Frau Steinebach, wie erkennen Eltern einen guten Kindergarten?

Tja, die Frage ist: Was macht überhaupt einen guten Kindergarten aus? Die Nubbek-Studie – das steht für Nationale Untersuchung von Betreuung und Bildung in der frühen Kindheit – hat herausgefunden, dass die Qualität von Kindertagesstätten hauptsächlich von der Prozessqualität abhängt. Nicht mal so stark von den Strukturen oder von der Ausrichtung.

Ursula Steinebach, Leiterin der Berufskollegs Sozialpädagogik Marianum in Allensbach-Hegne
Ursula Steinebach, Leiterin der Berufskollegs Sozialpädagogik Marianum in Allensbach-Hegne | Bild: Angelika Wohlfrom

Was heißt denn Prozesse?

Struktur meint die Personalsituation, die Öffnungszeiten, die Räume. Prozesse bedeutet: was die Erzieher mit den Kindern in der Kita tun. Wie gestalten sie die Rituale? Welche festen Zeiten gibt es? Ein interessantes Ergebnis der Nubbek-Studie war übrigens, dass die offenen Kitas signifikant besser abgeschnitten haben als die mit Gruppen-Konzept.

Was macht Qualität im Kindergarten aus?

Da spielt natürlich eine Rolle: Was lernen die Kinder? Also: Ist ein Kind nach dem Kindergarten fit für die Schule? Da haben offene Konzepte Vorteile: Sie haben oft größere und besser ausgestaltete Bildungsbereiche.

Erzieherin Sigrid beschäftigt sich in Ludwigshafen in der Kindertagesstätte „Regenbogen“ mit einem Kind. Die Beziehung zur Erzieherin ist von großer Bedeutung für das Kind.
Erzieherin Sigrid beschäftigt sich in Ludwigshafen in der Kindertagesstätte „Regenbogen“ mit einem Kind. Die Beziehung zur Erzieherin ist von großer Bedeutung für das Kind. | Bild: Uwe Anspach

Ich bin selbst noch in einen klassischen Kindergarten gegangen mit festen Gruppen und einer ganz tollen „Tante“, wie man damals noch gesagt hat. Fehlt im offenen Konzept den Kindern nicht die feste Bezugsperson?

Nein, jedenfalls sollte das nicht so sein. Kinder brauchen Bindung, Sicherheit und Beziehung. Das ist ganz wichtig. Es gibt aber auch im offenen Konzept Bezugserzieher: Eine Erzieherin ist für sechs bis zwölf Kinder da, im Krippenbereich für drei bis sechs Kinder. Die Kinder wissen, wer für sie zuständig ist. Und manchmal ist es auch so, dass sie sich eine andere Bezugserzieherin aussuchen. In einem offenen Konzept geht das.

Warum sind die Bildungschancen beim offenen Konzept größer?

Kinder sind heute oft den ganzen Tag im Kindergarten. Da wird es in einem Raum, so wie das im Gruppenkonzept ist, schon ziemlich eng. Mehr Bildungschancen gibt es im offenen Konzept, wenn Funktionsräume angeboten werden. Da gibt es einen Rollenspielraum, einen Bewegungsraum, einen Kreativraum. Die Kinder dürfen dabei selbst entscheiden, was sie machen wollen. Dazu kommt: Die Erzieherinnen haben sich oftmals spezialisiert auf ein bestimmtes Bildungsangebot. Sie wissen, wie man Kinder anregen kann.

Chinesisch schon in der Kita? In der Konfuzius-Kita in Leipzig bringt der chinesische Sprachassistenten Hung-Lin (links) den Kleinen mit viel Mimik und Gestik chinesische Lieder und traditionelle Tänze bei, liest Märchenbücher vor oder übt chinesische Schriftzeichen mit den Kindern.
Chinesisch schon in der Kita? In der Konfuzius-Kita in Leipzig bringt der chinesische Sprachassistenten Hung-Lin (links) den Kleinen mit viel Mimik und Gestik chinesische Lieder und traditionelle Tänze bei, liest Märchenbücher vor oder übt chinesische Schriftzeichen mit den Kindern. | Bild: Waltraud Grubitzsch

Es gibt ja eine ganze Reihe von Kindergarten-Modellen: Waldkindergärten, Waldorf-Kindergärten, Montessori, Bewegungskindergärten... Wie soll man sich da entscheiden?

Wenn man sich entscheiden darf – also, wenn man das Glück hat, an einem Ort zu leben, wo es all diese Konzepte gibt und wo auch die freien Plätze vorhanden sind! Da gibt es zum einen die Reformpädagogen, also Montessori, Rudolf Steiner, Freinet und Fröbel. Und dann gibt es Kindergärten, die den Schwerpunkt auf einen Bildungsbereich legen, wie eben die Bewegungskindergärten oder auch das Haus der kleinen Forscher, das es in Baden-Württemberg relativ häufig gibt.

Aber ist das wirklich schlau, Kinder so früh auf einen Bereich festzulegen? Sollten Eltern das tun?

Das ist ja nicht so, dass diese Kitas alles andere vernachlässigen. Die haben lediglich einen Schwerpunkt, für den sie auch zertifiziert sind.

Sie sagen: Die Prozesse müssen stimmen. Aber ob die stimmen, erkennen Eltern ja nicht sofort. Haben Sie denn einen Tipp für Eltern, worauf sie achten sollten beim ersten Kita-Besuch?

