein neues Licht auf die Entwicklung des aufrechten Ganges werfen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ein Mann fotografiert die Rekonstruktion des Schädels der bisher unbekannten Primatenart Danuvius guggenmosi. Der Schädel gehört zu einem Exemplar, das nach dem Musiker Udo Lindenberg benannt wurde. Paläontologen haben in Süddeutschland Fossilien entdeckt, die ein neues Licht auf die Entwicklung des aufrechten Ganges werfen. | Bild: Sebastian Gollnow

Sicher ist für die Professorin nur eines: Die neue Hominiden-Art, die in Pforzen inzwischen auch durch Knochen von zwei weiblichen Exemplaren und einem Jungtier belegt ist, gilt als fehlendes Bindeglied (Missing Link) der menschlichen Evolution. „Und das hat am Anfang der Grabung wahrlich niemand erwartet.“

Udo, dessen erster Überrest just am 70. Geburtstag von Deutsch-Rocker Udo Lindenberg vor drei Jahren entdeckt wurde, heißt wissenschaftlich-offiziell „Danuvius guggenmosi“. Er lebte vor etwa 11,6 Millionen Jahren. Das belegt die erdmagnetische Strahlung umgebender Gesteinsschichten. Die wechselte früher in unregelmäßigen Abständen und ermöglicht der Wissenschaft heute eine exakte Zeitskala, vergleichbar mit der Abfolge von Jahresringen an Baumstämmen.

Um das Leben des Ur-Allgäuers zu entschlüsseln, mussten die Forscher alle Register ziehen: Neben Paläontologen und Anthropologen waren Geologen und Geophysiker im Boot. Die markantesten Hinweise lieferte jedoch die Untersuchung der fossilen Knochen.

Udo war ein guter Kletterer

Zwar ließen sich bislang weder Alter und Lebenserwartung von Udo bestimmen noch die Frage klären, ob der Ur-Allgäuer Vegetarier war. Dennoch zeigen die Analysen die fast menschlichen Bürden seines Lebens: „Er hatte Arthrose im rechten Handgelenk, ein Bruch der Elle im Jugendalter war gut verheilt, und der Zahnschmelz war schon zu Lebzeiten stellenweise abgebrochen.“ Dass Udo polygyn war, also mehrere Partnerinnen gleichzeitig hatte, darauf lasse sich aufgrund des Längenverhältnisses von Ring- und Zeigefinger wissenschaftlich seriös schließen.

Spektakulär ist aber etwas anderes: Udo und seine Artgenossen kombinierten die Fähigkeit zum aufrechten Gang mit dem Geschick, auf Bäume zu klettern und sich an Ästen entlangzuhangeln. „Zum ersten Mal konnten wir mehrere funktionell wichtige Gelenke, darunter Ellbogen, Hüfte, Knie und Sprunggelenk, an einem einzigen fossilen Skelett dieses Alters untersuchen“, erklärt Böhme. „Zu unserem Erstaunen ähnelten einige Knochen mehr dem Menschen als dem Menschenaffen.“

ACHTUNG: SPERRFRIST 6. NOVEMBER 19:00 UHR. ACHTUNG: DIESES FOTO DARF NICHT VOR DER SPERRFRIST – 06.11.2019, Baden-Württemberg, Tübingen: Ein Mann hält einen Brustwirbel der bisher unbekannten Primatenart Danuvius guggenmosi in der Hand. Paläontologen haben in Süddeutschland Fossilien entdeckt, die ein neues Licht auf die Entwicklung des aufrechten Ganges werfen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ein Mann hält einen Brustwirbel der bisher unbekannten Primatenart Danuvius guggenmosi in der Hand. Paläontologen haben in Süddeutschland Fossilien entdeckt, die ein neues Licht auf die Entwicklung des aufrechten Ganges werfen. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Udo besaß demnach eine verlängerte Lendenwirbelsäule und gestreckte Hüft- und Kniegelenke wie Zweibeiner. Zugleich verlängerte und im Ellbogengelenk komplett durchstreckbare Arme mit sehr beweglichen Handgelenken, so wie alle Menschenaffen. Dass die Arme von „Danuvius guggenmosi“ um 17 Prozent länger waren als seine Beine, untermauere Böhmes These vom mehrfach begabten Menschenaffen.

