Schlagartig verspürte Dirk H. ein Unwohlsein. Er saß an seinem Schreibtisch im Büro und wusste nicht, was los war. Der 40-Jährige hatte keine Schmerzen, er spürte nur ein Kribbeln im linken Arm, der sich zudem nicht so recht bewegen ließ. Seine Kollegin bemerkte, dass sein Gesicht schief war, Wange und Mund hingen auf einer Seite herab. Beim Schlaganfall ihrer Mutter hatte sie die gleichen Symptome gesehen und wusste, was zu tun ist. Der Krankenwagen brachte Dirk H. auf die Schlaganfall-Spezialstation eines Krankenhauses.

Die verbreitete Meinung, ein Schlaganfall trete nur bei älteren Personen auf, stimmt nicht. „Ein erheblicher Anteil der Schlaganfälle betrifft Menschen unter 50 beziehungsweise 55 Jahren“, erklärt Wolf-Rüdiger Schäbitz, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld-Bethel und Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. „Man spricht hier von juvenilen Schlaganfällen.“

Meldungen aus den USA weisen darauf hin, dass die Zahl der jungen Schlaganfall-Patienten seit 20 Jahren steigt. In Deutschland sind jährlich 30 000 Menschen betroffen. Sie stehen im Berufsleben, planen ihre Karriere oder gründen eine Familie. Die Auswirkungen sind daher gravierend, denn häufig leiden die Betroffenen anschließend an chronischen Problemen wie Lähmungen und Sprachstörungen. Ungefähr 33 Prozent der Patienten bleiben nach einem Schlaganfall dauerhaft arbeitsunfähig. 27 Prozent der Betroffenen wechseln die Arbeit und nur 40 Prozent können an ihren Arbeitsplatz zurückkehren – oft nach langer Rehabilitationszeit.

Ein Schlaganfall – egal ob bei Jung oder Alt – wird durch eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn hervorgerufen. Meist verstopft ein Blutgerinnsel eine Arterie im Gehirn oder am Hals, oder ein Blutgefäß wird aufgrund von Ablagerungen oder Wandbeschädigungen so verengt, dass kein Blut mehr hindurchströmen kann.

Durch die Blockade des Blutflusses wird die dahinterliegende Hirnregion nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und anderen Nährstoffen versorgt: Sie nimmt Schaden oder stirbt sogar ab. „Dies äußert sich mit neurologischen Symptomen, die ganz plötzlich auftreten“, erläutert Schäbitz, „so zum Beispiel mit halbseitigen Lähmungen der Gesichtsmuskulatur oder einem eingeschränkten Gesichtsfeld.“ Wird der Schlaganfall gleich erkannt und der Patient schnell in ein Krankenhaus eingeliefert, können die Ärzte den Blutdurchfluss wieder herstellen und Schlimmeres verhindern.

 

Symptome eines Schlaganfalls


Bei einem Schlaganfall muss sofort die Telefonnummer 112 gewählt werden, damit der Patient schnell in ein Krankenhaus mit einer Stroke Unit kommt. Familienangehörige oder Arbeitskollegen sollten auch bei jüngeren Betroffenen an einen möglichen Hirninfarkt denken. Die häufigsten Symptome:
  • Gesichtsmuskulatur
    Eine Hälfte des Gesichts ist einseitig gelähmt. Wange, Mundwinkel oder das Augenlid hängen herab.
  • Eingeschränktes Gesichtsfeld
    Der Betroffene übersieht etwa Gegenstände auf der rechten oder linken Seite; er stolpert über einen Stuhl oder ein anderes Möbelstück. Auch das räumliche Sehen kann beeinträchtigt sein.
  • Sprachstörungen
    Stockendes oder verwaschenes Sprechen. Silben oder Buchstaben werden verdreht. Die Sprache kann bei Betroffenen auch völlig verloren gehen.
  • Weitere Körpergegenden
    Taubheitsgefühle oder Kribbeln in einem Arm oder Bein. Auf einen Schlaganfall deuten auch Lähmungserscheinungen hin, die sich über eine gesamte Körperseite erstrecken können. Informationen zu den wichtigsten Schlaganfall-Risikofaktoren, die Sie selbst beeinflussen können, finden Sie auf www.schlaganfall-hilfe.de (abf)

 

 

Die Ursachen bei einem juvenilen Schlaganfall sind die gleichen wie bei dem älterer Patienten, aber sie sind anders gewichtet. Im Gegensatz zum klassischen Schlaganfall haben die Gefäßdissektionen (Riss in einer Gefäßwand) einen großen Anteil. Dabei reißt die innere Gefäßwand auf, was zu Einblutungen zwischen den Wandschichten führt. Der Auslöser dafür kann schon eine Hustenattacke oder eine abrupte Kopfbewegung sein. Das Gefäßinnere wird im schlimmsten Fall bis zum totalen Verschluss eingeengt.

