Krebs mit Wärme bekämpfen? Das klingt nach einer wirksamen, sanften Therapie. Krebszellen gelten nämlich als besonders hitzeempfindlich. Immer wieder wenden sich daher Patienten mit hohen Erwartungen an Kliniken, die Hyperthermie anbieten.

„Manche hoffen, dass sie dadurch eine Chemotherapie vermeiden können“, sagt Lars Lindner, Onkologe am Klinikum der Universität München. „Andere sind so verzweifelt, dass sie sich an jeden Strohhalm klammern.“ Doch bislang empfehlen Experten die Überwärmung nur bei bestimmten Krebserkrankungen, etwa bösartigen Weichteilsarkomen – kombiniert mit anderen Therapien. In den nächsten Jahren könnte das Verfahren im Kampf gegen Krebs aber eine immer wichtigere Rolle spielen.

ARCHIV - In der Diagnostik der Radiologie der Universitätsmedizin in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) wird am 17.11.2017 mit Hilfe der Magnetresonanztomographie ein Tumor festgestellt. Angesichts explodierender Kosten sollen neue Krebsmedikamente nach dem Willen des führenden Gremiums im Gesundheitswesen künftig schärfer überprüft werden. (zu dpa «Kostenschub bei Krebsmedikamenten - Schärfere Kontrollen gefordert» vom 18.12.2017) Foto: Bernd Wüstneck/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Feststellung eines Tumors mit Hilfe der Magnetresonanztomographie. | Bild: Bernd Wüstneck (dpa)

Hyperthermie kein Standardverfahren

Derzeit laufen zu dem Thema mehrere klinische Studien, ein paar sind bereits abgeschlossen. Insgesamt weiß man jedoch noch relativ wenig darüber, bei welchen Krebsarten und in welcher Kombination Hyperthermie erfolgversprechend ist, wie Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums erklärt. „Bis auf wenige Ausnahmen ist Hyperthermie kein Standardverfahren“, betont sie.

Wichtig sei, dass die Behandlung im Rahmen einer Studie oder unter ähnlich kontrollierten Bedingungen erfolge. An der Uniklinik Erlangen etwa werden Patienten fast nur innerhalb von Studien behandelt. Sonst kann eine Behandlung fragwürdig und teuer sein: „Es gibt auch Anbieter, die Hyperthermie als Selbstzahler-Leistung durchführen, ohne dass ein wissenschaftlicher Nachweis der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit vorliegt“, warnt Weg-Remers.

Mehrere Effekte

Kompliziert wird die Sache auch dadurch, dass es ganz unterschiedliche Hyperthermie-Verfahren gibt. Am etabliertesten sind die lokale sowie die regionale Hyperthermie: Das Gewebe des Tumors wird dabei mit verschiedenen Methoden auf 40 bis 43 Grad Celsius erhitzt.

Das hat mehrere Effekte, unter anderem kann eine Chemotherapie dadurch besser wirken: „Die lokale Erwärmung führt zu einer besseren Durchblutung, sodass die Medikamente besser aufgenommen werden. Außerdem gibt es bestimmte Chemotherapeutika, die bei höheren Temperaturen aggressiver wirken“, erklärt Lindner. Daneben intensiviert die Überwärmung aber auch eine Strahlentherapie: Die Hitzeeinwirkung führt dazu, dass die DNA-Schäden an den Tumorzellen schlechter repariert werden können.

ARCHIV - ILLUSTRATION Ein kleiner Junge, der an Leukämie erkrankt ist, erhält am 16.12.2015 in einem Kinderkrankenhaus in München (Bayern) im Rahmen einer Chemotherapie eine Infusion. (Zu dpa "Erste Gentherapie gegen Krebs in den USA zugelassen" vom 31.08.2017) Foto: Matthias Balk/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Ein kleiner Junge, der an Leukämie erkrankt ist, erhält im Rahmen einer Chemotherapie eine Infusion. Durch ein Hyperthermie-Verfahren kann die Wirkung dieser Behandlungsmethode verbessert werden. | Bild: Matthias Balk (dpa)


Zudem stimuliert Wärme die körpereigenen Abwehrkräfte. Als Reaktion auf das „künstliche Fieber“ bilden Tumorzellen Hitzeschockproteine. Das ruft Killerzellen des Immunsystem auf den Plan, die die Krebszellen zerstören. „Man kann davon ausgehen, dass durch die Überhitzung verschiedene immunologische Effekte ausgelöst werden“, sagt Rainer Fietkau, Direktor der Strahlenklinik des Universitätsklinikums Erlangen. „Zu hundert Prozent weiß man aber nicht, was sich wirklich abspielt.“

Eindeutiger Behandlungsvorteil

Bislang gibt es mehrere Studien, die die Wirksamkeit einer ergänzenden regionalen Hyperthermie bei bestimmten Krebsarten belegen. Zum Beispiel zeigte eine Studie der Uni München, dass Patienten mit einem bösartigen, fortgeschrittenen Weichteilsarkom von einer Therapiekombination profitieren, die neben Operation, Chemo- und Strahlentherapie auch Hyperthermie einschließt. Gegenüber den Patienten, die nur eine Chemotherapie bekommen hatten, hatten sie einen „eindeutigen Behandlungsvorteil“: Die Überlebenschancen waren besser.

