Herr Neubauer, Realschüler sind etwa 16 Jahre alt, Gymnasiasten 18, wenn sie ihren Schulabschluss machen. Ist das nicht zu früh, um zu wissen, was man mal beruflich machen möchte?

Ja und nein. Viele Beispiele zeigen, dass es tatsächlich funktioniert. Aber es braucht viel mehr Unterstützung, als es sie derzeit gibt. Die Berufswahl und die Berufsfindung kommen nach wie vor zu kurz. Es gibt zwar Berufsinformationsmessen und Talentechecks. Doch es müsste in der Schule ein eigenes Fach geben, in dem sich die jungen Menschen mit der Berufswahl auseinandersetzen und erfahren, was wirklich hinter den Berufen steckt. Wichtig wäre auch, den Schülern viel mehr Rückmeldung zu geben, wo ihre Stärken und Talente liegen, damit sie in dem Beruf landen, für den sie geeignet sind. Wer sich nur auf seine Interessen verlässt, könnte in die falsche Richtung gelenkt werden.

In Ihrem Buch bringen Sie das Beispiel dieses jungen Mannes, der genau das getan hat: Als 15-Jähriger entschied er sich für eine Lehre als Kfz-Mechaniker, um sein großes Interesse für Autos mit seinem künftigen Beruf zu verbinden. Warum ist er gescheitert?

Er besaß zu wenig räumliches Vorstellungsvermögen und damit die Fähigkeit, Gegenstände im Kopf mental rotieren zu lassen. Diese Fähigkeit ist für Automechaniker, aber auch für Chirurgen, Zahnärzte und Piloten sehr wichtig, um erfolgreich arbeiten zu können. Wenn eine solche zentrale Begabung fehlt, ist die Gefahr groß, dass man nicht nur deutlich mehr Fehler macht, sondern auch viel mehr Zeit braucht.

Also sollte man bei der Berufswahl nicht nur nach seinen Interessen, sondern vor allem auch nach seiner Begabung schauen.

Ja, denn Begabung bedeutet, dass jemand effizienter arbeiten und etwas in kürzerer Zeit und trotzdem in höherer Qualität bewältigen kann. Begabung hat viel mit Leichtigkeit und Geschwindigkeit des Lernens zu tun. Ich mache mir das Leben leichter, wenn ich auf meine Begabungen setze, als wenn ich nur schaue, was mich interessiert. Der Zusammenhang zwischen Begabung und Interesse ist erstaunlich gering.

Wie kann ich herausfinden, wofür ich begabt bin?

Idealerweise, indem man zu einer psychologischen Beratung geht. Psychologen haben die passenden Tests, mit denen sie Begabungen gut diagnostizieren können.

Kann das jeder Psychologe?

Er sollte einen Schwerpunkt haben in der psychologischen Persönlichkeitsdiagnostik und sich idealerweise mit Berufsberatung und Begabungen auskennen. Wir gehen davon aus, dass jeder für irgendetwas ein Talent hat. Das gilt es herauszufinden.

Was ist aus dem Kfz-Lehrling geworden?

Der junge Mann hat auf den Rat einer berufsberatenden Psychologin hin umgesattelt und eine Ausbildung als Automobilkaufmann gemacht. So konnte er seine Leidenschaft für Autos mit seinem kaufmännischen Talent kombinieren, das die Psychologin unter anderem aus den Begabungsschwerpunkten im praktisch-rechnerischen Denken erschlossen hatte. Und er konnte seinem extravertiertem Naturell gerecht werden. Er liebte es, Menschen in seinem Umfeld von der Wertigkeit einer Sache zu überzeugen. Fünf Jahre später übernahm er die Filialleitung eines regionalen Autohauses.

Sie sagen, dass es vielen Menschen schwerfällt, eigene Begabungen und Talente zu erkennen. Warum ist das so?

Aus der Forschung wissen wir, dass Menschen oft zu wenig Feedback bezüglich ihrer Leistungen bekommen. Wenn sie es kriegen, interpretieren sie es oft falsch. Das führt zu solchen Fehleinschätzungen. Auch Schüler bekommen häufig eher negatives Feedback, die Stärken des einzelnen werden zu wenig hervorgehoben. Auch im Beruf erfahren die Leute zu wenig positive Rückmeldungen. Bekommen sie doch ein Lob, dann neigen sie möglicherweise dazu, es zu sehr zu verallgemeinern, obwohl es sich eher auf eine konkrete Leistung bezogen hat. Zum anderen wird negatives Feedback eher bagatellisiert, indem man sagt: Ich war an dem Tag nicht fit, nicht motiviert oder unausgeschlafen. Viele Studien zeigen, dass Menschen ihre eigene Leistungsfähigkeit im Beruf oft höher einschätzen, als sie tatsächlich ist.

