Wer das Fürstlich Fürstenbergische Archiv in Donaueschingen betritt, hat gefühlte zehn Grad weniger unter den Füßen. Die hohen Mauern strahlen vornehme Kühle ab. In diesem steingewordenen Gedächtnis eines untergegangenen Staates sinken nicht nur die Temperaturen. Auch die Jahreszahl schnellt zurück. Gemeinsam mit dem Leiter des Archivs steige ich 500 Jahre hinunter in die Geschichte der fürstenbergischen Herrschaft und ihrer Untertanen. Wo, wenn nicht in diesem steinernen Gedächtnis, kann man Zeitreisen leichter antreten?

Andreas Wilts ist der Leiter des Archivs. Er kennt die Bestände dieser Einrichtung bestens. Er ist Hüter des nie verlorenen Schatzes und führt den Besucher gleich ins zweite Stockwerk hoch. Dabei durchschreiten wir schwere Doppeltüren und erreichen einen Lesesaal mit raumhohen Wandschränken. Auf dem Tisch hat Wilts Urkunden ausgebreitet. Wir sprechen über die Zeit um 1500 – jene Zeitenwende, die das Jahrhundert von Martin Luther einleitete. Er war damals 17 Jahre alt.

Besonders auskunftsfreudig sind die Urbare aus dieser Ära. Es sind die Grundbücher dieser Zeit, die Seite für Seite mit säuberlicher Hand gefüllt wurden. Von jedem Urbar wurden zwei Exemplare geschrieben: Eines für den Herrn, in diesem Fall die Fürstenberger, deren Hausmacht die Landgrafschaft Baar war. Das andere Exemplar lag bei den Untertanen. Damit waren die niedergelegten Rechte und Pflichten für beide Seiten verbindlich und leicht nachprüfbar. Denn um 1500, dem Ende des Mittelalters, war schrankenloses Regieren nicht mehr möglich.

Das Fürstenberg-Archiv in Donaueschingen bewahrt Urkunden aus zwölf Jahrhunderten auf. Archivleiter Andreas Wilts (links) im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteur Uli Fricker – und Martin Luther als stillem Zeugen. <em>Bild: Sabine TEsche</em>
Das Fürstenberg-Archiv in Donaueschingen bewahrt Urkunden aus zwölf Jahrhunderten auf. Archivleiter Andreas Wilts (links) im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteur Uli Fricker – und Martin Luther als stillem Zeugen. Bild: Sabine TEsche

Auch eine mittelgroße Herrschaft wie die der Fürstenberger war an Vereinbarungen und die Tradition geknüpft. „Nach altem Recht und Herkommen“ hieß das damals: Es soll sein wie immer, der Herr kann Lasten nicht einfach hochdrücken. Diese Staaten waren im Vergleich zu heute urtümlich; dennoch werden hier die ersten zaghaften Schritte in Richtung Rechtsstaat getan.

Für jedes Dorf und dort für jedes Haus waren die Abgaben anders geregelt. Dr. Wilts zeigt im Urbar auf die Seite, die sich mit Emmingen ab Egg (bei Tuttlingen) befasst: Der Bauer Matheis muss jährlich 3 und einen halben Batzen (eine Silbermünze) entrichten. Dazu vier Zentner Dinkel, vier Hühner, 60 Eier. Immer zum Martinitag lieferten sie die Naturalien bei den Landgrafen Fürstenberg ab. Damit nicht genug. Für seinen Herrn musste er im Wald Holz hauen und dieses auf den Hohenhewen (bei Engen) führen. Dafür war er mindestens einen Tag, eher aber zwei Tage unterwegs. Und er sollte das herrschaftliche Land bestellen. „Das war die preiswerteste Form der Bewirtschaftung“, sagt der Archivar nüchtern. Anders herum: Für die Bauherren fielen keine Personalkosten an, weder beim Hausbau noch beim Bestellen der eigenen Güter.

„Die Last eines Bauern war mit 30 bis 50 Prozent des Ertrages hoch“, ergänzt Wilts. Die Abgaben und Dienste waren die Steuern von damals. Der Archivar schränkt ein: „Heute werden einem mittleren Verdiener doch 50 Prozent und mehr abgezogen.“ Die Bürden des kleinen Manns seien um 1500 nicht so hoch gewesen. Wilts mag das Bild vom finster öden Mittelalter nicht.

Überhaupt: Die Lebensbedingungen waren bescheiden. „Die Bauern lebten hart am Existenzminimum“, sagt der Historiker. Der Speiseplan enthielt wenig Fleisch, viel Mus, Bohnen. Auch die Adligen der Region hausten mehr als dass sie residierten. „Man darf das Bild der Höfe und Schlösser nicht zurückverlegen,“ sagt Wilts. Zu Luthers Zeit saßen die Herren der Baar, die Herren von Lupfen (Stühlingen) oder die Ritter im Hegau auf zugigen, oft schadhaften Felsennestern. Ulrich von Hutten, Zeitgenosse Luthers, schreibt an einen Nürnberger Freund: „Die Burg selbst ist nicht als angenehmer Aufenthalt, sondern als Festung gebaut. Innen ist sie eng und durch Stallungen für Vieh und Pferde zusammengedrängt. Daneben liegen dunkle Kammern, vollgepfropft mit Geschützen, Pech und sonstigem Zubehör für Waffen und Kriegsgerät. Überall stinkt es nach Schießpulver; und dann die Hunde und ihr Dreck.“

Heute wildromantisch, damals wehrhaft und unbequem: Um 1500 saßen die Adligen noch in befestigten Burgen wie dem Hohenkrähen bei Singen. <em>Bild: Archiv </em>
Heute wildromantisch, damals wehrhaft und unbequem: Um 1500 saßen die Adligen noch in befestigten Burgen wie dem Hohenkrähen bei Singen. Bild: Archiv

Auch die Fürstenberger wohnten auf wechselnden Burgen wie dem Wartenberg (bei Geisingen) oder dem Fürstenberg (bei Hüfingen). Schlösser und Parks kamen später. Noch saßen sie in ihrer Zeit – und damit zwischen Mauern und Ställen fest. Auch mit Möbeln war es nicht weit her. Der gewöhnliche Landadelige besaß eine Garnitur, die abgebaut und mitgeführt wurde, wenn der Landgraf den Aufenthalt wechselte. Das Hauswesen war beweglich. Vom Kinderbett bis zur Truhe mit dem (wenigen) Bargeld bis zu Prunkkleidern – die Familien waren hochgradig mobil, und zwar in Friedenszeiten.

Auf den Darstellungen sieht man die Herren meist in militärischem Aufzug. Das gehörte zum Selbstverständnis des Adels. Sie waren Spezialisten des Krieges. Doch galten die erfolgreichsten Feldzüge nicht anderen Heeren, sondern einer begüterten Frau. Heiratspolitik war schonender. Die Fürstenberger erweiterten auf diesem friedlichen Weg ihr Gelände. Mit dieser Methode beerbten sie zum Beispiel die Grafen von Zimmern und kassierten deren Besitz.

Das Archiv in Donaueschingen ist ein Privatarchiv. Der kleine Staat der Fürstenberger ist untergegangen, die Familie selbst gibt sich zurückhaltend und hat von der schillernden Publicity, die sie zeitweise unfreiwillig genossen hat, genug. „Das fürstliche Haus sorgt für den Unterhalt des Archivs,“ sagt dessen Angestellter Dr. Wilts. Damit ist auch eines klar: Der Akten-Speicher spiegelt die Interessen der Grafen und später Fürsten von Fürstenberg wider. Ist diese Sicht gerecht? Wo bleibt die Stimme der agrarischen Basis, auf deren krummem Buckel manche Burg errichtet wurde?

Der Archivar widerspricht. Er breitet entsprechende Dokumente aus. Da sind die Eingaben der Untertanen, die säuberlich zu den Akten im Archiv genommen wurden (doppelt unterkellert). Dann zieht Andreas Wilts ein vergilbtes Blatt aus einem Haufen Urkunden hervor. Eine kundige Hand hat das Dokument mit dem Wort Manumissio überschrieben. Das meint die Freigabe eines Leibeigenen, der sich von seinem Leibherren freigekauft hat. „Das kam öfters vor“, berichtet Wilts. Der oder die Freigelassene konnte in eine andere Herrschaft ziehen oder in die Stadt. Damit musste er auch keinen Hauptfall (Erbschaftssteuer) mehr leisten, wenn er einmal starb; bei der Frau war es das beste Kleid, beim Mann das beste Stück Vieh, das der Herr einzog.

Mit der Manumission hatte er sich davon freigekauft. Wilts sieht das als Beleg dafür an, dass Wandel möglich war – mindestens innerhalb des Standes.

