Es gleicht einem regelrechten Gütesiegel-Dschungel: Aufkleber in den unterschiedlichsten Farben und Formen weisen auffällig darauf hin, dass ökologische und soziale Standards bei der Herstellung von Kleidung eingehalten wurden. Doch ein Körperteil scheint von dem Label-Wahn verschont geblieben zu sein: Schuhe. Wer einen günstigen und schicken Ledertreter sucht, wird im Internet oder beim Händler des Vertrauens zwar schnell fündig, aber wer Wert auf Nachhaltigkeit legt, muss lange suchen. Im Vergleich zur Textilindustrie hinken Schuhhersteller meilenweit hinterher – behauptet das Inkota-Netzwerk, das sich für faire Schuhe einsetzt.

Menschunwürdige Verhältnisse in Fabriken?

Viele Verbraucher wollten laut Bernd Hinzmann vom Inkota-Netzwerk, nach Katastrophen in Textilfabriken saubere Kleidung. Die Schuhindustrie blieb von der Empörung der Bürger verschont. Schuhe fliegen weiter unter dem Radar. „In der Branche herrschen menschenunwürdige Verhältnisse“, so Hinzmann.

Manfred Junkert, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Schuh- und Lederwarenindustrie versichert: „Die Unternehmen tun viel, um soziale und ökologische Standards in den Produktionsländern einzuhalten.“ Trotzdem seien die Fabriken eigenständige Subunternehmen, den man Löhne nicht aufzwingen kann. „Die Bundesregierung kann auch nicht in anderen Ländern neue Gesetze einführen. Wir sind nicht die Oberlehrer der Welt“, entgegnet er den Vorwürfen.

Bild: Bernhardt, Alexander

Bezahlung soll nicht zum überleben reichen

Wenn es darum geht, ob Arbeiter in den Fabriken genug verdienen, verweisen Schuhhersteller meistens auf den sogenannten Code of Conduct. Das ist ein Vertrag, den sich deutsche Schuhunternehmen selbst auferlegen. Darin sind die die wichtigsten Grundregeln verankert. Der Kodex basiert auf den Normen der International Labour Organization, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die damit beauftragt ist, soziale Gerechtigkeit sowie Menschen- und Arbeitsrechte zu fördern. Neben dem Verbot von Zwangsarbeit und Kinderarbeit werden darin auch der Schutz junger Arbeitnehmer, Standards zu Löhnen und Arbeitszeit festgeschrieben. 48 Wochenstunden dürfen etwa nicht überschritten werden.

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Hinzmann kennt diesen Vertrag und kritisiert: Die Unternehmen verschreiben sich zwar internationalen Normen – die würden jedoch oft ignoriert, weil Verstöße nicht geahndet werden. Deshalb seien die Standards wertlos. Zudem fehlen Gesetze, die Unternehmen verpflichten, transparent zu sein. Der Weg vom geschlachteten Tier, über den Produktionsprozess, bis hin zum fertigen Schuh, könnten Verbraucher nicht nachvollziehen.

Arbeiter sollen ausgebeutet werden

Großen Nachholbedarf gebe es auch bei den niedrigen Löhnen für Arbeiter in den Schuh- und Lederfabriken. Das reiche vielen nicht zum Überleben und die Sicherheitsbedingungen seien dramatisch schlecht. Ausbeutung stehe auf der Tagesordnung, Frauen würden nicht gleich behandelt und auch Kinderarbeit sei sogar teilweise ein Thema.

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Junkert sieht das anders. Oft bestünde ein langes Vertrauensverhältnis zwischen deutschen Unternehmen und Produktionsfirmen in Fernost. „Man kennt sich und kann einander vertrauen“, so Junkert. Darüber hinaus fänden stichprobenartige Kontrollen durch die Unternehmen statt. Bei Verstoß werde sanktioniert – durch die Unternehmen selbst. Wie oft kontrolliert werden muss, wer überprüft und welche Strafen auf die Betreiber der Fabriken zukommen, sei im Vertrag aber nicht festgelegt. Auf die Frage, was passiert, wenn ein Unternehmen gegen den Code of Conduct verstößt, antwortet der Chef des Bundesverbandes der Schuhindustrie: „Ein großes Unternehmen kann sich das gar nicht erst erlauben.“

Chemikalien schaden der Umwelt

Doch das Inkota-Netzwerk kritisiert nicht nur soziale Mängel. Auch die Umwelt leide unter der Produktion der Schuhe: "Umliegende Dörfer sind durch hoch toxisches Wasser und Abfälle verseucht", so Hinzmann. Auch Silke Wedemeier von der Kampagne für Saubere Kleidung in Stuttgart, bestätigt, dass die Umwelt leidet. Sie rät den Verbrauchern, sich in den Schuhgeschäften zu informieren, unter welchen Bedingungen, produziert wird. „Wir sollten uns die Frage stellen, ob ein Schuhkauf überhaupt notwendig ist. Allgemein weniger zu konsumieren, heißt auch, dass weniger produziert werden muss und Ressourcen geschont werden.“

Berndt Hinzmann kritisiert die deutsche Schuhindustrie.
Berndt Hinzmann kritisiert die deutsche Schuhindustrie. | Bild: Privat

Junkert bescheinigt der Branche, dass sie ökologisch sauber sei. Der Organisation „cads“, also die Kooperation für abgesicherte definierte Standards bei den Schuh- und Lederwarenprodukten, hätten sich viele Schuhunternehmen angeschlossen. Ziel ist es, eine umweltverträgliche Produktion zu schaffen.

Kein Gütesiegel trotz Erfolgsgeschichte

Die Frage bleibt: Wenn die Bedingungen in Fernost wirklich so fair sind, wie Junkert behauptet, warum machen Deichmann, Lloyd und Co. nicht auf ihre nachhaltige Produktion aufmerksam, obwohl die Textilbranche davon deutlich profitiert? Junkert wirkt am Telefon überrascht und sagt: „Ein T-Shirt besteht aus einem einzigen Stoff. Schuhe sind aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt. Jeden Schritt zu dokumentieren, wäre ein riesiger Aufwand.“