Elon Musk trifft man beim Einkaufen normalerweise nur selten. Nicht so bei Roland Schüren, 52. Der Bäckerei-Inhaber aus Nordrhein-Westfalen hat sich komplett der Elektromobilität verschrieben, privat wie beruflich. Am Hauptsitz seiner Bäckerei in Hilden steht Tesla-Gründer Musk neben der Verkaufstheke.

Dass er aus Pappe ist, fällt kaum ins Gewicht, denn Schüren geht es ums große Ganze: „Unsere Backwaren sind bio. Da soll auch die Auslieferung nicht dreckig sein.“

Photovoltaik auf dem Dach und Ladesäulen für Kunden

Schon mehrere Jahre beschäftigt sich Schüren mit nachhaltigen Produktionsmethoden. Aufs Dach der Backstube hat er eine Photovoltaik-Anlage gesetzt, die nicht nur den Betrieb mit Strom versorgt, sondern auch Ladesäulen, an denen Kunden tanken können.

Nur ein Problem plagte Schüren bis zum Schluss: „Wir haben 18 Filialen und Firmenkunden, die wir jeden Tag beliefern. Es gibt auf dem Markt aber keine elektrischen Lieferfahrzeuge, die groß genug für unsere Bedürfnisse sind.“

Entscheidung für eine radikale Methode

Um trotzdem emissionsfrei zu fahren, entschied sich Schüren für eine radikale, in Deutschland kaum praktizierte Methode: Er ließ seine Lieferfahrzeuge umbauen. Zwei Sprinter – früher mit Dieselmotor unterwegs – rollen nun elektrisch, genau wie ein restaurierter VW-Bulli von 1975.

Bäckermeister Roland Schüren mit seinem elektrischen VW-Bull, Baujahr 1975.
Bäckermeister Roland Schüren mit seinem elektrischen VW-Bull, Baujahr 1975. | Bild: Steve Przybilla

Die Mitarbeiter mussten sich umstellen. „Jedes Fahrzeug kommt am Tag auf 150 Kilometer“, sagt Schüren. „Als wir im Winter eine spontane Tour gemacht haben, mussten wir in Wuppertal zwischenladen.“ Doch man habe sich an die batteriegetriebenen Autos gewöhnt.

Nur eine Handvoll Umbauer

Einfach war die Umrüstung nicht. In Deutschland gibt es nur eine Handvoll Firmen, die derartige Umbauten vornehmen. Die Nachfrage ist gering, jedes Auto eine neue Herausforderung. All das macht die Arbeit langwierig und teuer, wobei Schüren einen staatlichen Zuschuss von 50 Prozent erhalten hat. „Der Umbau des Bulli ging nur peu à peu voran“, erinnert sich der Bäcker. „Am Ende hat das Ganze etwa ein Jahr gedauert.“

Motor raus, Batterie rein?

So einfach, wie die Umrüstung in der Theorie klingt, ist sie in der Praxis meist nicht. „Wenn man ein Auto unter Strom setzt, muss man wissen, was man tut“, sagt Dennis Murschel, 46. Der Karosseriebauer aus Renningen bei Stuttgart hat früher bei Mercedes gearbeitet.

Dennis Murschel (rechts) und Martin Acevedo bauen Verbrenner zu E-Autos um.
Dennis Murschel (rechts) und Martin Acevedo bauen Verbrenner zu E-Autos um. | Bild: Steve Przybilla

Lange war er selbst in der Tuning-Szene aktiv; inzwischen konzentriert er sich auf den Umbau von Verbrennern zu Stromern. „Natürlich kann man eine Batterie festnageln, einen Controller dranschrauben und versuchen, damit loszufahren“, sagt Murschel. „Aber das ist was für Hobbybastler.“ Seine Kunden legten Wert auf ein Auto, das funktioniert – und durch den Tüv kommt.

Alter Käfer wird entkernt

Murschel hat sich auf historische VW Käfer spezialisiert. Sie werden komplett zerlegt, entlackt und entkernt. „Wenn die Autos hier ankommen, sind sie Schrott“, sagt der Karosseriebauer. „Wir retten, was zu retten ist, bevor wir sie umbauen.“

In Renningen (bei Stuttgart) werden VW Käfer restauriert und zu E-Autos umgerüstet. Die Arbeiten kosten 100.000 Euro aufwärts
In Renningen (bei Stuttgart) werden VW Käfer restauriert und zu E-Autos umgerüstet. Die Arbeiten kosten 100.000 Euro aufwärts | Bild: Steve Przybilla

Am Ende bleibt vom Original nicht mehr viel übrig – „Retrokäfer“ heißen die restaurierten Oldtimer, die von nun an elektrisch fahren. Laut Murschel halten ihre Akkus bis zu 150 Kilometer durch. Umbau und Restauration kosten mindestens 100.000 Euro, bei Sonderwünschen deutlich mehr.

