Herr Freiherr Knigge, von jemandem mit Ihrem Namen erwartet man, dass er immer höflich und zuvorkommend ist. Ist das anstrengend?

Das empfinde ich glücklicherweise nicht so. Natürlich erlebe ich es mein ganzes Leben lang, dass Menschen auf meinen Namen reagieren. Ich höre auch immer wieder die Frage, ob jemand sich mir gegenüber besonders gut benehmen muss. Darauf kann ich nur erwidern: ‚Seien Sie mir gegenüber genauso höflich wie bei allen anderen Menschen.‘ Mir schauen auch immer alle auf die Finger, aber darauf achte ich nicht. Ich versuche, das zu leben, was ich in meinen Vorträgen und Büchern predige, nämlich, es gut zu machen – bei dem vollen Bewusstsein, dass es fast unmöglich ist, es allen recht zu machen.

Ist es für Sie Last oder Lust, immer auf Ihren berühmten Vorfahren angesprochen zu werden?

Ich sehe das völlig neutral, wobei ich doch ein bisschen stolz bin. Adolph Freiherr Knigge war eine unglaublich spannende Person seiner Zeit. Die meisten denken, er sei der Benimmpapst gewesen, der sich Etiketteregeln ausgedacht hat. Nur wenige wissen, dass er in regelmäßigem Kontakt war mit großen Denkern wie Kant, dass er das komplette Werk von Rousseau ins Deutsche übersetzt hat. Knigge war eng befreundet mit Schiller und total verfeindet mit Goethe, er war auf Augenhöhe mit den Großen seiner Zeit – und zu dieser Zeit gab es sehr Große. Das macht mich schon stolz. Ich würde gern in die Vergangenheit reisen und mich mit ihm unterhalten. Ich glaube, er war eine coole Sau. Aber kein spießiger Benimmpapst.

 

Sie sagen, man soll nicht mit dem Zeigefinger auf andere zeigen, sondern sich an die eigene Nase packen. Da verlangen Sie den Menschen ganz schön was ab.

Ja, aber das ist aus meiner Sicht die einzige Lösung. Ich mache nichts besser, wenn ich die Schuld bei den anderen suche. Damit verharre ich. Leider führt das zu einem Negativkreis, wir geben uns gegenseitig die Schuld, anstatt aus dem Teufelskreis herauszukommen. Es muss doch darum gehen zu überlegen, wie man gestalten kann, anstatt zu verharren.

 

Die Briten und Amerikaner treiben diese Haltung auf die Spitze. Sie entschuldigen sich, wenn ihnen jemand auf den Fuß tritt. Ist das nicht übertrieben?

Wir Deutsche mögen es übertrieben finden, aber wir sind möglicherweise auch das einzige Volk, das Freundlichkeit der Lüge verdächtigt. Schon Goethe schrieb in Faust II: ‚Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.‘ Höflichkeit und Wertschätzung stehen in Deutschland unter Generalverdacht, nicht ernst gemeint zu sein. In keiner anderen Kultur der Welt wird die Frage ‚Wie geht’s?‘ hinterfragt. Im Französischen fragt man ‚Ça va?‘ und erhält als Antwort‚ Ça va bien, merci‘. Meine echte Befindlichkeit wollen meine besten Freunde, Verwandten und mein Arzt hören. Für alle anderen ist ‚Wie geht’s?‘ nur eine Phrase der Höflichkeit.



Das ist oberflächlich.

Ja, natürlich, aber ich kenne doch nicht jeden intensiv gut. Mein Vorfahr schrieb in seinem Buch ‚Über den Umgang mit Menschen‘, dass man sich für seine Mitmenschen interessieren soll, wenn man will, dass die anderen sich für einen selbst interessieren. ‚Wie geht’s?‘ ist die Phrase dafür. Wobei Phrase in der deutschen Sprache negativ belastet ist. Ich meine das ganz neutral. Es ist nur ein Wortspiel des Interesses, und es bedeutet: Ich Mensch, du Mensch, ich interessiere mich für deine Belange.

 

Als Grundregel könnte man also sagen, mit Danke, Bitte und Entschuldigung kommt man ganz gut durch den Tag?

Wenn man sich dann noch begrüßt, hat man es schon. Wichtig dabei: Das steht jedem zu, ausnahmslos. Wenn ich anfange zu berechnen, wer einen Gruß wert ist, läuft meiner Ansicht nach schon etwas schief.

