Auf die Bäume an den Straßen einer Stadt wollen die wenigsten Menschen verzichten. Schließlich mindert ihr Schatten die sommerliche Hitze, verbessert ihr Grün das Stadtklima erheblich und wirken die Gehölze auf die meisten Passanten entspannend, zeigen handfeste wissenschaftliche Untersuchungen.

Stress an den Straßen

Die Bäume mildern also den Stress der Städter, zahlen für diese unentgeltliche Dienstleistung aber einen hohen Preis: Sie leiden selbst unter starkem Stress. So haben ihre Wurzeln neben Kabelsträngen und Leitungen im oft viel zu dichten Untergrund häufig viel zu wenig Platz. Von oben quält die Bäume eine ganze Armada von Schadstoffen, die vom Urin der vierbeinigen Stadtbewohner bis zum Streusalz gegen Eis und Schnee im Winter reichen.

Im August kaum noch Laub

Dazu kommt der Klimawandel, der Mitteleuropa zunehmend mit Hitzewellen plagt. Als die Bäume im Trockensommer 2018 ihren Blättern nicht mehr genug Wasser liefern konnten, färbte sich ihr Grün in vielen Städten im Juli bunt, und schon im August warfen die Straßenbäume Laub ab. Wiederholen sich solche Dürren, überleben viele Bäume diesen Dauerstress nicht. Was aber sollen die Stadtgärtner an ihrer Stelle am Straßenrand pflanzen?

„Eine Antwort auf diese Frage drängt vor allem deswegen, weil bereits heute heiße Tage deutlich häufiger als früher auftreten“, erklärt Susanne Böll, die am Institut für Stadtgrün und Landschaftsbau der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) im fränkischen Veitshöchheim solche Bäume der Zukunft unter die Lupe nimmt.

Immer mehr Hitzetage

So zählte der Deutsche Wetterdienst DWD in Würzburg zwischen 1961 und 1990 jedes Jahr im Durchschnitt sieben Hitzetage (30 Grad und wärmer). Seither hat sich diese Zahl etwa verdoppelt. 2015 registrierte der DWD 31 Hitzetage, 2018 waren es sogar 36. Und ein Klimamodell der Universität in Würzburg spuckte bis zum Ende dieses Jahrhunderts satte 50 Hitzetage in einem durchschnittlichen Jahr aus. Auf ähnliche Werte müssen sich auch andere Regionen wie das Oberrhein-Tal oder der Berliner Raum einrichten.

Zähe Arten vom Balkan

Gewöhnt an ein solches extremes Klima mit längeren Hitzeperioden und manchmal eisigen Wintern sind die Bäume im Südosten Europas zwischen Ungarn, Bulgarien und dem Balkan. Aber auch Regionen in Nordamerika, in den Bergen Japans und Chinas trotzen Bäume ähnlich harten Bedingungen.

Manna-Eschen vertragen nicht nur die mit dem Klimawandel zunehmenden Trockenperioden in Mitteleuropa gut, sondern blühen auch prächtig. Bild: LWG
Manna-Eschen vertragen nicht nur die mit dem Klimawandel zunehmenden Trockenperioden in Mitteleuropa gut, sondern blühen auch prächtig. Bild: LWG | Bild: Roland Knauer

Ob sich solche Gehölze auch in den Wetterextremen an mitteleuropäischen Straßenrändern gegen Hunde-Urin und Streusalz-Altlasten behaupten, kann nur ein Test zeigen, den die LWG gemeinsam mit den Gartenbauämtern dreier bayerischer Städte im Winter 2009/2010 begonnen hat.

20 neue Arten gepflanzt

„Da die Bäume in diesen drei Städten in sehr unterschiedlichen Klimaregionen wachsen, erfahren wir dort auch, welche Baumarten sich für welche Städte und Regionen eignen“, erklärt Susanne Böll: Während in Würzburg im Nordwesten Bayerns sommerliche Hitzewellen normal sind, gelten Hof und Münchberg im Nordosten mit seinen langen und kalten Wintern als Bayerisch-Sibirien, während es in Kempten im Südwesten mehr als doppelt so viel regnet und schneit wie in Würzburg. 460 Jungbäume aus 20 Arten wurden in den drei Städten damals gepflanzt. Seit 2015 kamen 197 weitere Bäume aus neun Test-Arten dazu.

