Herr Berthold, es ist Juni und der Sommer beginnt. Wie haben Sie denn den Frühling 2017 wahrgenommen?

Sie spielen auf den stummen Frühling an? Nun, in der Tat war auch dieser Frühling wieder ein wenig stiller als der vom Vorjahr, obwohl in unserem Garten in Billafingen (bei Owingen) immerhin 15 Vogelarten gebrütet haben.

In Ihrem soeben erschienenen Buch „Unsere Vögel“ sagen Sie, dass der gesamte Vogelbestand in Deutschland pro Jahr um ein Prozent abnimmt. Woran liegt das?

Unsere Vögel verhungern. Und sie finden immer weniger Lebensraum, um zu brüten und ihre Jungen in Ruhe großzuziehen.

Aber Deutschland verfügt doch nach wie vor über riesige Felder und Wälder. Wie können da die Tiere verhungern?

Ganz einfach: Weil die von Ihnen genannten landwirtschaftlich genutzten Gebiete, die in der Tat rund 50 Prozent der gesamten Landesfläche ausmachen, nur dazu dienen, möglichst billige Lebensmittel zu produzieren. Schließlich möchte ein großer Teil unserer Gesellschaft nur sehr wenig Geld für Nahrung ausgeben. Das führt dazu, dass die Landwirte, für die ich hier gerne eine Lanze breche, von verschiedensten Konzernen geknebelt werden, jeden Quadratmillimeter Ackerfläche so effizient wie nur irgendwie denkbar zu bewirtschaften.

Und wo liegt das Problem für die Vögel?

Einen Acker oder eine Obstplantage effizient zu bewirtschaften heißt, mit der chemischen Keule sogenanntes Unkraut und Schädlinge zu bekämpfen. Mohnblumensamen haben heutzutage nichts mehr in der Weizenernte zu suchen, denn sie müssen herausgesiebt werden, was teuer und damit unrentabel ist. Auch Insekten, Käfer, Würmer und Larven sind keine willkommenen Gäste auf Äckern oder Obstwiesen. Entsprechend werden sie ausgerottet. Das Problem ist nur, dass damit auch das Futter unserer Vögel vernichtet wird. Doch der Hungertod der Vögel wird zugunsten höchster Profitabilität billigend in Kauf genommen. Und die paar Vögel, die trotzdem noch in den Feldern brüten verlieren ihre Gelege spätestens dann, wenn monströse Landwirtschaftsmaschinen durch die Felder fahren, um die Ernte einzuholen.

Und wie sieht es mit den riesigen Waldflächen aus?

Ähnliches gilt auch für unseren Wald. Die moderne Forstwirtschaft versucht, in immer kürzerer Zeit immer mehr Holz zu erzeugen, da die Nachfrage nach Bau- und Brennholz in Form von Hackschnitzeln immens wächst. Das bedeutet, dass das nahrungsreiche Totholz genauso aus den Wäldern verschwindet, wie die für Höhlenbrüter wichtigen Nisthöhlen.

Beurteilen Sie Holz als regenerative Energiequelle eher skeptisch?

Auf jeden Fall. Allein schon für die Produktion einer einzigen Holzpellet-Kalorie wird das Siebenfache an Energie benötigt. Das ist absurd.

Und wie ist es mit der Windkraft?

Das kommt auf den Standort dieser Riesenwindmühlen an. Natürlich kommen durch die Kollisionen mit den gigantischen Rotoren-Blättern immer wieder Vögel zu Tode, doch wenn die Windräder dann auch noch in ein Waldgebiet wie neuerdings hier im Hegau gepflanzt werden, geht zusätzlich auch noch ein weiteres Stück Lebensraum für die Tierwelt verloren. Deshalb sind die Offshore-Parks in Norddeutschland für mich leichter zu akzeptieren. Mein persönlicher Energie-Favorit ist jedoch die Solartechnologie. Kollektoren auf allen Dächern oder versteppten Flächen, wie es diese bereits jetzt in weiten Teilen Spaniens gibt, können sehr viel Energie generieren, ohne der Flora und Fauna zu schaden.

Braucht der Mensch den Vogel eigentlich, um zu überleben?

Oh ja. Vögel sind unsere wichtigsten Schädlingsbekämpfer, Indikatoren für den Zustand unserer Umwelt und damit ein natürliches Frühwarnsystem, das zuverlässig anschlägt, bevor es dem Menschen ernsthaft an den Kragen geht.

