„Der Bluttest kam mir seltsam vor“, erinnert sie sich an den Termin. Auch die Fragen nach Antons Gesundheit irritierten die Mutter. Der Verdacht des Kinderarztes: Diabetes Typ 1. Schnell packte Engert zu Hause ein paar Sachen und fuhr mit ihrem Sohn in die Würzburger Mönchbergklinik. Auf dem Weg überschlugen sich ihre Gedanken. „Als Krankenschwester wusste ich, dass die Diagnose sicher ist“, erzählt sie.

„Als Mutter habe ich gehofft und gehofft. Ich habe es gewusst, wollte es aber nicht begreifen.“ Zehn Tage bleibt der Junge in der Klinik. Schnell begreift er, dass er jetzt anders ist. „Er hat die Krankheit von Anfang an angenommen“, sagt Engert. Die 34-Jährige ist davon überzeugt, dass sich der gelassene Umgang mit der Erkrankung auf den Sohn übertragen hat: „Mein Beruf war für mich ein großer Vorteil.“

Noch im Krankenhaus wird der Mutter klar, dass sie und ihr Mann Sohn Anton nie wie ein rohes Ei behandeln wollen, aber eine Frage im Krankenbett überraschte sie doch: „Mama, darf ich trotzdem bei ‚Rock the Race’ mitmachen?“, fragte Anton. Schon vor der Diagnose war der Hindernislauf im August rund um die Würzburger Festung sein Ziel. Mit seinem Vater wollte er auf die Strecke gehen. Für seine Mutter war klar, dass sie alles möglich machen würde, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen.

Anton Engert, diabeteskranker Fünfjähriger aus Sommerach, der sechs Monate nach seiner Diagnose am Hindernislauf Rock the race in Würzburg teilgenommen hat.
Anton Engert, diabeteskranker Fünfjähriger aus Sommerach, der sechs Monate nach seiner Diagnose am Hindernislauf Rock the race in Würzburg teilgenommen hat. | Bild: SK

Wieder zu Hause, versuchte Daniela Engert den Familienalltag wie bisher weiterlaufen zu lassen: Anton spielte mit seinen zweijährigen Zwillingsschwestern Annalena und Isabell, tobte im Garten. Und auf dem Tisch stand das Gleiche wie immer, auch Süßigkeiten. Komplizierter war die Sache mit dem Kindergarten. Zwar ließen sich die Erzieherinnen schulen, aber sie durften Anton kein Insulin spritzen. Einen Pflegedienst wollte Daniela Engert nicht, damit Anton so normal wie möglich aufwachsen kann. Aber das hieß, dass sie vor jeder Vesper in den Kindergarten fuhr, um Anton das Insulin zu verabreichen – auf die Dauer keine tragbare Situation.

Die junge Mutter überlegte, wie sie allen das Leben leichter machen könnte – und kam auf die Idee mit den Bildern. Lebensmittel, die Anton gerne aß, fotografierte sie – und zwar nach Kohlenhydrateinheiten (KE), nach denen das zu verabreichende Insulin berechnet wird. Fünf kleine Butterkekse eine KE, fünf Chipsletten 0,5 KE oder ein kleiner Apfel eine KE. Neben der Vesper gab Daniela Engert Anton die passenden Kärtchen mit in den Kindergarten.

Anton stellte nun selbstständig die angegeben KE auf seiner Insulinpumpe, die mittlerweile über einen Katheter mit dem Körper verbunden ist, ein. Die Erzieherinnen kontrollieren nur noch, ob er den richtigen Wert eingegeben hatte. „Eine super Lösung“, sagten sie begeistert. Daniela Engert sparte sich die Fahrten in den Kindergarten, und Anton merkte schnell, welche Freiheit er so bekommt. Kindergeburtstag? Kein Problem.

Regelmäßig muss Anton zur Diabetologin. Dabei kamen im Frühling auch die Karten zur Sprache. Die Expertin war begeistert, sprach von einer Marktlücke und einer großen Hilfe für Kinder, aber auch für geistig eingeschränkte Menschen. Die Idee für die eigene Firma stand.

Über einen Patentanwalt meldete die junge Frau aus Sommerach ein Gebrauchsmuster an, gründete im Juli das Kleinunternehmen Dantoni’s und entwarf die Karten mit professioneller Unterstützung neu. Sie fotografierte neue Lebensmittel, entwarf Sammelmäppchen für die scheckkartengroßen Bildchen, nähte Brotzeitbeutel mit Sichtfenster, eröffnete einen Online-Shop und stellte in Kliniken in Nürnberg, Erlangen und Würzburg ihre Kärtchen vor. Überall die gleiche positive Resonanz.

Das Echo und die Unterstützung ihrer Familie lassen Daniela Engert mit ihrem Geschäftsmodell weitermachen. Auch wenn sie sich manchmal selbst fragt, wie sie alles meistert. Manche sind schon mit einem chronisch kranken Kind überfordert, sie wird nebenbei noch Jungunternehmerin. Die Kraft dafür gibt ihr Anton. „Ich mache es doch für ihn“, sagt sie.

Immer mehr Menschen erkranken an Diabetes

Schon Kinder können an Diabetes erkranken, wenn ihr Körper kein Insulin mehr produziert. Süßes naschen? Geht nicht. Denn fürs Essen gibt es strikte Regeln. Forscher erproben nun eine Methode, mit der sie die Krankheit verhindern wollen.

  • Neuerkrankungen: Die Volkskrankheit Diabetes wird immer häufiger auch bei jungen Menschen diagnostiziert. Das gilt laut Experten vor allem für die Autoimmunkrankheit Typ-1-Diabetes, bei der der Körper nur noch wenig oder gar kein Insulin mehr produziert. Die Rate der Neuerkrankungen steige seit einigen Jahren deutlich an, um jährlich drei bis fünf Prozent, wie das Institut für Diabetesforschung am Helmholtz-Zentrum München mitteilt. Bundesweit sind demnach zwischen 21 000 und 24 000 Kinder und Jugendliche erkrankt. Damit ist Typ-1-Diabetes die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter. Die Ursachen für die Zunahme ist noch nicht genau bekannt. Es können etwa Umweltfaktoren sein oder die Säuglingsernährung.
  • Früherkennung: Münchener Forscher bieten im Rahmen der sogenannten Freder1k-Studie eine Früherkennungsuntersuchung für Säuglinge bis zu einem Alter von vier Monaten an. Babys, bei denen ein erhöhtes Risiko festgestellt wird, erhalten regelmäßig Insulinpulver. „Dadurch haben wir erstmals die Möglichkeit, das Immunsystem frühzeitig so zu trainieren, dass die fehlgesteuerte Immunreaktion vermieden werden kann“, erklärt Studienleiterin Anette-Gabriele Ziegler, die das Institut für Diabetesforschung leitet. Langfristig hoffen die Forscher so Erkrankungen zu verhindern. Früherkennung und Prävention könnten in Zukunft womöglich den gleichen Stellenwert besitzen wie das Konzept der Schutzimpfungen gegen schwere Infektionskrankheiten, sagte Martin Lang, Vorsitzender des bayerischen Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte.
  • Tückische Krankheit: Bei Typ-1-Diabetes greift das Immunsystem des Erkrankten die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie. Gefährlich ist, dass die Krankheit jahrelang unerkannt bleibt und sich oft schlagartig mit Symptomen äußert, die lebensbedrohlich sein können. Patienten müssen sich dann lebenslang Insulin selbst spritzen. Bei Typ-2-Diabetes ist es anders: Hier ist der Körper gegen Insulin resistent, das Hormon kann deshalb nicht mehr wirken. Ursache ist laut Wissenschaftlern vor allem Übergewicht oder mangelnde körperliche Bewegung.