Hoch konzentriert schiebt der Zweijährige seinen Traktor über den Geburtstagstisch, untersucht immer wieder die Räder, die abgebrochen waren. Jetzt hat der Papa endlich eine neue Achse eingebaut in das Fahrzeug, das er selbst vor 30 Jahren auch schon geschoben hat. Die anderen Geschenke auf dem Tisch sind willkommene Hindernisse zum Umfahren. Mehr nicht. Sie werden später von den Eltern ausgepackt.

Lügen wie „Er hat sich total gefreut! Er spielt die ganze Zeit damit!“ kommen den Eltern gegenüber Verwandten und Freunden inzwischen erstaunlich flüssig über die Lippen. Immerhin üben sie schon, seit vor vier Jahren das erste Kind zur Welt kam und bereits zur Geburt mit Geschenken überhäuft wurde. Es spielt übrigens bis heute mit keinem einzigen der Kuscheltiere, ohne die in Deutschland offenbar kein Kind das Krankenhaus verlassen darf.

Weihnachten gehört für Kinder zu den schönsten Momenten. Dazu gehört oftmals auch, dass Kinder mit der ganzen Familie feiern. Bild: JenkoAtaman – stock.adobe.com
Weihnachten gehört für Kinder zu den schönsten Momenten. Dazu gehört oftmals auch, dass Kinder mit der ganzen Familie feiern. Bild: JenkoAtaman – stock.adobe.com | Bild: evgeny atamanenko

Weihnachten ist für die Eltern besonders schlimm. Dann werden alle Kinder am gleichen Tag beschenkt. Und es kommt alle Jahre wieder zu solchen Gesprächen mit der Verwandtschaft: „Was wünschen sich die Kinder denn?“ – „Puh, eigentlich nichts. Sie spielen gerade am liebsten mit Klopapierrollen, Matsch, Kastanien, Küchenutensilien und auf dem Spielplatz. Vielleicht Geld für größere Wünsche, wenn sie dann mal älter sind? Oder einfach nur Zeit mit euch. “ – „Hm, okay. Aber was Kleines zum Auspacken überlege ich mir schon noch.“

Nur was Kleines zum Auspacken

Die Kleinigkeiten zum Auspacken sind dann genau die Dinge, mit denen die Kinder sehr wahrscheinlich nie spielen werden. Sie eignen sich allenfalls dazu, die Kinderzimmer noch weiter in Spielwarenläden zu verwandeln. Das Schlimmste aber ist: Sie wachsen zu den Geschenk-Bergen an, die Kinder überfordern. Und ihnen sogar schaden.

„Wenn ein Kind zehn Dinge auspackt, weiß es am Ende doch gar nicht mehr, welchem Geschenk es sich zuwenden soll“, sagt Psychologin Svenja Lüthge. Das Funkeln in den Augen erlischt, auf das alle Schenkenden mit ihren Gaben gehofft haben. Das Geschenk verliert unter all den anderen Geschenken seinen Wert als etwas Besonderes, Magisches, auf das Kinder so viele Wochen voller Vorfreude gewartet haben.

Und später, in einem vollgestopften Kinderzimmer, kann sich das Kind dann erst noch nicht mit den Spielsachen beschäftigen, weil es den Überblick verliert. Weil kein Raum mehr da ist, um selbst kreativ zu werden. Die Folge ist Langeweile mitten im vermeintlichen Spiele-Paradies. Aufmerksame Eltern räumen Spielzeug regelmäßig in den Keller oder auf den Dachboden, um den Überblick wiederherzustellen. Sie versuchen, die Sachen bei Basaren und Flohmärkten wieder loszuwerden. Oder füllen die Mülleimer damit.

„Warum wollen wir dem Kind eigentlich etwas schenken?“ Das sollte die entscheidende Frage sein, bevor man ins nächste Spielwarengeschäft rennt, sagt Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. Erhoffe ich mir auf diesem Weg zu hören: „Du bist die beste Oma der Welt.“? Versuche ich, mein schlechtes Gewissen zu kompensieren, weil ich mein Patenkind das ganze Jahr über nicht gesehen habe? Oder habe ich Sorge, dass das eigene Kind unglücklich wird, wenn es nur ein Geschenk bekommt und die Freunde alle zehn?

