Herr Weigend, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch: „Im Internet weiß jeder, dass du ein Hund bist“. Was meinen Sie damit?

(lacht) Ja, dazu muss ich aber zunächst den Kontext dieser Aussage erklären. In den 90er-Jahren ist in einer New Yorker Zeitschrift eine Karikatur erschienen, die zwei Hunde zeigt, die ein lockeres Gespräch führen. In der dargestellten Szene sagt der eine Hund zum anderen: „Im Internet weiß keiner, dass du ein Hund bist“. Das heißt: Niemand musste erfahren, dass man ein Hund ist, wenn man das nicht wollte.

Und das ist heute nicht mehr so?

Nein, heute ist das Gegenteil der Fall. Oder um im Bild zu bleiben: Falls man ein Hund ist, kann man dies im Netz nicht mehr verbergen. Jeder würde es wissen.

Weshalb?

Naja, spinnen wir das mal weiter: Als Hund ist man auf einem Hundeportal angemeldet, damit man sich den Hintern anderer Hunde anschauen kann. Auch welches Hundefutter das Tier mag, ist bekannt. Denn man hat es ja schließlich bei Amazon bestellt. Darüber hinaus gibt der Hund noch viel mehr über sich preis: Welche Freunde er hat, wo er wohnt und wo er sich gerade befindet.

Und das ist ein Problem?

Es kann eines sein. Denn die so erhobenen Daten stehen ja dann nicht für sich. Sie werden zusammengeführt und für verschiedene Zwecke ausgewertet. Am Beispiel des Hundes erklärt: Man könnte anhand der Daten zum Beispiel versuchen, die Auswirkungen der Mengen des konsumierten Hundefutters auf die Lebenserwartung zu ermitteln.

Wo wir gerade beim Thema einkaufen sind: Sie haben in den 2000er-Jahren bei Amazon gearbeitet. War Ihnen damals schon klar, wie wertvoll Daten sind?

Ja, das war uns bereits vollkommen klar. Der Anspruch von Amazon war schon damals eine Datenfirma zu sein, die wissenschaftliche Methoden anwendet und Experimente vornimmt. Mit Amazon prime landete das Unternehmen einen weiteren Coup. Es profitiert von einem psychologischen Effekt. Durch den Gratisversand zögert heute kaum einer mehr, eine einzelne Unterhose zu bestellen. Es ist in der Tat unglaublich, wie viel Amazon mittlerweile über das Konsumverhalten vieler Menschen in den USA weiß.

Andreas Weigend
Andreas Weigend

Das ist ja schon ein massiver Einschnitt in die Privatsphäre. Würde es da nicht helfen, wenn man seine Daten löschen könnte?

Diese Idee ist nachvollziehbar. Man spricht dabei auch von dem „Recht auf Vergessenwerden“. Ich glaube aber nicht, dass dies der richtige Weg ist.

Warum nicht?

Das „Recht auf Vergessenwerden“ ist aus meiner Sicht aus zwei Gründen problematisch. Zum einen ist es schlichtweg nicht möglich den Überblick über alle Daten zu behalten, die man hinterlässt. Zum anderen ist es auch nicht unbedingt wünschenswert, dass die Daten gelöscht werden.

Tatsächlich?

Ja, denn auch der Verlust von Daten kann schmerzlich sein und zudem massive finanzielle Einbußen bedeuten. Dies weiß ich leider aus eigener Erfahrung.

Welche Erfahrungen haben Sie denn gemacht?

Es gibt, oder besser gesagt es gab, einen YouTube-Kanal namens „socialdatarevolution“. Dort habe ich regelmäßig Vorträge veröffentlicht und demnach auch sehr viel Geld investiert. Doch vor wenigen Wochen ist der Kanal aus unerfindlichen Gründen plötzlich verschwunden und YouTube kann mir nicht erklären, wie das passieren konnte.

Das ist in der Tat sehr ärgerlich.

Ja, und es zeigt, wie wichtig es ist, dass Unternehmen, die mit unseren Daten Geld verdienen, auch dafür sorgen, dass sie nicht verschwinden und wir jederzeit Zugriff darauf haben. Ich fordere deshalb ein Recht auf „Nichtvergessenwerden“. Damit das passiert, müssen wir jedoch die richtigen Anreize und Gesetze schaffen. Denn freiwillig wird sich Mark Zuckerberg nicht dazu herablassen, etwas zu verändern.

