"Die heilige Schrift ist ein Fluss, in dem ein Elefant schwimmen muss und ein Lamm gehen kann." (Martin Luther, 1517 über die Bibel)

Die Tür der kleinen und abgelegenen Kirche steht fast immer offen. Das ist die erste Überraschung, wenn man die unscheinbare Wendelinskapelle auf dem Ramsberg besucht. Der Ramsberg in der Nähe von Pfullendorf stellt sich bis heute als Kleinod dar – und als feines illustriertes Geschichtsbuch. Es führt ohne Schnörkel hinein in die Welt und Glaubenswelt um 1500. Der Raum und der umgebende Hof sind zwar älter, sie gehen bis in die staufische Zeit zurück. Doch wurde der Innenraum in Luthers Zeit frisch gestaltet. Die Wendelinskapelle ist ein sakraler Raum, der für Luthers Zeit typisch war.

Unscheinbarer Kraftort: Die Wendelinskapelle auf dem Ramsberg. Viel hat sich seit dem Mittelalter nicht geändert.
Unscheinbarer Kraftort: Die Wendelinskapelle auf dem Ramsberg. Viel hat sich seit dem Mittelalter nicht geändert. | Bild: Roland Sigwarth
Der Standort der Wendelinskapelle auf dem Ramsberg.
Der Standort der Wendelinskapelle auf dem Ramsberg. | Bild: SK Grafik: Steller

Mit Fredy Meyer haben wir den Ramsberg bestiegen. Das Auto hat er unten abgestellt auf dem Waldweg hinter Großschönach. Den Rest des Weges nehmen wir zu Fuß. Meyer stützt sich auf einen großen Wander- und Pilgerstab. Das passt zum gewundenen Weg Richtung Kapelle. Pilger waren bereits in Luthers Zeit unterwegs und suchten gehender Weise ihr Seelenheil. Das Gehen als Frömmigkeit? Der Gedanke ist alt, aber nicht mehr altmodisch. Auch heute wird verstärkt gepilgert, vor allem nach Santiago di Compostela.

Meyer, 72, war früher Lehrer am Stockacher Gymnasium. Der Oberstudienrat unterrichtete Geschichte, aber nicht nur im Klassenzimmer. Geschichte ist für ihn etwas Begehbares wie die kleine Kapelle mit den spätgotischen Malereien. Er hat die Umgebung erkundet – in der Schrift, ihren Bildern und in den Bauwerken zu Fuß. „Der Ramsberg ist ein heiliger Ort mit Wallfahrts-tradition,“ sagt er. Auf kleinem Raum sind wichtige Inhalte des christlichen und damals noch ungeteilten Glaubens dargestellt. Gottvater im vierstrahligen Heiligenschein. Die Mutter Gottes, zahlreiche Heilige. Diese Bilder dienten vor allem den Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten. Also fast alle.

 

Fredy Meyer (links) ist ein Kenner der Heimat- und Kirchengeschichte des Linzgau. Er zeigt SÜDKURIER-Redakteur Uli Fricker die Feinheiten der Wendelinskapelle, an deren Eingang die beiden stehen. <sup></sup><sup></sup>
Fredy Meyer (links) ist ein Kenner der Heimat- und Kirchengeschichte des Linzgau. Er zeigt SÜDKURIER-Redakteur Uli Fricker die Feinheiten der Wendelinskapelle, an deren Eingang die beiden stehen. | Bild: Sabine Tesche

Damit die Figuren nicht verwechselt werden, hat sich im Laufe des Mittelalters eine sakrale Bildsprache entwickelt. Jeder Heilige trägt einen Gegenstand bei sich, der ihn erkennbar macht. Petrus spielt zum Beispiel mit zwei Schlüsseln. Paulus stützt sich auf ein Schwert, weil er durchs Schwert umkam. Jakobus, der Pilgerpatron, stützt sich auf den Wanderstab und trägt einen breiten Hut mit Muschel. Der Glaube um 1500 war konkret.
 

Eine eigene Welt: Die Fensterlaibungen der Kapelle sind ausgemalt. Links der Pilgerpatron Jakobus.
Eine eigene Welt: Die Fensterlaibungen der Kapelle sind ausgemalt. Links der Pilgerpatron Jakobus. | Bild: Sabine Tesche

Im Zentrum steht eine Frau. „Im Mittelalter war der Ramsberg eine Marienkapelle,“ berichtet Fredy Meyer, der mit seinem Stab selbst wie ein Pilger steht. Der Mutter Jesu waren viele Heiligtümer gewidmet. Maria Witterschnee bei Löffingen, der Schenkenberg bei Aach im Hegau und viele mehr. Später wechselte das Patronat auf den heiligen Wendelin über, der nach dem Vieh schaut. Der Wechsel ist typisch für das Mittelalter: Die Bevölkerung und der Kirchenherr wählten immer den Heiigen, der für ihren Beruf am meisten brachte. Die Frömmigkeit war das eine – die Nützlichkeit das andere. Die Verbindung beider prägt diese Zeit. Menschen knieten, um in den Himmel zu kommen. Sie beteten aber auch, damit ihre Arbeit gedeiht, die Kinder gesund bleiben und die Ernte auch zum Leben reicht.

