Frau Kohout, gegen wen richtet sich Hass und Hetze im Internet?

Zunächst muss man sagen, dass sich Menschen im Internet eigentlich über fast jedes Thema aufregen können. Das können also auch vollkommen unpolitische Dinge sein, wie beispielsweise die Ankündigung einer Fernsehsendung. Besonders heftig im Internet diskutiert wird aber tatsächlich wenn es zum Beispiel um Flüchtlinge oder Gender-Fragen geht. Dann kochen die Emotionen in den Kommentaren oder auf Facebook schnell über.

Weshalb ist das so?

In der Flüchtlingsdebatte spielen auf jeden Fall subjektive Ängste eine Rolle, das Gefühl, persönlich betroffen zu sein und negative Konsequenzen daraus erleiden zu müssen. Diese Ängste können sich durchaus in Aggressionen äußern. Oft fallen Hass-Kommentare im Internet nach einem Bruch in der Schweigespirale, wie es Experten nennen. Dahinter steht die These, dass sich Menschen, die sich mit ihrer Meinung innerhalb der Gesellschaft in der Minderheit fühlen – zum Beispiel in Bezug auf Geschlechterrollen – nicht mehr trauen, diese zu äußern. Bricht einer dann dieses Schweigen, stimmen andere mit ein und können endlich ihre Meinung äußern, weil sie nicht mehr das Gefühl haben in der Minderheit zu sein.

Laut einer Studie soll Hasskriminalität im Internet zugenommen haben. Der Anstieg wird sogar auf 176 Prozent beziffert. Ist die Lage so schlimm?

176 Prozent klingt tatsächlich schockierend und subjektiv empfinde ich das auch so, aber man muss diese Prozentzahl dennoch etwas genauer betrachten. Denn die Steigerung von 176 Prozent beruht auf Zahlen, die vom Bundeskriminalamt veröffentlicht wurden. Das BKA spricht in dem Bericht von 3084 Hassstraftaten, die im Jahr 2015 gemeldet wurden. Im Vergleich zu 1119 im Jahr 2014. Absolut gesehen sind das also keine hohen Zahlen. Die Steigerung spiegelt aber einen Trend und zeigt, dass mehr Fälle gemeldet wurden – man kann daraus aber nicht eindeutig schließen, dass tatsächlich mehr gehetzt wurde.

Wenn es um Hasskommentare geht, wird oft vor allem über Äußerungen aus dem rechten Lager gesprochen. Ist das gerechtfertigt?

Es ist richtig, dass viele extreme Aussagen aus dieser Richtung kommen. Was in vielen Medien jedoch oft nicht thematisiert wird, ist, dass die Antworten oder Reaktionen aus dem anderen Lager, also zum Beispiel von Menschen, die die Flüchtlingspolitik Merkels unterstützen, häufig nicht weniger emotional und beleidigend sind. Zu behaupten, Hasskommentare im Netz seien ein ausschließlich rechtes Phänomen, ist also nicht korrekt – auch, wenn sie eine größere Bedrohung darstellen, weil sie Menschen durch Angstmache und Hetzerei beeinflussen. Bereits in einer Studie zur Bundestagswahl 2013 wurde die These aufgestellt, Online-Kommentare hätten Einfluss auf die Darstellung der öffentlichen Meinung und damit auch auf Wahlentscheidungen.

Zusammenhänge kann ich mir gerade in der aktuellen Lage gut vorstellen.

Justizminister Heiko Maas hat Youtube und Twitter eine Frist gesetzt. Sie sollen verstärkt gegen Hasskommentare vorgehen, zum Beispiel indem sie gelöscht werden. Ist das sinnvoll?

Das ist eine zweischneidige Sache. Ich habe während meinen Recherchen festgestellt, dass sich die Stimmung manchmal noch mehr verschärft, wenn Kommentare gelöscht werden. Denn Nutzer fühlen sich dann, als würde ihnen der Mund verboten. Ich denke also nicht, dass der von Maas gemachte Vorschlag unbedingt hilfreich ist. Es gibt hier aber im Moment keine einfachen Lösungen.

Werden Hasskommentare denn tatsächlich überwiegend auf Facebook geäußert?

Tatsächlich finden nur ein Bruchteil der Diskussionen – und damit sicherlich auch der Hasskommentare – auf großen Plattformen wie Facebook statt. Denn im Internet gibt es über die bekannten sozialen Netzwerkseiten hinaus viele weitere Foren für Gleichgesinnte. Dort treffen sich Menschen mit gleichen Ansichten und bestärken sich gegenseitig. Zum Thema rechter Hetze bezeichnete ein Autor im Deutschlandradio Kultur den Zustand einmal als „Gefangen in der braunen Filterblase“. Die Folge: Jeder hält den anderen am Ende für schlecht informiert oder schlicht für dumm und die Debatten heizen sich immer weiter auf. Experten sprechen hier von sogenannten Echokammern.

Wieso sind Debatten im Netz oft gnadenlos und brutal?

