Klischee oder Tatsache? Bis heute hält sich die Redensart, dass Schwaben vor allem das Schaffen im Sinn haben. Dass sie tüchtige Arbeiter sind, Tüftler, besessen von ihrer jeweiligen Idee. Dass sie gerne Besitz erwerben und „ihr Sächle“ zusammenhalten und im Zweifel mehren. Liebe vergeht, Hektar vergeht – das ist ein Leitwort, das den Hang zum Knausern und unauffälligen Raffen auf den Punkt bringt.

Im Gegensatz dazu steht der Badener (oder dessen Selbstbild): Er ist lebenslustig, trinkt gerne den besseren Wein und kann das Leben genießen. Er arbeitet, um zu leben. Die Umtriebe des Schwaben, das unermüdliche Werkeln und Häufeln sind ihm fremd. Er lebt den Tag, ein fröhlicher Epikuräer, der die Festtage hochhält und den Nachbarn teilhaben lässt. „Über Baden lacht die Sonne, über Württemberg die ganze Welt“. Auch eine Redensart.

Die Reformation ließ Baden-Württemberg auseinanderdriften

Was ist an dieser doppelten Charakterisierung dran? Wer die religiöse Landkarte betrachtet, erhält eine umfassende Antwort. Die Reformation ließ die beiden Landesteile auseinanderdriften. Württemberg wurde früh evangelisch. Und bleibt es im Kern bis heute. Selbst als der Herzog und Landesherr für einige Jahre katholisch wurde, blieben die Untertanen ihrem Martin Luther treu.

Anders Baden, das stark katholisch geprägt ist. Die Markgrafen traten zwar zum evangelischen Bekenntnis über und mit ihnen die Untertanen in ihrem unmittelbaren Bereich. Diese Kernherrschaft war aber klein. Von Napoleons Gnaden konnte sich das Großherzogtum um den Faktor sieben vergrößern. Es wuchs im Norden Richtung Kurpfalz und Franken, im Süden Richtung Hochrhein und Bodensee.

Die neu gewonnenen Gebiete waren überwiegend katholisch geblieben. Die Waldstädte am Rhein (Waldshut, Säckingen, Laufenburg), die Bischofsstadt Konstanz, der Hegau, die Baar der Fürstenberger, überhaupt die vorderösterreichischen Flecken – alles katholisch. Ebenso Freiburg als Sitz der Universität. Dort hatten Anhänger Luthers zwar gepredigt, sich aber nicht durchgesetzt.

Die Grenzen des Glaubens zogen Mauern

Lutheranisches Württemberg hier, katholisches Baden dort. Bis heute lässt sich diese Zweiteilung des Bundeslandes ablesen, und dabei liegt der Grund genau 500 Jahre zurück. Luthers Lehre und Schweizer Prediger veränderten das Land von Grund auf. Die Grenzen des Glaubens zogen Mauern zwischen Familien und Dörfern auf. An der Geschichte von Oberbaldingen und Unterbaldingen bei Bad Dürrheim lässt sich das sinnfällig studieren (siehe Karte, Punkt 5).

Einen Sonderfall bildet das alte Land Hohenzollern. Die Fürsten blieben katholisch. 1848/49 kassierten die Berliner Verwandten die hohenzollerischen Fürstentümer und schlugen sie Preußen zu. Katholisch blieben sie dennoch – der Calvinismus des königlichen Hofes war kein Modell für den Süden.

Massiv wirkt sich diese Scheidung in der Arbeitsmoral aus. Martin Luther lehrte seine Christen zwar die Freiheit im Glauben. Im täglichen Tun freilich setzte er auf Pflicht und Fleiß. Im Schweiße des Angesichts – das ist gottgefällig und erstrebenswert. In der Arbeit und deren Früchten zeigt sich die Gnade, da war sich Luther sicher. Seine Ethik fällt zur Freude aller Arbeitgeber und Bosse aus. Von der Begrenzung der Werkzeit ist da nicht die Rede, eher von Disziplin. Württemberg war lutheranisch. Es hat das Hohe Lied auf das Schaffen und Schuften tief verinnerlicht und daraus eine Erfolgsgeschichte konstruiert. Was ist Porsche? Es ist protestantisches Wirtschaften plus Ingenieurskunst plus schwäbische Beharrlichkeit plus Alb.

