Wer findet für Martin Luther in Überlingen den schönsten Platz? Was für eine Frage: natürlich der Platzmeister! Er heißt Fridolin Zugmantel, ist Metzgermeister von Beruf, daneben aber stolzer Amtsträger in der historischen Schwerttanzkompanie. Der schönste Platz, sagt er, sei das Aufkircher Tor, ein schmuckes Bauwerk, entstanden vor mehr als 600 Jahren. Und so wartet Zugmantel bei strahlender Sonne vor einer unscheinbaren Tür in der Mauer.

Warum ist es hier so schön? „Na ja“, sagt er und schaut zu den Fenstern über dem Tor hinauf: „Vor allem, weil hier unsere Kompanie ihre Heimat hat!“

Kompanie, das klingt nach Militär, und um Militärisches soll es zunächst auch gehen bei diesem Treffen. Eigentlich aber interessiert uns etwas ganz anderes: Musik, Tanz und Theater. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, heute noch etwas über den kulturellen Alltag vor 500 Jahren zu erfahren. Die Schwerttanzkompanie in Überlingen ist eine davon: Ihr Tanz ist bezeugt seit 1646, tatsächlich dürfte er deutlich älter sein. „Ich kann Ihnen zu seiner Herkunft zwei Versionen erzählen“, sagt Fridolin Zugmantel, während er die Tür aufschließt und seinem Besuch den Weg zur Treppe nach oben weist.

 

Schwerttanz und Hänsele


Den Schwerttanz wie auch das Hänsele können Sie als Relikte des kulturellen Lebens zu Luthers Zeiten noch heute in Überlingen selbst erleben:
  • Schwerttanz bei der Schwedenprozession

    Wer den Schwerttanz sehen will, sollte sich den zweiten Julisonntag im Kalender markieren. Dann kommt es in Überlingen zur sogenannten zweiten Schwedenprozession. Dieses alljährlich stattfindende Ritual hat mit den Ursprüngen des Tanzes wenig gemein. Es geht zurück auf das Jahr 1634, als die Stadt im Dreißigjährigen Krieg einer langen Belagerung durch schwedische Truppen erfolgreich standhielt. Solche Schwedenprozessionen gibt es neben Überlingen noch in den beiden oberfränkischen Städten Kronach und Weismain. Im Verlauf der Jahrhunderte hat sich der Schwerttanz stets verändert. So lassen sich im heute üblichen Ablauf Elemente aus dem Preußentum erkennen.

    Weitere Informationen zur Schwerttanzkompanie: www.schwerttanz-ueberlingen.de
  • Hänsele an den närrischen Tagen

    Die Figur des Hänsele ist noch heute selbst an den närrischen Tagen überall präsent. Im Fransenkleid und mit schwarzer Maske zieht es mit der Karbatsche schnellend durch die Gassen. Der Hänsele darf nur von Fastnachtssamstag bis Fasnachtsdienstag und bei Veranstaltungen der Narrenzunft in voller Montur öffentlich unterwegs sein. Eine Ausnahme gibt es allerdings für die Kinderhänsele, die bereits am „Schmotzigen Dunschtig“, also dem Donnerstag zu sehen sind. Wer auch immer als Hänsele die Fastnacht feiert: Hat er seine Kappe einmal aufgezogen, darf er sie bis zum Ende der Veranstaltung nicht mehr ablegen. „Der Hänsele bleibt unerkannt“ heißt es in den Benimmregeln der Überlinger Hänsele-Zunft.

    Weitere Informationen zur Hänsele-Zunft: www.haenselezunft-ueberlingen.de

Version eins: „Im Jahr 1475 mussten hundert Überlinger Rebleute für den Kaiser in den Krieg ziehen. Am Tag vor ihrem Ausmarsch besuchten 99 von ihnen die heilige Messe, einer aber vergnügte sich stattdessen in den Weinstuben. Jetzt raten Sie mal, wer als Einziger im Feld gefallen ist!“ Der Säufer? „Richtig!“, sagt Zugmantel. „Und weil die anderen 99 so tapfer gekämpft haben, gestattete ihnen der Kaiser, nach der Schlacht einen Schwerttanz aufzuführen. Das tun sie bis heute, wobei unter ihnen immer auch der Sünder mitläuft: der Hänsele im schwarzen Gewand.“

Version zwei: „Schon im Mittelalter mussten viele Handwerker auf Wanderschaft gehen, unter anderem Rebleute. Die Schwerttanztradition könnte so etwa aus Flandern nach Überlingen gelangt sein.“ Diese Version, erklärt Zugmantel, erzähle man sich in Überlingen nicht so gerne, weil sie die langweiligere sei und weniger zum Heldenmythos tauge. Vielleicht liegt sie dafür näher an der Wahrheit.

