Ist nicht der Hund auch nur ein Mensch? Womöglich sogar der bessere? Er spricht mit mir, er zeigt mir seine Stimmung, er lügt nicht, er unterhält mich aufs Beste, und manchmal hält er mir sogar einen Spiegel vor. Mein Hund Louis etwa – ein stattlicher, ebenso charmanter wie zotteliger Kerl – sagt mir sehr deutlich, wenn er ganz und gar nicht mit meinen Entscheidungen einverstanden ist. Er sagt mir, wenn ich etwas gut mache, und er straft mich Lügen, wenn ich nicht exakt das kommuniziere, was ich auch will. Diese einfache Sprache könnte es in Mensch-Mensch-Beziehungen auch geben. Gibt es aber nicht. Man fabuliert, man schwadroniert, man paraphrasiert. Anders der Hund. Nonverbale Kommunikation ist sein Ding – während der Mensch verlernt hat, einmal die Klappe zu halten und dennoch das auszudrücken, was er will. In der Mensch-Hund-Kommunikation genügen Körpersprache und Blickkontakt. Jeder Hunde-Mensch kennt den Blick, wenn der Hund einmal krank ist.

Louis war krank im Sommerurlaub. Es war Sonntagmorgen halb acht auf einem Campingplatz in Südfrankreich und ich wartete darauf, dass sich eine nasse Fellnase über die Bettkante schob. Aber der halbstarke, ansonsten so lebhafte Rüde lag wie ein Häuflein Elend am Boden und winselte. Ich war verzweifelt. In einer Art Schockstarre versiegte in mir unmittelbar der letzte erlernte Wortschwall meines liederlichen Schulfranzösischs, das ich beim telefonischen Notdienst vorbringen wollte. Ein Übersetzer musste her. Bald saß unsere französische Zeltnachbarin, selbst Hunde-Menschin, im Wohnwagen; ich wickelte Louis in dicke Decken, während sie telefonierte. Hände und Füße waren unser gewähltes Mittel zum Verständnis. "Il tremble", sagte sie. Er zitterte. Das musste man nicht verstehen, das konnte man sehen und fühlen.

Nach langen Bemühungen war ein Notdienst gefunden, der uns prompt empfing. Man reichte sich zur Anamnese die Handy-Übersetzungs-Apps hin und her; schließlich die Diagnose: "Inflamation". Gelenkentzündung. Dank rasch wirkender Medikamente war Louis bis am Nachmittag wieder auf den Beinen. Wie es dem "Chien" ginge, fragte am Abend Madame. Louis wedelte mit dem Schwanz. Das sagte mehr als tausend Worte.