Beim Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar vergangene Woche machte eine große Frage die Runde: Sind die Bußgelder in Deutschland zu niedrig? Das Netz an Blitzern wird immer dichter, aber der Geblitzte kommt oft mit einer eher symbolischen Strafe davon. Diese Zeitung hat vier ihrer Korrespondenten gebeten, einmal aufzuschreiben, wie es in ihrem Land um das Bußgeld steht:

Schweiz

Wer auf Schweizer Straßen mit zu hohem Tempo erwischt wird, muss tief in die Tasche greifen. Das ist bekannt. Und der Verlust des Führerscheins droht schnell. Mit den empfindlichen Strafen wollen die Eidgenossen die Zahl der Verkehrstoten und -verletzten weiter senken. Zwar registrierten die Behörden seit Jahren immer weniger Unfälle mit Personenschaden. 2016 kamen immer noch 216 Menschen ums Leben, 3785 Menschen wurden schwer verletzt.

Doch so streng die Schweizer vorgehen: Während in Deutschland jemand, der mehr als 20 km/h schneller fährt als erlaubt, schon als Raser gilt, fassen die Eidgenossen den Begriff viel weiter. Hier ist laut Gesetz ein Fahrer erst dann ein Raser, wenn er innerorts (50 km/h) das Limit um das Doppelte überschreitet, also 100 km/h fährt. Außerhalb von Ortschaften (80 km/h) gilt erst die Überschreitung des Limits um 60 km/h als Raserei. Ein Autobahn-Raser ist, wer das generelle Limit von 120 um 80 km/h überschreitet, also 200 fährt. Wer als Raser ertappt wird, der zahlt kräftig und muss den Führerschein für mindestens zwei Jahre abgeben. Im Wiederholungsfall ist der Führerschein für immer weg.

Weiter können Raser bis zu vier Jahren ins Gefängnis wandern und die Behörden beschlagnahmen ihre Autos. Unlängst berichteten Schweizer Medien von einem Motorradraser, der insgesamt 18 000 Franken Straf- und Bußgeld zu entrichten hat.

Im Kreis Waldshut war 2017 eine nicht angepasste Geschwindigkeit in 283 Fällen die Unfall- oder Mitunfallursache. Die Verkehrspolizei ...
Im Kreis Waldshut war 2017 eine nicht angepasste Geschwindigkeit in 283 Fällen die Unfall- oder Mitunfallursache. Die Verkehrspolizei plant mit dem Landratsamt eine Intensivierung der Blitzer-Kontrollen in diesem Jahr. Bild: stock.adobe.com – Picture-Factory | Bild: Picture-Factory

Doch Freunde eines heißen Reifens haben auch in der Schweiz keine Freude. Bei Überschreitungen des Tempolimits unterhalb der Raser-Grenzen werden generell Bußgelder bis zu 260 Franken fällig. Wer in der Schweiz seinen Führerschein beim Fahren nicht mitführt, muss 20 Franken zahlen. Das Überschreiten der Parkzeit auf einem Stellplatz mit Uhr zieht eine Buße von 40 Franken nach sich. Alkoholsünder werden gemäß ihrer finanziellen Verhältnisse zur Kasse gebeten. Generell gilt eine Grenze von 0,5 Promille. In schweren Fällen droht eine Gefängnisstrafe.

Belgien und Niederlande

Wer glaubt, er könne in Belgien oder den Niederlanden die Verkehrsvorschriften großzügig auslegen, sollte viel Geld dabei haben. Denn die deutschen Nachbarländer gehören zu den besonders teuren Pflastern. Wer mit mehr als 0,5 Promille Alkohol im Blut seinen Wagen startet, muss in Belgien mit 170 Euro und mehr, in den Niederlanden sogar mit 325 Euro Strafe rechnen. Das Überschreiten der geltenden Höchstgeschwindigkeit um 20 km/h wird mit 100 Euro aufwärts (Belgien) beziehungsweise 165 Euro und mehr (Niederlande) geahndet. Bei 50 km/h über dem Tempolimit fallen Strafen ab 300 Euro beziehungsweise ab 660 Euro an.

Auch ein Parkverstoß reißt ein Loch ins Budget: Ab 55 Euro in Belgien und ab 90 Euro in den Niederlanden werden in Rechnung gestellt. Wer ohne Sicherheitsgurt fährt, muss 110 Euro beziehungsweise 140 Euro bezahlen. Und sollte während der Fahrt das Handy klingeln, gilt: Finger weg! Die belgische Polizei verlangt mindestens 110 Euro, die niederländische 230 Euro. In beiden Ländern werden Geldbußen, sofern sie vor Ort festgestellt werden, sofort fällig. Sollte das Bargeld nicht reichen, übernimmt die Polizei gerne mal die Begleitung auf der Fahrt zum Geldautomaten. Sollte das Konto nicht genügend gefüllt sein, droht die Stilllegung des Fahrzeugs.

Auch Knöllchen sind in Deutschland vergleichsweise billig.
Auch Knöllchen sind in Deutschland vergleichsweise billig. | Bild: dpa

Doch damit nicht genug: An den Grenzen zu den Niederlanden wurden schon vor Jahren automatische Kameras stationiert, die die Kennzeichen auslesen und mit einem zentralen Datenspeicher abgleichen. Wer den Bußgeldbescheid einer früheren Reise nach Hause bekommen, aber nicht gezahlt hat, muss damit rechnen, gestoppt zu werden.

