Ständige Unruhe, Schlafstörungen, Wutanfälle, Probleme bei den Hausaufgaben: Wenn ein Kind eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hat, stehen Eltern vor großen Schwierigkeiten. „Man ist so verzweifelt und versucht alles“, berichtet zum Beispiel Isolde N., deren inzwischen erwachsener Sohn an der Störung leidet. „Ein Elterntraining kann ich da nur empfehlen.“ Auch von wissenschaftlicher Seite spricht viel dafür, dass sich ein Eltern-Coaching positiv auf den Alltag betroffener Familien auswirkt. So sagt Professor Manfred Döpfner, ADHS-Experte an der Universität Köln: „Bewährt haben sich vor allem Trainings auf der Basis verhaltenstherapeutischer Prinzipien.“

Für Isolde N. war es eine große Erleichterung, beim Elternkurs auf Familien mit ähnlichen Problemen zu treffen. „Ich habe mich zum ersten Mal verstanden gefühlt“, erzählt sie. „Vorher habe ich nämlich gemeint, in der Erziehung alles falsch gemacht zu haben.“ Immer wieder müssen Eltern gegen das Vorurteil, sie hätten ihr Kind „halt nicht gescheit erzogen“, ankämpfen. Das weiß auch die Kinderpsychiaterin Anja Roth vom Josefinum in Augsburg. Ihr Team bietet Eltern von ADHS-Kindern, die ambulant an der Klinik behandelt werden, Kurse an. Darin geht es zunächst darum, Mütter und Väter von Druck und Schuldgefühlen zu befreien. „Wir möchten ihnen auch Munition liefern, damit sie sich gegen solche Vorwürfe wehren können“, sagt Roth.

Mal lustlos, abgelenkt, genervt und dann wieder voll aufgedreht: Kinder, die unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) leiden, halten ihre Eltern auch ziemlich auf Trab. <em>Bilder: soupstock.stock.adobe.com</em>
Mal lustlos, abgelenkt, genervt und dann wieder voll aufgedreht: Kinder, die unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) leiden, halten ihre Eltern auch ziemlich auf Trab. Bild: soupstock.stock.adobe.com

Die Ursache

Kinder bekommen nämlich nicht deshalb ADHS, weil Eltern falsch erziehen. Vielmehr gehen Wissenschaftler davon aus, dass verschiedene Faktoren, vor allem die Gene, als Auslöser eine Rolle spielen. Offenbar steht den Nervenzellen im Gehirn zu wenig von dem Botenstoff Dopamin zur Verfügung, sodass die Informationsweitergabe gestört ist. Reize werden dadurch schlecht gefiltert. Das hat zur Folge, dass die Betroffenen einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt sind und sich unter anderem schlecht konzentrieren können. Drei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden laut dem Infoportal ADHS an Aufmerksamkeitsstörung. Bei vielen Kindern dauern die Symptome bis ins Erwachsenenalter an. 30 Prozent der erwachsenen ADHS-ler leiden unter Ängsten und Depressionen.

Um die Probleme in den Griff zu bekommen, gibt es verschiedene Ansätze: etwa Verhaltenstherapie, Konzentrationstraining und in schweren Fällen zusätzlich Medikamente. Eine wichtige Rolle haben aber auch die Eltern: Wenn ein Kind in der Familie verhaltensauffällig ist, helfen in vielen Fällen bestimmte Erziehungsstrategien. Entsprechende Kurse oder Coachings, wie sie von Beratungsstellen, Ärzten oder Psychotherapeuten angeboten werden, sind dabei meist eine wichtige Unterstützung. „Solche Kurse würde ich Eltern betroffener Kinder eigentlich immer empfehlen“, sagt Döpfner. „Eine ADHS stellt eine besondere Herausforderung an das Erziehungsverhalten dar. Auch dann, wenn die Eltern sehr kompetent mit ihren Kindern umgehen, ergeben sich oft Probleme.“ Daher sei es immer sinnvoll zu überlegen, wie sie ihr Verhalten optimieren könnten.