Eltern dürfen ruhig fragen: Wer wird mein Kind betreuen? Wie kann ich sicher sein, dass es meinem Kind hier gut geht? Wenn das auf eine freundliche Art und Weise passiert, sind Erzieher auch froh darum. Das ganze Konzept der Eingewöhnung wird von Kindertagesstätten, die ihre Prozesse ernst nehmen, ganz bewusst mit den Eltern durchgeführt. Das heißt: In einer guten Kita erzählen mir die Erzieherinnen von selbst, wie mein Kind hier ankommen wird. Dazu gehört aber auch, dass von den Eltern etwas erwartet wird: Einfach an der Tür abgeben, funktioniert nicht. Das Kind verliert die Sicherheit, wenn Mama oder Papa auf einmal weg sind.

Für die Eingewöhnungsphase im Kindergarten sollten sich Eltern Zeit nehmen.
Für die Eingewöhnungsphase im Kindergarten sollten sich Eltern Zeit nehmen. | Bild: Mareen Fischinger

Wie lange dauert denn eine Eingewöhnung?

Das ist ganz unterschiedlich, aber bei Krippenkindern kann das schon mal zwei, drei Monate dauern. Das Problem sind Eltern, die sagen: Ich hab jetzt einen Krippenplatz und in drei Wochen fange ich an zu arbeiten. Die Abnabelung sollte in Stufen passieren: Zuerst ist die Mutter dabei, sie spielt aber nicht mit. Wenn sie geht, verabschiedet sie sich. Wichtig ist, dass Erzieher und Eltern freundlich miteinander reden, weil das Kind dadurch mitbekommt, dass es keine Angst haben muss. Und vor allem sollten Eltern Zeit mitbringen. Denn wenn das Kind weint und sich nicht beruhigen lässt, muss die Mutter zurückgeholt werden können – sonst leidet das Kind.

Warum haben Kinder solchen Trennungsschmerz?

Früher hat man gedacht, es gäbe ein Bindungshormon, das von Geburt an dafür sorgt, dass Mütter und Kinder eine enge Verbindung haben. Denkste! Das gibt es nicht. Kinder können mit sieben Monaten Muster im Verhalten der Mutter oder des Vaters erkennen: Wenn ich schreie, kommt jemand. Im besten Fall entwickeln Kinder eine sichere Bindung. Das ist dann der Fall, wenn Kinder wissen: Wenn meine Mama da ist oder mein Papa, ist alles gut. Im Kindergarten äußert sich das dann dadurch, dass Kinder sich nicht trennen wollen. Die sind ja umgeben von neuen Räumen, neuen Kindern. Ein Kind braucht den sicheren Hafen, um sich aufmachen zu können.

In Bewegungs- oder Sportkindergärten wie dem in Halle (Saale) wird besonders Wert auf Bewegung gelegt.
In Bewegungs- oder Sportkindergärten wie dem in Halle (Saale) wird besonders Wert auf Bewegung gelegt. | Bild: Hendrik Schmidt

Diese Sicherheit können aber auch Erzieher geben?

Oh ja. Es gibt auch Kinder, die zu Hause eine unsichere Bindung erlebt haben. Die haben gelernt: Wenn ich schreie, kümmert sich niemand um mich. Diese unsichere Bindung führt dazu, dass sie teilweise noch als Erwachsene Schwierigkeiten haben, Bindungen einzugehen. Das Tolle ist aber, dass eine Erzieherin, die Sicherheit bietet, vieles ändern kann. Kinder können auch im Kindergarten lernen: Ich kann auf andere vertrauen. Wir gehen davon aus, dass in Deutschland ein Drittel aller Kinder zu Hause keine sichere Bindung erlebt.

So viele Eltern kümmern sich nicht um ihre Kinder?

Nein. Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben: Krankheit der Eltern, ein Umzug, der das Kind verunsichert. Nicht an allem sind die Eltern schuld.

Meine Erzieherin damals war Bezugsperson und Vorbild. Heute haben Erzieher einen klaren Bildungsauftrag. Was heißt denn eigentlich frühkindliche Bildung? Es geht ja nicht um Lesen und Schreiben.

Nein, aber es geht, zum Beispiel, um die Vorstufe davon. Man spricht da von Literacy, also der Auseinandersetzung mit Buchstaben oder mit Zahlen. Die Kinder kriegen mit, dass Lesen etwas Tolles ist. Manche Kinder bekommen das zuhause nicht mit. Aber wichtig sind auch viele andere Bereiche: Etwas über die Welt zu lernen. Auch Demokratie-Verständnis lernen Kinder schon in der Kita, indem sie Teilhabe und Selbstbestimmung lernen. Es gibt im Kindergarten zwei große Erziehungsziele: Das eine ist die selbstständige Persönlichkeit, die über sich bestimmen kann und Nein sagen darf. Es geht aber auch um die gemeinschaftsfähige Persönlichkeit. Ich muss lernen, in der Gemeinschaft klarzukommen, und verstehen, dass nicht immer nur mein Wille zählt.

Diese Bildungsziele klingen sehr plausibel. Was halten Sie denn von Kitas, die schon mit einer Fremdsprache beginnen?

Man kann das Interesse an Sprachen schon wecken, aber es muss natürlich dem Kind vorbehalten sein, ob es jetzt Interesse hat. Das Wichtige ist: genau dort anzusetzen, wo Interesse vorhanden ist. Übrigens wird das ja in jeder Kita gemacht: Sie hören und singen „Bruder Jakob“ in verschiedenen Sprachen und lernen dadurch, dass es verschiedene Sprachen gibt.

Welches Konzept steckt dahinter?

Eltern können häufig schon froh sein, überhaupt einen Kita-Platz zu ergattern für den Sprössling. Wer allerdings eine Wahl hat, für den ist interessant, welche pädagogischen Konzepte es gibt: