Die Sonne sticht unbarmherzig aus dem wolkenlosen Himmel. Ideal für einen Solarpark wie den Mooshof bei Wahlwies in der Nähe von Stockach, von dessen Fotovoltaik-Flächen fünfeinhalb Megawatt Ökostrom geerntet werden. Das freut den Betreiber wie das Singener Bürgerunternehmen Solarcomplex und die Stadtwerke Stockach, Konstanz und Engen. Aber es gibt viele andere, deutlich kleinere Nutznießer, die von diesem Solarpark profitieren.

Wildpflanzenwiese und Solarstromerzeugung. Bild:Gerald Jarausch
Wildpflanzenwiese und Solarstromerzeugung. Bild:Gerald Jarausch | Bild: Jarausch, Gerald

Mehr Vögel, mehr Schmetterlinge

Und das ganz elementar. Denn wäre der Mooshof ein Solarpark wie jeder andere, gäbe es diese Bewohner hier nicht. Zu ihnen gehören der Feldsperling, der gerade einen Steinwurf entfernt eine Strompaneele als Ansitz nutzt, der Turmfalke, der 20 Meter höher kreisend nach Beute Ausschau hält, das Große Ochsenauge, ein Schmetterling, der einen Schritt entfernt vom Wiesensalbei aufflattert, oder der Grasfrosch, der in einem morastigen Tümpel seinen Laich ablegt.

Auch im Solarpark zu finden: Ein Grasfrosch umklammert ein Weibchen. Bild: dpa
Auch im Solarpark zu finden: Ein Grasfrosch umklammert ein Weibchen. Bild: dpa | Bild: Karl-Josef Hildenbrand

Der Autor dieser Zeilen würde weder Flora noch Fauna mit Namen kennen, gäbe Eberhard Koch heute nicht den Bio-
lehrer ab. Dem BUND-Experten sind Hopfenklee, Witwenblume und Wegwarte vertraute Gewächse. So ist er auch der richtige Mann, um ein Auge auf die verblüffende Artenvielfalt am Mooshof zu haben und das Monitoring zu übernehmen.

Neue Hecken gepflanzt

„Der Solarpark ist eine Chance für mehr Biodiversität“, sagt Koch und deutet auf den Schutzzaun, der das Gelände umgibt. „Da wurden Hecken locker nebeneinander gepflanzt, und das ist für Vögel wie etwa den Neuntöter interessant.“ Dieser Vogel spießt seine Beute – etwa Würmer – gerne an dornigen Ästen auf.

Eberhard Koch (BUND, links), Jörg Dürr-Pucher (Präsident Bodensee-Stiftung) und Bene Müller (Solarcomplex) freuen sich über die Wiesenpflanzen auf der Anlage des Solarfeldes. Bild: Gerald Jarausch
Eberhard Koch (BUND, links), Jörg Dürr-Pucher (Präsident Bodensee-Stiftung) und Bene Müller (Solarcomplex) freuen sich über die Wiesenpflanzen auf der Anlage des Solarfeldes. Bild: Gerald Jarausch | Bild: Jarausch, Gerald

Wie können sich Öko-Strom und Ökologie verbinden? Das war die Leitfrage, die sich Solarcomplex bei der Inbetriebnahme 2011 gestellt hat. Das Unternehmen suchte die Kooperation mit dem BUND und der Bodensee-Stiftung. Heute ist der Solarpark Mooshof eine Anlage, die der Natur möglichst viel Spielraum lässt und zwischen den Sonnenkollektoren mehr bietet als die übliche Grünwüste aus Gras und Disteln.

„Möglichst ökologisch“

„Ziel war es, die Fläche möglichst ökologisch zu bewirtschaften“, sagt Bene Müller, Chef von Solarcomplex. Der Trick liegt darin, gerade so viel wie nötig zu bewirtschaften und dem Wachstum der Pflanzen freien Lauf zu lassen und damit auch den Lebensraum für Insekten und Vögel wiederherzustellen. „Deshalb“, sagt Müller, „wird hier nicht gemulcht.“ Das ist der Unterschied zu üblichen Solarparks, in denen die Fauna verödet.