Auf einen Heiligen weist Meyer noch hin: den Riesen Christophorus. Auf seinen Stab gestützt trägt er das Jesuskind auf der Schulter über reißendes Gewässer. „Christophorus war den Menschen damals sehr wichtig“, sagt Meyer. Im Organigramm des abendländischen Himmels ist er für den Verkehr zuständig. Er hütet über alle, die unterwegs sind, die reiten, Fähren nutzen, Pässe überqueren. Er soll vor einem jähen Tod bewahren. Eine schreckliche Vorstellung damals: ein Sterben ohne Kommunion und letzte Ölung.
 

Sorgfältig ist die Decke der Kapelle ausgemalt: Im Chor sieht man Sonne und Mond (unten) sowie die Symbole für die vier Evangelisten.
Sorgfältig ist die Decke der Kapelle ausgemalt: Im Chor sieht man Sonne und Mond (unten) sowie die Symbole für die vier Evangelisten. | Bild: Roland Sigwarth

Schnell wird deutlich: Hinter den bunten Bildern in sakralen Räumen lauert nackte Angst. „Die Menschen dieser Zeit hatten Angst vor der Verdammnis und dem Höllenfeuer, das viele erwarten mochte,“ sagt der Heimatforscher. Eine tiefsitzende Furcht regierte ihr Leben. Sie taten sehr viel dafür, einmal nicht im Inferno zu landen. Von der kirchlichen Obrigkeit konnte diese Angst als bequemer Hebel genutzt werden, um die Gläubigen zu kontrollieren. Der Glaube war damals auch Druckmittel. Und eine Angst-Apparatur.

In dieser Glaubenswelt wuchs Martin Luther auf. Im Zentrum standen das Seelenheil sowie die Hindernisse, die den Weg dorthin verbauten. Wer das Heil verfehlte, strandete in der Hölle. In der Illustration der Qualen kannten die Maler damals kaum Grenzen. Es war ein Ort des Grauens, den der Dichter Dante (1265-1321) am eindrucksvollsten geschildert hat. Es war ein Ort mit demokratischen Regeln: Jeder konnte in der Hölle landen. Ein schlechtes Leben gegen die christlichen Gebote war an der Spitze der Pyramide am häufigsten anzutreffen. Auf den Bildern mit dem Jüngsten Gericht sind Papst, Adel und hohe Geistlichkeit die Stammgäste. Das mochte manchen armen Schlucker trösten. Er hatte kaum Zeit und wenig Gelegenheit zum Sündigen.

Eine wichtige Figur fehlt noch: der Teufel. Wie alle Zeitgenossen glaubte auch Luther an ihn. Bis zum letztem Atemzug. Er verkörperte das Schlechte und die Erbsünde. Jeden konnte der Böse in einer schwachen Stunde erwischen, selbst starke Menschen waren davor nicht gefeit. Der Teufel bewachte das Höllenfeuer und dessen Insassen.
 

Die große Frage: Wie geht es mir nach dem Tod? Die Angst vor den Qualen der Hölle war stets präsent, wie hier auf einem Gemälde von Hieronymus Bosch.
Die große Frage: Wie geht es mir nach dem Tod? Die Angst vor den Qualen der Hölle war stets präsent, wie hier auf einem Gemälde von Hieronymus Bosch. | Bild: Roland Sigwarth

Der Glaube dieser Zeit war ziemlich klar gefügt. Die christliche Religion durchzog den Alltag und beanspruchte den Sonntag. Dazu gesellten sich die Feiertage. Kirchweih wurde mit Leib und Seele gefeiert, ebenso bestimmte Heiligenfeste. Sebastian, Agnes, Jakob der Apostel waren wunderbare Anlässe. Und die Marienfeiertage. Mariä Geburt, Verkündigung, Mariä Tod. Die Feiertage dienten den Patronen und den Menschen, da an diesen Tagen weniger oder gar nicht gearbeitet wurde. So wurden die Seligen zur Vorhut für gewerkschaftlichen Einsatz.

