Lieber Herr Petermann, Sie beschäftigen sich Ihr ganzes Berufsleben mit Mord und Totschlag. Wie brutal ist Deutschland?

Verbrechen ereignen sich in jeder Gesellschaft und natürlich auch in Deutschland. Und seitdem es Menschen gibt, gibt es auch Tötungsdelikte. Im ersten Moment könnte man meinen, dass die Gewalt immer exzessiver wird. Zum Teil stimmt das ja auch. Wir haben Gewalt, die wir früher so nicht hatten, ich sage mal, dumme Gewalt, radikale IS-Horror-Szenarien, Gewalt, die aus der Situation heraus entsteht, wo Menschen einfach andere malträtieren, weil sie daran Spaß haben. Aber wenn ich jetzt auf die Tötungsdelikte blicke, dann sind diese aus unterschiedlichsten Gründen zurückgegangen.

Ist unsere Polizei eigentlich gut genug aufgestellt, um alle Gewalttaten schnell aufzuklären?

Bei Mord und Totschlag haben wir eine sehr hohe Aufklärungsquote, sie liegt bei gut 90 Prozent. Vielleicht geht sie in manchen Jahren bis zu 95 Prozent hin. Der Schutz des Lebens, ist in unserer Gesellschaft sehr hoch angesiedelt und so verhält sich Polizei auch. Sie versucht mit allen Mitteln, mit hohen finanziellen Mitteln, mit Personaleinsatz, auch die Taten sehr schnell aufzuklären.

Podcast vom Vortrag von Axel Petermann

Dateiname : VSF022 Axel Petermann Vortrag
Dateigröße : 107.51 MBytes.
Datum : 09.11.2016
Download : Jetzt herunterladen
Dateiname : VSF023 - Interview mit Axel Petermann
Dateigröße : 21.92 MBytes.
Datum : 11.11.2016
Download : Jetzt herunterladen

Hatten Sie schon einmal Mitleid mit einem Täter?

Ich kann mich gut an eine Frau erinnern, die angestellt worden war von einem Architekten, der sie ausbeutete. Sie dachte, sie müsse den Haushalt machen. Nein, er hielt sie quasi wie seine Sexsklavin und irgendwann wurde ihr das zu viel und sie hat ihn mit einer Weinflasche erschlagen, als er zudringlich wurde und nicht nachließ. Für diese Frau habe ich schon Mitgefühl empfunden. Oder wenn es darum geht, dass eine Mutter ihren schwerkranken Sohn tötete, weil sie glaubte, sie könne ihn nicht weiter pflegen, weil ihre Kräfte nachließen und sie ihm das Leben in einem Pflegeheim ersparen wollte. Natürlich gibt es auch Täter, die sind böse, aber ich habe doch eher wenige dieser Art kennengelernt. Ganz normale Menschen sind das in der Regel, mit denen ich es zu tun habe.

Sie haben gestern Abend beim VS-Forum des SÜDKURIER in Villingen schreckliche Tatort-Fotos gezeigt, die sicherlich für manchen Gast verstörend gewesen sind. Wie kriegen Sie abends im Bett Ihre Erinnerung abgeschaltet?

Da merke ich schon, wir haben unterschiedliche Ansätze für das, was ich gezeigt habe. Wir haben keine einzige Verletzung gesehen, abgedeckte Menschen. Aber natürlich beginnt dann das Kopfkino bei Ihnen zu starten und Sie überlegen sich, was kann dort alles passiert sein; welche Qualen musste das Opfer erleiden? So geht es mir in gewisser Weise auch. Aber ich habe mich eigentlich an diese Bilder gewöhnt, weil die ja Teil meiner Arbeit sind. Ich denke, dass ich es gut hinbekommen habe, mir nicht das Leid der Opfer unbedingt vorstellen zu müssen, das ich eher sachlich sehe.

Manchmal vergleiche ich es mit der Tätigkeit eines Arztes, der jemanden operiert und der ganz genau weiß, dass der Patient bald sterben wird. Den Umgang mit diesem Wissen etwa stelle ich mir bald noch schwieriger vor.