Einfühlungsvermögen fördern

Zu Beginn eines Trainings steht in der Regel die Aufklärung über ADHS. Wichtig ist, dass Eltern verstehen, warum ihre Kinder in einer bestimmten Weise reagieren – und dass sie nicht einfach aus Bosheit Regeln missachten. In den Kursen, die das Josefinum bietet, geht es auch darum, das Einfühlungsvermögen durch Selbsterfahrungsübungen zu fördern: So müssen sich die Erwachsenen zum Beispiel konzentrieren, während ständig jemand dazwischen redet. „Dadurch sollen sie ein Gefühl dafür bekommen, wie es ihrem Kind ergeht“, erklärt Roth. Außerdem erlernen Eltern Strategien für den Alltag, um typische Probleme besser zu bewältigen.

Wahrscheinlich ist bei einer Erkrankung an ADHS die Informationsverarbeitung mittels Botenstoffen im Gehirn des Kindes gestört. | Bild: soupstock.stock.adobe.com

Dazu gehört das tägliche Hausaufgaben-Drama: Da sich ADHS-Kinder leicht ablenken lassen und zudem öfter Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, tun sie sich in aller Regel bei den Hausaufgaben schwer. Eltern – meist die Mütter – verzweifeln, weil sie ihr Kind zum Durchhalten bringen wollen. „Wenn wir ihnen erklären, welch kurze Konzentrationsspanne bereits gesunde Kinder haben, löst das oft einen Aha-Effekt aus“, sagt Roth. „Den Eltern wird dann klar, dass die Kinder durch die Hausaufgaben oft stark überfordert sind.“ In vielen Fällen ist es sinnvoll, Pausen einzulegen. Schafft ein Kind die Aufgaben innerhalb einer bestimmten Zeit nicht, sollte man das der Schule melden. Auch Isolde N. kennt die Qualen, die Hausaufgaben für ADHS-Kinder und ihre Familien oft bedeuten, nur zu gut: „Heute würde ich nicht mehr auf den Hausaufgaben bestehen, sondern einfach mal sagen: Lass’ es sein und geh’ raus zum Spielen!“

Neben diversen Kursen gibt es auch viele Selbsthilfe-Angebote für Eltern in Form von Ratgebern, Broschüren oder Online-Programmen. Mit den meisten arbeitet man selbstständig, bei manchen sind begleitende Telefonate mit einem Psychologen vorgesehen. „Auch diese Selbsthilfe-Ansätze bringen eine deutliche Entlastung“, sagt Döpfner. „Sie können eine Eltern-Kind-Therapie aber nicht ersetzen.“ Daher sind sie vor allem in leichteren Fällen sinnvoll.

Und wieviel können Eltern wirklich erreichen? Lässt sich das Verhalten so optimieren, dass man auf das gefürchtete Ritalin verzichten kann? Darauf reagieren Experten zurückhaltend. „Ein Elterntraining kann ein Medikament nicht einfach ersetzen. Das ist auch nicht der Anspruch“, sagt Roth. „Es kann aber dabei helfen, die familiäre Situation erheblich zu entspannen.“

 

Weitere Hilfe

Einen Überblick zu ADHS finden Interessierte und Betroffene auf den Seiten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: www.gesundheitsinformation.de. Außerdem bietet die Uniklinik Köln unter www.adhs.info verschiedene Beiträge und weiterführende Links zum Thema. Adressen von Selbsthilfegruppen, Veranstaltungstermine und viele weitere Informationen gibt es auf der Homepage des bundesweiten Selbsthilfevereins ADHS Deutschland: www.adhs-deutschland.de. (ast)

 