 

Damit wären wir beim großen Thema Wertschätzung, das oft unterschätzt wird. Warum ist sie aus Ihrer Sicht so wichtig?

 

Erst mal ist beobachtbar, dass Menschen über alle Kulturen hinweg nach Anerkennung streben. Deshalb ist Wertschätzung so wichtig. Wenn ich Menschen Aufmerksamkeit schenke, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich sie auch zurückbekomme. Damit wird das Miteinander viel einfacher.

Warum verstehen das so viele Chefs nicht?

Ich glaube nicht, dass sie es nicht verstehen. Ich arbeite seit 15 Jahren mit Chefs. Fast alle vermitteln mir glaubhaft, dass sie natürlich an Wertschätzung glauben. Es geht nur manchmal im Stress unter. Ich habe ein sehr positives Menschenbild und halte Menschen nicht für böse. Oft geht es nur um Missverständnisse. Wir beide zum Beispiel kennen uns nicht. Dann sage ich irgendetwas, das bei Ihnen durch eine Vorerfahrung negativ ankommt. Das weiß ich aber nicht. Sie fühlen sich von mir angegriffen und schießen zurück, sodass ich mich dann von Ihnen angegriffen fühle. Wir beide sind der festen Überzeugung, dass der andere schuld ist. In dieser Negativschleife fängt man an, aufeinander herumzuhacken.

 

Manche haben aber auch die Einstellung ‚Nicht geschimpft ist genug gelobt‘.

Da tut sich gerade etwas. Das System Wirtschaft hat verstanden, dass eine Umgangskultur erfolgswirksam ist. In allen großen Unternehmen gibt es inzwischen Führungs- und Kommunikationsseminare. Das System muss reagieren, wenn etwas kostet.

 

Warum kostet fehlende Wert-schätzung etwas?

Reibungsverluste: Menschen, die sich schlecht behandelt fühlen, arbeiten schlechter. Warum soll ich als Mitarbeiter einer Firma meine Kunden gut behandeln, wenn mein Chef mich schlecht behandelt? Warum soll ich mit meinem Kollegen partnerschaftlich zusammenarbeiten, wenn der ein Vollidiot ist? Warum soll ich als Vertriebler mit dem Marketing gut zusammenarbeiten, wenn diese arroganten Säcke sowieso nur Geld ausgeben und wir holen das Geld rein? Warum soll ich als Marketingmensch mit dem Vertrieb gut umgehen, wenn das doch nur die plumpen Verkäufer sind und wir die kreativen Tollen? Alle sehen nur sich selbst und schimpfen auf die anderen. Das ist ja auch einfach. Es ist haarsträubend, wie viele Abteilungskriege es in Unternehmen gibt.

 

Sie kennen diese Themen als gelernter Verlagskaufmann. Warum haben Sie diesen Weg verlassen und sind vom Thema her doch wieder in den Schoß der Familie zurückgekehrt?

Es war nie der Schoß meiner Familie. Die Umgangsformen standen bei uns als Thema nie im Vordergrund. Die Leute haben immer die Vorstellung, ich sei schon in der Wiege mit dem Werk meines berühmten Vorfahren erzogen worden, aber das war nicht der Fall. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass meine Eltern jemals gesagt hätten: ‚Jetzt bist du alt genug und musst das Buch mal lesen.‘ Das habe ich aus Eigeninteresse getan. Im Gegenteil gibt es diverse Leute in meiner weiter gefassten Familie, die es ganz furchtbar finden, was ich tue. Sie werfen mir vor, ich wollte meinen Namen vergolden. Ich erfahre mehr Kritik als Unterstützung.

 

In Etiketteforen im Internet fragen die Leute, ob es noch zeitgemäß sei, wenn der Mann der Frau den Stuhl zurechtrückt oder ob man dem Servicepersonal Danke sagen muss, wenn man es doch schon bezahlt. Haben die Menschen den Instinkt für gutes Benehmen verloren?

Ich würde das positiv formulieren: Menschen suchen nach Sicherheit und einem Weg, auf dem sie nichts falsch machen können. Darauf ist die Ratgeberliteratur aufgesprungen. Ratgeber spielen den Menschen vor, es wäre ganz einfach. Meine Kritik daran ist, dass vorgegaukelt wird, es gäbe ein Richtig und ein Falsch. Aber die Welt besteht aus Grautönen. Ich als Knigge stehe Regeln eher kritisch gegenüber, denn sie können die Welt nicht komplett regeln, sondern nur einen Ansatz bieten. Sie können aber auch zu furchtbaren Missverständnissen führen. Was einen höflichen Menschen wirklich ausmacht, ist die Fähigkeit zur Angemessenheit. Irgendwo hinzukommen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was in diesem Moment passend ist.