Ihre Ermittlungen gehen ja so weit, dass Sie sogar Schlafmittel probieren, um herauszubekommen, ob man die heimlich verabreichen kann oder nicht. Wie sieht Ihre Frau das?

Meine Frau und ich sind jetzt 33 Jahre zusammen. Natürlich schüttelt sie manchmal bei meinen Ansätzen den Kopf. Aber sie weiß, dass ich halt meinen Kopf habe. Und mir gefällt das ja auch so gut an ihr, dass sie verrückte Dinge, wie zum Beispiel das Austesten von Schlafmitteln, dann mitmacht beziehungsweise dass sie aufpasst, dass mir dabei nichts passiert. Ich denke, sie ist Kummer mit mir gewohnt, aber sie hat sich damit – hoffentlich -einigermaßen abgefunden. Und sie findet es auch wichtig, dass es jemanden gibt, der sich um die Belange der Angehörigen kümmert. Denn die werden nämlich häufig in unserer Gesellschaft vergessen. Es ist ein wichtiger Ansatz, dass die Täter immer damit rechnen müssen, dass sie ermittelt werden können, auch wenn Jahrzehnte nach ihren Verbrechen vergangen sind.

In Ihrem „Buch der Profiler“ berichten Sie von einem Fall, bei dem vom Körper Kopf und Gliedmaßen abgetrennt wurden. Um ein Gefühl dafür zu kriegen, sind Sie in einen Schlachthof gefahren, um eine Schweinehälfte zu zerlegen. Was genau versprechen sie sich davon?

Mir geht es darum, dass ich Taten rekonstruieren kann. Taten rekonstruieren bedeutet, die Entscheidung des Täters am Tatort zu analysieren, die Entscheidungen zu analysieren, die er getroffen hat, als er das Opfer verletzte und als er es tötete und auch seine Entscheidung zu analysieren, was hat er denn mit dem Opfer gemacht, nachdem ihm bewusst war, dass es tot ist. Es gibt Täter, die wissen einfach nicht, wohin sie die Leiche bringen sollen, wo sie sie lassen sollen. Und da sie der sozialen Kontrolle unterliegen, weil sie Nachbarn haben, die beobachten könnten, dass da jemand eine Leiche wegschafft, verstümmeln sie sie. Sie trennen also Extremitäten und den Kopf ab. Und allein schon die Vorgehensweise bei dieser Verstümmelung zeigt mir, welches Motiv der Täter gehabt haben dürfte. Und manchmal ist es auch wichtig, zu wissen, wie lange dauert so etwas eigentlich? Reicht zum Beispiel ein einfaches Messer oder brauche ich ein spezielles Schneidewerkzeug, eine Axt oder so etwas in der Richtung?

In Krimis stellen sich Mörder häufig nicht besonders geschickt an bei der Tat und können deshalb später ermittelt werden. Wie ist es denn in der Realität? Gibt es – sagen wir es mal überspitzt – dämliche Mörder?

Es gibt Täter, die sind so wie Sie und ich. Das sind ja keine Menschen, die zu Mördern geboren worden sind, sondern häufig entstehen die Taten aus dem Nichts, die Kraft der Situation, mangelnde Impulskontrolle, Wut, Hass, Aggression führen dazu, dass die Verbrechen begangen werden. In der Regel haben wir es mit Menschen zu tun, die unvorbereitet töten und die dann im Nachhinein versuchen, Spuren zu verwischen, zu kaschieren.

Also ist der geplante Mord, der bis ins letzte Detail ausgefuchst ist, eigentlich eher eine Legende?

Diese Tat kommt vor, aber sie ist selten.

Sie waren lange Leiter der Bremer Dienststelle Operative Fallanalyse, wie das Profiling hier in Deutschland heißt. Wie viele Kollegen gibt es denn, die Ähnliches tun in Deutschland?

