Frau Nedebock, in Ihrem Buch schildern Sie ein Szenario, in dem die fünfjährige Mia ihren sechs Monate alten Bruder gezwickt oder geschubst hat, wenn die Mutter nicht dabei ist. Was würden Sie Mias und Bens Mutter raten?

Der erste Schritt ist, die ganze Sache aus Mias Sicht zu betrachten. Warum benimmt sich Mia so? Dazu muss die Mutter Mias Gefühle respektieren, auch die schlechten. Für Mia sieht es doch so aus: Ben nimmt ihr die Mama weg. Egal, was Ben will, Mama kommt immer sofort und nimmt ihn auf den Arm. Er darf sogar bei Mama und Papa im Zimmer schlafen. Und wenn Mia weint? Dann heißt es: „Du bist doch mein großes Mädchen.“

Sie meinen, Mia hat also ein Recht, auf ihren kleinen Bruder eifersüchtig zu sein?

Ja, und das sollte die Mutter Mia auch zugestehen. Und damit Mia auch zuhört, sollte sie auf „Augenhöhe“ mit ihr sprechen, am besten in die Hocke gehen oder hinknien und ruhig und bestimmt sagen: „Ich verstehe, dass du wütend bist, aber du darfst deinen Bruder nicht zwicken.“ Damit zeigt sie: Dein Gefühl ist okay, das Zwicken aber nicht.

Sie raten zu der sogenannten STAMM-Strategie, mit deren Hilfe das Erziehen leichter fallen soll.

Das S bei STAMM steht für Strategie und das T für Ton. Mit einer Strategie wird es Mias Mutter beim nächsten „Zwischenfall“ leichter fallen, beherrscht und klar zu bleiben. Sie könnte sich vornehmen, nicht zu schimpfen, sondern ruhig mit Mia zu sprechen. Damit zeigt sie klar die Grenzen auf. Das „A“ in der STAMM-Strategie steht für „Angekommen?“, d. h. Mias Mutter fragt nach, ob Mia verstanden hat, worum es geht. Und dann geht es an M für Mut machen und M für Miteinander. Denn damit Erziehen weniger anstrengend wird, braucht Mia das Gefühl, dass Mama ihr zutraut, dass sie das hinkriegen wird und dass sie das zusammen schaffen werden.

Wie kann das aussehen?

Etwa so: „Gestern hast du deinem Bruder kein einziges Mal wehgetan. Das war gut. Ich weiß, dass du sehr liebevoll sein kannst.“ Oder: „Ich verstehe, dass dich das stört, wenn ich mich so viel um das Baby kümmere. Aber Zwicken ist verboten. Wenn ich das … erledigt habe, machen wir etwas zusammen, okay?“ Wichtig ist, wie die Mutter „aussieht“, wenn sie mit Mia redet. Es macht einen Riesenunterschied, ob sie sich mit bösem Gesicht über das Kind beugt und es wütend anzischt, oder ob sie sich hinkniet, ihre Hand auf die Schulter des Kindes legt, ihm in die Augen schaut und ruhig, aber fest, mit ihm spricht. Und eins ist sicher: Nicht nur das Kind fühlt sich besser, auch ich als Erwachsener fühle mich danach besser, wenn ich nicht rumgebrüllt habe.

Letztendlich geht es darum: Auch Erziehen müssen wir üben, und da hilft es, wenn wir wissen, warum und wie wir das tun wollen. Je öfter uns das ruhig und klar gelingt, desto mehr strahlen wir das auch für unsere Kinder aus.

Aber nimmt das Kind die Mutter dann überhaupt ernst?

Ganz sicher, denn sie behandelt ihr Kind ja mit Respekt. Sie nimmt es ernst, also wird es sie auch ernst nehmen. Und genau das wollen wir als Eltern ja, mit Respekt behandelt werden.

Noch einmal zurück zu Mia. Hört sie dann auf, dem kleinen Ben wehzutun?