Die Fassade eines Hauses in Überlingen würdigt die Schwerttanzkompanie.
Die Fassade eines Hauses in Überlingen würdigt die Schwerttanzkompanie. | Bild: Sabine Tesche

Ob die fast zu schön klingende Geschichte von den 99 tapferen Rebleuten stimmt oder nicht: Unstrittig ist, dass die Angehörigen dieser Zunft einst tatsächlich zur Waffe greifen mussten. Oben, im Raum über dem Tor, lässt sich mit Blick auf das Neubaugebiet hinter der Stadtmauer vorstellen, wie sie hier einst Wache hielten. Das Aufkircher Tor war ihr Platz zur Verteidigung der Stadt. Und weil in einer Zunft alles seine Ordnung hat, hatten sie auch einen Platzmeister: einen wie Fridolin Zugmantel.

Ausgelassenes Tanzen und Singen, das passt weder zu militärischer Ordnung noch zu einem sittenstrengen Alltag. Im ausgehenden Mittelalter galt beides als Vorstufe zum Begehen schwerer Sünden. Wer öffentlich tanzen oder singen wollte, brauchte deshalb eine Erlaubnis. Und die erteilte entweder – wie in der Geschichte von den 99 tapferen Rebleuten – der Kaiser oder aber die Kirche. Vor allem die Geistlichkeit tat gut daran, eine solche Erlaubnis hin und wieder zu erteilen. Das galt insbesondere für die Tage vor der Fastenzeit. Die ließ sich leichter ertragen, wenn man dafür in der Fastnacht über die Stränge schlagen durfte.

 

Kunst und Kultur um 1500


Manche für uns heute selbstverständliche Formen und Instrumente von Kunst und Kultur waren zu Luthers Zeiten völlig unbekannt.
  • Theater

    Theater, wie wir es heute kennen, gab es zu Zeiten Martin Luthers nicht. Seine antike Blütezeit mit Dramen wie „König Ödipus“ und „Antigone“ war im Mittelalter weitgehend in Vergessenheit geraten. Neugeboren wurde es jedoch im christlichen Gottesdienst des Mittelalters, wo das einfache Volk den lateinischen Ausführungen oft nicht folgen konnte. Rituale wie das Krippenspiel ermöglichten diesen Menschen, auf anschauliche Weise biblische Handlungen nachzuvollziehen. Welche Rolle dabei der Teufel spielen durfte, ist umstritten. Während er in Überlingen offenbar selbstverständlich mit von der Partie war, verbat man sich in anderen Regionen sein Auftreten innerhalb geweihter Gemäuer. Die Neugierde des Publikums wurde dann von Laienspielern auf Marktplätzen befriedigt. Manche Theaterwissenschaftler erklären so die Herkunft des Harlekins, jener Bühnenfigur, die in allen Stücken des ausgehenden Mittelalters präsent war und alles sagen oder tun durfte, was im wirklichen Leben streng untersagt war.
  • Theaterautoren

    Zu den bedeutendsten der frühen Theaterautoren zählte der Nürnberger Schuhmacher Hans Sachs (1494-1576), der zugleich auch als Meistersinger tätig war. Meistersinger waren in den meisten Fällen Handwerksmeister, oft aber auch Priester oder Lehrer, die sich an speziellen Schulen – die bekanntesten standen in Nürnberg, Augsburg, Frankfurt und Straßburg – musikalisch ausbilden ließen. Der erlernte Meistergesang zeichnete sich durch starre Strukturen aus, unter anderem galt es, festgelegte Liedschemata zu befolgen. Bekannt wurde diese Kunst durch Richard Wagners 1868 uraufgeführt Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, mit Hans Sachs als Hauptfigur.
  • Musikinstrumente

