Heiß und stickig war es in ihrem Versteck. Massenhaft dicke Pelze, die so auf den Körper der kleinen Barbara drückten, dass sie gerade noch Luft bekam. Zu atmen wagte sie ohnehin kaum. Stille. Dann die grelle Stimme eines Deutschen, die bis ins Mark drang: „Hochberg!“ Barbara zuckte zusammen, kniff die Augen zu und hoffte. „Sind hier Juden?!“, rief die Stimme, diesmal lauter. Dann ein Schuss. Ein zweiter. Keines der Kinder, die sich im Lager der chemischen Reinigung versteckt hatten, machte einen Mucks. Unerträgliche Angst. Und doch hielten sie still. So lange, bis die drohenden Schritte der Soldaten sich entfernt hatten.

Mehr als 75 Jahre später weht der Wind der nun 85-jährigen Barbara Góra um die Nase. Keine 20 Meter von der Stelle, an der die noch heute kindlich kleine Frau um Haaresbreite der Deportation entkam, späht sie durch einen Zaun und klammert sich daran fest. Beinahe muss sie ihren weinroten Hut festhalten. Sie hüllt den Mantel enger um ihren Körper. „Dort drüben“, sie deutet durch die Gitterstäbe auf eine monumentale Ruine. „Das ist Pawiak.“ Pawiak. Das Gefängnis gegenüber der Straße, in der Góra einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. Jahrelang war sie nicht mehr an diesem Ort. Er erinnert sie an nächtliche Erschießungen. An Schreie. An Angst? „Nein“, sagt sie. „Ich habe früh gelernt, keine Angst zu haben. Nur so haben wir überlebt.“

Barbara Góra

Vor dem Krieg hieß Barbara Góra Irene Hochberg. Ihr neuer Name schützte sie. Dass sie den Holocaust überlebte, war Glück, sagt sie heute. Sie ist eine der wenigen, die es hatten. Im Juni 1942 begannen die Deutschen, das von 450 000 Juden bewohnte Ghetto zu räumen und die Menschen in das Vernichtungslager Treblinka in Ostpolen zu bringen, wo sie sofort in Gaskammern ermordet wurden.

„Wie ein Berg in der Wüste“

Eine Antwort auf die Deportationen war der Warschauer Ghettoaufstand (nicht zu verwechseln mit dem Warschauer Aufstand der polnischen Heimatarmee von August bis Oktober 1944), der am 19. April 1943 begann. Der von Anfang an hoffnungslose Widerstand der jüdischen Kampfgruppen endete vor genau 75 Jahren mit der vollständigen Zerstörung des Ghettos durch die Deutschen und der Ermordung der dort noch verbliebenen 50 000 bis 60 000 Juden.

Mai 1943: Jüdische Frauen, Männer und Kinder werden von SS-Männern aus dem brennenden Ghetto getrieben. Die Deutschen setzten etwa 2000 Soldaten ein. Offiziell wurden nur 16 Mann getötet. Die wirkliche Anzahl wird auf 300 bis 400 Mann und 1000 Verwundete geschätzt. Vereinzelt kämpften Juden bis 1944 im Ghetto weiter gegen die Deutschen.
Mai 1943: Jüdische Frauen, Männer und Kinder werden von SS-Männern aus dem brennenden Ghetto getrieben. Die Deutschen setzten etwa 2000 Soldaten ein. Offiziell wurden nur 16 Mann getötet. Die wirkliche Anzahl wird auf 300 bis 400 Mann und 1000 Verwundete geschätzt. Vereinzelt kämpften Juden bis 1944 im Ghetto weiter gegen die Deutschen. | Bild: dpa

Heute leben noch 1500 Juden in Warschau. Aus der größten Diaspora der Weltreligion ist eine Gedenkstätte des Glaubens geworden. Eine Pilgerstätte. Das Herz des Pilgerzentrums ist das Denkmal der Helden. Eine Schülergruppe aus Israel hält dort eine Zeremonie ab. Ein Jugendlicher schwenkt die israelische Flagge, andere tragen ein Gedicht vor. Kerzen flackern, Gitarrenmusik schwebt durch die Luft. „Früher war dieser Ort viel beeindruckender“, flüstert Barbara Góra in die Stille. Neben den Schülern wirkt der haushohe schwarz glänzende Steinklotz zwar imposant, aber „als hier alles in Schutt und Asche lag, sah das Denkmal aus wie ein Berg in der Wüste“.

