Frau braucht eine gewisse Aufgeschlossenheit gegenüber ihrem eigenen Körper, um zum Tassen-Fan zu werden. Die Radolfzeller Frauenärztin Miriam Kaiser beschreibt das so: „Man muss sich anfassen können, in die Vagina hineingreifen und die Tasse wieder rausholen. Und man darf sich nicht vor dem Blut ekeln. Diese Coolness muss man haben“, sagt die 49-Jährige. Viele junge Frauen aber hätten die noch nicht.

Seit ein paar Jahren gewinnt die Menstruationstasse an Fans. Dabei gibt es sie schon seit über 80 Jahren: „Ich habe eine Antwort gefunden auf ein Problem, das so alt ist wie Eva“ – mit diesen Worten bewarb US-Schauspielerin und Autorin Leona Chalmers 1937 ihr Patent: ein glockenförmiges Behältnis, hergestellt aus stabilem Gummi mit einem Stiel zum Anfassen.

Seit 2015 steigt das Interesse

Sicherer, sauberer und angenehmer als Binden und Tampons sollten die Tassen sein. Kommerzieller Erfolg war ihnen jedoch nicht beschieden. Lag es daran, dass Tampax etwa zur selben Zeit lautstark die Werbetrommel rührte? Oder war den Frauen das Gummi-Hütchen einfach nur suspekt?

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Fakt ist: Auch spätere Versuche, aus der Erfindung der Frau mit dem strengen Blick, Kapital zu schlagen, schlugen fehl.

Gewandelt hat sich das erst in unserem Jahrtausend. Bei Google Trends lässt sich nachvollziehen, dass das Interesse für die Menstruationstasse bei der Suchmaschine seit dem Sommer 2015 nennenswert steigt. 

Das spiegelt sich im Angebot der Drogeriemärkte wider. Und erst recht in dem der Internetshops. Es gibt die Dinger inzwischen in allen Formen und Farben – und allesamt dürften sie komfortabler sein als das Original.

Statt Gummi wird heute Latex, Silikon oder Kautschuk verwendet.

Was spricht für das Trendprodukt?

  1. Ökologisch: „Der Trend passt zum wachsenden Ökobewusstsein“, sagt die Radolfzeller Gynäkologin Kaiser. Tatsächlich liegt darin einer der bestechendsten Vorzüge der Menstruationstasse: Sie schont die Umwelt, weil sie sich immer wieder verwenden lässt – laut Herstellern bis zu zehn Jahre lang, und produziert überhaupt keinen Müll. Wohingegen bei Binden und Tampons ganze Berge anfallen. Geht man davon aus, dass die Durchschnittsfrau im Monat 20 Tampons und Binden benutzt, summiert sich das im Laufe von zehn Jahren auf 2400 Binden und Tampons. Auch wenn das im Vergleich zum sonst produzierten Müll nur einen Bruchteil ausmacht (etwa 0,5 Prozent), der Zero-Waste-Bewegung ist das immer noch zu viel. Auch die beiden Unverpackt-Läden in Konstanz haben die Menstruationstassen deshalb seit im Sortiment. „Es sind vor allem jüngere Frauen, die das kaufen“, berichtet Inhaberin Sladja Peerebooms vom Laden an der Moosbrugger Straße. Juli Reineke vom Silo an der Oberen Laube bestätigt das: „Das sind Mädels, die sich sagen, ich möchte nicht mehr zum Müllberg beitragen.“ 
  2. Praktisch: Menstruationstasse – das bedeutet Monatsblutung ohne Gepäck. Frau muss nichts mehr mitschleppen, wenn sie ihre Tage hat. Die Tasse kann bei normaler Blutung den ganzen Tag über in der Vagina bleiben – und nach Leerung einfach wieder eingesetzt werden. Nachteil: Wer die Tasse vor dem Wiedereinsetzen von Blut befreien will, benötigt Wasser, sprich: in der Regel ein Waschbecken. Und das ist in öffentlichen Toiletten meist nicht in der Toilettenkabine.
  3. Gesund: Auf einen gesundheitlichen Vorzug der Menstruationstasse weist auch Gynäkologin Kaiser hin: Anders als der Tampon entzieht sie der Scheide keine Feuchtigkeit und verhindert damit Reizungen. Juli Reineke nutzt die Tasse – aus Naturkautschuk – auch deshalb, weil sie den klassischen Tampons aus Baumwolle misstraut: „Die sind doch mit Pestiziden belastet. Und so etwas soll ich in mein Heiligstes lassen?“ Mit dieser Sorge ist sie nicht allein: Von Gentechnik beim Baumwollanbau ist immer wieder die Rede, von Dioxinen, die beim Bleichen entstehen sollen und von Formaldehyd aus der Folienverpackung. Aber trifft das auch zu? „Stiftung Warentest“ hat im Jahr 2003 22 Tampon-Marken untersucht und keine Schadstoffe gefunden. Das Unternehmen Johnson &Johnson, Hersteller der Marke o.b., weist darauf hin, dass handelsübliche Tampons aus Viskose, nicht aus Baumwolle, hergestellt würden - und somit auch nicht mit Pestiziden belastet seien. „Auch werden keine Dioxine bei der Bleichung genutzt“, stellt das Unternehmen klar. Ein Öko-Test aus dem Jahr 2017 habe bestätigt, dass keine bedenklichen Inhaltsstoffe in handelsüblichen Tampons vorhanden seien.
  4. Günstig: Wer seine Menstruationstasse nie verliert und sie tatsächlich die von den Herstellern angegebenen zehn Jahre nutzt, kann effektiv Geld sparen. Laut einer Studie der Hochschule für Tropenmedizin in Liverpool kosten Tassen in einigen Ländern weniger als einen Dollar. Allerdings kann man auch 40 Euro und mehr bezahlen. Im Vergleich zum Tampon (zwischen 100 und 180 Euro pro Jahr) ist das aber immer noch günstig.

Anwendung und Wissenswertes


Stoffbinden, Menstruationsschwamm, Menstruationstasse

Beide Unverpackt-Läden in Konstanz haben Menstruationstassen im Angebot. Das Silo in der Oberen Laube führt noch ein paar mehr Produkte. Juli Reineke, Mitinhaberin, hat einiges selbst getestet. Periodenunterwäsche bietet das Silo jedoch nicht an: „Ich würde mir so etwas nicht anziehen“, meint Reineke. „Junge Frauen assoziieren das mit Pampers“ – wobei die Slips, die im Internet angeboten werden, gar nicht wie Windeln aussehen.