Belgien galt lange Zeit als Paradies für Schnellfahrer, weil man zwar Kamerakästen aufgestellt hatte – aber ohne Kameras. Seit dem Jahresanfang ist das vorbei. Im Rahmen der nach einigen Anschlägen ausgebauten Terrorfahndung wurde in kurzen Abständen auf den Autobahnen und innerorts Überwachungstechnik installiert. Die misst auch die Geschwindigkeit – und registriert Dieselautos. Alte Stinker sollen nämlich sukzessive ausgesperrt werden. Nach Antwerpen dürfen 20 Jahre Selbstzünder jetzt schon nicht mehr hineinfahren.

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Was die deutschen Verkehrsexperten empfehlen

Höhere Bußgelder und mehr Fahrverbote für gefährliche Verkehrsdelikte sollen nach Expertenforderung Deutschlands Straßen sicherer machen. Der Verkehrsgerichtstag in Goslar sprach sich kürzlich für schärfere Sanktionen aus, vor allem für Überhol-, Tempo- und Abstandsverstöße.

 

Österreich

Strenge Verkehrsüberwachung zahlt sich aus. Noch nie war die Zahl der Verkehrstoten in Österreich so niedrig wie 2017. 413 Personen starben bei Unfällen, davon 210 auf Landstraßen. Als eine der Hauptursachen für Unfälle gilt Unachtsamkeit – besonders aufgrund der Benutzung von Smartphones oder Navigationsgeräten während der Fahrt.

Grundsätzlich variiert die Höhe der Bußgelder nach Regionen. In vielen Städten sieht die Polizei streng darauf, dass Verkehrsregeln eingehalten werden. In Wien kostet es 76 Euro, wenn ein Auto im Stau die Kreuzung verstopft. Auch das Überfahren von Stoppschildern findet bei den Ordnungshütern kein Verständnis. Falschparker müssen sich auf saftige Bussgelder gefasst machen. 36 Euro zahlt in Wien, wer die Parkzeit überschreitet. 36 Euro, wer auf einem Anwohnerparkplatz falsch parkt. Kommt beides zusammen, kostet es den doppelten Tarif. Damit liegen Wien und Salzburg an der Spitze.

Ein typischer Fall von Unfallflucht: Ein Unbekannter hat am Stoßfänger eines geparkten Autos Kratzer verursacht.
Ein typischer Fall von Unfallflucht: Ein Unbekannter hat am Stoßfänger eines geparkten Autos Kratzer verursacht. | Bild: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa

Geschwindigkeitsüberschreitungen werden einheitlich mit saftigen Bußgeldern bestraft, die Toleranzgrenzen beim Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit sind unterschiedlich. In allen Fällen dürfen Deutsche damit rechnen, die Anzeigen an die Adresse des Kfz-Halters geschickt zu bekommen. Bei der Anonymverfügung, also bei einem nicht in Österreich registrierten Fahrer, eröffnet die Behörde ein innereuropäisches Verwaltungsstrafverfahren, bei dem der Halter verpflichtet ist, den Fahrer zu nennen. Es gibt kein Aussageweigerungsrecht.

Die neue ÖVP/FPÖ Regierung plant mehrere Reformen. Der Sprecher des Verkehrsministeriums Volker Höferl kündigt einen Testversuch für Tempo 140 auf Autobahnen an. Zur Zeit liegt das Limit bei 130. Erhöht werden könnte es auf dreispurigen Autobahnen bei gutem Wetter und trockener Fahrbahn, wenn eine Telematic-Überwachung möglich ist. Sie steht bereits auf einem Drittel der Straßen zur Verfügung.

Bild 4: So hoch sind die Bußgelder im Ausland: Bei den Nachbarn wird es teuer

Italien

Autofahren in Italien glich einst einem anarchischen Vergnügen. Je südlicher man kam, desto weniger wurden Verkehrsregeln beachtet. Nicht jeder Tourist kam gleich gut zurecht mit der weiten Auslegung der Straßenverkehrsordnung in Italien. Diese Maxime gilt grob bis heute. In Bozen herrschen beinahe deutsche Verhältnisse auf den Straßen, in Florenz geht es schon wilder zu, in Rom herrscht Chaos und in Neapel trauen sich nur Verwegene ans Steuer. Was die Verkehrskontrollen durch die Polizei angeht, ist es in etwa ähnlich. Wer in Norditalien unterwegs ist, muss häufiger mit Kontrollen rechnen. Im Süden sieht es anders aus.

Ausländische Autofahrer in Italien kommen heutzutage nicht mehr so glimpflich davon wie noch vor einiger Zeit, als Strafzettel folgenlos ignoriert werden konnten. Inzwischen werden Bußgelder aus Italien auch in Deutschland vollstreckt. Einige Städte, etwa Mailand oder Florenz, haben sich zu diesem Zweck die Dienste von spezialisierten Firmen gesichert. Diese sorgen dafür, dass auch Touristen ihre Schulden mit der Stadt begleichen. Als am wenigsten disziplinierte ausländische Autofahrer in Italien gelten die Schweizer, gefolgt von den Deutschen.

Etwa jeder zweite Tourist bezahlt heute seinen Strafzettel aus dem Italien-Urlaub. Eine Zeitlang nutzten sogar Einheimische die bürokratischen Schlupflöcher. So liehen sich einige Italiener dauerhaft einen Mietwagen bei ausländischen Firmen und sammelten etliche Strafzettel an, ohne selbst belangt zu werden.