Herr Sedlacek, warum kritisieren Sie Ihre eigene Zunft der Wirtschaftswissenschaftler?

Die Wirtschaftswissenschaften sind Science Fiction. Durch den hohen Grad der Mathematisierung haben sie den Kontakt zur Realität verloren. Sie versuchen den Naturwissenschaften, besonders der Physik, immer ähnlicher zu werden, obwohl die Wirtschaftswissenschaft eigentlich eine Wissenschaft vom Menschen sein sollte. Ich würde die Wirtschaftswissenschaften zwischen Ethik, Philosophie und den exakten Wissenschaften verorten.

Nehmen Sie ein Umdenken wahr?

Ja und nein. Wir reden mittlerweile nicht nur über Wirtschaftswachstum sondern über nachhaltiges Wirtschaftswachstum – auch in seiner ökologischen und ethischen Dimension. Der reine Fokus auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukt wird immer mehr hinterfragt. Vor 30 Jahre wurden ökologisch engagierte Menschen noch als Außenseiter oder Öko-Spinner angesehen. Heute ist das ökologische Bewusstsein ins Zentrum der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Diskurs gerückt. Ganz Deutschland diskutiert derzeit über Elektroautos anstatt über Dieselautos. Das ist gut so. An den Universitäten werden allerdings die Wirtschaftswissenschaften immer noch so gelehrt, als seien sie eine Naturwissenschaft ohne das Bewusstsein der Studenten für ethische Probleme zu schärfen. Da sehe ich wenig Fortschritte.

Funktioniert denn Kapitalismus ohne Wirtschaftswachstum?

Ja, auch wenn wir derzeit zu stark auf Wachstum fokussiert sind. Ein gutes Schiff sollte nicht nur bei schönem Wetter gut segeln können. Wir müssen unser System so anpassen, dass es auch bei schlechtem Wetter funktioniert. Unsere Sozialsysteme basieren auf einem jährlichen Wirtschaftswachstum. Wir sollten aber lieber unsere Erwartungen herunterfahren und von einem Nullwachstum ausgehen. Wenn es dann besser läuft, kann man den Zuwachs immer noch mitnehmen. Aber wir müssen unser System wetterfest machen. Kapitalismus ohne Wachstum kann funktionieren, wenn wir unsere Sozialsysteme entsprechend anpassen.

Ihr bekanntestes Buch heißt „Die Ökonomie von Gut und Böse“. Was wollen Sie mit diesem Buchtitel ausdrücken?

Man muss verstehen, dass die Ökonomie nicht außerhalb der Moral steht. Die Ökonomie ist wie ein Messer. Man kann sie für gute und schlechte Dinge einsetzen. Diesen Zusammenhang wollte ich mit diesem Buchtitel ausdrücken. Die Ökonomie hat auch eine ethische Dimension.

In diesem Jahr wäre Karl Marx 200 Jahre alt geworden. Viele halten seine Lehren auch heute noch für aktuell. Wie beurteilen Sie diesen so umstrittenen Denker?

Er ist von allen Philosophen, derjenige, der mich am wenigsten inspiriert. Das hängt damit zusammen, dass ich in der Tschechoslowakei aufgewachsen bin und dort der Kommunismus viel Schaden angerichtet hat. Auch in China, Kuba, Nordkorea, Russland oder der DDR sind alle kommunistischen Experimente schief gelaufen. Nicht in einem einzigen Land ist das kommunistische Experiment gelungen. Ich glaube, dass Marx deutlich direkter für die negativen Begleiterscheinungen des Kommunismus verantwortlich gemacht werden kann als zum Beispiel Friedrich Nietzsche für den Nationalsozialismus. Denn Marx hat die Revolution ausgerufen, was Nietzsche nie getan hat.

Halten Sie die Europäische Union trotz ihrer aktuellen Krise und dem Brexit für handlungsfähig?

Für mich ist die EU wie ein runder Tisch. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Wie sollten denn Italien und Griechenland die Flüchtlingskrise alleine lösen? Dank der Europäischen Union wäre ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich heute undenkbar. Ich sehe die Zukunftsherausforderung Europas übrigens weniger in der ökonomischen Integration als in der sozialen Integration. Brüssel ist für mich das perfekte Beispiel dafür. Einerseits kommen dort alle 28 EU-Mitgliedsstaaten in einer Stadt zusammen. Andererseits ist Molenbeek gleichzeitig ein Symbol für Disintegration (Anmerkung der Redaktion: Molenbeek ist ein Viertel von Brüssel, aus dem mehrere islamistische Terroristen stammen).