Es war damals 20 Grad wärmer

Und nun? „Das Vorwissen der Wissenschaft ist durch die Funde aus der Hammerschmiede pulverisiert“, ist die Geologin und Paläontologin überzeugt. Denn der aufrechte Gang gelte ab sofort nicht mehr als exklusives Merkmal des Menschen. „Außerdem zeigt die neue Art, dass die Wiege des aufrechten Gangs nicht wie angenommen in Afrika, sondern in Europa stand“, so Madelaine Böhme.

Doch wie muss man sich das Allgäu vor gut elf Millionen Jahren überhaupt vorstellen? „Die Temperaturen waren im Schnitt etwa 20 Grad höher, vergleichbar etwa mit den warmen Subtropen in Laos oder Indien“, erläutert Böhme. Die Landschaft war wohl savannenartig, Bäume wuchsen spärlicher als heute, vermutlich in Form von Auenwäldern. Die Fundstelle selbst konzentriert sich auf einen damals vier bis fünf Meter breiten Bachlauf – „das war wahrscheinlich nicht die Wertach, sondern die heute weit entfernt fließende Günz“, wie Böhme vermutet.

In fünf Metern Tiefe

Begraben unter einer mehr als fünf Meter starken Sedimentschicht aus Kies, Sand und Lehm, wurde von dem 15-köpfigen Forscherteam seit 2011 eine außergewöhnliche Fülle fossiler Tiere freigelegt. „Wir haben hier die weltweit reichste Wirbeltier-Fundstelle“, freuen sich Böhme und Grabungsleiter Thomas Lechner. Insgesamt wurden bislang mehr als 15 000 Fossilien von 115 Arten geborgen.

Vor Ort heißt es, erfinderisch zu sein. So kommt in der Tongrube ein Heizungs-Überdruckbehälter zum Einsatz, den der Grabungsleiter zum elektrischen Rotiersieb umgebaut hat. „Allein 2019 haben wir damit 25 Tonnen Sediment gewaschen“, sagt Lechner. Mit Erfolg: Selbst kleinste Fossilien wie Zähne und Mäuseknochen gehen so nicht verloren. Das sei wichtig, denn jedes einzelne Puzzlestück habe seine Bedeutung.

Die Rekonstruktion der vorderen Schädelpartie von Udo, dem Primaten. Nur die dunklen Zähne und Teile von Unter- und Oberkiefer sind original. Bild: dpa
Die Rekonstruktion der vorderen Schädelpartie von Udo, dem Primaten. Nur die dunklen Zähne und Teile von Unter- und Oberkiefer sind original. | Bild: dpa

 

 

  • Namensgebung: Der Name „Danuvius guggenmosi“ leitet sich vom römischen Flussgott Danuvius ab und erinnert zudem an den 2018 verstorbenen Hobbyarchäologen Sigulf Guggenmos, der 1972 in der ehemaligen Ziegelei bei Kaufbeuren erstmals Fossilien, aber auch Fundstücke aus der Stein- und Römerzeit entdeckt hatte.
  • Die Ausgräber: In der Tongrube graben die Universität Tübingen und das „Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment“ unter Leitung von Madelaine Böhme seit 2011. Grabungen ohne Genehmigung sind in der Grube untersagt. Die Suche nach Fossilien erfordert Fachkenntnis: Die meisten Relikte sind für Laien nicht zu erkennen. Zudem sind Funde aus Lehm und Ton extrem instabil und deformieren schnell.
  • Die Funde: Die Liste der entdeckten Amphibien, Reptilien, Fische, Vögel und Säugetiere liest sich wie das Who is who des damaligen Tierreichs – darunter der bislang älteste bekannte Panda, ein Baby-Elefant, Nashörner, frühe Säbelzahnkatzen und ein löwengroßer Hundebär, der sich als Jäger und Knochenfresser hervortat. Aber auch Welse, Fledermäuse, Kraniche, Flughörnchen, Maulwürfe, Zwergbiber, Schweine, Hirsche und ein hundegroßes Waldpferd sind darunter. (mar)