Herr Tomppert, morgen eröffnen Sie in Konstanz den Tag der Zahngesundheit. Wie steht es um die Zähne der Menschen in Baden-Württemberg?

Sehr gut. Die Ergebnisse der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie aus dem Jahr 2016 zeigen, dass sich die Mundgesundheit deutschlandweit und damit auch in Baden-Württemberg in allen Altersgruppen durch stetige Vorsorgemaßnahmen verbessert hat.

Zieht sich das durch alle Altersklassen?

Das betrifft vom Kind bis zum Senior alle Altersklassen sowie Frauen und Männer gleichermaßen. Nur bei Menschen mit Behinderungen sieht die Lage nicht so rosig aus.

Wie schlägt sich die verbesserte Zahngesundheit in Zahlen nieder?

Acht von zehn der zwölfjährigen Kinder sind heute kariesfrei. Die Zahl kariesfreier Gebisse hat sich von 1997 bis 2014 verdoppelt. Kinder bei uns im Land haben im Vergleich zu anderen Bundesländern die geringste Kariesrate. Einfach gesagt: Drei Zwölfjährige teilen sich einen kaputten Zahn. 1997 waren es noch rund 4,9 kaputte Zähne.

Man könnte also sagen, wir Baden-Württemberger sind längst keine Zahnarztmuffel mehr . . .

Das stimmt. Laut aktuellem Versorgungsbericht der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg gab es im vergangenen Jahr hochgerechnet 3,2 Zahnarztbesuche pro Einwohner. Wenn man davon ausgeht, dass die Empfehlung vieler Krankenkassen bei ein bis zwei Besuchen im Jahr liegt, ist der Wert überdurchschnittlich gut.

Wie kam es zu dieser positiven Entwicklung?

Die vielfältigen und stetig verbesserten Informations- und Aufklärungsmaßnahmen zum Thema Mundgesundheit seitens der Politik und seitens der Zahnärzteschaft haben zu besseren Mundhygienegewohnheiten geführt. Die Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2016 zeigen, dass sich immer mehr Menschen täglich mindestens zweimal die Zähne putzen, häufiger zum Zahnarzt gehen und häufiger eine professionelle Zahnreinigung durchführen lassen.

Daran hat vermutlich der Wohlstand im Südwesten einen nicht geringen Anteil. Aber was tun Sie zusätzlich, um die Menschen dazu zu bewegen, auf ihre Zähne zu achten?

In Baden-Württemberg haben wir unter dem Dach der Landesarbeitsgemeinschaft Zahngesundheit 37 regionale Arbeitsgemeinschaften, die einen großen Anteil an dieser Entwicklung haben. Dieses langjährige Gemeinschaftsprojekt ist deshalb so erfolgreich, weil viele Akteure mitwirken und der Schlüssel zum Erfolg in der flächendeckend durchgeführten Gruppenprophylaxe in den Kindergärten, Grund- und Hauptschulen sowie weiterführenden Schulen im ganzen Land liegt.

Das klingt, als seien Sie auf einem sehr guten Weg. Aber Sie werden sich nicht auf den Erfolgen ausruhen wollen . . .

Trotz der allgemeinen Verbesserung der Mundgesundheit bei Kindern und Jugendlichen gibt es eine bittere Pille zu schlucken: Die Milchzahnkaries bei Kleinkindern im Alter von null bis drei Jahren nimmt nämlich zu. Zehn bis 15 Prozent der Kinder weisen eine frühkindliche Karies auf. In sozialen Brennpunkten sind es sogar bis zu 40 Prozent, oft verursacht durch süße zuckerhaltige Säfte aus der Nuckelflasche. Da müssen wir in erster Linie die Eltern besser aufklären.

Wie kann das geschehen?

Eine wichtige Prophylaxe-Maßnahme ist der Zahnärztliche Kinderpass, der mehrere Vorsorgeuntersuchungen der werdenden Mutter und des Kleinkindes und im Anschluss weitere halbjährliche Untersuchungen empfiehlt. Der Pass enthält zudem wertvolle Informationen über Kariesvermeidung und Verhaltensregeln zur kindlichen Zahnpflege und zum richtigen Umgang mit dem Schnuller.

Die Prophylaxe kann also verbessert werden. Was können Erwachsene dafür tun? Vielen ist etwa die Zahnseide ein Graus. Braucht es die wirklich?

Für den Erhalt der individuellen Mundgesundheit ist jeder selbst verantwortlich. Zahnseide ist zwar umständlich, doch sie ist effizient und hilft, die Zahnzwischenräume zu säubern, vor allem dort, wo die Zahnbürste nicht hinkommt. Als Alternative gibt es kleine Zwischenraumzahnbürsten.

In den Medien kursiert derzeit ein neues Schreckensbild: Kreidezähne. Was ist da dran?

Bei sogenannten Kreidezähnen ist der Zahnschmelz schlecht mineralisiert. Der Zahnarzt spricht von der Molaren-Inzisiven Hypomineralisation, kurz MIH. Dadurch sind die bleibenden Front- und großen Backenzähne, aber auch Milchzähne besonders kariesanfällig und empfindlich. Je nach Ausmaß der Krankheit, von der aktuell jedes zehnte Kind betroffen ist, weisen die Zähne gelb-braune Verfärbungen auf und die Oberfläche wird weich-bröselig.

Woher kommt das?

Die Ursachen für diese Krankheit sind heute noch weitgehend ungeklärt. Als Ursachen vermutet man Umwelteinflüsse wie Weichmacher in Kunststoffen, Infektionskrankheiten, die Einnahme von Antibiotika oder Dioxine, die vor allem in Milch und Milchprodukten vorkommen.

Ist diese Hypomineralisation heilbar?

Auch mit einer sorgfältigen Mundpflege lässt sich das bisher nicht heilen, die regelmäßige Kontrolle durch den Zahnarzt ist trotzdem wichtig und sinnvoll. Kinder sollten möglichst schon im Alter von zweieinhalb Jahren zum Zahnarzt. Zu empfehlen ist zusätzlich zum Zähneputzen eine besonders intensive Prophylaxe, das heißt, die Zähne sollten durch den Zahnarzt alle drei Monate fluoridiert werden. Als zusätzliche Therapiemaßnahmen sind etwa eine Fissurenversiegelung, Füllungen oder die Überkronung von MIH befallenen Zähnen möglich. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen das.

Die Gesellschaft wird immer älter – wie muss sich die Zahnmedizin auf Pflegebedürftige einstellen?

Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes waren in Baden-Württemberg 2015 rund 328 000 Menschen pflegebedürftig, davon 92 000 vollstationär in Pflegeheimen. Die Landeszahnärztekammer hat ein flächendeckendes Betreuungskonzept eingerichtet, um die Mundgesundheit und damit die Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen zu verbessern.

Wie sieht dieses Konzept aus?

Es gibt eine enge Zusammenarbeit der Zahnärzteschaft mit den privaten Altenpflegeschulen des Landes. Aspekte der Zahn-, Mund- und Zahnersatzpflege werden im Rahmen der Altenpflege-Aus- und Fortbildung mittels Lehr- und Lernmitteln für die verschiedenen Schulungsformate zur Weiterbildung des Pflegepersonals von der Zahnärzteschaft zur Verfügung gestellt. Diese Aufgabe übernehmen derzeit 41 Senioren- und Behindertenbeauftragte im Land, die in den zahnärztlichen Kreisvereinigungen als Ansprechpartner und Vermittler bereitstehen.

Fragen: Christian Ignatzi

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