Herr Guggenbühl, Sie hatten als 13-Jähriger ein einschneidendes Erlebnis, als Sie mit langen Haaren an einem Kiosk in Zürich die „Bravo“ kaufen wollten. Was ist damals genau passiert?

Ich war begeistert von den Beatles, den Kinks und den Rolling Stones und hatte mir die Haare wachsen lassen und sie über die Stirn gekämmt. Ich verlangte die „Bravo“. Die Verkäuferin schnaubte total entsetzt: An einen solchen Langhaardackel verkaufe ich sicher nichts. Und ein älterer Mann sagte: Geh du erst mal zum Coiffeur! Diese Reaktionen empfand ich als großartig. Ich hatte das Gefühl, jetzt werde ich gesehen. Man hat sich über mich geärgert, also gibt es mich!

Mit so einer Frisur kann man als Jugendlicher heute niemanden mehr schocken. Ist es für junge Leute schwerer geworden, sich abzugrenzen?

Ja, das ist so. Es ist für Jugendliche schwieriger, sich gegenüber den Erwachsenen als Rebellen zu erleben. Doch die Jugend will die ältere Generation ja gerade provozieren, sie erstaunen, empören oder erreichen, dass sie sich entrüstet abwendet. Heute streben die Erwachsenen Harmonie an, der Konsens ist wichtig und Gegensätze werden übertüncht. Jugendliche brauchen jedoch auch eine Bühne, um sich als Gegenfiguren zu inszenieren. Diese Abgrenzung ist wichtig, damit sie sich ablösen und das eigene Selbstwertgefühl stärken. Für Jugendliche ist es ärgerlich, wenn sie nur Erwachsene um sich haben, die sie partout verstehen wollen und die alles nachvollziehen können, was sie sagen. Sie wollen nicht, dass die Erwachsenen immer gleicher Meinung sind. Nur so können sie ein eigenes Profil entwickeln.

Liebe, Körper, Sexualität: Im Jugendmagazin „Bravo“ suchen junge Leute Aufklärung über Themen, die sie umtreiben. <em>Bild: dpa</em>
Liebe, Körper, Sexualität: Im Jugendmagazin „Bravo“ suchen junge Leute Aufklärung über Themen, die sie umtreiben. Bild: dpa | Bild: Tobias Hase

Was bedeutet es für einen Jugendlichen, wenn Eltern in einer Situation, die eskaliert, gleichgültig bleiben oder sogar Verständnis aufbringen?

Das Schlimmste ist, wenn Eltern und Lehrer gleichgültig sind und sagen: Das musst du selber entscheiden. Dann fühlen sich die Jugendlichen verloren. Sie brauchen Menschen, an denen sie sich reiben können. In vielen Schulen wagen die Erwachsenen nicht, sich den Jugendlichen liebevoll entgegenzusetzen, und finden alles cool, was die Jugend sagt.

Bei pubertierenden Jugendlichen haben Eltern zuweilen den Eindruck, dass sich alle Erziehung, alle Werte, die sie ihnen beigebracht und vorgelebt haben, in Luft aufgelöst haben. Ist das eigentlich wirklich so?

Viele Jugendliche treiben es so weit, bis die Eltern das Gefühl haben, sie seien in der Erziehung gescheitert. Dieses Gefühl bei den Eltern auszulösen wird von den Jugendlichen unbewusst beabsichtigt. Auf diese Weise können sie sich von den Eltern lösen. Die harsche Gegenreaktion der Alten ist der erste Baustein der eigenen Identität. Die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen übernimmt sehr viel von den Eltern und teilt auch ihre Werte. Aber während der Jugendphase brauchen viele Jugendliche etwas anderes. Sie wollen das Gefühl haben, dass sie nicht verstanden werden. Das geschieht über Provokationen und Eskalationen, sodass die Eltern meinen, jetzt ist Hopfen und Malz verloren.

Sie schreiben in Ihrem Buch, Jugendliche machen während der Pubertät eine Entdeckungsreise zu den Tiefen ihrer Seele. Was läuft da genau ab?

Jugendliche entdecken ihren Körper, ihre Sexualität, ihre Gefühle. Es gibt kaum eine Altersphase, in der man sich selbst mehr entdeckt und über grundsätzliche Fragen des Lebens nachdenkt: Was ist Liebe? Was ist Freundschaft? Was ist Krieg? Was ist Gerechtigkeit? Diese Themen entdecken die Jugendlichen, müssen aber auch gleichzeitig herausfinden, wer sie sind. Wo liegen meine Begabungen, meine Stärken und Schwächen?