Aus der Mahd wird Biogas

Beim Mooshof – und auch weiteren Anlagen, die Solarcomplex in der Region betreibt – ist das anders: Nur einmal im Jahr – meist Ende Juni – werden die 14 Hektar gemäht. Die Mahd wird in Plastikfolie eingeschweißt und wartet jetzt am Zaun auf den Abtransport. Sie geht an eine Biogasanlage bei Gailingen südlich von Singen. Ansonsten hat freies Wachstum hier das Sagen.

Klatschmohn auf dem Solarcomplex-Kollektorfeld bei Gottmadingen. Bild: Fleischmann
Klatschmohn auf dem Solarcomplex-Kollektorfeld bei Gottmadingen. Bild: Fleischmann | Bild: Clemens Fleischmann Ottilienquelle

Das war früher ganz anders. Am Mooshof dominierte die Mais-Monokultur mit dem entsprechenden Eintrag an Düngemitteln. Folge: Zwischen den Stauden gab es für die heimische Flora keinen Platz mehr und für die Fauna erst recht nicht.

Der Scharfe Hahnenfuß ist auch da

Heute kann BUND-Fachmann und Mooshof-Beobachter Koch eine Liste mit 40 Pflanzen-Namen vorlegen, die nicht nur die üblichen Klee- und Löwenzahn-Sorten umfasst, sondern auch kuriosere Vertreter wie die Kriechenden Günsel, den Wiesenfuchsschwanz, den Scharfen Hahnenfuß, den Wiesenbocksbart oder den Zottigen Klappertopf. Zwischen Gräsern, Kraut und Kilowatt torkeln immer mehr Schmetterlinge, die woanders ums Überleben kämpfen, darunter der Hauhechel-Bläuling, der Postillon oder das Kleine Wiesenvögelein.

Auch das Gelbe Posthörnchen fliegt den Solarpark an. Bild: Laporta – stock.adobe.com
Auch das Gelbe Posthörnchen fliegt den Solarpark an. Bild: Laporta – stock.adobe.com | Bild: Photographer: FotoCesco feat. La

„Maximale Biodiversität“ ist das, was sich auch Jörg Dürr-Pucher, Präsident der Bodensee-Stiftung, für einen Solarpark wünscht. Den Kritikern, die stets einen hohen Flächenverbrauch der Anlagen bemängeln, hält der Naturschützer entgegen, die Freiland-Fotovoltaik (PV) biete „deutlich mehr Vor- als Nachteile“.

Strom nur für den Markt

Denn hier werde Strom – im Gegensatz zu den auf Dächern platzierten Paneelen, ausschließlich für den Markt produziert, was die Energiewende voranbringe. Und durch das Nein zum Mulchen handele es sich „im Prinzip um ein Naturschutzgebiet, das über viele Jahrzehnte hinweg existiert“. Neubegrünung der Natur durch grüne Technik, so die Formel. Jährlich spart dieser Solarpark 3000 Tonnen CO2 ein.

Rund 25 Insektenhotels sind rund um das Solarfeld angebracht. Bild: Gerald Jarausch
Rund 25 Insektenhotels sind rund um das Solarfeld angebracht. Bild: Gerald Jarausch | Bild: Jarausch, Gerald

Landwirte, die Fläche für eine Anlage dieser Art zur Verfügung stellen, ziehen daraus mehr Wertschöpfung und Gewinn als mit dem Anbau etwa von Energie-Mais. Dazu trägt vor allem die hohe Umlage aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) bei, wie Jörg Dürr-Pucher betont. Deshalb sei es, wie Eberhard Koch anmerkt, besonders erfolgversprechend, „zukünftige Solarparks auf möglichst armen Grenzertragsböden anzulegen“.

Nisthilfen aus Behindertenwerkstatt

Doch soll das Zurück zur Natur am Mooshof nicht nur der Wuchskraft der Pflanzen überlassen bleiben. Auch der Mensch fügt noch etwas hinzu: Etwa drei Dutzend Bienenhotels wurden dieses Jahr am Zaun rund um das Gelände befestigt. Auch in anderen Freiland-PV-Parks von Solarcomplex werden Nisthilfen den gefährdeten Wildbienen-Arten Unterschlupf bieten. Sie wurden in der Behinderten-Werkstatt Weissenau bei Ravensburg gebaut. Die 10 000 Euro für insgesamt 100 Insektenhotels kamen durch Spenden herein.