Hier kam früher der Sprit rein. Nach dem Umbau wird nur noch mit Strom getankt. Blick auf den Ladestecker beim VW-E-Käfer.
Hier kam früher der Sprit rein. Nach dem Umbau wird nur noch mit Strom getankt. Blick auf den Ladestecker beim VW-E-Käfer. | Bild: Steve Przybilla

Der Umbau ist teuer

„Das ist nur etwas für eine bestimmte Zielgruppe“, räumt Murschel ein. Meist seien es gut situierte Oldtimer-Enthusiasten, die ihre Lieblinge umrüsten wollten. „Von dem Gedanken, durch einen Umbau etwas zu sparen, muss man wegkommen.“ Selbst die einfachste Variante koste mindestens 30.000 Euro – ein Preis, für den man inzwischen ein kleines Elektroauto bekommt, und zwar neu.

„Die größte Herausforderung beim Umbau ist die Software“, erklärt Murschel. „Wenn das Auto fertig ist, müssen ABS, ESP und all die anderen Sicherheitssysteme immer noch funktionieren.“ Er selbst arbeite dafür mit VW zusammen. Viele andere Hersteller gäben ihre Software aber nicht frei.

Marke Eigenbau ist am günstigsten

Im Internet gibt es Rechner, mit denen sich die Umbaukosten abschätzen lassen (z.B. www.fleck-elektroauto.de). Auch dort wird schnell klar: Wer ein alltagstaugliches Fahrzeug möchte, das schneller als 80 km/h fährt und eine passable Reichweite hat, wird kaum unter 20.000 Euro kommen – Einzelprüfungen durch den Tüv nicht eingerechnet.

Als preisgünstige Alternative bleibt daher nur die private Bastelei. Ob ein solcher Eigenbau hinterher aber auch auf öffentlichen Straßen fahren darf, ist mehr als ungewiss.

Zulassung als größte Hürde

Tatsächlich ist die Zulassung mitunter ein größeres Problem als die Umrüstung selbst. In Tuning-Foren berichten Bastler von Schwierigkeiten bei der behördlichen Abnahme. Auch Umbau-Experte Murschel bietet eine „Tüv-Begleitung“ an, damit diese keine böse Überraschung erleben.

Der Tüv rät, vor Umbauten mit den Prüfern zu sprechen. „Das ist ein sehr diffiziles Thema“, bestätigt Vincenzo Lucà vom Tüv-Süd. Zu Problemen komme es, wenn der Umbau nicht mehr den Eigenschaften entspreche, die es laut Zulassung habe. So könne sich durch den Einbau einer Batterie das Gesamtgewicht deutlich erhöhen. Auch die Höchstgeschwindigkeit, die elektromagnetische Verträglichkeit und die Fahrleistung könnten sich verändern.

Wie viele Leute ihre Benziner umrüsten lassen, darüber gibt es keine Statistik. Fest steht, dass die Rechnung vom „günstigen Umbau“ nicht aufgeht. Die Projekte kommen deutlich teurer als ein neues E-Auto. Aber darum geht es Enthusiasten nicht. Roland Schüren, der Bäckermeister, bringt es auf den Punkt: „Eine Hochzeitstorte kostet eben mehr als ein Brötchen.“

Tüv steht Umbau-Enthusiasten zur Seite

  • Selber umbauen: Wer einen Wagen mit Verbrennungsmotor zu einem E-Auto umbauen möchte, kann als Hilfestellung das VdTÜV-Merkblatt 764 heranziehen. Diese Handreichung erläutert detailliert, welche technischen Vorgaben bei einem Eigenbau einzuhalten sind. Beispiel: „Sämtliche HV-Leitungen, die nicht in Gehäusen verlegt sind, müssen eine orangefarbene Außenhülle haben.“ Das 18-seitige Merkblatt kann über den Online-Shop des VdTÜV (http://www.vdtuev.de) bezogen werden; es kostet 36,17 Euro als gedruckte Version oder 33,81 Euro als pdf-Datei.
  • E-Lieferwagen: Die Deutsche Post baut ihre Klein-Lkw mit Elektromotor selbst. Das übernimmt die Firma Streetscooter, die von Absolventen der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen 2010 gegründet wurde und die nun der Post gehört. Angepeilt wird eine Produktion von 10 000 Fahrzeugen im Jahr, langfristig sollen es 100 000 sein. Inzwischen bietet Streetscooter auch für andere Verwendungen Modelle an, etwa als Pritschenwagen für das Baugewerbe oder für Bauhöfe von Gemeinden. Je nach Batterie hat der Pickup laut Hersteller eine Reichweite von 100 oder 205 Kilometer. In der Bodensee-Gemeinde Radolfzell ist ein E-Pickup von Streetscooter seit einigen Wochen beim städtischen Bauhof im Einsatz. (stp/mic)