Ein Grund ist sicherlich, dass man sich im Internet verstecken kann, also mehr oder weniger anonym ist. Außerdem fehlt vielen Menschen offenbar, ohne ein direktes Gegenüber, das Gefühl für ihre Äußerungen. Die eigenen Kommentare verhallen, ohne, dass man unmittelbar eine Antwort bekommt. Hinzu kommt, dass man verschriftlichte Bemerkungen immer auch falsch verstehen kann. Denn anders als in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht fehlen einfach viele Informationen.

Schaukeln sich die Emotionen bei Diskussionen im Netz auf?

Das ist eine gute Frage. Von dieser These bin ich zu Beginn meiner Forschung auch ausgegangen. Ich dachte, dass sich die Emotionen nach und nach überkochen, dass ein Wort das andere gibt. Dies ist jedoch nicht unbedingt der Fall.

Nicht?

Nein, offenbar nicht. Zumindest kann ich das nicht beobachten. Die Kommunikationswissenschaftlerin Nina Springer hat Hass-Kommentare im Internet mal mit Kritzeleien in Toiletten verglichen. Nach dem Motto: Einer kommt, schreibt etwas hin und geht dann wieder. Die Kommentare beziehen sich dann zwar aufeinander – aber nicht unmittelbar. Es findet oft gar kein Gespräch statt.

Wie sollte man auf Hass im Netz regieren?

Mit dieser Frage beschäftigen sich aktuell viele Experten. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass im Internet insbesondere solche Strategien sinnvoll sind, die auch Offline gut funktionieren. So kann man eine Debatte beruhigen, indem man sachlich nachfragt, ob jemand manche Dinge wirklich so meint, wie er sie formuliert hat. Das kann manchmal helfen.

Youtube startete vor einigen Wochen eine Kampagne gegen Hass im Netz. Was halten Sie davon?

Ich halte solche Initiativen für sinnvoll. Youtube hat eine sehr junge Zielgruppe zwischen 16 und 20 Jahren. Durch die Kampagne können also schon Jugendliche für das Thema sensibilisiert werden und Kompetenzen im Umgang mit Aktivitäten im Netz entwickeln.

Fragen: Susanne Ebner

Zur Person

Susann Kohout, ist Doktorandin an der TU Braunschweig in der Abteilung Kommunikations- und Medienwissenschaften. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Emotionen und Emotionalisierungsprozesse in Online-Kommentaren. Zuvor hat sie sich mit den Auswirkungen des Smartphones auf das Wohlbefinden beschäftigt. (sue)

 

Was man gegen den Hass tun kann

  • Ruhig bleiben: Laut der österreichischen Netzexpertin Ingrid Brodnig ist das Allerwichtigste, nicht mit Hass auf Hass zu reagieren. „Denn wenn sich Fronten bilden, hilft das nur denjenigen, die versuchen ein radikales Klima zu schaffen.“ Besser sei es, sich zu fragen: „Was besorgt dich denn“ Oder: „Was meinst du denn konkret?“ Viele Menschen kann man durch Nachfragen zu einer Diskussion bewegen.
  • Tranzparenz: Wenn man merke, dass ein User nicht auf Argumente eingeht, könne man versuchen, dies innerhalb der Diskussion transparent zu machen, erklärt Brodnig weiter. Es sei vollkommen in Ordnung, es sachlich anzumerken, wenn jemand Argumenten ausweicht oder ungehalten zu Andersdenkenden sei. Der Vorteil: So würden Mitlesende auf diesen Diskussionsstil aufmerksam gemacht.
  • Humor: Effektiv ist es laut Brodnig auch, in einer erhitzten Stimmung mit Humor zu reagieren. Denn diese Reaktion kann dem Hass etwas entgegensetzen. Wenn jemand lacht, vergisst er für einen Moment seine Wut.
  • Melden: Wurde man selbst oder jemand den man kennt, Opfer eines Hass-Postings, kann man dies bei der Polizei zur Anzeige bringen. Die Website „Netz gegen Nazis“ empfiehlt hierzu die Polizeistelle vor Ort. Die Experten raten Opfern dazu, sich anonym zu melden – aus Selbstschutz, falls es zu einer Verhandlung kommen sollte.
  • Informieren: Wenn man nicht weiß, wie man auf Hass-Botschaften reagieren soll, empfiehlt sich der Kontakt zu entsprechenden Beratungsstellen. Beispiele sind „Netz gegen Nazis“, „No-Nazi.net“ bei Facebook oder auch „Jugendschutz.net“. Hilfreich sind auch die Seiten der Amadeu Antonio Stiftung, die gegen Antisemitismus und Rassismus arbeitet und über aktuelle Projekte informiert. (sue)

Was ist Hasskriminalität?

Hasskriminalität umfasst alle Straftaten, die durch gruppenbezogene Vorurteile motiviert sind. Sie richten sich also gegen eine Person oder Institution aufgrund ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Hautfarbe, Weltanschauung oder ihres gesellschaftlichen Status. (sk)