    Die im beginnenden 16. Jahrhundert gängigen Musikinstrumente verfügten oft über einen nur sehr beschränkten Tonumfang. Das gilt insbesondere für Blechblasinstrumente. Trompeten und Hörner beispielsweise konnten mangels Ventiltechnik nur die Töne der Naturtonreihe erzeugen. Instrumente wie die Oboe oder die Klarinette gab es noch nicht, stattdessen stand eine Schalmei zur Verfügung, die sich allerdings wegen ihres sehr lauten und scharfen Tons nur bedingt für das Ensemblespiel eignete und bald aus der Mode kam. Statt Violinen waren noch Fideln im Einsatz und statt Celli die Gamben. Bekannt war bereits der Vorläufer des heutigen Klaviers: Im Unterschied zu diesem Instrument werden die Saiten des Cembalos nicht angeschlagen, sondern gezupft. (brg)
 

Und wenn die närrischen Tänze und Lieder auch allem widersprachen, was ansonsten gepredigt wurde: Zur Abschreckung dienten sie allemal. Dabei konnte man sich sogar auf die Bibel berufen. „Der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott“, heißt es im Psalm 53. Wer den Höchsten leugnet, ist der größte Narr. Und in Überlingen musste man nicht lange suchen, um dafür ein Beispiel zu finden: den Hänsele, jenen einen von hundert Rebleuten, der lieber trinken ging, als sich Gottes Beistand zu erbitten.

Durchs enge Treppenhaus bittet Zugmantel wieder nach unten auf die Straße Richtung Stadtmitte. „Wir gehen jetzt Richtung Münster St. Nikolaus“, sagt er, während sein Arm nach Südosten zeigt: „Denselben Weg wie unsere Kompanie, wenn sie vor ihrem Auftritt in die Kirche geht.“

Wer noch daran zweifelt, dass die Kirche selbst das Treiben von Figuren wie dem Hänsele abgesegnet hat, der braucht nur in ein aus dem 15. Jahrhundert erhaltenes Ratsprotokoll zu blicken. Bürger, die das Teufelshäs aus der Heiligenpflege von Sankt Nikolaus leihen, heißt es darin, mögen doch bitte auch an seine Rückgabe denken.

Satanische Verkleidungen zählten also ganz selbstverständlich zum kirchlichen Besitz. Es muss zum Alltag gehört haben, bei Prozessionen und geistlichen Schauspielen neben all den Heiligen auch den Leibhaftigen zu spielen. „Man stellte Figuren wie den Teufel oder auch den Sünder Hänsele ja nicht dar, um sie zu ehren“, erklärt Zugmantel. Im Gegenteil: Mahnende Beispiele waren das, eine Abschreckung für jeden, der sich mit dem Gedanken trug, den Gottesdienst zu schwänzen.

Am Tor zum Münster hält der Platzmeister inne. „Alle Mitglieder der Schwerttanzkompanie gehen zur Heiligen Messe“, sagt er: „Nur einer nicht.“ Der Hänsele im schwarzen Häs muss einsam um die Häuser irren, wie der gottlose Rebmann vor mehr als 500 Jahren.

Fridolin Zugmantel (rechts) führt Autor <sup></sup>Johannes Bruggaier (links) ins Zimmer über dem Aufkircher Tor in Überlingen.
Fridolin Zugmantel (rechts) führt Autor Johannes Bruggaier (links) ins Zimmer über dem Aufkircher Tor in Überlingen. | Bild: Sabine Tesche

Drinnen, im Kirchenschiff, senkt Zugmantel die Stimme. „Und jetzt stellen Sie sich das mal vor: Im wichtigsten Moment der Wandlung, gerade wenn die Hosannaglocke läutet, schnellt der Hänsele von außen mit der Karbatsche vor die offene Kirchentür.“ Eine unerhörte Störung, ein Sakrileg. Und doch: „Was für ein erhebender Moment!“ Zugmantel lächelt ganz selig.

Kunst und Kultur, das sind heute Theatervorstellungen mit politischem Anspruch, Popkonzerte zur Zerstreuung, Ausstellungen von philosophischer Relevanz. An Kirche dagegen dürfte kaum jemand denken, der sich Karten kauft fürs Überlinger Sommertheater oder die Südwestdeutsche Philharmonie.