Das war gestern: Ein Ritter stürmt voran. Um 1500 war das Heiraten die sicherste Methode, um Besitz zu sichern oder zu erweitern. <em>Bild: dpa </em>
Das war gestern: Ein Ritter stürmt voran. Um 1500 war das Heiraten die sicherste Methode, um Besitz zu sichern oder zu erweitern. Bild: dpa

Ein sozialer Aufstieg über den eigenen Stand hinaus war schwierig. Nur die Kirche bot gebildeten Städtern eine Möglichkeit. Der Adel als höchster Stand war kaum durchlässig. Erst in der Neuzeit werden Bürgerliche in den Adel hineinbefördert. Zum Beispiel die Familie Fugger, die ihren goldreichen Aufstieg eine Generation nach Martin Luther starten kann. Auch dieser war ein Aufsteiger. Sein Vater noch Bergmann, der Sohn Professor mit VIP-Status.

Und die Religion? Ein Fürstenberger führte die Reformation tatsächlich im Kinzigtal ein. Dort herrschte Graf Wilhelm, der von Luther überzeugt war – und davon, dass es auch ihm nützt. Doch nach Wilhelms Tod werden schon wieder die katholischen Gesangbücher hervorgezogen. So blieb Luther eine Episode in den Dörfern zwischen Kinzigtal, Neckar und Hegau. Es wurde wieder katholisch geheiratet, getauft, beerdigt und auch gesungen.
 

Bild: Jessica Steller

Worauf beruht Herrschaft?

Wer darf herrschen? Im Mittelalter war die Ausübung von Macht nicht selbstverständlich. Sie bedurfte der Rechtfertigung

  • Von Gottes Gnaden: Bis weit in die Neuzeit hinein bildete diese Theorie das Fundament: Die Fürsten sind von Gott eingesetzt, er sichert ihre Throne. Sie und ihre Nachkommen sind Teil des göttlichen Rechts. Deshalb sind Widerstand oder Revolten auch zwecklos, da gegen die religiös begründete Ordnung gerichtet. Das Gottesgnadentum wird bis heute bemüht (zum Beispiel von der britischen Königin). In der politischen Praxis endet es mit der Hinrichtung des englischen Königs Jakob I. (1649).
  • Luther und die Fürsten: Der Reformator war Anhänger des Gottesgnadentums. Das weltliche Regiment, wie er die Regierungen nannte, ist von Gott eingesetzt und gewollt. Dabei beruft er sich auf die Bibel (Römerbrief). Also ist jede Rebellion und jeder Steuerbetrug gegen die christlichen Gebote gerichtet, sagt Luther. Deshalb stellte er sich in den Bauernkriegen gegen die Bauern und auf die Seite der Fürsten: Sie hätten das Recht, die Rebellion niederzuschlagen.
  • Müntzer und die Revolution: Thomas Müntzer (1489-1525) war anfangs noch auf der Seite Luthers. Dann entzweiten sie sich wegen der Politik: Der feurige Prediger nahm die Botschaft des Evangeliums wörtlich. Die Freiheit des Christen, die Luther einforderte, gelte nicht nur in Fragen des Glaubens, sondern auch im täglichen Handeln. Es sei nicht gerecht, dass Fürsten sich von Bauern füttern ließen und deren Erträge kassierten. Müntzer steht für den linken, sozialrevolutionären Flügel der Reformation. Er stellt das alte Gefüge von Oben und Unten radikal in Frage. Im Bauernkrieg war er auf der Seite der Bauern. Er fiel in einem Gefecht 1525. Luther hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst von ihm distanziert.

 

Bauern, Bürger und Barone

Wenn wir heute von Mobilität sprechen, dann gilt für Menschen um 1500 das Gegenteil: Die Gesellschaft war fest gefügt und nicht auf Bewegung ausgerichtet