Fleiß ist ein reformatorisches Erbe

Wo so viel gearbeitet wird, ist Muße, Faulenzen und modernes Chillen regelrecht verpönt. Auch das ist ein reformatorisches Erbe, das vor allem der Schweizer Flügel einbrachte. Das Motto lautete: Müßiggang ist des Teufels! Ulrich Zwingli bekämpfte nahezu zwanghaft alle Formen von Vergnügen. Musik und Tanz? Verboten. Laute Hochzeiten? Weg damit. Aus den reformierten Kirchen wurde deshalb auch die freie Kirchenmusik verbannt. Orchester und große Orgeln hatten keinen Platz mehr. Altäre und Heiligenfiguren wurden zu Brennholz zerhackt – zu sinnlich, zu flatterhaft, hieß es. Nur keine Augenweiden in der Kirche oder andere sinnliche Genüsse.

Die Katholischen blieben dagegen ihrer prächtigen Liturgie treu. Der Gottesdienst war weniger sittenstreng, dafür hochsinnlich. Der Ablass wirkte als Regulativ: Der Einzelne konnte eine Sünde begehen in der Gewissheit, dass er sie später wieder los wird.

Der Kalender unterschied sich immer stärker. Die Katholiken behielten ihre vielen Feiertage bei und damit die Möglichkeit, unter der Woche einmal die Hände in den Schoß zu legen. Die katholische Woche sah anders aus als die evangelische, die deutlich mehr Arbeit brachte. Martin Luther hatte nichts gegen die Heiligen. Doch deren Verehrung an eigenen Altären lehnte er ab, ebenso zeitraubende Wallfahrten und Prozessionen. Damit half er Zeit und Geld sparen, was wieder der Arbeit zu Gute kam.

Damit ist der wichtigste Unterschied markiert: Nicht im Gottesdienst oder der reinen Theologie, sondern in den Folgen für das tägliche Leben. Die Katholiken lieben es sonniger, die Protestanten feierten Gott in der Arbeit.

Im 20. Jahrhundert wurden die Verhältnisse erst verschoben

Diese Mentalitäten, schwer wie Felsenplatten, wurden erst im 20. Jahrhundert zertrümmert. Die Aufnahme der Vertriebenen und dann die Gastarbeiter verschoben die Verhältnisse. Muslime kamen hinzu und damit eine neue Religion. Evangelische Ostpreußen flohen nach 1945 aus ihrer Heimat und zogen in katholische Kleinstädte. Damit liegen neue Gewichte auf der Waage.

Und: Viele Menschen traten aus. Die Reihen der Konfessionslosen werden dichter, Menschen also, die ihre Kirche verlassen. Dass die großen Kirchen noch immer als Anstalten des Öffentlichen Rechts gelten, ärgert manchen. Das Beharren auf Privilegien wie zum Beispiel der Kirchensteuer wird immer öfter zum Bumerang: ein Argument, das sich gegen die Kirchen wendet.

Und doch: Die alte Farbenlehre ist noch immer erkennbar, allen Übermalungen zum Trotz. Evangelisches Rot für Alt-Württemberg. Katholisches Grün für das klösterreiche Oberschwaben sowie Baden. Es ist faszinierend: Historische Prozesse haben einen langen Atem und Martinus einen langen Arm. Er reicht bis in die Gegenwart.
 

Religionszugehörigkeit der Bevölkerung in Baden-Württemberg.
Religionszugehörigkeit der Bevölkerung in Baden-Württemberg. | Bild: Jessica Steller / SK-GRAFIK

Erst Abendland, dann Ökumene

Martin Luther wollte die katholische Kirche erneuern – und schuf eine Kirche ganz neuen Typs. Die wichtigsten Stichworte dazu:

  • Reformierte: Neben den Lutheranern war eine zweite, ebenfalls protestantische Gruppe aktiv – die Reformierten. Sie beriefen sich auf den Schweizer Ulrich Zwingli und den Franzosen Jean Calvin (daher auch Calvinisten). Auch im heutigen Baden-Württemberg hielten es viele Gemeinden mit den Reformierten – zum Beispiel die Kurpfalz. Die Konkurrenz zwischen beiden verwandten Gruppen lösten erst die Unierten auf.
  • Unterschiede: Außer einem gewissen Konkurrenzdenken unterscheiden sich die einzelnen Zweige des protestantischen Baumes. Während Luther an der alten Messe im Prinzip festhielt, gehen die Reformierten ganz davon ab; ihr Gottesdienst wird völlig neu aufgebaut. Auch die Kirchenmusik darf bei Zwingli anfangs nur eine untergeordnete Rolle spielen. Für Luther und seine Schüler steht sie an zentraler Stelle.
  • Abendmahl: Zum Streit kommt es über Brot und Wein. Bei Luther ist Jesus real gegenwärtig, wenn das Abendmahl gereicht wird. Bei den Reformierten sind Brot und Wein eine Erinnerung an Jesus und seine Tischgemeinschaft. Dabei bleibt das Brot auch Brot. Eine Verwandlung findet nicht statt.
  • Landeskirche: Die badische Landeskirche entstand aus dem Zusammenschluss von Lutheranern und Reformierten zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Großherzog, selbst ein Lutheraner, hatte auf die Vereinigung gedrängt. Standort der neuen Landeskirche wurde Karlsruhe. Dort sitzen Bischof und Oberkirchenrat bis heute.
  • Viele Konfessionen: Die Bruchlinien der Reformation kann man bis heute studieren, auch wenn sich durch vielfältige Wanderungsbewegungen diese Grenzen verwischen. Heute sind selbst Kleinstädte multireligiös – mit Freikirchen, Pfingstgemeinden, Muslimen verschiedenen Bekenntnisses, Buddhisten. Am stärksten wächst der Anteil der Konfessionslosen. In Konstanz zum Beispiel sind es 42 Prozent.
  • Ökumene: Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts wird versucht, die beiden Hälften anzunähern. Das entpuppt sich als mühsamer Prozess. Die Freikirchen beteiligen sich daran nicht. Auch die orthodoxen Kirchen in Osteuropa zeigen bisher kaum Bereitschaft, in das Gespräch einzutreten.