Wie könnten diese Anreize denn aussehen?

Wir brauchen einen starken Staat, der Google und anderen Unternehmen sagt, dass es nicht nur darum gehen darf, Profit zu machen. Unternehmen sollten die Daten schützen und dafür sorgen, dass der Kunde von der Weitergabe seiner Daten profitiert.

Aber bei Google bekommen wir doch was zurück . . .

Ja, das stimmt. Aber die Frage ist ja auch, geben wir uns mit dem zufrieden, was wir bekommen und wollen wir hinnehmen, dass ein Teil unserer Daten möglicherweise missbraucht wird? Die Machtverhältnisse zwischen Unternehmen sowie dem Staat und den Individuen ist meiner Meinung nach aus dem Gleichgewicht geraten. Das müssen wir ändern – und zwar indem wir den Zugriff auf unsere Daten fordern.

Verstehe. Aber was bedeutet das konkret?

Meiner Erfahrung nach sind Passkontrollen vor Flugreisen ein eindrückliches Beispiel. Denn diese laufen oft so ab: Die Zollbeamtin inspiziert den Pass, sieht meine Daten ein und stellt fest: „Aha, das ist der Herr Weigend“. Das Problem: Ich erfahre in dieser Situation weder, was sie über mich weiß, noch erfahre ich etwas über sie. Wäre das Machtverhältnis anders, würde ich wissen, was die Dame da genau sieht. Und im besten Fall erfahre ich sogar etwas über die Zollbeamtin.

 

Zur Person

Andreas Weigend ist Experte für Mobile Technologien, Big Data und Kundenverhalten. Er war Chefwissenschaftler bei Amazon. Dort entwickelte er zusammen mit Jeff Bezos die Datenstrategie des Unternehmens. Weigend ist Gründer und Direktor des Social Data Lab an der Universität Stanford, Mentor an deren Inkubator StartX und Dozent an der Universität Berkeley in Kalifornien. Er berät weltweit Unternehmen und Organisationen zum Thema Daten. Weigend ist gebürtiger Deutscher und machte seinen Abschluss in Physik in Stanford. Er lebt in San Francisco und Shanghai. (sue)

 

Das klingt verlockend. Aber wie bekommen wir diesen Wandel hin?

Wir müssen uns entscheiden, was mit unseren Daten passiert und wer welche Schlüsse daraus ziehen darf. Konkret: Wollen wir, dass ein Zollbeamter Einblick in meinen Facebook-Account erhält und dann entscheidet, ob ich einreisen darf oder nicht? Oder auch: Was passiert zum Beispiel, wenn man eine halbe Flasche Wein getrunken hat und dann ins Auto steigt? Wollen wir tatsächlich, dass das Auto in der Folge nicht mehr anspringt? Solche Fragen müssen wir klären.

Wie können wir uns auf diese Aufgabe vorbereiten?

Das Allerwichtigste ist aus meiner Sicht, dass wir datenkundig werden. Wir müssen zum Beispiel lernen, wie Daten interpretiert werden. Datenkunde als Schulfach. Das wäre was. Außerdem müssen wir kreativer werden, wir brauchen mehr Freiheit für neue Ideen. Kinder und Jugendliche werden immer noch vor allem dazu ausgebildet, gute Arbeitnehmer zu werden. In einer Zukunft, in der viele Aufgaben von Robotern übernommen werden, braucht man aber sicherlich andere Talente.

Und was muss passieren, damit Unternehmen endlich vernünftig mit unseren Daten umgehen?

Solange nur der Aktienwert des Unternehmens zählt, wird sich gar nichts ändern. Stattdessen brauchen wir eine Agenda, die unsere Werte tatsächlich abbildet – und zwar unsere Werte als Menschen.


Fragen: Susanne Ebner

<em><strong>Buchtipp:</strong> Andreas Weigend: Data for the people. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern; Murmann-Verlag, ...
Buchtipp: Andreas Weigend: Data for the people. Wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern; Murmann-Verlag, 352 Seiten, 26,90 Euro (Hardcover). Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich. | Bild: Verlag