Digitale Medien sind besonders verführerisch. Ein 14-jähriger Junge bedient den Controller einer X-Box. <em>Bild: dpa</em>
Digitale Medien sind besonders verführerisch. Ein 14-jähriger Junge bedient den Controller einer X-Box. Bild: dpa | Bild: Karl-Josef Hildenbrand

Oft sind es Kleinigkeiten, an denen sich ein Streit entzündet, wie das Mithelfen im Haushalt oder das Zimmer, das aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Wie gehen Eltern am besten mit solchen Situationen um?

Die Eltern müssen ihren Standpunkt vertreten, auch wenn sie spüren, wie ihr Einfluss schwindet. Sie müssen ihre Energie in die Auseinandersetzung einbringen und dieser auch Zeit geben. Dazu gehört, dass sie es aushalten, dass man sich nicht versteht und dass es auch Phasen gibt, in denen man nicht kommuniziert. Es ist für viele Eltern schwierig, zu ertragen, dass der Sohn oder die Tochter sich widersetzen und sagen: Nein, ich räume jetzt nicht auf und dann in ihrem Zimmer verschwinden.

Das heißt, es muss auch Phasen geben, in denen Sendepause ist?

Das Gespräch ist in der Psychologie lange überschätzt worden. So wurde immer gesagt: Man muss mit den Jugendlichen reden. Doch das stimmt nur bedingt. Natürlich ist das Gespräch wichtig, doch nicht in jeder Situation. Oft ist es so, dass Eltern einen längeren Spannungszustand durchstehen müssen. Man versteht sich dann eben nicht. Jugendliche ärgert es, wenn Eltern dauernd reden wollen. Ich hatte mal einen Jugendlichen, der häufig Streit mit seinen Eltern hatte. Aber das Fürchterlichste, sagte er, sei für ihn, wenn seine Mutter abends noch mal in sein Zimmer an sein Bett komme und wieder reden wolle. Das sei unerträglich. Er sagte: Jetzt habe ich Streit, jetzt verstehe ich mich nicht. Das ist ein Ablösungsakt. Eltern müssen akzeptieren, dass es Zeiten gibt, in denen kein Dialog stattfindet. Danach kommt man dann wieder zusammen.

Wie erleben Mädchen im Gegensatz zu Jungen die Pubertät? Wer hat es schwerer?

Mädchen reagieren mit mehr Selbstzweifeln an ihrem Aussehen, mit mehr Kritik an sich selber. Jungen lassen solche Selbstzweifel weniger zu, provozieren, agieren offen und geben sich selbstsicher. Vielfach ist das jedoch nur Fassade. Sie fühlen sich eigentlich auch unsicher. Mädchen handeln verdeckter, sind geschickter im Spiel, etwas vorzugeben, aber etwas anderes zu leben. Sie bereiten weniger Probleme, doch wenn sie es tun, kann es für die Eltern sehr anstrengend sein.

Farbe auf die Lippen und Dekolleté zeigen: Mädchen verbringen in der Pubertät viel Zeit vor dem Spiegel. <em>Bild: dpa</em>
Farbe auf die Lippen und Dekolleté zeigen: Mädchen verbringen in der Pubertät viel Zeit vor dem Spiegel. Bild: dpa | Bild: Mascha Brichta

Jugendliche suchen ihren eigenen Lebensentwurf. Brisant wird es aber dann, wenn falsche Freunde, Schulverweigerung oder Drogen ins Spiel kommen. Wie geht man damit um?

Es gibt Situationen, wo Eltern auch mal Noteinsätze machen müssen, sie vielleicht den Sohn oder die Tochter morgens um vier Uhr suchen müssen. Das sind Situationen, in denen Jugendliche merken, dass sich die Eltern für sie einsetzen und sie für sie wichtig sind. Sie merken, dass ihre Eltern sie nicht gleich weiterweisen zu einem Sozialarbeiter oder die Polizei einschalten.

Nehmen wir den Fall, dass ein Jugendlicher sagt: Ich breche die Schule ab, da geh’ ich jetzt nicht mehr hin.

In diesem Fall muss man sich mit den Lehrern unterhalten. Schulverweigerung kann ja auch sehr verständlich sein, wenn man bedenkt, was Jugendliche leisten und wie sehr sie sich anpassen müssen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine gigantische Herausforderung ist, wenn man immer Regeln befolgen und sich fügen muss. So mancher Erwachsene würde das nicht aushalten. Wenn ein Jugendlicher sich der Schule verweigert, gibt es zum Beispiel die Möglichkeit einer kurzen Auszeit, was ich auch schon Schulen bei gewissen Schülern empfohlen habe. Man lässt sie eine Zeitlang allein, stellt keine Forderungen. Man respektiert ihre Tauchphase. Bei gewissen Jugendlichen forderten die Lehrer nur, dass sie in die Schule kommen und am Pult sitzen. Sie mussten nicht arbeiten. Meistens begannen sie sich nach einer gewissen Zeit wieder für die Schule zu interessieren, weil sie die Untätigkeit nicht lange aushalten, vielleicht zwei bis drei Wochen oder einen Monat. Solche Rückzugsphasen sollten möglich sein.