In einem Restaurant erzählt Góra von ihrer Kindheit. Jeden Tag eine warme Mahlzeit zu bekommen, war für sie nicht selbstverständlich. Im Ghetto waren die Lebensmittel streng rationiert. 186 Kalorien pro Tag, heißt es. Góras Vater setzte sein Leben aufs Spiel, um mehr Lebensmittel zu organisieren. „Mein Vater hatte blonde Haare und konnte deshalb ab und zu unentdeckt durch das Ghetto-Tor spazieren“, erzählt die Tochter. Sie schmunzelt. „Er hat nicht viel mitgebracht, aber wir hatten etwas zu beißen.“

Viele solcher Geschichten sind heute im neuen Museum neben dem Denkmal dokumentiert. Das Gebäude ist auch ein Mahnmal. „Seitdem es hier steht ist noch mehr los als davor“, sagt eine Kioskverkäuferin. Neben Schülergruppen aus Israel sind es vor allem Touristen, Juden aus aller Welt und Menschen auf der Suche nach ihrer Herkunft, die nach Warschau kommen.

Das Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau. Es wurde 2013, zum 70. Jahrestag des Ghetto-Aufstands, eröffnet.
Das Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau. Es wurde 2013, zum 70. Jahrestag des Ghetto-Aufstands, eröffnet. | Bild: JANEK SKARZYNSKI, AFP

Sie wandern von Denkmal zu Denkmal, die oft versteckt in den kleinsten Winkeln nur dann zu sehen sind, wenn man darauf achtet. „Später, als es immer schlimmer wurde, lagen verhungerte Menschen auf den Straßen, die mit Zeitungen bedeckt waren“, erzählt Góra. Was ein zehnjähriges Mädchen dabei fühlt? „Nichts“, sagt sie. „Es war völlig normal.“

Für einen Moment hält sie inne und deutet auf den Boden. Ein bronzener Einlass zieht sich dort wie eine breite Rinne entlang des Gehwegs. „Warschauer Ghetto 1940-1943“ ist eingraviert. Dort, wo heute kleine Supermärkte, Restaurants und Parkplätze neben typischen Ost-Plattenbauten sprießen, zog sich einst die Mauer durch die Straßen, die die jüdische Bevölkerung Warschaus von einem normalen Leben trennte.

Bild: SK

Einige Straßenbahnhaltestellen vom Mauerdenkmal entfernt sitzt Matan Shefi im Emanuel Ringelblum Institut für jüdische Geschichte vor einem überdimensionalen Bildschirm und beantwortet Anfragen nach Ahnenforschung. Seit vier Jahren lebt der Israeli mit polnischen Wurzeln in Warschau. Seitdem hat er Tausende Anfragen beantwortet. „Sechs pro Tag sind es im Schnitt“, sagt er. Die Anfragen kommen aus der ganzen Welt und steigen immer weiter.

In einem Hinterhof spielen Kinder. Eine normale Kindheit war auch 1940 noch möglich, sagt Barbara Góra und erzählt von einem Konzertbesuch mit ihrer Schwester. Wo heute ein Kino ist, hörte sie eine Mozart-Sinfonie. „Die Deutschen interessierten sich dafür nicht“, sagt sie. „Sie kamen nur ins Ghetto, wenn sie Menschen mitnehmen oder erschießen wollten, weil sie Angst vor Krankheiten hatten.“

Erst als 1942 die Deportationen begannen, mussten sich die Kinder verstecken und durften nicht mehr auf die Straßen. „Meine Mutter gab mir Heim-unterricht“, erzählt Góra. „Es war anstrengend, aber so intensiv, dass ich mit zehn schon in der fünften Klasse war.“ Ob sie wegen all des Leids noch böse ist auf die Deutschen? „Nein“, sagt sie. „Viele von uns sehen das anders, aber ich habe inzwischen so viele nette Menschen aus Deutschland kennengelernt, außerdem kann die heutige Generation nichts dafür.“

Am Ende der Reise durch die Kindheit wird Barbara Góra müde. Einen Ort will sie aber noch zeigen: den Umschlagplatz. Die hohen Wände, die drei Seiten des Platzes umgeben, lassen ahnen, wie sich die Menschen gefühlt haben müssen, die von hier aus nach Treblinka kamen. Die Abendsonne blitzt durch einen Spalt und taucht den Platz in ein warmes Licht. „Mein Cousin war dort und konnte fliehen“, sagt Góra. „Er hat niemals darüber gesprochen.“