So schnell geht es wahrscheinlich nicht (lacht). Es gibt nicht für alles eine schnelle Lösung. Natürlich wird man auch weiterhin jedes Mal auf das Schubsen oder Zwicken reagieren, aber kurz und sachlich, ohne Vorwürfe und große Emotionen. Mit der STAMM-Strategie heißt das: Versuchen, selbst nicht wütend zu werden, eine eindeutige „Ich möchte das nicht“-Rückmeldung geben, klar und kurz, und immer wieder loben, wenn es gut läuft.

In Ihrem Buch sprechen Sie von „Baustellen“.

Wir Eltern neigen dazu, überall auf einmal zu „baggern“. Ich empfehle, sich – z. B. anhand der „Checklisten“ in meinem Ratgeber – darüber im Klaren zu werden, was mich als Mutter oder Vater gerade am meisten ärgert, aufregt oder traurig macht. Und dann baggere ich erst mal nur an dieser Baustelle und versuche da Regeln und Routine reinzubekommen.

Sie sind selbst Mutter von drei Töchtern und haben viele Jahre lang Mutter-Kind-Kurse geleitet. „Starke Kinder brauchen Regeln“ ist nun Ihr dritter Elternratgeber und diesmal haben bei der Entstehung des Buches auch verschiedene Experten mitgewirkt.

Das ist aus dem Gedanken heraus entstanden, möglichst nahe an den Sorgen und Problemen der Eltern dran zu sein. So habe ich von der Leiterin eines großen Kindergartens erfahren, mit welchen Erziehungsnöten die Eltern an sie herantreten bzw. was sie im Kindergartenalltag beobachtet. Daraus sind die Kästen „Hand in Hand mit dem Kindergarten“ entstanden, die sich in dem Buch immer wieder finden. Von der Familientherapeutin habe ich wertvolle Tipps zum Umgang mit Krisen in der Familie erhalten. Ein Kinderarzt hat mir bei den Ratschlägen zu den Themen Essen und Schlafen zur Seite gestanden.

Sie erwähnten vorhin den Begriff „Konsequenz“. Wie konsequent müssen Eltern denn sein?

Konsequenz muss immer zur konkreten Situation und zur eigenen Familie passen. Ungesund ist, wenn konsequent mit rigide verwechselt wird. Kinder durchleben an manchen Tagen auch Stress – ein aufregendes Geburtstagsfest oder heftige Auseinandersetzungen im Kindergarten. Das sind Momente, in denen kein rigides „Durchziehen von Regeln“ gefragt ist, sondern Verständnis, praktische Unterstützung und weit geöffnete Arme. Besser ist es, logische Folgen anzukündigen und dann auch durchzuziehen. Wenn Legosteine trotz klarer Aufforderung immer noch im Wohnzimmer herumliegen, dann muss der Spielplatzbesuch warten, bis sie weggeräumt sind. Und dann muss man als Vater oder Mutter auch den Widerstand und den Ärger des Kindes aushalten. Das ist bisweilen ganz schön anstrengend, aber es lohnt sich.

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Zur Person

Ulla Nedebock, Jahrgang 1963, ist Autorin verschiedener Leseanfänger-Bücher und Bilderbücher. „Starke Kinder brauchen Regeln“ ist ihr dritter Elternratgeber, der wie die anderen Titel („Babys brauchen Musik“ und „Babys brauchen Bewegung“) im Humboldt-Verlag erschienen ist. Die Autorin lebte mehrere Jahre in Radolfzell und hat dort auch für den SÜDKURIER gearbeitet. Seit 2011 wohnt sie mit ihrer Familie in Brüssel.

Das Buch: Ulla Nedebock, Starke Kinder brauchen Regeln, Humboldt-Verlag, 19,99 Euro, ISBN 978-3-86910-636-6, 224 Seiten, Broschur

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