Zur Ruhe kamen die Menschen wohl kaum. Der heutige Wunsch nach Wellness, Teilzeitarbeit oder einem Sabbatjahr wäre ihnen fremd gewesen. Das Leben sollte nicht der Selbstverwirklichung dienen, sondern dem Absolvieren eines beschwerlichen Weges. Ein Pilgerweg! Das Leben war dazu da, einen Marathon zu überstehen. Historiker bezeichnen das Summieren von Arbeit und Beten auch als „Leistungsfrömmigkeit“. „Seele baumeln lassen“, wie es heute so nett heißt, waren fremd. Müßiggang galt gar als Todsünde.

Überhaupt: Wer von diesem streng geregelten Leben abwich, hatte mit scharfen Sanktionen zu rechnen. Im Himmel sowieso, siehe oben. Auch auf Erden wurden Extratouren nicht geduldet. Im schlimmsten Falle lauerte die Anklage auf Ketzerei oder Hexerei. Namen wie Jan Hus oder John Wyclif stehen dafür. Wobei die großen Hexenprozesse erst in der frühen Neuzeit geführt werden – also deutlich nach 1500.

Luther fand den Ausweg aus der höllischen Angst 

„Martin Luther steht in der Theologie seiner Zeit, er hat all das aufgenommen,“ berichtet Meyer. Gleichzeitig fand er den Ausweg aus Gewissensnot und höllischer Angst: Der Mensch kann für sein Seelenheil nicht viel tun. Er kann es nicht verdienen und einzelne Punkte wie auf einer Check-Liste abhaken. Vielmehr ist Erlösung ein Geschenk. Eine Gnade, wie Luther in der Sprache der Theologie sagte.

Wenn das Heil eine Gnade ist, dann entfallen die Höllenängste. Der Mensch muss nicht mehr zittern und bangen. Nur beten, das sollte er weiterhin, empfiehlt Luther. Gute Werke schaden nicht, sie nützen aber auch nichts. Alles andere fegt der Reformator vom Tisch des Glaubens. Wallfahrten, Rosenkränze, Heiligenfeste – alles Kulisse, die den Weg zur wahren Seligkeit verbaut, sagt Martin Luther.

Seine neue Theologie setzte sich in weiten Teilen Deutschlands durch. An ihren Kirchen und Räumen kann man Protestanten und Katholiken bis heute erkennen und unterscheiden. Kahle Wände ohne Schnörkel die ersten. Bilderreich und dekoriert die anderen. Zum Beispiel der Ramsberg.
 

Bild: Jessica Steller

Die Kirche vor der Reformation

Die Kirche um 1500 war ein mächtiger und auch widersprüchlicher Organismus.
  • Ablass: Er vermischte finanzielle Interessen und Glaubensdinge. Der Gedanke ist der: Wenn der Mensch sündigt, erhält er Strafen für die Zeit nach seinem Tod. Diese Höllenstrafen können durch den Ablass verkleinert werden. Ablass bedeutet Nachlass auf diese Strafen. Wer bestimmte Gebete verrichtet oder eine Wallfahrt unternimmt, erhält einen zeitlich genau definierten Ablass. Auch durch Geldzahlung kann er sein Sündenkonto aufbessern. An diesem Punkt griff Luther ein: Er erklärt den Ablass für unbiblisch und für Unsinn.
  • Papst: Seine Autorität war durch das Konzil von Konstanz repariert worden. Seitdem regierte der Pontifex wieder unangefochten. Sein Anspruch zeigt sich in großen Bauprojekten, die Rom zur schönsten Stadt des Abendlandes machen sollen. 1500 erfolgt der Spatenstich für den neuen Petersdom. Das Projekt ist ehrgeizig und teuer. Der Ablasshandel dient auch dazu, die größte Baustelle dieser Zeit zu finanzieren. Ein Teil des Erlöses wird über die Alpen an die römischen Kassen geschickt. Martin Luther sieht diese Baustelle, als er sich 1515 für seinen Orden in Rom aufhält.
  • Mystik: Sie ist eine der spannendsten Bewegungen des ausgehenden Mittelalters. Im süddeutschen Raum brachte sie wichtige Persönlichkeiten hervor. Sie vertraten eine radikale Religiosität wie ein Heinrich Seuse aus Überlingen. Der Benediktiner Bruder Jakobus hat in jüngster Zeit viel über den Mystiker Seuse geforscht – auf dem Ramsberg, in dessen Wohnhaus Bruder Jakobus als Eremit lebt.
  • Teufel: Für Luther und Zeitgenossen war er eine schlichte und böse Tatsache. Der Teufel war körperlich, mächtig, verführerisch. Diesen Glauben behielt Luther bis ans Ende. 