Nennen Sie uns ein Beispiel.

Als die chinesische Führung um Mao Zedong 1958 in der sogenannten Spatzenkampagne zwei Milliarden Vögel umbringen ließ, um Missernten zu verhindern, kam es zu Schädlingsplagen, vor allem durch Heuschrecken. Dies führte zu einer Hungersnot, der damals rund 45 Millionen Chinesen zum Opfer fielen. Doch auch die große Gefahr für die menschliche Gesundheit durch das Schädlingsgift DDT wurde nur deshalb noch rechtzeitig erkannt, weil es plötzlich verdächtig viele tote Vögel gab, deren Obduktion die verheerende Wirkung dieses Teufelszeugs offenbarte. Bleibt festzustellen: Zuerst stirbt der Vogel, dann der Mensch!

Ist denn die Vogelwelt und damit die Menschheit überhaupt noch zu retten?

Ja, auch wenn wir sicherlich nie wieder die paradiesischen Zustände wie vor rund 150 Jahren haben werden. Aber die Natur ist in der Lage, sich erstaunlich schnell zu erholen.

Ein gutes Beispiel ist der Biotopverbund Bodensee. Seit 2004 wurden im Rahmen dieser Initiative zwischen Singen und Friedrichshafen zahlreiche Biotope angelegt. Und schon innerhalb des ersten Jahres kehren Pflanzen- und Tierarten wieder zurück, die lange verloren schienen.

Und was kann jeder einzelne tun, damit es den Vögeln in der Region wieder bessergeht?

Da das Grundproblem vor allem der Mangel an geeigneter Nahrung ist, plädiere ich für das Füttern der Vogel rund ums Jahr, vor allem aber im Frühjahr, wenn die Tiere mit der kräftezehrenden Aufzucht ihrer Jungen beschäftigt sind. Allerdings ist das nicht mit ein paar Brotkrumen getan. Es gibt gute Ratgeber zu dem Thema, die praktische Hilfestellung für das richtige Zufüttern geben. Außerdem helfen Nistkästen – schließlich leiden die Tiere nicht nur Hunger, sondern brauchen auch einen Ersatz für verloren gegangenen Lebensraum. Und ein naturnah gestalteter Garten oder Balkon mit vielen Blühpflanzen, Hecken und Büschen ist genauso hilfreich wie Wohngebäude, die möglichst üppig begrünt sein sollten.

Wenn dann auch noch Katzenhalter vernünftig genug sind, den Freigang ihrer vogelfeindlichen Lieblinge einzuschränken oder idealerweise sogar gänzlich zu unterbinden, wird sich der Vogelbestand so nachhaltig verbessern, dass das Jubilieren und Jauchzen der vielbesungenen Vogelschar schon bald wieder deutlich vielstimmiger und lauter werden könnte.
 

Eine Wand voller Schutzhöhlen: In diesen Nisthilfen können Vögel geschützt vor ihren natürlichen Feinden ihre Eier legen und die Jungen aufziehen.
Eine Wand voller Schutzhöhlen: In diesen Nisthilfen können Vögel geschützt vor ihren natürlichen Feinden ihre Eier legen und die Jungen aufziehen. | Bild: Peter Berthold - privat


 

Zur Person:

Peter Berthold
Peter Berthold

Peter Berthold, geboren 1939, lebt in Billafingen bei Owingen (Bodenseekreis). Er ist promovierter Ornithologe und Verhaltensforscher. Von 1981 bis 2005 war er Professor für Biologie an der Universität Konstanz und ab 1991 bis zu seiner Emeritierung Leiter des Max-Planck-Instituts für Ornithologie im Radolfzeller Ortsteil Möggingen. Er hat das vogelkundliche Standardwerk „Vogelzug“ sowie „Vögel füttern, aber richtig“ verfasst. Berthold erhielt viele Auszeichnungen und beschäftigt sich unter anderem mit den Folgen des Klimawandels. Im Bodenseeraum ist er vor allem durch die Initiative Biotopverbund Bodensee bekannt. Diese gilt bundesweit als ein Vorzeigeprojekt für den Schutz und die Wiederansiedlung gefährdeter Tiere und Pflanzen. (hst)


