Vitamin D gehört derzeit zu den großen Hoffnungsträgern der Medizin. Es soll nicht nur Knochenschwund stoppen, sondern auch vor Krebs, Diabetes und Depressionen schützen. Doch diese Hoffnungen sind stark übertrieben – und stattdessen kommt es immer öfter zu Vergiftungen.

Er wollte der Osteoporose vorbeugen und seinem Immunsystem einen Anschub geben. Also besorgte sich Bernd (Name geändert) aus dem Internet ein hoch dosiertes Vitamin-D-Präparat, um sich täglich eine Extra-Ration dieses Naturstoffs zu gönnen. Doch von der „Rundum-Wellness“, die ihm der Anbieter des Produkts versprochen hatte, spürte er nichts. Als Erstes verschwand sein Appetit, dann die Lust auf Sex und stattdessen kamen Kopfweh, Schwindel und Muskelschwäche. Es dauerte lange, bis die Ärzte dahinterkamen, dass sich Bernd mit Vitamin D vergiftet hatte. Sie versuchten noch per Cortison, seine Nieren zu retten. Doch deren Verkalkung war schon zu weit fortgeschritten. Bernd ist heute ein Dialyse-Patient.

Der 60-Jährige gehört neben einer 78-jährigen Frau zu den Fallberichten, die jetzt von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft vorgelegt wurden, um im Zusammenhang mit Vitamin D vor gefährlichen Überdosierungen zu warnen. Denn die eigentlich zu den Hormonen zählende Substanz ist, wie es der für das Arzneimittelverzeichnis „Gelbe Liste“ arbeitende Christian Kretschmer ausdrückt, „zu einer Modedroge“ geworden, die New York Times spricht sogar von einer „neuen Religion“.

Zu viel Vitamin D, zum Beispiel über Präparate, kann die Nieren angreifen, sodass man auf eine Dialyse angewiesen ist.
Zu viel Vitamin D, zum Beispiel über Präparate, kann die Nieren angreifen, sodass man auf eine Dialyse angewiesen ist. | Bild: dpa

„Möchte man den Meldungen im Internet glauben, hat fast jeder Mensch ein Vitamin-D-Defizit und es gibt kaum ein Organsystem, das nicht positiv auf Vitamin D anspricht“, so Kretschmer. Und diese Botschaften kommen an. Allein in Deutschland wandern über sieben Millionen rezeptfreie Packungen jährlich über den Apothekentresen, die Zahl der ärztlichen Verschreibungen ist auf vier Millionen gestiegen. Hinzu kommen unzählige Produkte aus dem Internet. In Neuseeland und den USA konsumiert bereits jeder zweite Ü-50-Jährige Vitamin D in Pillen-, Tabletten- oder Pulverform. Dabei bringen sie, wie aktuelle Studien belegen, selbst in angemessener Dosierung nur wenig Positives für die Gesundheit. So weiß man schon länger, dass es die Aufnahme von Calcium und Phosphaten und damit die Festigkeit der Knochensubstanz reguliert. Darüber hinaus werden ihm aber auch vorbeugende und therapeutische Effekte bei Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Multipler Sklerose sowie Demenz und Depressionen nachgesagt.

Diese Hoffnungen ruhen vor allem auf der Beobachtung, dass Vitamin-D-Rezeptoren an vielen Organen des Körpers zu finden sind. Außerdem gehen viele Erkrankungen Hand in Hand mit erniedrigten Vitamin-D-Spiegeln im Blut. Doch die könnten, wie Endokrinologe (ein Arzt, der sich mit der Wirkung von Hormonen beschäftigt) Helmut Schatz von der Ruhr-Universität Bochum betont, „eine Folge und nicht die Ursache der Erkrankung sein“.

Ist Vitamin D ein guter Schutz?

So zehren gerade Diabetes und Krebserkrankungen an den Vitaminressourcen, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass es nutzt, wenn man diese Ressourcen wieder aufrüstet. Ein Loch im Eimer schließt sich ja auch nicht, indem man immer wieder Wasser nachfüllt. Am Internationalen Institut für Präventionsforschung in Lyon fand man bei einer Analyse der wissenschaftlichen Daten keine Hinweise darauf, dass eine tägliche Vitamin-D-Zufuhr von zehn bis 20 Mikrogramm (400 – 800 IE) einen Einfluss auf nicht-skelettale Erkrankungen wie Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Depressionen hätte. Immerhin scheinen Asthma und akute Atemwegsinfekte positiv darauf zu reagieren, und auch die Krebssterblichkeit geht geringfügig zurück. Doch das reicht nicht, um Vitamin D als Schutz gegen diese Krankheiten empfehlen zu können.