  • Stände: Die Gesellschaft des Mittelalters war in Form einer Pyramide aufgebaut. Oben stand der König als Lehensherr, dem der Adel zur Seite stand. Dann folgen die Kleriker, deren höhere Ränge auch weltliche Macht ausüben. Dann die Bürger in den stark wachsenden Städten. Die breite Basis (der Nährstand) bildete die Basis der Pyramide. Das sind die Bauern.
  • Aufstieg: Es war sehr schwer, seinen Stand zu verlassen. Ein Bauer konnte sich nur dann in die Stadt verabschieden, wenn er sich freikaufte oder seinen Herrn heimlich verließ. Die Chance auf Aufstieg bot vor allem die Kirche. Bürgerliche Kleriker konnten es bis zum Bischof bringen.
  • Adel: Diese Gruppe ist weit gefächert. Um 1500 reichte sie vom verarmten Krautjunker bis zum Landesherrn, der wiederum über andere Adlige herrscht. Die Fürstenberger waren Landesherren; durch beharrliche Politik hatten sie ihr Gebiet vergrößert. Es gelangt ihnen allerdings nicht, ein zusammenhängendes Gebiet zu schaffen. Die Landesherrschaft endete 1806, als ihr Gebiet badisch wurde.
  • Reichsritter: An der anderen Ende der Skala stehen die Reichsritter. Sie sind wenigstens auf dem Papier freie Männer und nur dem Kaiser untertänig. Ihre Lage ist zu Luthers Zeit aber sehr bescheiden. Einige Vertreter schließen sich deshalb den Bauern an (wie Ulrich von Hutten). Der bekannteste Vertreter ist Götz von Berlichingen, der „Ritter mit der eisernen Hand“. Goethes Drama spiegelt zutreffend die Notlage dieses Standes.
  • Archiv: Eine ordentliche Verwaltung formt sich ab etwa 1300 heraus. Die neuen Universitäten bilden Juristen und damit Fachpersonal aus, um die Gebiete zu verwalten. Zentrum ist die Kanzlei, meist mit einem Kanzler als Verwaltungschef an der Spitze. In Anlehnung an die systematische Aufbewahrung in den Klöstern legen nun auch die Landesherren Archive an. Urkunden und Urbare (Grundbücher) werden dort aufbewahrt. Es geht um Besitzansprüche und deren Dokumentation. Für die Forschung beherbergen die Archive bis heute wichtige Quellen.
  • Baar: Heute ist die Baar als Landschaftsname geläufig. Sie bezeichnet das Gebiet zwischen Alb und Schwarzwald. Im Mittelalter war die Baar eine alte Königslandschaft, die mit dem Titel eines Landgrafen verbunden war. Mit dem Erwerb der Baar beginnt der Aufstieg der Fürstenberger. (uli)

Außenseiter des Mittelalters


Nur scheinbar war die Gesellschaft um 1500 fest gefügt. In ihr lebten auch zahlreiche Außenseiter, die insgesamt toleriert wurden

  • Bettler gehören zum festen Bild dieser Zeit. Der Bettelnde war arm, aber nicht ehrlos. Eigens erlassene Ordnungen regelten seine Rechte. Die Bettelorden hatten sich gleichfalls dem Ideal des zufälligen Broterwerbs verschrieben. Die Christen waren aufgefordert, den Armen zu spenden – auch um des eigenen Seelenheils willen.
    Sie arbeiteten nicht und wurden dennoch respektiert: Bettler bildeten im Mitelalter einen eigenen Stand. Die spätere Abbildung stammt von 1877. <em>Bild: Archiv</em>
    Sie arbeiteten nicht und wurden dennoch respektiert: Bettler bildeten im Mitelalter einen eigenen Stand. Die spätere Abbildung stammt von 1877. Bild: Archiv | Bild: Fotolia
  • Henker: Sein Amt war zweifellos wichtig, denn sein Inhaber war Teil des exekutiven Apparates und sorgte dafür, dass Urteile auch vollstreckt wurden. Die Blutgerichtsbarkeit war Teil der Obrigkeit. Dennoch hatte der Henker isoliert und meist alleine zu leben, abgesondert von anderen Bürgern. Sein Handwerk galt als unrein. Dasselbe galt auch für Totengräber.
  • Juden: Sie lebten teils hochgefährdet. Immer wieder brachen Pogrome aus, in deren Verlauf die jüdischen Bewohner einer Stadt ermordet wurden – zum Beispiel während der Kreuzzüge. Der Vorwurf der Brunnenvergiftung spielte dabei eine große Rolle. Im Gegenzug gibt es auch Schutzbestrebungen: Der König stellte die Juden unter seinen persönlichen Schutz, den er sich teuer bezahlen ließ. Für die kommunale Wirtschaft waren Juden enorm wichtig: Sie stellte jene Kredite zur Verfügung, die die Kaufleute für neue Geschäfte benötigten.
  • Fahrendes Volk: Zweifellos brachten Hausierer, Gaukler, Spielleute oder Schausteller frisches Leben in die Stadt. Sie verkauften Waren und waren Quelle für Neuigkeiten. Gleichzeitig waren sie ohne festen Wohnsitz. Das war der Grund für die Verachtung, die viele Bürger den Fahrenden entgegenbrachten. Die Bindung an eine Gemeinschaft oder ein Territorium galten 1500 als Ideal. Das garantierte relative Ruhe und Solidität. (uli)