Knappe Hot Pants sind an Schulen häufig Anlass für Diskussionen über angemessene Kleidung. Jugendliche wollen sich auch über ihr Äußeres abgrenzen. <em>Bild: dpa</em>
Knappe Hot Pants sind an Schulen häufig Anlass für Diskussionen über angemessene Kleidung. Jugendliche wollen sich auch über ihr Äußeres abgrenzen. Bild: dpa | Bild: Matthias Merz

Wie nehmen Jugendliche solche Streitsituationen verglichen mit den Eltern wahr? Wie tief reichen die Meinungsverschiedenheiten wirklich?

Eltern und Jugendliche nehmen diese Situationen in der Auseinandersetzung unterschiedlich wahr. Wichtig ist Gelassenheit. Auseinandersetzungen sind normal, vertiefen vielleicht sogar die Beziehung. Aber nicht alle Jugendliche suchen sie. Es gibt auch die, die still und angepasst sind. Was aber fast alle wollen, ist, dass die Erwachsenen sich mit ihnen, ihren Anliegen, Interessen und Ideen auseinandersetzen. Und sie nicht aufgeben.

Fragen: Birgit Hofmann

 

Zur Person

  • Allan Guggenbühl
    Allan Guggenbühl, Psychologe, Psychotherapeut und Experte für Jugendgewalt. | Bild: privat
    Allan Guggenbühl, 65, Psychologe, Psychotherapeut und Experte für Jugendgewalt, leitet in Zürich das Institut für Konfliktmanagement (www.ikm.ch). Nach einer Ausbildung zum Grundschullehrer ließ er sich zunächst in Mexiko-Stadt bei Manuel Lopez Ramos zum klassischen Gitarristen ausbilden und arbeitete vor seinem Studium zunächst als Gitarrenlehrer und Musiker. Guggenbühl ist seit 1984 Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern. Er arbeitet als analytischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Zürich und ist Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich.
  • Sein Vortrag: Allan Guggenbühl kommt auf Einladung des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfs Wahlwies e. V. am 24. Oktober um 19 Uhr zum pädagogischen Themenabend „Pubertät“ ins Milchwerk nach Radolfzell. Karten bei Buch Greuter in Singen/Radolfzell und an der Abendkasse.
  • Sein Buch: Allan Guggenbühl: „Pubertät – Echt ätzend. Gelassen durch die schwierigen Jahre“, Kreuz-Verlag, Freiburg, 224 Seiten, Preis: 14,99 Euro. (ink)
    Bild: Kreuz Verlag

Was passiert in der Pubertät im Gehirn?

  • Pubertät kommt von lateinisch pubertas, Geschlechtsreife. Bei Mädchen setzt diese Phase in der Regel zwischen dem 9. und 11. Lebensjahr ein, bei Jungen zwischen 11 und 13 Jahren. Nicht nur körperlich beginnen sich die Jugendlichen zu verändern, während der Adoleszenz kommt es auch zu einer grundlegenden Reorganisation des Gehirns.
  • Risikobereitschaft: In der Pubertät gibt es ein Ungleichgewicht in der Entwicklung verschiedener Regionen im Gehirn: So reift das limbische System schneller, das Gefühle und Triebverhalten steuert und für die Ausschüttung von Endorphinen, sogenannten Glückshormonen, zuständig ist. Das Vorderhirn, der sogenannte präfrontale Kortex, reift dagegen erst zum Schluss. Es ist verantwortlich für kognitive Funktionen, wie die Handlungskontrolle, das Planen und die Risikoabschätzung von Entscheidungen. Diese ungleiche Hirnentwicklung ist auch die Ursache für das typische Pubertätsverhalten, wie eine erhöhte Risikobereitschaft und die Lust an extremen Gefühlen, ohne dabei die langfristigen Folgen zu bedenken (Alkohol, Drogen und riskantes Verhalten in der Gruppe). So haben Gefühle die meiste Macht, bis das Vorderhirn ausgereift ist.
  • Jugendliche und Schule: Dieser Umbau ist auch der Grund dafür, dass Jugendliche der Schulunterricht oft nicht interessiert, obwohl ihr Gehirn in dieser Zeit sensibel für Lernerfahrungen ist. In diesem Fall sind insbesondere positive emotionale Anreize wichtig, wie zum Beispiel der gemeinsame Erfolg bei der Initiative „Be smart – Don’t start“. Hier verpflichten sich ganze Schulklassen, nicht mit dem Rauchen anzufangen, und gewinnen Preise, wenn sie dieses Ziel erreichen. (ink)