Von der Kurpfalz bis Oberschwaben: Zwölf Brennpunkte auf der religiösen Landkarte

  • Stuttgart:
    Herzog Ulrich spielte auch in den Bauernkriegen im Hegau eine große Rolle. 1534 führt der jähzornige Fürst die Reformation in Württemberg ein. Viele katholische Pfarrer verlassen das Land, dafür holt Ulrich Theologen aus der Schweiz und Blarer aus Konstanz. Seitdem zählt Württemberg zu den Kernländern der neuen Lehre, wie der Karte bis heute zu entnehmen ist. Die Region um die beiden Mittelpunkte Stuttgart und Tübingen, weite Teile der Alb sind überwiegend evangelisch. Im 17. Jahrhundert wird dies noch verstärkt durch den aufkommenden Pietismus (Kreis Schwäbisch-Hall, Calw).
  • Heidelberg:
    Die Universitätsstadt nahm die Lehre Luthers erst spät an. Dann schlug die Kurpfalz und deren Hauptstadt Heidelberg einen Sonderweg ein: Der Kurfürst ordnete die Annahme des Calvinismus an. Damit zog die Stadt Studenten und Wissenschaftler aus ganz Westeuropa an. Sie galt nach Leiden als drittes Genf. So erschien 1563 in Heidelberg der Heidelberger Katechismus.
    Heidelberger Schloss bei blauem Himmel.
    Heidelberger Schloss bei blauem Himmel. | Bild: oxie99 - fotolia
  • Freudenstadt:
    In wenigen Orten kann man Spaltung und Versöhnung so exakt ablesen wie in der Kreisstadt im Schwarzwald. Die württembergische Stadt ist mehrheitlich evangelisch orientiert. In der Kirche St. Johannes können aber auch Katholiken feiern: Sie ist als Simultankirche im rechten Winkel gebaut. Jede Konfession hat ihren eigenen Saal unter dem gemeinsamen Dach.
  • Blaubeuren:
    Dorf und Kloster wurden 1534/1535 ohne merklichen Widerstand reformiert, gehörte Blaubeuren doch zum Herzogtum Württemberg. Das Kloster wurde aufgehoben und in eine evangelische Klosterschule umgewandelt – Ähnliches gilt für Maulbronn, Schönthal und Denkendorf. Die alten Klöster wurden zu Schulen für begabte Landeskinder ausgebaut. Der spätere Aufstieg Württembergs ist ohne diese Umwidmung nicht denkbar.
  • Rottweil:
    In der Reichsstadt am Neckar konnten Rat und Bürger selbst über ihren Glauben entscheiden. 1545 wurden die Anhänger der Reformation aus der Stadt gewiesen. Somit blieben Rottweil und die zugehörigen Orte bis ins 19. Jahrhundert stramm katholisch. Erst die beginnende Industrialisierung ab etwa 1850 veränderte die Landkarte, ebenso die Aufnahme von Ost-Vertriebenen nach 1945. Im Bild: Das Schwarze Tor.
  • Oberbaldingen und Unterbaldingen
    Martin Luthers Ideen erreichten die Ostbaar in den 1530er-Jahren. In einem kuriosen Fall teilt sie ein Dorf: Oberbaldingen gehörte zur Herrschaft Württemberg und führte deshalb die Reformation ein. In Unterbaldingen dagegen hatten die Grafen von Fürstenberg das Sagen, die konsequent am alten Glauben festhielten und das Dorf katholisch hielten. Diese konfessionelle Verteilung hält sich bis heute. Wie stark in jedem Dorf gestritten wurde, zeigt die bewegte Kirchengeschichte von Biesingen – einem Nachbarort, der heute ebenfalls zur Stadt Bad Dürrheim gehört: Die Biesinger mussten im 16. Jahrhundert innerhalb von 40 Jahren immerhin 27 Mal die Konfession wechseln.
  • Freiburg:
    Die traditionell katholische (da vorderösterreichische Stadt) wurde 1827 zum Erzbistum erhoben. Dessen Gebiet deckt Baden und das alte Hohenzollern ab. In der Universitätsstadt wurden reformatorische Vorstöße unter großen Kämpfen abgewehrt. Heute stellt sich die Stadt als multi-konfessionell und glaubensskeptisch dar. Die fünf Hochschulen in der südbadischen Stadt sorgen für eine säkulare Bürgerschaft mit häufigen Kirchenaustritten. Bild: Homer-Statue vor dem Eingang der Universität.
    Statue des griechischen Dichters Homer (l.) und des griechischen Philosophen Aristoteles vor einem Gebäude der Universität Freiburg.
    Statue des griechischen Dichters Homer (l.) und des griechischen Philosophen Aristoteles vor einem Gebäude der Universität Freiburg. | Bild: Patrick Seeger (dpa)
  • Lörrach:
    Bis heute ist der Kreis Lörrach überwiegend evangelisch, weil diese Gebiete um 1520 im Machtbereich der Stadt Basel lagen, die sich klar zur Reformation bekannt hatte. Das obere Wiesental ist dagegen katholisch dominiert – hier hatte das Haus Österreich das Sagen bis ins 19. Jahrhundert hinein. In Lörrach residierte auch der Dichter und Theologe Johann Peter Hebel. Als Prälat setzte er sich für die neue Landeskirche Baden ein, die 1819 gegründet wurde.
    Johann Peter Hebel.
    Johann Peter Hebel. | Bild: dpa
  • Waldshut:
    Der Reformator Balthasar Hubmaier machte das vorderösterreichische Städtchen zu einem Brennpunkt: Der Prediger setzte sich für das Täufertum ein – eine umstrittene Variante innerhalb der protestantischen Kirchen. Später wird er vertrieben und verbrannt.
  • Konstanz:
    Die Stadt vertrieb früh den Bischof nach Meersburg. Dort baute er sich eine neue Residenz – das Neue Schloss, das man bis heute besichtigen kann. Ambrosius Blarer führte die Reformation in der Stadt ein. Das geschah bereits 1525. Österreich machte dem 1548 ein Ende, indem es die Stadt besetzte und zurück in die katholische Kirche zwang. Bis heute ist sie mehrheitlich katholisch.
    Der Hafen in Konstanz mit der Hafenfigur Imperia.
    Der Hafen in Konstanz mit der Hafenfigur Imperia. | Bild: Patrick Seeger (dpa)
  • Salem:
    Die mächtige Zisterenzienser-Abtei im Hinterland des Bodensees bleibt zu Luthers Zeit katholisch, auch wenn einzelne Brüder mit der neuen Lehre sympathisierten und die Schriften aus Wittenberg lasen. Die Wende für Salem bringt ein anderer Mann und das viel später: Napoleon. Das Kloster wird 1803 aufgelöst und dem Haus Baden geschenkt. Die Patres und Brüder werden fortgeschickt. Heute werden in Salem katholische und evangelische Gottesdienste gefeiert – in verschiedenen Räumen.
    Münster von Salem.
    Münster von Salem. | Bild: Waldteufel - fotolia
  • Weingarten:
    Nach wie vor ist Weingarten eines der katholischen Zentren von Oberschwaben und der Blutritt ein wichtiger Tag im Jahreslauf (Bild). Bis vor wenigen Jahren war die Benediktiner-Abtei noch aktiv. Die Reformation spielte in den Landkreisen zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee fast keine Rolle. Eine Reichsstadt wie Ravensburg bildet eine Ausnahme. Als Oberschwaben 1805 zu Württemberg kam, bildeten die Katholiken die Minderheit im damals gegründeten Königreich.
    Traditioneller Blutritt in Weingarten.Die Prozession findet jedes Jahr zu Ehren der Heilig-Blut-Reliquie am Tag nach Christi Himmelfahrt statt. Bei Europas größter Reiterprozession ziehen rund 2700 feierlich gekleidete Wallfahrer hoch zu Ross durch die festlich geschmückten Straßen und über die Felder.
    Traditioneller Blutritt in Weingarten.Die Prozession findet jedes Jahr zu Ehren der Heilig-Blut-Reliquie am Tag nach Christi Himmelfahrt statt. Bei Europas größter Reiterprozession ziehen rund 2700 feierlich gekleidete Wallfahrer hoch zu Ross durch die festlich geschmückten Straßen und über die Felder. | Bild: Felix Kästle (dpa)