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Daneben setzen Onkologen das Verfahren auch bei anderen Krebserkrankungen ein, zum Beispiel in Fällen von fortgeschrittenem Blasen-, Anal-, Brust-, Gebärmutterhals- und Prostatakrebs sowie bei schwarzem Hautkrebs. Außerdem läuft derzeit eine Studie zu Bauchspeicheldrüsenkrebs: Dabei erhalten Patienten zusätzlich zu einer Chemotherapie eine regionale Tiefenhyperthermie.

Keine Nebenwirkungen aber hohe Belastung

Größere Risiken und Nebenwirkungen hat dieses Verfahren nicht. Der Patient wird in einen mit Wasserkissen gepolsterten Ringapplikator gelegt, der elektromagnetische Strahlung abgibt und dadurch Wärme erzeugt. Die eigentliche Behandlung dauert eine Stunde. Während dieser Zeit muss die Temperatur genau kontrolliert werden, um zu starke Hitze zu vermeiden.

„Erwarten Sie keine Wellness-Therapie!“, sagt Fietkau. „Für die Patienten ist das eine anstrengende Zeit, manche haben auch Schmerzen. Stellen Sie sich vor, dass auf Ihrem Bauch ein drei Kilo schweres Wasserkissen liegt.“ Auch für den Kreislauf bedeutet die Überwärmung eine Belastung. Daher bleiben die Patienten in Erlangen noch eine Nacht zur Beobachtung in der Klinik. Die Behandlung wird sechs bis 16-mal wiederholt.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Krankenkassenkarten von gesetzlichen Krankenkassen liegen am 05.09.2011 in Berlin auf einem Tisch. (zu dpa:"Krankenkassen fahren Milliardenplus ein" vom 23.02.2017) Foto: Maurizio Gambarini/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Hyperthermie-Behandlung nicht generell. | Bild: Maurizio Gambarini (dpa)

Vorsicht bei Selbstzahler-Leistungen

Die Kosten für eine Hyperthermie werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht generell übernommen. Daher sollten Patienten vor einer Behandlung klären, ob die Versicherung dafür aufkommt. Überhaupt rät Susanne Weg-Remers, genau zu prüfen, ob die Therapie sinnvoll und der Anbieter seriös ist.

„Bei Selbstzahler-Leistungen ist große Vorsicht geboten“, sagt sie. Auch der Strahlenexperte Fietkau warnt: „Es gibt Institutionen, die Hyperthermie irgendwie anwenden, ohne Qualitätskriterien zu beachten.“ Zum Beispiel werde dort die Temperatur nicht gründlich kontrolliert, sodass mitunter auch gesundes Gewebe geschädigt wird. „Solche Anbieter haben das Verfahren in Verruf gebracht“, kritisiert er.

Theoretisch ist es gut denkbar, dass Hyperthermie bei vielen Krebserkrankungen helfen könnte. Wahrscheinlich werden sich in den kommenden Jahren weitere Anwendungen etablieren. Lindner ist überzeugt davon, dass die Therapie Zukunft hat: Das Verfahren ließe sich gut in die Immuntherapie integrieren, die das körpereigene Abwehrsystem nutzt, um Tumorzellen zu bekämpfen. Innerhalb dieses verheißungsvollen Ansatzes könnte die Hyperthermie einen „neuen Stellenwert“ bekommen, meint der Onkologe.


Hyperthermie – die Verfahren

  • Lokale oder Oberflächen-Hyperthermie: Tumore, die dicht unter der Haut liegen, werden mit Mikrowellen bestrahlt und dadurch erwärmt. Dazu wird ein mit Wasser gefüllter Silikon-Applikator auf die Hautstelle gelegt, unter der der Krebs liegt. In dem Applikator befinden sich Antennen, die die Strahlen aussenden. Angewandt wird das Verfahren zum Beispiel bei wiederkehrendem Brustkrebs oder schwarzem Hautkrebs.
  • Regionale Tiefenhyperthermie: Damit werden auch tiefer liegende Tumore erreicht. Das Verfahren kann daher z.B. bei Blasen- oder Gebärmutterhalskrebs eingesetzt werden. Der Patient liegt in einem Ringapplikator, der mit Wasserkissen gepolstert ist. Darin befinden sich Antennen, die hochfrequente, elektromagnetische Wellen abstrahlen. Die Antennen werden per Computer auf den Krebsherd gelenkt, der dadurch kontrolliert erhitzt wird.
  • Interstitielle Hyperthermie: Per Operation werden Antennen direkt an den Tumor angebracht. Sie strahlen Mikrowellen ab und erhitzen so das kranke Gewebe. Damit lässt sich zum Beispiel wiederkehrender Prostatakrebs behandeln.
  • Ganzkörperhyperthermie: Hier wird der ganze Körper, meist per Infrarot-Strahlung, erwärmt, mitunter auf bis zu 42 Grad. Angeboten wird das Verfahren Krebspatienten, die an Metastasen leiden. Allerdings sind Temperaturen ab 40 Grad sehr belastend für den Organismus: „Zu Nutzen und Nebenwirkungen der Ganzkörperhyperthermie sind noch deutlich mehr Fragen offen als zu lokalen oder regionalen Verfahren. Deshalb sollt sie nur unter Studienbedingungen eingesetzt werden“, heißt es beim Krebsinformationsdienst. (ast)