51 Mal unterbrach Donald Trump Kontrahentin Hillary Clinton während eines der drei TV-Duelle im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl. Sie ihn im Gegenzug nur 17 Mal. Als Taylor Swift 2009 bei den MTV Video Music Awards den Preis für das beste Musikvideo entgegen nahm, stürmte Sänger Kanye West auf die Bühne und unterbrach Swift bei ihrer Dankesrede mit der Äußerung, dass an Swifts Stelle Beyoncé den Preis verdient hätte. Es gibt zahlreiche prominente Fälle, in denen Männer Frauen unterbrechen. Das Phänomen tritt sogar so häufig auf, dass es einen eigenen Begriff bekommen hat: Manterrupting, ein Kunstwort bestehend aus den englischen Worten Mann (man) und unterbrechen (interrupt).

Denn Männer unterbrechen Frauen häufiger als umgekehrt. Das ist keine gefühlte Wahrheit, sondern durch wissenschaftliche Studien belegt. Die Jüngste stammt von zwei Kommunikationswissenschaftlern der George Washington Universität. Je ein männlicher und ein weiblicher Proband sprachen für drei Minuten über Handys und Fernsehformate. Der Mann unterbrach seine Gesprächspartnerin durchschnittlich 2,1 Mal. Die Frau den männlichen Probanden lediglich ein Mal. Beim selben Versuch mit zwei Versuchsteilnehmerinnen unterbrachen sich die Frauen gegenseitig durchschnittlich 2,9 Mal. Das Ergebnis der Studie ist klar: Frauen werden beim Sprechen deutlich häufiger unterbrochen als Männer. 

Frauen sprechen anders


Woran das liegt, ist ebenfalls Gegenstand der Forschung. In einem Interview mit der Zeit erklärte Kommunikationstrainerin Isbael Garcia, dass Frauen einen kooperativen Kommunikationsstil pflegen. Anstatt direkt die Kernbotschaft zu vermitteln, liefern sie Hintergrundinformationen, betten sie in den Gesamtzusammenhang ein. Das wirke für die Zuhörer unklar und nicht dominant genug. Die Folge: Die Frau werde unterbrochen. 

Für eine Studie der Universität Yale bewerteten die Männer und Frauen den Eindruck, den weibliche und männliche Redner in Chefpositionen beim Publikum machen. Während Männer, die ihre Meinung oft und mit Nachdruck zum Ausdruck brachten, als kompetent bewertet wurden, wurde Frauen, die sich in derselben Weise äußern, Kompetenz abgesprochen. Frauen, die zu viel sprechen, wurden also negativer wahrgenommen als Männer. 

Schluss mit "Manterrupting"


Eine brasilianische Werbeagentur macht das Ungleichgewicht in der Kommunikation zwischen Mann und Frau nun messbar. Die kostenlose App "Woman Interrupted", zu Deutsch: Unterbrochene Frau, zählt, wie oft eine weibliche Sprecherin unterbrochen wird. Nach der Installation der App, die sowohl für Android als auch iOS-Geräte verfügbar ist, wird zuerst eine Aufnahme der eigenen Stimme gemacht. Danach läuft sie im Hintergrund und nutzt das Smartphone-Mikrofon, um zu analysieren, wie oft es zu Unterbrechungen durch Gesprächspartner kommt. Die Konversationen werden dabei laut Angaben der Anbieter nicht gespeichert, sondern nur live ausgewertet.

"Wir Frauen kämpfen jeden Tag darum, uns am Arbeitsplatz Raum zu verschaffen und uns mitteilen zu dürfen. Wenn wir dort angekommen sind, wird unsere Teilhabe aber durch Unterbrechungen von Männern reduziert", schreibt Gal Barradas, die Co-Chefin der brasilianischen Werbeagentur BETC São Paulo, in einer Pressemeldung ihrer Agentur. Die Idee zur App kam der Agentur, nach dem TV-Duell zwischen Trump und Clinton. "Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als wäre das nur ein kleines Problem", so Barradas. "Aber es spiegelt viel größere Probleme der bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Gesellschaft, wider." 

Gute Idee mit ein paar Mängeln


Doch hält die App was sie verspricht? Nach einem Selbstversuch in der SÜDKURIER-Redaktion muss die Frage mit einem Jein beantwortet werden. Nachdem die "Woman Interrupted" heruntergeladen ist, spricht eine Kollegin nach Aufforderung durch die App drei Mal den Satz "I won't be interrupted anymore", auf Deutsch: Ich werde nicht mehr unterbrochen werden, ein. Danach startet die Testphase. Ein zwangloses Gespräch mit einem männlichen Kollegen, der nicht weiß, dass nebenher die "Woman Interrupted"-App läuft. Es wird geplaudert - und unterbrochen. Insgesamt fünf Mal. Nach sieben Minuten ist das Gespräch beendet. Unter der Rubrik "Dashboard" (Pinnwand) kann das Ergebnis eingesehen werden. Die App hat drei Unterbrecher gezählt. 

Im Anschluss werden wenige Sätze mit einer Kollegin gewechselt. Informiert über den Zweck des Gesprächs unterbricht sie absichtlich den Redefluss. Die App zählt brav mit und zeigt die richtige Anzahl an Unterbrechungen an. "Woman Interrupted" unterscheidet also offenbar nicht zwischen männlichen und weiblichen Rüpeln, die ihrem Gegenüber ins Wort fallen. Während der Aufnahme sieht man zwei Wellen ausschlagen, die die eigene und die Stimme des Gesprächspartners darstellen. Sobald es eine Unterbrechung gibt, erscheint ein blaues Kreuz. Allerdings tauch dieses auch auf, wenn es keine Unterbrechung gibt. In die Auswertung aufgenommen werden diese falschen Kreuze aber nicht.


Männer-Version mit Erziehungsauftrag


Bei der Genauigkeit der App ist also noch Luft nach oben. Immerhin gibt sie nicht mehr Unterbrechungen an, als es tatsächlich gab. Im Zweifel für den unhöflichen Gegenüber also. Bei der Registrierung kann übrigens zwischen einem weiblichen und einem männlichen Profil gewählt werden. Männer können allerdings nicht zählen lassen, wie oft siesie selbst unterbrochen werden. Die App zählt stattdessen auch bei ihnen, wie oft sie einem weiblichen Gegenüber ins Wort fallen.

Der Test in der SÜDKURIER-Redaktion zeigt: Die App zählt bei der männlichen Variante zuverlässiger. Der pädagogische Auftrag von "Woman Interrupted" wird bei der Registrierung für Männer schon zu Beginn deutlich. Statt "I won't be interrupted anymore" bei den weiblichen Nutzern, müssen Männer den Satz "I will not interrupt women anymore" (Ich werde keine Frauen mehr unterbrechen) einsprechen.

Derzeit befindet sich die App noch in der Beta-Phase, was die gelegentlich auftretende Ungenauigkeit erklären könnte. Doch auch wenn die App nicht ganz fehlerfrei funktioniert, erfüllt sie dennoch ihren Zweck: Ein Problem, das vielen Frauen vor allem bei der Arbeit begegnet, wird mit Zahlen greifbar gemacht.