Herr Bommert, der Begriff Superfood suggeriert dem Kunden, dass das, was er da kauft, super ist. Stimmt das?

Meistens handelt es sich um Nahrungsmittel, die einen hohen Kaloriengehalt haben, aber auch einen hohen Vitamin- und Mineralstoffgehalt. Sie sind also im Verhältnis zu Monofood, zu dem beispielsweise Mais zählt, schon von guter Qualität. Das kann man nicht bestreiten. Allerdings, wenn man eine gesunde Mischkost isst, wie sie uns die Ernährungswissenschaftler empfehlen, hat man auch keine schlechtere Qualität, sondern eher etwas preiswerteres, dafür aber genauso gesund.

Ist Superfood also gar nicht so super?

Der heimischen Ernährungsform sind sie nicht überlegen. Eine gesunde Mischkost, bei der sie Obst, Gemüse und gelegentlich auch einmal Fleisch essen, ist genauso gesund wie Superfood, bei dem es sich ja überwiegend um Modeartikel handelt.

Wer setzt diese Trends?

Natürlich die Industrie, die daran verdienen kann. Die Bauern, die diese Produkte herstellen, haben in der Regel keine Ahnung, was Superfood ist. Zum Beispiel die Quinoa-Bauern, die in den Anden leben. Denen war nicht bewusst, dass die Europäer auf einmal Interesse an ihrem heimischen Grundnahrungsmittel haben. Das haben sie erst gemerkt, als auf einmal die Preise dramatisch in die Höhe gingen und sich viele Menschen dieses Pseudo-Getreide nicht mehr leisten konnten. Dieses Wissen haben nur die Konzerne, die sich von dieser Trendsetzung einen hohen Gewinn versprechen und Teile auf dem Markt neu für sich erobern wollen.

Woher kommt die Lust aufs Exotische?

Die Trendsetter sitzen in der Werbeindustrie. Die reden uns ein, dass diese Produkte super sind, also Superfood. Die nächste Sau steht schon bereit, die durch’s Dorf getrieben wird, denn die Leute reagieren ja ganz offensichtlich darauf. Das bedeutet mehr Umsatz und mehr Gewinn in diesen Nischen. Die Lebensmittelindustrie bei uns hat kleine Gewinnspannen und ist darauf angewiesen, dass sie irgendwelche Produkte findet, die sie teuer verkaufen kann. Superfood ist ideal dafür.

Wie groß ist der Markt dieser Produkte?

Der Markt ist insgesamt gering, wenn man ihn in Relation zum gesamten Lebensmittelmarkt sieht. Aber es ist eine Nische, in der sich Produkte für einen hohen Preis verkaufen lassen und darum geht es am Ende – die Handelsspanne und den Profit pro Einheit hochzutreiben. Davon lebt die Lebensmittelindustrie, das ist ihr auch nicht übel zu nehmen. Die Frage ist, ob wir uns als Verbraucher vor diesen Zug spannen lassen wollen.

Haben die Erzeuger Vorteile?

Die Bauern profitieren zweifellos von den steigenden Preisen. Aber sie können sich nicht darauf verlassen, dass die Preise auf einem hohen Niveau bleiben. Bei Quinoa haben inzwischen Produzenten aus Europa und Nordamerika das Heft in die Hand genommen und produzieren mit. Ab dem Moment gehen die Preise dramatisch zurück, das heißt, die ursprünglichen Bauern sind in einer Preisschaukel gefangen und können am Ende mit ihrer Produktion nicht viel mehr anfangen als zuvor. Die großen Verlierer sind allerdings diejenigen, die Quinoa für ihr Leben brauchen und in dem Moment, in dem die Preise hochspringen, das nicht mehr bezahlen können.

Können die bolivianischen oder peruanischen Bauern denn überhaupt mit den Produzenten in Europa und Nordamerika mithalten?

Das können sie nicht. Das liegt zum einen am Transport und zum anderen an der Qualität, die in den Anden produziert wird. Die ist nicht so homogen wie die der Produkte aus Europa oder Nordamerika. Und die großen Lebensmittelketten sind auf diese Homogenität angewiesen, um sie verarbeiten zu können.

Gibt es denn einen Export?

Zunächst schon, aber dann kommt die Konkurrenzsituation mit den neuen Anbietern in Europa oder Nordamerika. Dann wird es schwierig und es stellt sich die Frage, ob es sich am Ende für ihn überhaupt noch lohnt.

Was passiert, wenn ein Trend vorbei ist?

Ernsthafte Konsequenzen hat das dann nur für die Großbauern in den Industrienationen, die etwa in den Anbau von Quinoa eingestiegen sind. Das dürften aber insgesamt wenige Bauern sein, weil der Markt eben recht klein ist. Es gibt aber andere Folgen mit denen zu rechnen ist, und die zeigen sich zum Beispiel bei Avocado.

Was für Folgen hat denn der Avocado-Anbau?

Die Avocado ist zu einer der Lieblingsobstsorten in den Läden geworden. Avocados werden deshalb inzwischen großflächig in Monokulturen angebaut. Diese Pflanzen brauchen riesige Mengen an Wasser. Ich kenne diese Geschichte aus Australien, wo jetzt große Avocado-Kulturen, die zum Teil von Investmentfonds finanziert werden, in die Produktion hineingehen. Diese Kulturen saugen im wahrsten Sinne das Wasser aus Teilen Australien heraus. Das heißt, die Umweltfolgen, die so was am Ende dann hat, sind dramatisch. Das muss man auch mit einkalkulieren, wenn man solch eine Trendfrucht betrachtet, die auf den Markt kommt.

Mal Früchte aus Übersee essen? Warum nicht? Doch viele Verbraucher machen sich keine Gedanken darüber, was das bedeuten kann. So werden für den Anbau der hier immer beliebteren Avocado ganze Wälder gerodet. Böden fallen trocken, frei lebende Tierarten sind bedroht.
Mal Früchte aus Übersee essen? Warum nicht? Doch viele Verbraucher machen sich keine Gedanken darüber, was das bedeuten kann. So werden für den Anbau der hier immer beliebteren Avocado ganze Wälder gerodet. Böden fallen trocken, frei lebende Tierarten sind bedroht. | Bild: Yeko Photo Studio – stock.adobe.com

Hat der Avocado-Anbau noch in anderen Teilen der Welt negative Folgen?

Überall wo Rodungen stattfinden, sind die Funktionen die der Wald ausübt, außer Kraft. Und der Wald übernimmt viele Funktionen: Auf der einen Seite erhält er das Klima, auf der anderen hält er das Wasser im Boden. Als dritten Punkt sorgt er dafür, dass Insekten und Tiere sich halten können. Der Wald ist ein Biosystem, und wenn man anfängt, dieses Biosystem dem Anbau dieser Früchte zu opfern, hat man am Ende nichts mehr, was als Puffer gegen Klimaveränderungen dienen könnte. Denn nur diese großen Biosysteme sind dazu in der Lage.

Ist die Avocado also der Superschurke unter den Supferfoods?

Der Avocado-Markt ist ein steil wachsender Markt, das sieht man ja, wenn man in die Supermärkte geht. Die Preise fallen auch, das heißt der Boden ist noch nicht erreicht, es handelt sich also um einen Wachstumsmarkt. Da könnte es sein, dass die Folgen der großflächigen Avocado-Produktion nachher lange zu sehen sein werden und das führt dann zu einem maßgeblichen Wohlstandsverlust für die Menschen in den Anbaugebieten.

Wie groß ist das Segment der anständigen Produkte?

Der Anteil liegt bei etwa zehn Prozent, das ist je nach Produkt aber etwas unterschiedlich. Fair-Trade erreicht zwar nur vier Prozent, ist aber ebenso wie der Biobereich ein absoluter Wachstumsbereich. Immer mehr Käufer sagen, dass sie wollen, dass Produzenten und Tiere fair behandelt werden, dass der Boden ökologisch nachhaltig behandelt wird. Deshalb kommt bei immer mehr Leuten Superfood auch gar nicht erst in die Tüte.

Bei wem ist dieses Bewusstsein besonders ausgeprägt?

Es gibt in der Gesellschaft immer Vorreiter, die gehören meist zur Mittelschicht. Fair-Trade ist ebenso wie Bio ein Vorreiterphänomen. Wann es die gesamte Gesellschaft erreichen wird, kann ich nicht sagen. Aber wir wissen aus Studien, dass wenn zehn Prozent der Gesamtheit sagen, wir wollen eine bestimmte Entscheidung treffen, dann beginnt die ganze Gesellschaft sich zu verändern.

Fragen: Jeanne Lutz

 

Zur Person

Wilfried Bommert
Wilfried Bommert | Bild: dtv

Wilfried Bommert ist promovierter Agrarwissenschaftler und Buchautor. Der frühere WDR-Umweltjournalist widmet sich den Themen Klimawandel, Weltbevölkerung und Welternährung. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, zuletzt den Band „Verbrannte Mandeln, wie der Klimawandel unseren Teller erreicht“ (dtv, 288 Seiten, 16,90 Euro). Bommert ist Mitbegründer des Instituts für Welternährung in Berlin und betreut das vom Umweltbundesamt geförderte Projekt „Ernährungswende“. Es unterstützt den Aufbau regionaler Ernährungskreisläufe. (lu)