Eine Wildbiene fliegt vor der Röhre eines Bienenhotels. Bild: Timelynx – stock.adobe.com
Eine Wildbiene fliegt vor der Röhre eines Bienenhotels. Bild: Timelynx – stock.adobe.com | Bild: Timelynx

Jetzt, in der Mittagshitze bei 30 Grad, ist es vor den durchlöcherten Kästen ruhig. Aber beim genauen Hinsehen ist zu erkennen, dass etliche Eingänge eines Hotels bereits verschlossen sind. Die Wildbiene hat dort also ein Zimmer mit einem Ei belegt. Stiftungsvorstand Dürr-Pucher sieht in der Aktion auch ein Vorbild für andere Solarparks in Baden-Württemberg. Die Kooperation von Unternehmen mit Naturschützern sei dabei hilfreich. Beim Energiekonzern EnBW verfolgt man übrigens auch eine Öko-Idee: Hier halten Schafe das Gras zwischen der Fotovoltaik kurz.

Der EnBW-Konzern lässt auf dem Solarpark Berghülen Schafe grasen. Die halten das Gras kurz und düngen die Fläche zusätzlich.
Der EnBW-Konzern lässt auf dem Solarpark Berghülen Schafe grasen. Die halten das Gras kurz und düngen die Fläche zusätzlich. | Bild: ARTIS - Uli Deck

Säuger gibt es am Mooshof auch. Allerdings keine Schafe, sondern Hasen, Rehe und Wildschweine. Sie kommen unter dem Zaun durch, der erst in einer Höhe von 30 Zentimetern ansetzen darf. Auch diese Tiere zieht es wie Vögel oder Schmetterlinge auf Wiesen – „so wie die früher einmal gewesen sind“, sagt Eberhard Koch und zeigt eine Moschus-Malve mit lila Blüten, eine alte Heilpflanze. Sie erinnert an das, was hier passiert: die Gesundung der Natur.

Solarpark als Effizienz-Kraftwerk

  • Günstiger Strom: Ist ein Solarpark auf dem neuesten technischen Stand und von Fachleuten vor Ort gut gewartet, erzeugt er Strom von 5 Cent pro Kilowattstunde (kw/h), Tendenz weiter fallend. Solarparks arbeiten deutlich effizienter als Biogasanlagen, wenn man die genutzte Fläche als Maß nimmt, denn er erzeugt etwa 700 000 kw/h pro Hektar. Bei einer Biogasanlage sind es nur 20 000 kw/h pro Hektar. Selbst wenn die Wärme der Biogasanlage mitgenutzt wird, ist der Vorteil des Solarparks immer noch um den Faktor 20 höher. Zudem führt der Ausbau der Biogasanlage zur einer „Vermaisung“ der Landschaft, auch von „Mais-Wüsten“ ist inzwischen die Rede.
  • Renaturierung: Werden Flächen, die zuvor intensiver Landwirtschaft unterworfen waren, für Freiland-PV genutzt, können dort ökologisch hochwertige Pflanzenbestände entstehen. Sie bieten Lebensraum für Insekten, Vögel und kleinere Säugetiere. So leisten sie einen Beitrag zum Erhalt der bedrohten Artenvielfalt.
  • Konkurrenz: Die Flächen für Solarparks in Baden-Württemberg sind auch deshalb begrenzt, weil andere Nutzungsarten das Angebot schmälern. Zu jenen gehören Landwirtschaft und Biogas-Nutzung, am Bodensee der Obst- und Weinbau und touristische Nutzungen wie Campingplätze, Reiterhöfe oder Golfclubs.
  • Anteile am Strom-Mix: In Baden-Württemberg hatte der Anteil der Stromerzeugung mittels Fotovoltaik Ende 2016 einen Anteil von acht Prozent an der Gesamtstromerzeugung erreicht. Von der bis Ende 2016 insgesamt im Südwesten installierten Fotovoltaikleistung von 5,3 Gigawatt entfallen etwa 7,5 Prozent auf Freiflächenanlagen. Die grün-schwarze Regierung hat 2017 mit der „Freiflächenöffnungsverordnung“ die Möglichkeit geschaffen, auch Acker- und Grünflächen verstärkt für die Freiland-PV-Nutzung auszuweisen. Dabei ist an einen Umfang von bis zu 100 Megawatt jährlich gedacht. (mic)