 

Die Orgel kam erst spät zur Kirche


Vom Choral bis zur Sackpfeife: Diese Begriffe prägen das kulturelle Leben zu Luthers Zeiten:
  • Choral

    Die Neuordnung der liturgischen Kirchengesänge soll auf Papst Gregor (540-604) zurückgehen. Auch wenn diese These umstritten ist, sprechen Kirchenmusiker vom Gregorianischen Choral: Er baut auf den acht beziehungsweise zwölf Kirchentonarten auf. Wird jeder Wortsilbe ein Ton zugeordnet, spricht man von einem syllabischen, andernfalls von einem melismatischen Choral. Zu Luthers Zeiten wurde auch der Cantus firmus („feststehende Melodie“) als Choral bezeichnet.
  • Gaukler

    Menschen, die von Stadt zu Stadt ziehen, um Bürger mit Kunststückchen zu unterhalten, waren zu Luthers Zeiten nicht gerne gesehen. Viele Gesetzestexte nahmen sie sogar vom Schutz vor Diebstahl oder körperlicher Unversehrtheit ausdrücklich aus.
  • Karbatsche

    Die aus Lederriemen oder Hanfseilen geflochtene Peitsche war im Bodenseeraum über mehrere Jahrhunderte hinweg bei Viehhirten im Einsatz. Heute ist sie vor allem in der Fastnacht zu sehen.
  • Orgel

    Für den Gottesdienst war das Musikinstrument erst ab dem späten 13. Jahrhundert in Gebrauch. Zunächst ließen sich auf ihm nur Ganztonschritte spielen, später kamen die Halbtöne hinzu.
  • Sackpfeife

    Heute besser bekannt als Dudelsack, zählte sie zu den am meisten verbreiteten Musikinstrumenten des beginnenden 16. Jahrhunderts. Durch Drücken eines Sacks wurde die Luft in mehrere Pfeifen geleitet. Dort angebrachte Einfach- und Doppelrohrblätter erzeugten die Töne.
 

Zu Luthers Zeiten war das anders. Musik hatte dem Menschen Gott nahe zu bringen. Sie sollte deshalb so vielfältig und zugleich geordnet sein wie die Schöpfung selbst. Unsortiert auf Sackpeifen und Trommeln zu musizieren: Das war Narren, Spielleuten und Gauklern vorbehalten. Ihr Lärm auf der Straße sollte das musikalische Gotteslob im Kirchenschiff nur umso edler erscheinen lassen. Musik ganz ohne religiöse Bedeutung: Undenkbar in dieser Zeit!

Ein Brunnen am Straßenrand: In Überlingen finden sich zahlreiche Spuren einer langen Kulturgeschichte.
Ein Brunnen am Straßenrand: In Überlingen finden sich zahlreiche Spuren einer langen Kulturgeschichte. | Bild: Sabine Tesche

Ähnliches gilt für die Kunst. „Schauen Sie sich nur den Hochaltar dort an!“, sagt Zugmantel und zeigt auf ein prachtvolles Werk von filigranster Figurenschnitzerei: „Erschaffen hat ihn der berühmte Bildhauer Jörg Zürn. Wohlhabend ist er dabei aber nicht geworden.“ Zürn lebte Anfang des 17. Jahrhunderts, doch auch schon zu Luthers Zeiten wurden aufwendige Gemälde und Schnitzereien noch von Gott vergolten statt von einem vermögenden Sammler. Künstler hofften damals noch aufs Himmelreich, nicht auf einen lukrativen Kunstmarkt.

Dass sich dieses heute so fremd anmutende Kunstverständnis in Überlingen noch nachvollziehen lässt, verdankt sich seiner langen Tradition: aufrechterhalten und weitergegeben von immer neuen Generationen alt eingesessener Familien. Wie lange deren Geschichte zurückreicht, lässt sich erahnen, wenn man Fridolin Zugmantels Sippe selbst zu ihnen rechnet. „Nein, nein“, sagt er beim Verlassen des Münsters und lacht abwehrend: Die Zugmantels seien ja noch gar nicht so lange in Überlingen zu Hause. „Erst seit dem 14. Jahrhundert!“