Ist die Schuldenkrise in den südeuropäischen Ländern vorbei?

Nein. Das Schuldenniveau ist weiter hoch. Wenn wir einen Autounfall haben und ins Krankenhaus gebracht werden, ist die Krise noch nicht vorbei, nur weil wir beide überlebt haben. Erst wenn wir wieder gesund sind und ein neues Auto kaufen können, ist die Krise vorbei. Übertragen auf die Schuldenkrise ist es so, dass wir zwar überlebt haben, aber noch kein neues Auto kaufen können. Die Krise ist erst vorbei, wenn die Schulden wieder auf das Niveau aus der Zeit vor der Krise zurückgehen.

Ist es richtig, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen so niedrig hält?

Am Anfang dachte man, dass die Zinsen nur einige Monate so niedrig bleiben würden, um die Wirtschaft wieder anzuschieben. Aber mit der Geldpolitik ist es wie mit einer Droge. Wenn man einmal auf Speed ist, kommt man nicht mehr so leicht runter. Aus Angst vor den Entzugserscheinungen hält die EZB an ihrer Nullzinspolitik fest. Das hat schon fast eine religiöse Dimension.

SÜDKURIER-Wirtschaftsredakteur Thomas Domjahn (links) im Gespräch mit dem Ökonomen und Philosophen Tomas Sedlacek auf dem Campus der Universität Konstanz.
SÜDKURIER-Wirtschaftsredakteur Thomas Domjahn (links) im Gespräch mit dem Ökonomen und Philosophen Tomas Sedlacek auf dem Campus der Universität Konstanz. | Bild: SK

Was unterscheidet aus Ihrer Sicht die digitale Revolution von den industriellen Revolutionen, die wir aus dem 19. und 20. Jahrhundert kennen?

Bei den vorherigen industriellen Revolutionen bewegten wir uns von Muskelkraft zu Maschinen. Nun ersetzt Software – zumindest teilweise – unser Gehirn. Vorher ging es um reale Gegenstände, nun um virtuelle Welten. Der Unterschied könnte kaum größer sein.

Wer werden die Gewinner und Verlierer der Digitalisierung sein?

Menschen, die abstrakt denken können, werden zu den Gewinnern gehören. Man muss reale Dinge in virtuelle Dinge denken können. Wer nur am Alten festhalten will, wird zu den Verlierern zählen. Ein Tischler kann leicht durch eine Maschine ersetzt werden. Ein Taxifahrer kann durch ein autonom fahrendes Auto ersetzt werden. Im digitalen Zeitalter geht es darum klassische Konzepte wie das des Tisches oder das der Mobilität neu zu denken. Vielleicht erfinden wir eines Tages einen Tisch, der von der Decke runterhängt.

Wie können wir die Digitalisierungsverlierer kompensieren?

Ich befürworte die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Man sollte es aber nur bekommen, wenn man bereit ist, sich fortzubilden. Die Stagnation in der persönlichen Entwicklung halte ich für ungut, man sollte immer versuchen, sich körperlich, geistig oder spirituell weiterzuentwickeln. In meiner idealen Gesellschaft ist es so, dass man entweder arbeitet oder sich weiterbildet. Und ein Teil des Einkommens wird von der arbeitenden Bevölkerung an die lernende und studierende Bevölkerung umverteilt.

Der griechische Philosoph Plato hatte die Idee eines „Philosophenkönigs“. Könige sollten anfangen zu philosophieren oder Philosophen König werden. Brauchen wir heutzutage mehr Philosophen in der Wirtschaft und der Regierung?

Man kann die Philosophie nicht übergehen. Wir brauchen keine Fachidioten. Philosophie bedeutet, dass man über die Dinge nachdenkt, die man lernt und wahrnimmt. So beginnt Weisheit. Je mehr wir in Politik und Wirtschaft an scheinbar sicheren Wahrheiten zweifeln und Dinge kritisch in Frage stellen, desto besser. Wir sind nicht in Hektik, wir können und sollten über alles gründlich nachdenken. In diesem Sinne sollten wir alle Philosophen werden. Ich habe Angst vor Menschen, die in Hast sind und nicht darüber nachdenken, was sie tun.

Fragen: Thomas Domjahn