Bewohner des Warschauer Ghettos stehen mit erhobenen Armen, bewacht von einem deutschen Soldaten, kurz vor ihrem Abtransport in das Vernichtungslager Treblinka in einem Innenhof.
Bewohner des Warschauer Ghettos stehen mit erhobenen Armen, bewacht von einem deutschen Soldaten, kurz vor ihrem Abtransport in das Vernichtungslager Treblinka in einem Innenhof. | Bild: dpa

Auch ihre Eltern sprachen nie mit ihr über ihre Flucht. Darüber, wie es die Familie schaffte, vor der Deportation zu fliehen. 1943 war das, kurz vor dem Aufstand, der 12 000 Menschen das Leben kostete. Barbara Góra hatte Glück. Für sie folgten zwei bange Jahre unter ihrer neuen Identität. Sie arbeitete als Hausmädchen und schmuggelte Essen in die Hauptstadt. Dann kamen die Russen und Góra blieb in Warschau. „Ich war hier zu Hause.“ Nach Israel oder in die USA wollte sie nie. Besucht hat sie die Länder oft. Auch Deutschland, wo es ihr gut gefiel. Nur eines fehlt noch auf ihrer Liste: „Irgendwann“, sagt sie, „will ich noch Bayern sehen.“

 

Der Aufstand: Das Symbol des jüdischen Widerstands


Der Aufstand im Warschauer Ghetto zwischen dem 19. April und dem 16. Mai 1943 war der größte bewaffnete Widerstandsakt von Juden in Europa gegen die Nationalsozialisten. Den Beteiligten war von Anfang an klar, dass sie nicht siegen würden:
  • Woran entzündete sich der Widerstand?

    Als der Aufstand gegen die NS-Besatzer im April 1943 gestartet wird, leben von den 450 000 im Warschauer Ghetto eingepferchten Juden noch 50 000 bis 60 000. Diese Menschen wissen, dass die Deportation (ins Vernichtungslager Treblinka) den sicheren Tod bedeutet. Motiviert ist der Aufstand von jüdischer Seite auch durch die Niederlage bei Stalingrad, wo die 6. Armee Ende Januar/Anfang Februar kapituliert hat.

  • Wer kämpfte gegen die Deutschen?

    Es waren vor allem junge Leute, die von den „Aussiedlungsaktionen“, wie die Nazis den Abtransport in die Todeslager nannten, (noch) verschont worden sind. Ihre Familien sind oftmals schon ermordet worden oder sie sind im Ghetto verhungert. Historikern zufolge sind maximal 1500 Menschen aktiv am Aufstand beteiligt. Die meisten von ihnen sind zwischen 19 und 25 Jahre alt und nicht militärisch ausgebildet. Was sie leitet: Sie wollen nicht widerstandslos in den Tod gehen.

  • Wie war der Aufstand organisiert?

    Schlecht. Denn die Juden sind in konkurrierenden Verbänden organisiert. Ein Zusammenschluss zwischen linken Gruppen und dem rechten „Jüdischen Militärverband“ gelingt nicht. Allerdings verbinden sich im Juli 1942 mehrere Jugendverbände zur ZOB, zur „Jüdischen Kampforganisation“. Im Herbst schließen sich die Mitglieder des linken „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds“ an.

  • Hatte der Widerstand eine Chance gegen die Deutschen?

    Nein. Das lag nicht nur an der geringen Kopfzahl, sondern auch an fehlenden schweren Waffen. Die Juden besaßen nur Handfeuerwaffen, Handgranaten und selbstgebaute Spreng- un Brandsätze. Dennoch gelangen Anfangserfolge. So konnte die Deportation von 8000 Menschen Ende April 1943 zunächst verhindert werden. Obwohl Polizei-, SS- und Wehrmachtseinheiten mit Panzern und Kanonen anrücken, werden sie zurückgeschlagen. Unter dem Kommando des SS-Gruppenführers Jürgen Stroop (1952 in Polen gehenkt) wird der Aufstand niedergeschlagen. Am 16. Mai 1943 setzt die Sprengung der großen Synagoge den Schlusspunkt. Nur wenigen Kämpfern gelingt die Flucht, so dem 2009 verstorbenen Anführer Marek Edelman. (mic)