Kann eine Selbstüberschätzung nicht auch förderlich sein für die Leistung?

Eine leichte Selbstüberschätzung ist kein Problem. Sie kann sogar förderlich sein, weil man sich dann mehr zutraut. Doch wenn die Selbstüberschätzung sehr stark ist, ergibt sich der Dunning-Kruger-Effekt, der nach zwei amerikanischen Psychologen benannt ist. Sie haben schon Ende der 90er-Jahre entdeckt, dass die Tendenz zur Selbstüberschätzung dort besonders hoch ist, wo Fähigkeiten eher schwach ausgeprägt sind. Menschen mit mittleren Fähigkeiten schätzen sich selbst eher realistisch ein. Menschen mit sehr hohen Fähigkeiten sehen sich dagegen oft zu selbstkritisch. Relativ viele Menschen liegen in ihrer Selbsteinschätzung falsch.

Sie haben selbst Tests entwickelt, um Interessen, Begabungen und Persönlichkeitsmerkmale herauszufinden. Birgt ein solcher Test nicht gerade das Risiko zur Selbstüberschätzung?

Diese Tests zur Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten sind als Appetizer gedacht, sich überhaupt einmal mit dem Thema auseinanderzusetzen. Eine wirkliche Begabungsdiagnostik bekommt man nur von Experten. Auch im Internet gibt es diese nicht in qualitativ guter Form. Nur psychologisch geschulte Berufsberater können letztlich Begabungen, Persönlichkeit und Interessen zusammenbringen und Empfehlungen aussprechen, in die man beruflich gehen könnte.

Die Fülle an Berufen, Berufsfeldern und Studiengängen macht es Schulabgängern nicht leicht.

Das stimmt. Grundsätzlich sollte man überlegen: Will ich einen Beruf mit vielen oder wenigen Sozialkontakten, einen, wo ich ständig etwas Neues lernen muss, oder einen Beruf, in dem ich eher einer Routine nachgehen kann. So lassen sich beispielsweise grobe Berufskategorien finden. Letztlich geht Probieren über Studieren: Ich empfehle, Praktika zu machen, an der Uni Vorlesungen zu besuchen, während man noch in der Schule ist, und sich mit vielen Leuten zu unterhalten.

Können einem denn Freunde oder Eltern, also Menschen, die einem nahestehen, überhaupt gute Ratschläge geben?

Das kein sein, muss aber nicht. Bei Menschen, die einen gut kennen, kann es Beurteilungsfehler in beide Richtungen geben. Jeder hat eine spezifische Sichtweise, und es besteht immer die Gefahr, dass er daneben liegt und den anderen zu positiv oder zu negativ beurteilt. Auch eigene Motive spielen eine Rolle, wenn beispielsweise der beste Freund nicht möchte, dass die Freundin Karriere macht, weil es bei ihm selbst nicht so gut läuft. Auch der persönliche Hintergrund fließt in die Antwort mit ein. Häufig wird empfohlen, was der Familientradition entspricht, was man selbst gerne macht oder gemacht hätte oder was im Umfeld hoch angesehen ist. Deshalb sollte man nicht nur Freunde, sondern auch Eltern oder Lehrer fragen, um individuelle Beurteilungsfehler auszumitteln.

Nehmen wir einen jungen Menschen, der Arzt werden will. Ein Arzt muss Diagnosen geeignet überbringen und ein gutes Gespür für Situationen haben. Welche Rolle spielt denn die Persönlichkeit bei der Berufswahl?

Nicht alle Ärzte haben mit Menschen zu tun. Ich kenne auch solche, die sagen: Ich bin deshalb Radiologe geworden, weil ich wenig mit Menschen zu tun haben wollte. Aber Sie haben schon Recht – ein Arzt sollte eher eine extravertierte und verträgliche Persönlichkeit haben. Extravertierter als der Durchschnitt sind Schauspieler, Musiker und Journalisten, aber auch Manager in der Industrie und anderen Bereichen oder Leute, die im Verkauf arbeiten. Introvertiert sind eher Ingenieure, Wissenschaftler, Informatiker. Wobei mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen noch nicht gesagt ist, dass die Leute dann auch wirklich erfolgreicher sind.