 

Wer ist wer? Wichtige Köpfe der Zeit

Luther steht nicht alleine da. Er hatte imposante und prägende Zeitgenossen:

  • Nikolaus Kopernikus
    Er wurde in Thorn (heute Polen) geboren und wirkte im damaligen Ermland als Geistlicher. Sein Steckenpferd war die Astronomie. Er verfasste die Schrift „De revolutionibus orbium coelestium“ (Über die Bewegungen der Himmelskörper). Damit rüttelte Kopernikus (1473 bis 1543) am alten Weltbild: Er sagte, dass die Sonne im Mittelpunkt stehe – und nicht die Erde.
  • Erasmus von Rotterdam
    Der gebürtige Niederländer (1466 bis 1536) zählt zu den klügsten Köpfen seiner Zeit, geschätzt in ganz Europa, das er mit seinen glänzenden Briefen gut unterhielt („täglich 1000 Worte“). Erasmus entwickelte sich zum Gegner von Luthers Reformation. Der Philosoph und Priester hatte sich für seine angestammte katholische Kirche entschieden. Er lebte lange in Basel, wo er auch starb. Nach ihm ist das studentische Erasmus-Programm benannt.
  • Philipp Melanchthon
    Der Theologe aus Bretten (1496 bis 1560) hieß eigentlich Schwarzerd mit Familiennamen – und gab sich als Gelehrter einen griechischen Namen. Melanchthon war der wichtigste Mitarbeiter für Martin Luther. Er vertrat den Chef bei vielen Verhandlungen und Religionsgesprächen außerhalb des Kurfürstentums Sachsen. Da Luther geächtet und somit vogelfrei war, konnte er in diese Länder nur unter Gefahr reisen.
  • Albrecht Dürer
    Der Maler aus Nürnberg (1471 bis 1528) zählt zu den besten seines Fachs und seiner Zeit. Er hat die Goldgrund-Malerei des Mittelalters verlassen, in der noch Grünewald wurzelte. Dürer verschrieb sich ganz dem Renaissance-Stil, den er in Italien kennengelernt hatte. Frühzeitig stellte er sich auf die Seite der Reformation, die sich auch in seiner Heimatstadt Nürnberg schnell durchsetzte.

Deutschland um 1500: Eine Wendezeit

Das Jahr 1500 gilt den Historikern als Wendezeit. Innerhalb einer Generation änderte sich vieles. Gleichzeitig mit der Reformation schlägt die Seefahrt ein neues Kapitel auf. Und der Buchdruck erlaubt die vielfache Verbreitung von Schriften und damit Gedanken. 

  • Mittelalter: Die meisten Fachleute sind sich einig. Um 1500 (plus/minus 20 Jahre) beginnt eine neue Ära. Deshalb bezeichnen sie das 15. Jahrhundert als Spätes Mittelalter und die Zeit nach Martin Luther oder Christoph Kolumbus als Frühe Neuzeit. Kennzeichen: Die Europäer greifen auf andere Kontinente zu, erobern, setzen eigene Herrscher ein und missionieren – häufig gegen den Widerstand der Bevölkerung. 1492 landet Kolumbus auf den Bahamas. Das amerikanische Abenteuer beginnt.
  • Neue Ideen: Bereits vor Martin Luther gärte es. Neue Ideen geraten in Umlauf, zum Beispiel die Devotio Moderna („moderne Frömmigkeit“). Sie sprach vor allem die Laien an, die kein Studium absolviert hatten und nicht geweiht waren. Damit beginnt die zaghafte Emanzipation der Laien von den Klerikern. Frauen waren in dieser Bewegung führend.
  • Fall von Byzanz: 1453 war Konstantinopel gefallen – die Hauptstadt des einstmals mächtigen oströmischen Reiches (auch Byzanz genannt). Damit endete die christliche Herrschaft in Kleinasien. Das Osmanische Reich trat an dessen Stelle und griff nach 1453 immer stärker nach Europa. 1529 standen die Türken vor Wien. Die Türkengefahr wurde zur Konstante für die nächsten 150 Jahre.
  • Gotik: Der Spitzbogen war damals ein wichtiges gestalterisches Element der Baukunst. Zu Luthers Zeit wurde noch immer in diesem Stil gebaut, bis er dann von der Renaissance abgelöst wird. Auf dem Ramsberg finden sich indes keine gotischen Elemente. Dieser Stil ist über die schlichte Kapelle hinweggegangen.
  • Abendland: Vor allem in der Rückschau nennt man die Welt des Mittelalters auch Abendland. In der aktuellen politischen Diskussion hört man den Begriff öfters. Dabei ist das Abendland um 1500 zwar nicht untergegangen, wurde aber von einer anderen Zeit abgelöst. Ein Merkmal war die universale und ungeteilte Kirche, hinter die sich alle scharten. Mit der Reformation entstehen weitere Kirchen. Das Zeitalter des Konfessionalismus beginnt – das Abendland endet.