So beobachtete ein Forscherteam der Universität Uppsala an 1200 Männern, dass zwar diejenigen mit den geringsten Vitamin-D-Spiegeln im Blut ein um 50 Prozent erhöhtes Krebstodrisiko hatten – doch für diejenigen mit den höchsten Vitamin-D-Werten galt genau das Gleiche. „Aus Studien mit Mäusen ist schon länger bekannt, dass hoch dosiertes Vitamin D das Tumorwachstum und Altern beschleunigen kann“, warnt Studienleiter Karl Michaëlsson. Die Dosis macht eben das Gift.

25 Minuten Sonnenlicht pro Tag reichen, um den Körper ausreichend mit Vitamin D zu versorgen.
25 Minuten Sonnenlicht pro Tag reichen, um den Körper ausreichend mit Vitamin D zu versorgen. | Bild: dpa

Viele haben keinen Mangel

Womit ein Kardinalproblem von Vitamin D angesprochen ist: die Dosis. Nicht nur, dass es als fettlösliche, mit dem Urin unausscheidbare Substanz zum Gift wird, wenn man es in großen Mengen verzehrt. Bis heute ist auch nicht geklärt, wann eigentlich ein Mangel vorliegt, den man behandeln muss, um das Skelett – dem „klassischen“ Einsatzort des Vitamins – vor Knochenschwund zu schützen. Einige Experten verorten diesen Bereich unterhalb von 30 Nanogramm pro Milliliter Blut, andere unter 20 und das Robert-Koch-Institut (RKI) sogar erst unter zehn bis 12,5 Nanogramm. Die Stiftung Warentest hat diese Werte zum Ausgangspunkt genommen, um anhand von RKI-Daten auszurechnen, wie viele Menschen hierzulande unter Vitamin-D-Mangel leiden. Das Ergebnis: Bei den Erwachsenen sind es gerade mal zwei, bei den Kindern und Jugendlichen vier Prozent. In den Werbeaussagen für Vitamin-D-Präparate ist jedoch von bis zu 80 Prozent die Rede.

Begründet werden diese Zahlen gerne damit, dass der Mensch zwar sein Vitamin D selbst herstellen könnte, doch dass dies aufgrund seiner urbanen, sonnenlichtfernen Lebensweise viel zu kurz käme. Tatsache ist freilich, dass die Evolution wohl kaum zugelassen hätte, die Versorgung mit einem so wichtigen Stoff auf Gedeih und Verderb von der aktuellen Sonnenstrahlung abhängig zu machen. Vielmehr verfügt der Körper mit Fett, Muskeln und Leber über effektive Vitamin-D-Speicher, die durch sonnenarme Zeiten helfen.

Bei den Bewohnern im subarktischen Schweden fand man einen ähnlich hohen Vitamin-D-Level wie im südlichen Skandinavien. Selbst nach drei Monaten in fast durchgehender Finsternis litten sie keinen Vitamin-D-Mangel. Und die Zeiten, als man im hohen Norden noch überwiegend Vitamin-D-reiche Schweinswale und Tümmler auf dem Teller hatte, sind lange vorbei.

Bluttests sind im Trend

Neben Vitamin-D-Präparaten boomen auch die Labortests zur Ermittlung des persönlichen Vitamin-D-Status. 2010 führten die Ärzte noch eine Million solcher, auf einer Blutuntersuchung basierenden Tests pro Jahr durch, mittlerweile sind es rund sieben Millionen. Sie werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nur übernommen, wenn konkrete Hinweise auf ein Vitamin-D-Defizit vorliegen. Wer sich den Weg zur Praxis sparen will, kann sich für 30 Euro einen Test für zu Hause besorgen. Dabei existieren bisher keine einheitlichen Vorgaben, ab welchen Werten eigentlich ein Mangel vorliegt. (zit)