Welche allgemeinen Merkmale sind ausschlaggebend für beruflichen Erfolg?

Die kognitive Begabung, also die Intelligenz, ist das Merkmal, das am meisten vorhersagt. Eine unklare Frage ist noch, inwiefern die emotionale Intelligenz für bestimmte Berufe wichtig beziehungsweise unwichtig ist. Aus dem Persönlichkeitsbereich ist es die Gewissenhaftigkeit, die neben Begabungsfaktoren die Hauptrolle für beruflichen Erfolg spielt, also wie motiviert, selbstdiszipliniert und ausdauernd jemand ist.

Reden wir darüber, was beruflichen Erfolg ausmacht: Für den einen ist es wichtig, viel Geld zu verdienen, für den anderen ist die Zufriedenheit wichtiger. Raten Sie dazu, sich solche Fragen bei der Berufswahl zu stellen?

Sie sind sehr wichtig. Wenn man beruflichen Erfolg definiert, geht es zum einen um die klassischen Erfolgsindikatoren: Wie hoch ist das Einkommen, die hierarchische Position und wie schnell ist der Karriereaufstieg, wie viel Mitarbeiter hat jemand unter sich? Auf der anderen Seite ist die individuelle Zufriedenheit ein ganz wichtiger Faktor. Wie glücklich jemand in seinem Beruf ist, korreliert auch sehr stark mit der allgemeinen Lebenszufriedenheit. Es gibt aber Menschen, für die die äußeren Indikatoren wichtiger sind, und andere, die sagen, mein Glück ist mir das Wichtigste. Das hängt von den Prioritäten ab. Seinen Begabungen zu folgen, ist dann wichtiger, wenn einem der objektive Berufserfolg wichtiger ist. Steht die Zufriedenheit eher im Vordergrund, sollte man eher seinen Interessen folgen.

Wobei man aber Schiffbruch erleiden kann, wenn man nur seinen Interessen, aber nicht seinen Begabungen folgt.

Es sollte kein extremer Mismatch zwischen den beruflichen Anforderungen und den Begabungen und Interessen bestehen. Weniger Begabung lässt sich in Grenzen durch ein Mehr an Arbeit, Fleiß und Selbstdisziplin ausgleichen. Wenn aber eine grundlegende Begabung für einen Beruf fehlt, dann wird es nicht funktionieren. Dann wird jemand auf Dauer unglücklich sein. Stress entsteht, und die Burn-Out-Gefahr erhöht sich. Oder man landet sogar in einer Depression, wenn man sich ständig überfordert fühlt.

Welche Rolle spielt die Begabung, wenn man sich im fortgeschrittenen Alter umorientieren will?

Je älter man wird, desto wichtiger ist es, dass man auf seine Begabungen setzt, weil man sich ohnehin altersbedingt schwerer mit dem Lernen tut.

Fragen: Birgit Hofmann

Aljoscha Neubauer: „Mach was du kannst“, DVA, München, 270 S., 20 Euro

Intelligenz und berufliche Ziele

  • Kognitive Fähigkeiten: Mit dem Begriff der klassischen kognitiven Intelligenz (IQ) sind die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen gemeint, vor allem seine Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, sein räumliches Vorstellungsvermögen und seine numerisch-mathematischen Fähigkeiten.
  • Emotionale Intelligenz: Unter Experten herrscht noch keine Einigkeit, wie genau Emotionale Intelligenz (EI) zu definieren ist und ob solche nicht-kognitiven Begabungen zur Intelligenz zu zählen sind. Die meisten EI-Ansätze unterscheiden erstens, wie gut jemand seine Gefühle kontrollieren und regulieren kann. Und zweitens, wie gut jemand auf die Gefühle anderer reagieren kann, vor allem bei negativen Gefühlen.
  • Ziele: Wenn man sich berufliche Ziele für die Zukunft setzen möchte, sollte man sich primär an seinen bisherigen Resultaten orientieren, rät Aljoscha Neubauer. Da Jugendlichen diese Erfahrung fehlt, könnten sie bei einem Psychologen ihre Begabung testen lassen, so Neubauer. Auch bei Praktika, Internships oder Schnupperlehren kann man seine Begabung in realen Berufsfeldern ausprobieren.