 

Bei älteren Betroffenen sind derartige Gefäßverletzungen relativ selten. Ebenfalls bei jungen Schlaganfallpatienten häufig zu beobachten sind Gerinnsel, die aus Strukturveränderungen des Herzens herrühren. Dies kann ein Herzklappenfehler oder eine angeborene Öffnung zwischen dem rechten und linken Vorhof des Herzens sein. Normalerweise schließt sich dieser Durchgang in den ersten Lebenswochen, aber bei rund einem Viertel aller Menschen bleibt er bestehen – oft ohne dass sie davon wissen. Unter Druck, beim Niesen etwa, kann er sich öffnen, wodurch Gerinnsel in die falsche Herzkammer geraten können und von dort direkt ins Gehirn geschwemmt werden.

„Bei einem nicht unerheblichen Anteil der juvenilen Schlaganfälle wird jedoch trotz sorgfältigster Abklärung keine Ursache gefunden“, bedauert Wolf-Rüdiger Schäbitz. „Die Ursachensuche ist besonders wichtig, denn dann kann man mit speziellen blutverdünnenden Medikamenten, die je nach dem Auslöser variieren, das Risiko für einen erneuten Schlaganfall minimieren.“

Das vermehrte Auftreten von juvenilen Schlaganfällen führen Experten auf den Anstieg von typischen Risikofaktoren für die Gefäße zurück. Dazu zählen ein hoher Blutdruck, Diabetes, Rauchen und Übergewicht. „Durch eine ungesunde Lebensweise werden die Blutgefäße zusehends starrer. Ein plötzlich auftretender hoher Blutdruck wird dann nicht mehr abgefedert, wie das bei elastischen Gefäßen der Fall ist“, erklärt Neurologe Schäbitz.

Nach einem Hirninfarkt zählt jede Minute, ganz gleich, ob der Betroffene jung oder alt ist. Im Krankenhaus wird zunächst eine CT (Computertomografie) oder MRT (Magnetresonanztomografie) gemacht, um eine Gehirnblutung auszuschließen. Dann können die Ärzte sich darum kümmern, den Gefäßverschluss zu beseitigen, damit das Blut wieder fließt und alle Bereiche des Gehirns versorgt. Innerhalb der ersten 4,5 Stunden nach dem Schlaganfall kann das Gerinnsel in vielen Fällen durch eine Infusion mit einem speziellen Medikament noch aufgelöst werden.

Bei einem Schlaganfall ist es wichtig, dass Betroffene sofort ins Krankenhaus kommen.
Bei einem Schlaganfall ist es wichtig, dass Betroffene sofort ins Krankenhaus kommen. | Bild: M.Dörr & M.Frommherz-stock.adobe.com

Etwas mehr Zeit verbleibt für die mechanische Entfernung des Pfropfens, die Thrombektomie. Dabei wird die Hirnarterie mit einem Mikrokatheter wieder durchgängig gemacht. Nach einem überstandenen Schlaganfall müssen zwei Drittel der Betroffenen mit Beeinträchtigungen rechnen. „Gerade in der jungen Altersgruppe finden dadurch häufig gravierende Veränderungen des Lebenslaufes statt – anders als im fortgeschrittenen Alter“, meint Wolf-Rüdiger Schäbitz.

Dennoch sind die Reha-Behandlungen bei jüngeren Patienten oft aussichtsreicher. „Das Gehirn ist noch plastischer. Ein Teil der ausgefallenen Funktionen kann durch andere Gehirn­areale übernommen werden. Im Alter wird dies immer schwieriger.“ Auch Dirk H. hat sich zurückgekämpft. Seinen linken Arm kann er noch nicht so wie früher bewegen. Aber er sitzt an seinem Schreibtisch und kann arbeiten.