„Aus dem Nichts führte ich auf einmal einen Kampf mit mir selbst. Ich hörte Stimmen, die mir sagten, dass ich nicht gut genug bin, dass ich schwach bin, dass ich alleine bin. Und andererseits schämte ich mich dafür, weil ich alles im Leben hatte und eigentlich glücklich sein müsste.“

Mit diesen Worten berichtet Jana M. (Name geändert) aus einer Zeit, die von einem Tag auf den anderen ihr bis dahin sorgloses Leben auf den Kopf gestellt hatte. Jetzt, eineinhalb Jahre später und nach erfolgreicher Therapie, kann die mittlerweile 18-Jährige aus dem Landkreis Konstanz offen über ihre Depression sprechen.

Vor dem Abi in ein tiefes Loch

Jana hatte immer ein stabiles Umfeld, ein tolle Familie, Freunde, stand ein Jahr vor dem Abitur, als sie von einem Tag auf den anderen in ein tiefes Loch fiel. „Ich war wie gelähmt, wusste, dass etwas mit mir nicht stimmt, aber ich war unfähig, mich zu bewegen und aus diesem Loch wieder herauszusteigen.“

Depressionen bei Kinder und Jugendlichen, eine Diagnose, die immer häufiger gestellt wird. Corinna Schreiner ist Psychotherapeutin an der Radolfzeller Luisenklinik, einem Zentrum für Verhaltensmedizin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie erzählt: „Etwa drei bis zehn Prozent der Jugendlichen zwischen dem zwölften und 17. Lebensjahr leiden unter einer diagnostizierten Depression – die Dunkelziffer ist jedoch höher.“

Corinna Schreiner ist Psychotherapeutin an der Radolfzeller Luisenklinik.
Corinna Schreiner ist Psychotherapeutin an der Radolfzeller Luisenklinik. | Bild: Nicola M. Westphal

Mädchen suchen häufiger wegen Depressionen einen Arzt auf, als Jungen. Bei Jungen gelten Depressionen als unterdiagnostiziert. Der Grund: Männliche Jugendliche bagatellisieren häufig seelische Probleme. Viele Patienten nehmen erst spät die Hilfe eines Therapeuten oder Facharztes in Anspruch – manche scheuen diesen Schritt gänzlich.

Depression bei Kindern Tabuthema

Fast jeder sechste Patient wird mit Antidepressiva therapiert, etwa acht Prozent werden in einer Klinik behandelt. Beim Übergang von der Klinik in die ambulante Versorgung gibt es weiterhin große therapeutische Lücken. So fordert DAK-Vorstandschef Andreas Storm: „Wir brauchen eine offene Diskussion über das Tabuthema Depressionen bei Kindern.“ Die Stigmatisierung durch einen langen Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sei für Betroffene eine zusätzliche Belastung.

Zeichnet sich bei einem Kind oder Jugendliche eine Depression ab, ist es wichtig, rasch zu handeln. Aber wie kann man die Anzeichen rechtzeitig erkennen?

Depressionen können schon im Kleinkindalter auftreten. Etwa ein Prozent der Vorschulkinder sind betroffen, etwa zwei Prozent der Kinder im Grundschulalter. „Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus“, sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Eine Depression kann sowohl genetisch bedingt sein, durch das „Vorleben“ eines Elternteils begünstigt werden, als auch infolge einer Traumatisierung oder Missbrauchserfahrung entstehen.

Plötzliche innere Unruhe

Auch chronische Erkrankungen, wie Adipositas, Diabetes mellitus, Asthma und Schmerzen können das Depressionsrisiko bei jungen Menschen erhöhen. Fachleute sind sich einig, dass es nicht die Neigung zu Depressionen ist, die einen Anstieg verzeichnet, sondern die verbesserte Diagnostik. Die Symptome sind altersbezogen und vielfältig. Oftmals macht sich eine plötzliche innere Unruhe breit, nagende Selbstzweifel, gepaart mit einer auch als körperlich empfundenen Erschöpfung.

Eine Depression ist häufig mit anderen Symptomen vergesellschaftet, wie einer Essstörung oder Angsterkrankung. Bei Teenagern ist es für den Laien in vielen Fällen schwierig, die Anzeichen einer Depression zu erkennen, denn starke Stimmungsschwankungen und ein „sich zurückziehen“ werden oft als „pubertäres Verhalten“ gewertet.

Flucht in eine virtuelle Welt

Corinna Schreiner warnt daher: „Wird eine Depression nicht frühzeitig erkannt, kann es zu einem sozialen Rückzug kommen. Jugendliche flüchten dann gern in eine virtuelle Welt, in der sie nicht Face-to-Face kommunizieren müssen und bleiben letztendlich mit ihrer Situation allein. Sie sind mit ihrem Alltag überfordert, fühlen sich minderwertig, brechen in Folge sogar oftmals die Schule oder Ausbildung ab. Ein Teufelskreis.“

Kinder flüchten bei psychischen Problemen gerne in eine virtuelle Welt, in der sie nicht mit Menschen kommunizieren müssen.
Kinder flüchten bei psychischen Problemen gerne in eine virtuelle Welt, in der sie nicht mit Menschen kommunizieren müssen. | Bild: Andrey Popov - stock.adobe.com

Risikofaktoren für Depressionen sind neben der genetischen Veranlagung auch der Alkoholkonsum, Drogen und Medikamenten. Auch den hohen Medienkonsum, verbunden mit einem Rückzug in die virtuelle Welt, sieht Corinna Schreiber als Risikofaktor an. Leistungsdruck oder die verschiedensten schulischen Faktoren können Depressionen begünstigen.

Kinder auf der falschen Schule

„Durch den Wegfall der Schulempfehlung sind viele Kids auf einer Schule, die nicht unbedingt zu Ihnen passt. Sie sind überfordert, einem ständigen Leistungsdruck ausgesetzt, erleben dauerhaft Misserfolge“, erklärt die Psychotherapeutin. Gut ausgebildete Lehrer erkennen, wenn sich ein Kind verändert und sie sollten den Mut haben, das offen bei dem Betroffenen oder deren Eltern anzusprechen und selbst oder über den Schulsozialarbeiter Hilfestellung anzubieten.

Was Eltern tun können

Die beste Vorbeugung gegen depressive Verstimmungen sei ein gutes soziales Netz, gelingende Interaktion mit Gleichaltrigen und feste Hobbies. Des Weiteren seien ein stabiles Umfeld in Form eines vertrauensvollen Familienklimas wichtig und vor allem Eltern, die im Austausch mit ihrem Kind stehen, die ihr Kind dabei unterstützen seine Ressourcen auf- und auszubauen. Zudem können einfache Dinge wie ausreichend Bewegung und vor allem eine gesunde Schlafhygiene vor Depressionen schützen. Auch Jana M. hat mit Hilfe ihrer Therapeutin den Weg aus der Depression gefunden und schaut heute vertrauensvoll in die Zukunft.

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