Drei besonders gefährdete Vogelarten

  • Das Rebhuhn: Es lebt hauptsächlich von Sämereien, Wildkräutern und Getreidekörnern. Von weitem sieht es meist grau aus, was der Tarnung dient. Aus der Nähe zeigt sich der rötliche Kopf. Das Huhn nistet in Feldern. Aber es fristet ein klägliches Dasein. Sein Bestand lag im Jahr 1800 bei rund zehn Millionen, inzwischen ist dieser auf magere 20 000 Exemplare geschrumpft.
    Eine Rebhuhnhenne bewacht ihren Nachwuchs. Es gibt immer weniger von ihrer Art.
    Eine Rebhuhnhenne bewacht ihren Nachwuchs. Es gibt immer weniger von ihrer Art. | Bild: Stefan Sauer (dpa)
  • Der Star: Etwas kleiner als eine Amsel und auch mit kürzerem Schwanz, ist der Star mit seinem schwarz-grünlichen Federkleid jedem bekannt. Doch sein Bestand schrumpft: Im Jahr 1950 wurden noch zwölf Millionen Exemplare in Deutschland gezählt. Inzwischen gibt es bundesweit nur noch etwa 2,5 Millionen Individuen.
    Stare sind wunderbare Singvögel. Doch leider gibt es in Deutschland nur noch 2,5 Millionen Stück.
    Stare sind wunderbare Singvögel. Doch leider gibt es in Deutschland nur noch 2,5 Millionen Stück. | Bild: Patrick Pleul (dpa)
  • Der Haussperling (volkstüml. „Spatz“): Selten hat sich ein Vogel so sehr dem Menschen angepasst, doch auch sein Bestand ist rückläufig. Im Jahr 1900 gab es in deutschen Landen noch 14 Millionen Haussperlinge, heute sind davon nur fünf Millionen übrig. Da der Haussperling kein Zugvogel ist, benötigt er an 365 Tagen im Jahr am gleichen Platz Futter. Dieses findet er nur noch in der unmittelbaren Nähe der Menschen. Auf dem Land verhungert er.
    Ein Haussperling (Spatz).
    Ein Haussperling (Spatz).
     (hst)


Drei Vogelarten, die sich erholt haben

  • Der Weißstorch: Im Jahr 1930 wurden 9000 Brutpaare in Deutschland registriert, heute sind es nach einer fast vollständigen Ausrottung immerhin schon wieder 4500 Brutpaare. Durch das Zufüttern und den besonderen Schutz dieser Vögel konnte sich die Population in Deutschland nachhaltig verbessern.
    Ein Storch schaut in die Ferne. Die Population der Vögel hat sich in Deutschland erholt.
    Ein Storch schaut in die Ferne. Die Population der Vögel hat sich in Deutschland erholt. | Bild: JENS WOLF (dpa)
  • Der Wanderfalke: Dieser elegante Greifvogel hat unter dem Schädlingsgift DDT besonders gelitten. Inzwischen brüten aber wieder 1200 Paare in Deutschland. Das ist vor allem für die Städte eine gute Nachricht, da die Wanderfalken erheblich dazu beitragen, die Überpopulation von Tauben einzudämmen. Diese stehen nämlich bevorzugt auf seinem Speisezettel.
    Eine Zeit lang war der Wanderfalke bedroht. Jetzt gibt es wieder mehr dieser Greifvögel.
    Eine Zeit lang war der Wanderfalke bedroht. Jetzt gibt es wieder mehr dieser Greifvögel. | Bild: Ludwig Amen/nabu Nrw (dpa)
  • Der Graureiher: Im Jahr 1970 war er nahezu ausgestorben. Jahrelanger Abschuss dieses Vogels, der sich ähnlich wie der Storch vor allem von Kröten und Fröschen ernährt, haben dazu geführt. Die stets unterstellten riesigen Fischmengen, die dieser Vogel angeblich frisst, wurden bis dato nicht nachgewiesen. Inzwischen leben in Deutschland wieder 25 000 Paare dieser Vogelart.
    Ein Graureiher watet durch Wasser. Sie in Deutschland mal nahezu ausgestorben.
    Ein Graureiher watet durch Wasser. Sie in Deutschland mal nahezu ausgestorben. | Bild: Felix Kästle (dpa)
    (hst)