 

Gelingt es Ihnen selbst immer, höflich zu bleiben, wenn andere sich aus Ihrer Sicht unhöflich benehmen?

Bestimmt nicht. Der Todfeind der Höflichkeit sind die Affekte. An einem Tag, an dem man gestresst ist oder schlechte Laune hat, wenn man einem wunden Punkt unterliegt, vergreift man sich schnell im Ton. Das passiert mir auch, wobei ich durch meine Arbeit viel besser geworden bin. Ich sehe meine Arbeit darin, den Menschen einen Weg aufzuzeigen, wie sie lernen, gelassen zu bleiben. Gelassenheit ist die Grundlage von gutem Umgang.

 

Wann waren Sie denn mal unhöflich?

Ich erinnere mich an eine Situation am Züricher Flughafen. Es stimmte was mit dem Ticket nicht und ich hatte das Gefühl, das Personal reagiert nicht vernünftig, dabei wurde die Zeit immer knapper. Meine damalige Freundin sagte mir, ich solle wieder auf den Boden zurückkommen. Später habe ich mich für mein Verhalten entschuldigt. So etwas passiert jedem, es ist nur wichtig, sich darüber klar zu werden. Eine Entschuldigung ist ein sehr starkes Kommunikationsmittel, weil Menschen die tolle Fähigkeit haben zu verzeihen. Das bringt die Kommunikation auf eine neue Ebene. Ich höre immer wieder von Managern die Aussage, sie könnten sich nicht bei ihren Mitarbeitern entschuldigen, weil sie sonst als Schlappschwanz gelten. Nein, im Gegenteil: Wer fähig ist, eigene Fehler transparent zu machen, gilt als stark.

Fragen: Kirsten Schlüter

Zur Person

Moritz Freiherr Knigge, 47 Jahre, kommt aus Hannover. Er lernte Verlagskaufmann, studierte Betriebswirtschaftslehre in Berlin und arbeitete in der IT-Branche, bevor er sich vor 15 Jahren selbstständig machte. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Anleitung zum Unhöflichsein“. In seiner Freizeit fährt Moritz Freiherr Knigge Ski, spielt Boule, kocht gern. Den Verwandtschaftsgrad zu Adolph Freiherr Knigge hat er noch nicht herausgefunden. (kis)

Der Original-Knigge

  • Wer war Knigge? Die meisten Menschen denken an einen Benimm-Apostel und Regel-Papst, wenn sie Knigge hören. Dabei war das der aus Bredenbeck bei Hannover stammende Schriftsteller und Gesellschaftsphilosoph Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge (1752-1796) gar nicht. Benimm- und Tischregeln interessierten den Aufklärer nicht.
  • Sein Werdegang: Knigge studierte Jura in Göttingen und war unter anderem bei Hofe in Kassel und als Kammerherr in Weimar angestellt. Er übersetzte Schriften des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und verfasste zahlreiche Werke zu Geschichte, Politik und Gesellschaft. Zudem war er in der Theaterszene sehr engagiert. Knigge starb in Bremen, sein Grab befindet sich im Bremer Dom.
  • Was Knigge umtrieb? Knigge wollte in seinem Werk „Über den Umgang mit Menschen“ (1788) unter anderem die verschiedenen Charaktere der Menschen beschreiben und überdies erläutern, wie man am besten mit ihnen umgeht – vom Choleriker bis zum Melancholiker. Auch die Eigenheiten unterschiedlichster Berufsgruppen, ob Kutscher oder Politiker, deklinierte Knigge ausgiebig durch.
  • Das Regelwerk: Weil es im 18. Jahrhundert noch kein einklagbares Urheberrecht gab, ergänzten andere Autoren das damals sehr populäre Buch schon kurz nach Erscheinen zunehmend um klassische Benimm-Regeln. So wuchs es schließlich zu einer Art Regelwerk heran.
  • Die Neuauflage: Der Klassiker wurde kürzlich neu aufgelegt. „Über den Umgang mit den Menschen“ mit einem Nachwort von Marion Poschmann ist im Insel Verlag erschienen und kostet 13,95 Euro. (dpa)