Der Guttapercha-Baum aus China hält Hitze und Kälte aus.
Der Guttapercha-Baum aus China hält Hitze und Kälte aus. | Bild: ©Marc - stock.adobe.com

Bereits beim Pflanzen stellen die Gärtner die Weichen für die Zukunft der Bäume. „So sollte die Pflanzgrube 150 Zentimeter tief und mindestens zwölf Kubikmeter groß sein“, erklärt Susanne Böll. Noch besser als solche recht geräumigen Gruben für die Baumwurzeln ist allerdings ein breiter Streifen entlang der Straße, in dem alle 15 Meter ein Baum gepflanzt wird.

Werden wie hier in Würzburg neue klimawandel-resistente Straßenbäume gepflanzt, brauchen sie Platz und lockere Erde. Bild: LWG
Werden wie hier in Würzburg neue klimawandel-resistente Straßenbäume gepflanzt, brauchen sie Platz und lockere Erde. Bild: LWG | Bild: Roland Knauer

„Die Bäume brauchen einen luftigen Boden, andernfalls drohen die feinen Wurzeln zu verfaulen, die ja die gesamten Nährstoffe und das benötigte Wasser aus dem Untergrund holen“, nennt Susanne Böll den Hintergrund dieser Pflanzung. Da in den Böden vieler Städte oft Schutt vergangener Epochen steckt, sollte beim Pflanzen der Boden also gleich gegen ein gutes Substrat ausgetauscht werden.

Hitzesommer gut weggesteckt

Seither erlebten die Bäume nicht nur 2015 und 2018 zwei Hitzesommer, in denen etliche der heimischen Ahornbäume und Winterlinden mitten im Sommer ihr Laub abwarfen. Die Silberlinden und die Ungarischen Eichen, die aus Südost-Europa und Kleinasien stammen, behielten ihr Grün bis weit in den Herbst. Auch die Rot-Esche aus Nordamerika, die den Pilzen des Eschentriebsterbens trotzt, und die ebenfalls aus Nordamerika stammende Rebona-Ulme, die gegen die Ulmenkrankheit resistent ist, haben Hitzestress und Dürre gut verkraftet.

Das Dreispitz-Ahorn kann Hitze ebenfalls gut vertragen.
Das Dreispitz-Ahorn kann Hitze ebenfalls gut vertragen. | Bild: Daelin - stock.adobe.com

In Würzburg hielten die Zürgelbäume der Kälte gut stand und könnten die beliebten, aber kränkelnden Platanen in wärmeren Regionen ersetzen. Allerdings beobachten Naturschützer solche Exoten mit Argusaugen, weil die heimischen Tierarten von Wildbienen bis zu Blattläusen nicht an sie angepasst sind. „Wissenschaftliche Untersuchungen zu dieser Frage aber waren bisher Mangelware“, erklärt Susanne Böll.

Insekten fühlen sich wohl

Eine Riesen-Überraschung brachte die Verteilung der untersuchten Arten von Insekten und Spinnen: 43 Prozent lebten in den heimischen und den südosteuropäischen Baumkronen gleichermaßen. Ein Drittel der Arten fanden die Forscher nur in den Kronen der heimischen Bäume, ein Viertel entdeckten sie ausschließlich im Blätterwerk der Exoten.

Baum-Exoten für unsere Städte

  • Silberlinde: Sie stammt aus Südosteuropa und hat einen Trick entwickelt, mit dem sie Hitze trotzt. Knallt die Sonne vom Himmel, dreht der Baum seine Blätter im oberen Bereich der Krone um. Die silbrig-glänzende Unterseite, die dem Baum seinen Namen gegeben hat, ist jetzt oben und reflektiert so die Sonnenstrahlen mitsamt ihrer Energie in den Himmel. So heizt der Baum weniger stark auf.
  • Dreizahn-Ahorn: Es hat in seiner Heimat in den Bergen Japans gelernt, auch Frost gut wegzustecken. Der Baum kommt aber auch mit längeren Dürreperioden gut klar. Das hat sich in seiner Heimat herumgesprochen: In den Straßen Japans wird die Art daher seit langem gepflanzt und sie wird in Mitteleuropa zunehmend geschätzt.
  • Guttapercha: Der Baum kommt aus China und verträgt als einziger Gummibaum strengen Frost bis minus dreißig Grad Celsius. Bisher sind keine Schädlinge oder Krankheiten aufgetaucht, die diesen 15 bis 20 Meter hohen Baum zu schaffen machen.
  • Morgenländische Platane: Sie kommt aus Südosteuropa und Westasien wird ebenfalls in Bayern getestet. Während die bisher hierzulande gepflanzten Platanen mit verschiedenen Krankheiten kämpfen, die vom Klimawandel profitieren, scheint der Neuankömmling aus Griechenland erheblich robuster zu sein. (rhk)