In Deutschland gibt es rund 100 Fallanalytiker beziehungsweise 45 bis 50 sind ausgebildet als Fallanalytiker. Die anderen führen auch wichtige Aufgaben aus. Es geht zum Beispiel um das Erkennen von Serienstraftaten, und da haben wir eine extra Datenbank, das ist die ViCLAS-Datenbank, die kommt aus Kanada und soll helfen, über die Beschreibung von sexuell motivierten Taten Gleiche zu finden, um möglicherweise Serientäter identifizieren zu können.

Aber was speziell können Sie und Ihre Kollegen, was die Mordkommission nicht kann?

Es geht darum, das Verbrechen zu verstehen. Ich suche quasi die Spur hinter der Spur. Das klingt jetzt ein wenig komisch, aber es geht darum, dass Täter Bedürfnisse haben wie Sie, wie jeder Mensch auch, nur dass wir nicht kriminell werden, die Täter hingegen aber ihre Taten planen und die Verbrechen dann ausüben. Und das, was ihnen wichtig ist, das, was sie als Motiv haben, das realisieren sie bei der Tat. Und das kann ich anhand der Spuren sehen, die ich an einem Tatort finde. Ich versuche bei meiner Arbeit, dem Ablauf der Tat sehr nahe zu kommen, damit ich auf diese Weise das Motiv bestimmen kann. Und kenne ich das Motiv, sollte auch etwas über die Persönlichkeit des Täters zu sagen möglich sein.

Jetzt gibt es zuletzt immer wieder Bestrebungen, mehr Überwachung einzuführen, um Straftaten aufzuklären. Sie haben ja einen ganz anderen Ansatz, eher einen intuitiven, empathischen. Was sagen Sie denn dazu, dass man sich immer stärker versucht auf technische Hilfen zu verlassen?

Das kann damit zusammenhängen, dass der Personaleinsatz oder das Wissen, wie kann ich Kriminalität bekämpfen, vielleicht nicht mehr so ausgeprägt ist, dass manche Methoden, die Zeit und Geld kosten, die Personal kosten, wegen fehlender Mittel nicht durchführbar sind; andere Schwerpunkte bestimmt werden. Und dann muss man sich natürlich überlegen, wie kann ich dieses Manko ausgleichen. Und eine Möglichkeit ist natürlich, dass ich mehr Technik einsetze.

Sie sind ja heute im Ruhestand. Warum hören Sie eigentlich nicht auf zu ermitteln?

Als ich meine ersten Bücher schrieb, also 2010 und 2012, habe ich viele Lesungen gehalten. Und es gab immer wieder Menschen, die mich dann ansprachen und mich fragten, ob ich mich um die Fälle ihrer Angehörigen kümmern könnte. Ich habe erfahren, wie wichtig es für Menschen wird, insbesondere wenn sie älter werden, dass die Taten aufgeklärt werden können, dass sie Abschied nehmen und manchmal auch ein neues Leben beginnen können.

Wann lässt Sie ein Fall nicht los?

Wenn er ungeklärt ist.
 

Fragen: Stefan Lutz/Andreas Block
 

Zur Person

Axel Petermann, 64, arbeitete vier Jahrzehnte lang bei der Kriminalpolizei, davon 35 Jahre als Mordermittler und Leiter der Mordkommission. Er hat bereits in über 1000, teils sehr spektakulären Fällen ermittelt: Tötungsdelikte, Unfälle, Suizide. Außerdem lehrt er Kriminalistik. Ab 1999 baute er nach FBI-Vorbild in Bremen die Dienststelle für Operative Fallanalyse auf, wie das Profiling in Deutschland genannt wird. Die Abteilung leitete er bis 2014. Seit dem Jahr 2000 berät er die Tatort-Redaktion der ARD. In seinen Büchern Auf der Spur des Bösen, Im Angesicht des Bösen und Der Profiler berichtet er von außergewöhnlichen Fällen.


Das ganze Interview zum Nachhören 

Dateiname : Interview mit dem Profiler Axel Petermann als Podcast
Dateigröße : 21.92 MBytes.
Datum : 10.11.2016
Download : Jetzt herunterladen

 

Der Live-Stream vom VS-Forum mit Axel Petermann in voller Länge zum Nachsehen