„Fast immer geht die Faustformel auf: Je weniger Beziehungszeit ich mit einem Kind verbracht habe, desto größer fallen die Geschenke aus“, sagt Albert Wunsch. Und dabei gehe es dann eben nicht in erster Linie darum, dem Kind eine Freude zu machen. „Sondern man lechzt mithilfe des Geschenkes nach der Anerkennung des Kindes.“

Das Gefühl, willkommen zu sein

Albert Wunsch empfiehlt, die Faustformel einfach umzudrehen: Dem Kind also möglichst viel Beziehungszeit zu schenken – und zwar das ganze Jahr über. Indem man gemeinsam auf den Spielplatz geht. Ins Schwimmbad. In den Wald. Einen Kuchen backt. Zusammen im Garten zeltet. Oder ein kaputtes Lieblings-Spielzeug repariert. Denn dadurch gibt man dem Kind etwas ganz Entscheidendes mit, was es dem Materialkonsumwahnsinn entgegensetzen kann: die Erfahrung, angenommen, willkommen und wichtig zu sein. Ein positiver Nebeneffekt: Je mehr Zeit man mit einem Kind verbringt, desto eher kennt man seine Interessen und weiß, mit was für einem Geschenk man ihm wirklich eine Freude machen würde.

Auch sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass Kinder beim Schenken mit den Jahren eine Erwartungshaltung aufbauen. Während die zehn Geschenke für den Zweijährigen aber noch recht günstig zu haben sind, sieht das bei einem Fünfzehnjährigen schon ganz anders aus.

„Bekommt der Zweijährige nur einen einzigen Dominostein geschenkt und nicht zehn verschiedene Spiele, wird er auch damit glücklich sein“, sagt Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. Denn für kleine Kinder bedeuten auch kleine Geschenke noch die Welt. Wie sie beim Älterwerden mit Wünschen und Geschenken umgehen – das ist dann eine wichtige Erziehungsaufgabe.

„Für das Kind muss immer klar sein: Ein Wunschzettel ist kein Bestellzettel“, findet Albert Wunsch. Es gibt Dinge, die zum Beispiel einfach zu teuer oder die auch nicht altersgemäß sind. „Ein Kind sollte klar signalisieren, dass es das verstanden hat. Merken die Eltern dagegen, das Kind erwartet ganz selbstverständlich, dass alle Wünsche erfüllt werden, dann würde ich die Geschenke fürs nächste Fest aussetzen“, sagt Albert Wunsch.

Wie bei allen Erziehungsaufgaben müssen sich also zunächst die Eltern klar darüber werden, welchen Weg sie mit ihren Kindern gehen wollen – und diesen Weg dann auch mit aller Konsequenz gehen. In der Familie von Albert Wunsch hat folgender Satz an Verwandtschaft den durchschlagenden Erfolg gebracht. „Ihr könnt den Kindern kaufen, was ihr wollt. Ob sie das dann auch tatsächlich bekommen, entscheiden aber wir Eltern.“

So lässt sich die Geschenkflut eindämmen

  • Mit dem Kind sprechen: Warum schenken wir uns überhaupt etwas? Diese Fragen kann man auch schon mit kleinen Kindern besprechen. Auch sie verstehen, dass an Weihnachten Christi Geburt gefeiert wird – und nicht der eigene Geburtstag. „Darüber freuen wir uns aber so sehr, dass wir uns auch eine Kleinigkeit schenken“, sagt Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch.
  • Kleine Kinder, kleine Geschenke: „Je jünger das Kind, desto stärker sollten Eltern den Leitsatz im Kopf haben ‚Weniger ist mehr‘“, rät Psychologin Svenja Lüthge. Gerade kleine Kinder spielen meist ohnehin am liebsten mit Alltagsgegenständen. Wenn die Verwandtschaft oder Paten dennoch mehr schenken wollen, dann sollte es Geld fürs Sparbuch sein, rät Albert Wunsch.
  • Zusammentun: Mit jeder Bezugsperson wächst die Menge an Geschenken. Deshalb ist es insbesondere in großen Familien oder solchen mit großem Freundeskreis sinnvoll, sich für materielle Dinge zusammen zu tun und gemeinsam etwas Größeres zu schenken. Das führt in der Regel auch zu hochwertigeren Geschenken, die nicht gleich kaputt im Mülleimer landen.
  • Welches Geschenk passt wem: Man kann sich auch Geschenkkategorien überlegen, sagt Psychologin Svenja Lüthge. Also zum Beispiel ein Geschenk, das einem beim genauen Beobachten des Kindes als passend einfällt. Ein nützliches Geschenk. Ein Geschenk, das sich gemeinsam in der Familie nutzen lässt. Und einen Herzenswunsch des Kindes. „Das ist dann ruhig auch etwas in unseren Augen Unsinniges, wenn es im finanziellen Rahmen ist und dem Kind nicht schadet“, sagt Lüthge.
  • Schenke einfach Farbe: Auch empfehlenswert sind Geschenke, die sich verbrauchen lassen, wie Wasserfarben, Bastelpapier oder Knete, gerade auch als Mitbringsel bei Kindergeburtstagen. Auch hier kann man mit den anderen Eltern ausmachen, dass alle eingeladenen Kinder etwas zusammen schenken. So bleiben auch die Kosten im Rahmen. (mar)

Weitere Informationen und Tipps finden Eltern in dem Buch „Die Verwöhnungsfalle“ von Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch.