Henriette zögert, als sie in die winzige Kabine klettern soll. Wenig später sitzt die Zweijährige auf dem Schoß ihrer Mutter. Die Augen leuchten. Vor ihr steht ein Bildschirm, ein Film läuft. Plötzlich horcht sie auf. Etwas summt, ähnlich wie ein Handy. Was Henriette nicht weiß: Eine Spezialkamera für Eye-Tracking zeichnet ihre Augenbewegungen und die Pupillengröße auf. Henriette sitzt im Zentrum eines Versuchs im Kinderlabor in Magdeburg. Es geht um Aufmerksamkeit, Ablenkung und den Aufbau des Gehirns. Es geht um aktuelle Forschung – auch zum Einfluss der digitalen Dauerbespielung.

Kinder brauchen Anleitung, wenn sie mit dem Smartphone in Kontakt kommen. Hier sind die Eltern gefordert.
Kinder brauchen Anleitung, wenn sie mit dem Smartphone in Kontakt kommen. Hier sind die Eltern gefordert. | Bild: Ole Spata, dpa

Die Wissenschaftlerin Nicole Wetzel vom Leibniz-Institut für Neurobiologie will ergründen, wie sich Aufmerksamkeit, Lernen und das Gedächtnis von Kindern und Jugendlichen entwickeln. Ein heißes Thema in Zeiten, in denen viele Kids ihre Finger kaum vom Handy lassen können und in denen Krankenkassen vor Internetsucht und Social-Media-Abhängigkeit warnen. Welche Spuren hinterlässt die Dauerpräsenz von Smartphones in unseren Köpfen? Gibt es deformierte Twitter- oder Facebook-Gehirne, wie manche Pessimisten warnen? Bislang sei kaum bekannt, „wie digitale Medien das Gehirn und seine Aktivität verändern“, sagt Nicole Wetzel. „Dass sie es verändern, ist keine Frage.“

Die medizintechnische Assistentin Gabi Schöns richtet eine Haube mit Elektroden zur Messung der Hirnströme im Labor des Leibniz-Instituts bei einer Probandin ein.
Die medizintechnische Assistentin Gabi Schöns richtet eine Haube mit Elektroden zur Messung der Hirnströme im Labor des Leibniz-Instituts bei einer Probandin ein. | Bild: Jens Büttner, dpa

Eine weitere Messmethode setzt bei den elektrischen Strömen im Gehirn an. Dafür bekommen die Probanden Hauben mit Elektroden für ein EEG (Elektroenzephalogramm) auf den Kopf gezogen. Die Mess-Kappen zeichnen auf, welche Bezirke im Kopf in Schwung kommen, wenn ein Reiz eintrifft. Bestimmte Muster erlauben den Forschern Rückschlüsse, wie abgelenkt jemand ist. „Wenn ein Störgeräusch eingespielt wird, reagieren die Kinder meist langsamer oder machen mehr Fehler“, sagt Wetzel. „Und je jünger die Kinder sind, desto mehr sind sie beeinträchtigt in ihrer Leistung.“

Ausbau des Wegenetzes im Hirn

Nun ist unser Denkapparat keine Festplatte, auf der man nur speichert und abruft, sondern ein empfindliches, hochgradig wandelbares Organ. Das Hirn reagiert schnell auf Einflüsse von außen, es ändert seine Vernetzungen. Experten sprechen von Plastizität.

Bild: Jens Büttner

„Man kann sich das vereinfacht wie ein Wegenetz vorstellen: Am Anfang, bei einem Kleinkind, sind viele Wege angelegt“, erläutert Wetzel. „Und die Wege, die die Kinder häufig nutzen, die werden zu großen, breiten Straßen ausgebaut, wo der Verkehr schnell fließt.“ Wenig genutzte Wege verkümmern – ihr Ausbau wird später im Leben mühsamer. „Wenn ich jeden Tag viele Male mein Handy hervorziehe, wird das irgendwann auch so eine breite Straße – um im Bild zu bleiben.“

Der Smartphone-Boom läuft erst seit etwas über zehn Jahren – zu kurz für große Langzeit-Studien. In Großbritannien veröffentlichte die Gesundheitsorganisation RSPH einen Report zu sozialen Netzwerken und der Gesundheit junger Menschen. Ein wichtiger Punkt: Das Handy am Bett, das Checken, um nachts nichts zu verpassen, kann den Schlaf massiv stören. Einer von fünf Jugendlichen kontrolliere nachts seine Netzwerke. Für den Aufbau des jungen Gehirns jedoch ist viel Schlaf essenziell, wie die Studienmacher betonen.

Laut einer psychologischen Studie aus USA reicht schon die Nähe des eigenen Smartphones aus, dass Menschen bei Testfragen schlechter abschneiden. Liegt das Gerät in einem anderen Raum, denken Probanden mehr und antworten korrekter. Die Schlussfolgerung: Ein nahes Handy nimmt uns so in Beschlag, dass Ressourcen im Gehirn besetzt werden.

Entwicklungspsychologin Nicole Wetzel beobachtet an Monitoren im Labor für Neurobiologie am Leibniz-Institut bei einer Probandin die Veränderungen in der Pupillengröße bei der Verarbeitung von Störgeräusche. Entwicklungspsychologin Wetzel leitet die CBBS-Forschergruppe Neurokognitive Entwicklung und erforscht mit ihrem Team die Aufmerksamkeit im Kindesalter und bei Erwachsenen sowie die Auswirkung von Ablenkung bei Denk- und Lernprozessen.
Entwicklungspsychologin Nicole Wetzel beobachtet an Monitoren im Labor für Neurobiologie am Leibniz-Institut bei einer Probandin die Veränderungen in der Pupillengröße bei der Verarbeitung von Störgeräusche. Entwicklungspsychologin Wetzel leitet die CBBS-Forschergruppe Neurokognitive Entwicklung und erforscht mit ihrem Team die Aufmerksamkeit im Kindesalter und bei Erwachsenen sowie die Auswirkung von Ablenkung bei Denk- und Lernprozessen. | Bild: Jens Büttner, dpa

Dass digitale Techniken in diesem wichtigen Hirnteil Spuren hinterlassen, berichten auch die Experten vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. „Lesen und Lernen im Internet ist anders als im Buch“, sagt Peter Gerjets. Beispielsweise lenken Links im digitalen Text ab. „Schaut man auf das gleiche Wort, wenn es als Link markiert ist, wird die Pupille messbar größer, ein Indikator für kognitive Belastung.“ Das Gehirn springt an, und zwar das Arbeitsgedächtnis.

Dabei werden Ressourcen benötigt, die auch zum Lernen wichtig sind. Das Lern-Ergebnis kann sinken. Trotz solcher Alarmsignale hat der Familienvater keine Bedenken, das eigene Kind per App beim Spracherwerb zu fördern. „Überforderung und Ablenkungspotenzial sind keine Argumente gegen ein Medium an sich, sondern gegen die ungesteuerte Nutzung.“