Tipps für Eltern von ADHS-Kindern

  • Auf sich selber achten: Der Alltag mit hyperaktiven Kindern ist extrem anstrengend. Um ihn gut zu bewältigen, ist es wichtig, dass Eltern sich Zeit für sich selbst nehmen und regelmäßig entspannen.
  • Beziehung zum Kind stärken: Durch die negativen Erlebnisse, die ADHS oft mit sich bringt, ist das Verhältnis von Eltern und Kind meist belastet. Angenehme Aktivitäten (Spielen, gemeinsamer Sport, kleine Ausflüge) setzen positive Akzente.
  • Klare Regeln: Bestimmte Vereinbarungen, die in der Familie gelten, geben ADHS-Kindern Halt und Sicherheit. Dabei gilt: Besser wenige Regeln aufstellen, die konsequent eingehalten werden, als viele, die kaum jemand richtig beachtet.
  • Feste Tagesstruktur: Ein fester Rhythmus hilft Kindern, sich zu orientieren. Auch Rituale (abendliches Vorlesen, Sterne zählen, gemeinsames Abendesse) vermitteln Geborgenheit.
  • Häufig loben: Durch die vielen negativen Erfahrungen in Schule und Familie leidet oft das Selbstwertgefühl der ADHS-Kinder. Lob tut ihnen besonders gut. Dabei sollten Eltern immer bedenken, dass diesen Kindern vieles schwerer fällt. (ast)

 

Nur ein bisschen unruhig oder krank?

Kinder sind oft laut, launisch und leicht abzulenken. Aber haben sie dann gleich ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)? Welche Symptome charakteristisch für die Krankheit sind:

  1. Wie macht sich ADHS bemerkbar? Die Grenze für ADHS lässt sich kaum genau ziehen, zumal sich das Verhalten von Kind zu Kind unterscheidet. Wahrscheinlich ist bei einer Erkrankung die Informationsverarbeitung im Gehirn des Kindes gestört. Typisch sind Auffälligkeiten in drei Verhaltensbereichen: Den Kindern gelingt es nur schwer, Aufmerksamkeit, Aktivität und Gefühle zu kontrollieren. Das Kind ist erstens sehr leicht ablenkbar, bricht zum Beispiel Spiele immer wieder ab, bevor es sie zu Ende gebracht hat. Es kann sich nur schlecht konzentrieren und scheint nie richtig zuzuhören. Zweitens: Das Kind läuft oder zappelt sehr viel, wirkt ständig wie aufgezogen, kann nicht still sitzen. Und Drittens: Das Kind wird beispielsweise unvermittelt wutend oder jähzornig und fugt sich in Schule oder Kindergarten schlecht in die Gemeinschaft ein. Es reagiert in einer Weise, die nicht in den sozialen Kontext passt.
  2. Wann muss man reagieren? In der Regel kann man die ersten Anzeichen fur eine ADHS bereits im Kleinkindalter beobachten, im Alter von funf bis sechs Jahren sind sie deutlich erkennbar. Beeinträchtigen diese Symptome das Zusammenleben in mehr als einem Lebensbereich, etwa in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule und bestehen sie länger als sechs Monate, dann sollte medizinisch abgeklärt werden, ob eine ADHS die Ursache sein könnte.
  3. Wie genau können ADHS-Diagnosen sein? In den vergangenen Jahren sind Ärzte vorsichtiger geworden, sich auf eine ADHS-Diagnose festzulegen. So erhalten jünger eingeschulte Kinder häufiger eine ADHS-Diagnose als ältere. Zum Teil lag dies daran, dass die jüngsten Kinder einer Klasse mit den älteren Mitschülern verglichen wurden. Weil etwa Impulsivität und Unaufmerksamkeit bei den Jüngeren mitunter noch stärker ausgeprägt sind, wurde dieses Verhalten im Vergleich mit den älteren Kindern möglicherweise als ADHS interpretiert.
  4. Kann man die Krankheit mit Medikamenten behandeln? Die Ärzte sind in den vergangenen Jahren zurückhaltender geworden mit Medikamenten, sogenannten Psychostimulanzien wie Ritalin. Bis 2008 war die Verabreichung solcher Medikamente deutlich gestiegen. Heute dürfen solche Medikamente nur noch Fachleute für kindliche Verhaltensstörungen verordnen. (dpa)

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